Gehirngerechtes Arbeiten: Was Hirnforscher tun, um produktiver zu sein

Autor*innen
Marie Rövekamp
Person im Anzug fasst an ihr Anstecktuch. Der Kopf ist durch ein schematisch dargestelltes Gehirn ersetzt.

Sie kennen das Gehirn, operieren, erforschen es – und setzen das Wissen im Job um. Wir haben acht Hirnforscher gefragt, wie sie ihr Gehirn zu Höchstleistungen bringen.

Logo von ZEIT Online

e‑fellows.net präsentiert: Das Beste aus ZEIT Online

Lies bei uns ausgewählte Artikel von ZEIT Online, Deutschlands führendem Portal für anspruchsvollen Online-Journalismus.

Ständig blinkt etwas auf dem Bildschirm, und wir machen zwei Sachen gleichzeitig. Die meisten Menschen arbeiten so, dass das Gehirn überfordert und erschöpft ist. Andere wissen genau, was es stattdessen braucht – weil sie es täglich erforschen, operieren und heilen. Hier verraten acht Gehirnexpertinnen und -experten, wie sie selbst arbeiten. Und was jeder davon lernen kann.

»Wenn es unübersichtlich wird, zoome ich raus«

Katharina Faust, 46, ist Leiterin der Neurochirurgie des Universitätsklinikums Düsseldorf und Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

In der Neurochirurgie dauert ein Eingriff bis zu zehn Stunden. Das ist ein sehr feines, genaues Arbeiten. Wenn ich dabei noch etwas anderes mache, das ähnliche Nervenzellen, Faserbahnen oder Verschaltungen im Gehirn beansprucht, stört sich das gegenseitig. Man kann zum Beispiel nicht besonders gut operieren und reden. Eines von beidem leidet sonst.

Wenn ich am Ende die Haut zunähe, ist das fast wie beim Autofahren. Da kann ich auch ein Gespräch führen. Aber das geht nicht, wenn ich mich wirklich gut fokussieren muss – und das muss ich manchmal drei, vier Stunden lang, ohne Pause. Ich vergleiche das gern so: In den Beinen nutzt man die gleichen Muskeln beim Laufen, Springen oder Tanzen, aber alles gleichzeitig funktioniert nicht – dann stolpert man oder fällt hin. Bei den Tätigkeiten des Gehirns ist es ähnlich.

Viele Chirurgen hören Musik beim Operieren. Wenn ich anfangs den Zugang lege oder später zunähe, ist nicht zu schnelle Musik für mich okay. Wenn ich aber ganz kleine Gefäße manipuliere, muss es um mich herum still sein. Dann bespreche ich nur das Nötigste mit der OP-Schwester, die mir die Instrumente anreicht.

Ich überlege nicht, was die nächsten fünf Aufgaben sind oder was alles passieren könnte.
Katharina Faust

Nachts sind Eingriffe noch mal etwas Besonderes. Natürlich bin ich dann müde. Meistens geht es dann aber um Akutnotfälle. Wenn man sieht, dass ein Patient in Lebensgefahr ist und ein großer Druck herrscht, reagiert der Körper darauf automatisch. Das Adrenalin geht hoch, das Cortisol, alle Hormone, die wach machen. Das hilft. Ich gebe dem Gehirn außerdem Energie, habe dafür immer Schokoriegel und Nüsse in der Schublade – und ich trinke viel, Kaffee und vor allem Wasser.

Manche werden gereizt oder lauter, um ihren Stress zu kompensieren. Ich versuche, ganz ruhig zu bleiben und bei komplexen Eingriffen nur an den allernächsten Schritt zu denken. Wenn ich zum Beispiel einen riesigen Tumor entferne und der Patient plötzlich stark blutet, denke ich nur: Blut stillen. Ich überlege nicht, was die nächsten fünf Aufgaben sind oder was alles passieren könnte. Sonst erstarrt man. Was mir noch hilft: Als Chirurgin arbeite ich oft mit dem Mikroskop. Wenn es unübersichtlich wird, zoome ich wortwörtlich raus. Alles wird kleiner und ich sehe wieder das große Ganze.

»Unfertiges stresst das Gehirn«

Martin Korte, 61, ist Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. Er forscht zu den zellulären Grundlagen von Lernen, Erinnern und Vergessen.

Wenn wir uns konzentrieren müssen, sucht das Gehirn oft nach einer Ausrede. Nach einer Möglichkeit, sich ablenken zu lassen. Deshalb sorge ich dafür, dass auf meinem Schreibtisch nur das Nötigste liegt. Zwischendurch stehe ich bewusst auf und lese ausgedruckte Texte an einem Stehtisch ohne Monitor, mit Blick in einen begrünten Innenhof. Was auf Papier steht, lese ich langsamer und konzentrierter. Ich kann mir Zusammenhänge besser einprägen.

Für mich sind außerdem To-do-Listen sehr wichtig. Während ich arbeite, fallen mir ständig Erledigungen oder Ideen zu anderen Themen ein. Statt das im Kopf wegzudrücken, notiere ich es kurz für später. So denke ich nicht darüber nach, was ich noch tun oder vergessen könnte. Unfertiges stresst das Gehirn. Eine solche Notiz entlastet das Arbeitsgedächtnis.

Ich arbeite viel mit gelben, elektronischen Notizzetteln auf dem Bildschirm. Sie lenken mich nicht ab, denn sie liegen unter den Dokumenten und öffnen sich nicht von selbst. Manchmal füge ich auch zwei Aufgaben hinzu, die fast schon erledigt sind, um schnell das gute Gefühl zu haben, etwas abhaken zu können. Das löst im Gehirn ein Belohnungssignal aus: Endorphine werden ausgeschüttet.

Meine Tage sind sehr durchgetaktet. Termine müssen pünktlich beginnen und enden. Und ich bin innerlich ein gehetzter Mensch. Wenn ich duschen gehe, überlege ich manchmal schon, ob das drei oder vier Minuten dauert, und plane dabei, was ich danach mache. Ob das sympathisch ist, weiß ich nicht, aber es führt dazu, dass ich sehr effektiv bin. Gleichzeitig ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich nicht hundertprozentig bei dem bin, was ich gerade tue, sondern gedanklich schon einen Schritt weiter.

Gut ist das sicherlich nicht. Ich rate aber auch nicht dazu, komplett dagegen anzuarbeiten, wie jemand grundsätzlich tickt. Mein Kopf steht nie still. Ich bin sehr neugierig. Ich plane gerne. Das war schon als Kind so. Meine Mutter erzählte einmal, dass ich bereits als Vierjähriger sagte, was ich für die Woche alles vorhätte. Sie fand das erstaunlich, weil Kinder in dem Alter normalerweise nicht einmal wissen, was sie in der nächsten halben Stunde tun wollen.

»Nur wenn ich mich wirklich einlasse, entsteht etwas mit Tiefe«

Michaela Brohm-Badry, 64, ist Neurowissenschaftlerin mit dem Forschungsschwerpunkt Motivation und leitet das Europäische Forum für Positive Neurowissenschaften (Eupons).

Ich bin keine Frühaufsteherin, sondern fange oft erst um halb zehn mit der Arbeit an. Dann schreibe ich zuerst zwei, drei Dinge auf, die ich heute definitiv erledigen will, und die Punkte arbeite ich ab. Früher habe ich acht oder zehn To-dos aufgeschrieben, doch das war zu viel.

Bis mittags ziehe ich mich zum Arbeiten zurück, mache dann eine längere Pause, gehe oft mit den Hunden raus. Danach setze ich mich wieder an den Schreibtisch. Vier Stunden richtig konzentrierte Arbeit am Tag reichen eigentlich. Nachmittags oder abends kann ich die einfacheren Arbeiten erledigen. Wenn es abends ganz ruhig ist und ich in den Flow komme, geht das manchmal bis nach Mitternacht, manchmal auch bis in die Morgenstunden.

Faulsein ist quasi unser Grundzustand.
Michaela Brohm-Badry

Unabhängig von der Uhrzeit ist für mich Deep Work zentral. Ich möchte mich ganz in eine einzige Aufgabe vertiefen, nur so wird es richtig gut. Mich erreicht dann niemand. Natürlich ist da zu Beginn oft dieser kleine Willenshügel, der zuerst überwunden werden muss, weil Menschen evolutionär bedingt neuronal und physisch Energie sparen wollen. Faulsein ist quasi unser Grundzustand.

Am wenigsten motivieren kann man sich, wenn man etwas machen muss, denn alles, was wir müssen, löst Widerstand aus. Viel besser kann man fokussiert arbeiten, wenn man eine emotionale Bindung zu einem Thema hat, also sich klarmacht: Warum ist das jetzt wichtig? Was verändert sich, wenn ich das mache? Im Grunde gilt im Job das Gleiche wie in der Liebe: Nur wenn wir uns darauf einlassen, entsteht etwas mit Tiefe. Wie sinnvoll das ist, wurde vielfach erforscht.

Wenn ich eine Aufgabe wirklich ungern machen möchte, arbeite ich mit der Pomodoro-Technik. Dann stelle ich mir den Wecker auf 25 Minuten und mache anschließend fünf Minuten Pause. Auch schwierige Aufgaben teile ich in kleine Teile auf, um es meinem Gehirn leichter zu machen. Hauptsache, ich fange an.

»Manchmal müssen wir in die Einsamkeit zurück«

Onur Güntürkün, 67, leitet die Arbeitseinheit Biopsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. 2025 wurde er zum Professor des Jahres gewählt.

Im Labor achte ich als Chef darauf, dass es meinen Mitarbeitern gut geht. Sie sollen gerne dorthin kommen, viel miteinander reden, auch an der Kaffeemaschine. Sie sollen nicht gehemmt sein, Ideen auszutauschen, weil ihnen sonst jemand etwas wegnimmt. Ich betone immer wieder: Jeder Beitrag zählt. Das Wichtigste ist: Niemand soll Angst haben.

Das mache ich nicht nur, weil es so angenehm für die Beschäftigten ist. Menschen und andere Säugetiere haben ein sehr ähnliches System, wie sie unter Stress agieren. Wenn Gefahr droht, wenn wir schnell reagieren müssen, handeln wir reflexhaft und verlassen uns auf das, was wir gut eingeübt haben. An solchen Abläufen sind die Basalganglien im Gehirn wesentlich beteiligt.

Bei gewohnten Tätigkeiten kann Stress unsere Arbeit beschleunigen. Wer aber etwas Innovatives entwickeln will, braucht eine stressarme, angstfreie Umgebung, weil wir dann nicht auf automatisierte Denk- und Handlungsmuster zurückgreifen, sondern unser kortikal gespeichertes Wissen stärker nutzen. Das dauert länger, kann aber eher zu etwas wirklich Neuem führen.

Arbeite ich allein, kann ich das gut im Zug. Ich bin in einer Großfamilie groß geworden und kann mich gedanklich gut abschotten. Ob jemand neben mir sein Brötchen mampft oder sich hinter mir mit dem Nachbarn austauscht, stört mich meistens nicht. Ich merke allerdings, dass mir das zunehmend schwerer fällt. Ich bin 67. Der Zelltod schlägt zu.

Jeden Tag verlieren wir im Schnitt 80.000 bis 90.000 Nervenzellen – aber gerade die kleine Gruppe der Dopamin produzierenden Nervenzellen ist für unsere Konzentration wichtig. Früher konnte ich bei lauter Musik an komplizierten Physikformeln tüfteln. Das klappt nicht mehr. Wenn ich mich sehr konzentrieren möchte, ziehe ich mich häufiger zurück. Ich arbeite dann zu Hause, so wie heute. Hier ist es ruhig. Wenn wir etwas wirklich durchdringen wollen, müssen wir manchmal in die Einsamkeit zurück.

»Viel sinnvoller als ein Wogegen ist ein Wofür«

Maren Urner, 41, ist Neurowissenschaftlerin und Professorin für Nachhaltige Transformation an der Fachhochschule Münster.

Ich bin ehrlich: Obwohl ich Einiges über das Gehirn weiß, verhalte ich mich nicht immer entsprechend. Der Mensch verhält sich oft so absurd. Aber genau das interessiert und fasziniert mich so am Gehirn.

Was ich inzwischen mache: Ich lerne und arbeite sehr gut in Bewegung. Deswegen führe ich Gespräche bei einem Spaziergang, laufe bei Telefonaten im Büro auf und ab, statt in einem Videocall vor dem Bildschirm zu sitzen. Ich weiß natürlich, dass das in vielen Berufen nicht möglich ist. Aber wenn es geht, sollten wir jede halbe Stunde aufstehen und uns ein paar Minuten vom Schreibtisch wegbewegen.

Wenn ich merke, dass ich eine kurze Ablenkung brauche, hänge ich im Homeoffice die Wäsche auf oder spreche im Büro mit jemandem auf dem Flur, statt weiter digitale Nachrichten zu schreiben. Ich versuche also, etwas zu finden, das mir eine Denkpause oder soziale Nähe gibt.

Außerdem versuche ich, mein Gehirn nicht als einen Gegner zu sehen. Ich muss mich etwa jedes Mal überwinden, Hausarbeiten zu korrigieren. Wenn ich einen Widerstand spüre, frage ich mich, was ich mit der Aufgabe bewirken werde. Ich weiß, dass die Noten für meine Studierenden und ihren Werdegang sehr wichtig sind. Das motiviert mich dann. Viel sinnvoller als ein Wogegen ist ein Wofür.

Abends bin ich oft denkmüde. Es gibt verschiedene Arten von Erschöpfung: körperliche, mentale, emotionale. Viele Menschen glauben: Jetzt noch Sport machen? Ne, lieber auf die Couch legen. Da ich den ganzen Tag lese und Informationen verarbeite, braucht mein Körper danach etwas anderes als noch mehr Bildschirmzeit. Das wären wieder die gleichen Reize. Ich steige im Feierabend direkt aufs Fahrrad und fahre lange Strecken. Wenn ich erst einmal in Bewegung bin, merke ich: Genau das war jetzt nötig. Ausdauersport ist für mich der beste Ausgleich.

»Wenn mir die Augen zufallen, lasse ich das kurz zu«

Ingo Fietze, 65, ist Schlafforscher und Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité.

Gehirngerechtes Arbeiten beginnt damit, mindestens sechs Stunden lang, ungestört und zusammenhängend geschlafen zu haben. Wenn ich positiven Stress habe, weil ich gerade etwas erreichen will, komme ich für ein paar Tage auch mit weniger Stunden aus. Dann trägt mich das Adrenalin da hindurch. Negativer Stress wirkt anders. Muss ich etwas tun, das ich nicht richtig will, leidet mein Schlaf stärker – und damit meine Aufmerksamkeit, mein Gedächtnis, meine Konzentration. In solchen Phasen würde ich bewusst früher ins Bett gehen, um die Belastung besser auszuhalten.

Niemand kann acht Stunden am Stück gleich gut arbeiten. Für wichtige Aufgaben sollte man deswegen jene Zeitfenster nutzen, in denen das Gehirn besonders leistungsfähig ist. Bei vielen Menschen – und auch mir – liegen die zwischen 10 und 12 Uhr und am frühen Nachmittag. Auch der Abend zwischen 18 und 20 Uhr kann noch mal eine gute Phase sein. Früher war ich ein absoluter Abendarbeiter. Heute beantworte ich dann nur noch wichtige Mails oder schreibe mir auf, was morgen ansteht.

Jemand muss noch eine Stunde performen, obwohl er müde ist? Ein Klick, kein Problem.
Ingo Fietze

Es gibt allerdings nicht nur drei große Aufs und Abs am Tag. Bei der Messung von Hirnströmen sieht man: Etwa alle 90 Minuten sinkt die geistige Leistung kurz. Das muss jemand gar nicht bewusst merken. Wer aber dann feststellt, dass Zeilen verschwimmen, Fehler zunehmen, sollte aufstehen und 20 bis 25 Minuten kurz spazieren gehen, einen Kaffee trinken oder ein Nickerchen machen.

Mein persönliches Tief liegt zwischen 16 und 17 Uhr. Wenn mir dann vor dem Rechner die Augen zufallen, lasse ich das kurz zu und schlafe fünf bis zehn Minuten im Sitzen. Ein Powernap kann aber nur dann gelingen, wenn man es zur richtigen, zur wirklich müden Zeit, zulässt. Danach fühle ich mich wieder für mehrere Stunden fit. Ich halte es für wichtiger, auf den eigenen Biorhythmus zu achten, als sich diszipliniert durch den Tag zu zwingen.

Allerdings bin ich gespannt, was in Zukunft mit Neurostimulation möglich sein wird. Wahrscheinlich wird es Wearables geben, die jemand am Kopf oder hinter dem Ohr trägt. Damit wird man Wachsein und Schlaf wahrscheinlich ein- und ausschalten können. Jemand muss noch eine Stunde performen, obwohl er müde ist? Ein Klick, kein Problem. Noch ist das Problem, dass man dafür durch die Schädeldecke kommen muss und nicht präzise genug an die relevanten Zentren im Gehirn kommt. Doch daran wird geforscht. Optimistisch könnte es in fünf bis zehn Jahren so weit sein.

»Mein Unterbewusstsein braucht nachts Ruhe«

Daniela Berg, 58, leitet die Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Das Gehirn leidet nicht unter Arbeit, sondern unter schlechten Arbeitsbedingungen. Deswegen versuche ich, darauf zu achten, kein Multitasking zu betreiben. Denn das, was dabei stattfindet, ist ein schnelles Umschalten zwischen Tätigkeiten – das kostet Zeit, Energie und Konzentration. Da ich ein ausgesprochener Morgenmensch bin, erledige ich Denkaufgaben in den frühen Morgenstunden.

Generell gilt: Jedes Gehirn reagiert positiv auf Erfolg. Über das körpereigene Belohnungssystem entsteht dann das Signal: »Das war gut, mach es wieder so.« Deshalb sind kleine Schritte und regelmäßige Fortschritte wichtig. Außerdem braucht unser Kopf Pausen, um Informationen zu verarbeiten. Sie sind keine verlorene Zeit.

Ich achte also immer mal auf ein paar ruhige Minuten ohne Smartphone. Und auf Bewegung, die die Durchblutung des Hirns fördert. Den Arbeitsweg nutze ich, um mit dem Rad durch die Natur zu fahren. Ich nehme die Treppe statt des Aufzugs und gehe für ein Gespräch lieber bei jemandem vorbei, als anzurufen.

Bestimmte Fragen versuche ich, bewusst auf den nächsten Tag zu verschieben. Sonst kreisen die Gedanken, wenn ich eigentlich schlafen will. Auch mein Unterbewusstsein braucht nachts Ruhe. Dafür hilft es, vor dem Einschlafen bewusst an etwas Schönes zu denken, anstatt an ein Problem.

»Ich achte auf das OHIO-Prinzip«

John-Dylan Haynes, 55, ist Hirnforscher an der Charité. Er leitet außerdem das Berlin Center for Advanced Neuroimaging.

Ich habe mich in meiner Forschung intensiv mit dem Arbeitsgedächtnis beschäftigt. Es ist ein temporärer Speicher für alle Informationen, die wir für eine aktuelle Aufgabe brauchen. Wer effizient arbeiten will, muss mit diesem System sorgfältig umgehen. Doch das fällt vielen schwer.

Werden wir bei einer Aufgabe unterbrochen, etwa durch ein Telefonat, wird ein großer Teil der gespeicherten Informationen überschrieben. Danach müssen wir sie entweder mühsam neu zusammensetzen oder machen Fehler.

Man kann sich das Arbeitsgedächtnis wie einen kleinen Schreibtisch vorstellen: Auf ihm kann nur begrenzt viel liegen. Kommt Neues hinzu, wird anderes verdeckt oder heruntergeworfen. Dass Störungen doppelte Arbeit und Fehler verursachen, ist kein Geheimnis. Nur unterschätzen wir die Folgen, weil wir kein Bewusstsein dafür haben, wie stark das Arbeitsgedächtnis belastet wird.

Ich habe meine gesamten dauerpiepsenden Pushbenachrichtigungen abgeschaltet
John-Dylan Haynes

Viele machen den Denkfehler: Ach, ich schaue nur kurz nach! Doch schon ein flüchtiger Blick auf eine Betreffzeile oder eine Nachricht bindet unsere Aufmerksamkeit und verdrängt die anderen Gedächtnisinhalte im Gehirn. Noch schlimmer wird es, wenn wir überlegen, wie relevant die Information ist, oder wenn wir in Gedanken schon eine Antwort skizzieren.

Gerade bei Aufgaben, die wirklichen Fokus benötigen, müssen wir uns abschirmen. Nicht nur das Großraumbüro steht dem entgegen. Ich habe meine gesamten dauerpiepsenden Pushbenachrichtigungen abgeschaltet. In den jüngeren Generationen hat sich ja sogar ein Trend entwickelt, anstelle einer längeren Nachricht viele kurze zu schicken.

Aber jedes Mal, wenn der Messenger piept, lenkt uns das neu ab. Auf meinen Geräten macht deswegen kein Nachrichtenkanal ein Geräusch. Außer Telefonate. Und auch da wissen die meisten: Bitte nur anrufen, wenn es wirklich dringend ist.

Ich achte im Job auch auf das OHIO-Prinzip. Die Buchstaben stehen für »only handle it once«. Wenn ich eine Aufgabe beginne oder mir ein Problem vornehme, erledige ich es also direkt, statt es beiseitezulegen und später noch einmal zu durchdenken. Sonst fängt man fast wieder von vorne an.

Bewertung: 5/5 (1 Stimme)