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"Wir brauchen Vergleiche, um zu bestimmen, wer wir sind"

Neid, Missgunst, Vergleich, Selbstwert, Psyche [Quelle: unsplash.com, Autor: Jametlene Reskp]

Quelle: unsplash.com, Jametlene Reskp 

Kann man aufhören, sich mit anderen zu vergleichen? Nein, sagt der Psychologe Nexhmedin Morina. Aber wir können lernen, an Vergleichen zu wachsen.

"Hör auf, dich zu vergleichen" – das sagt sich so leicht. Aber ist das überhaupt möglich? Nexhmedin Morina sagt: Vergleiche gehören zu uns. Er ist Professor für Psychotherapie an der Universität Münster und beschäftigt sich unter anderem mit sozialen Vergleichsprozessen. Seine Strategie: sich mehrdimensional vergleichen.

ZEIT Campus: Haben Sie sich heute schon mit jemand anderem verglichen?

Nexhmedin Morina: Bestimmt. Wir vergleichen uns unheimlich oft. Das ist wie ein unbewusster Begleiter.

ZEIT Campus: Warum vergleichen sich Menschen überhaupt? 

Morina: Wir brauchen Vergleiche, weil sie uns über uns selbst informieren. Wir vergleichen uns dabei nicht nur mit anderen, sondern auch mit uns in früheren Zeiten. Sehr oft nehmen wir dabei gewisse Kriterien als Standard. Ich zum Beispiel bin beruflich Hochschullehrer. Wenn ich mich frage, wie gut ich als Hochschullehrer bin, dann hat diese Frage mit meinen Kolleg:innen zu tun – das ist ein sozialer Vergleich – aber auch mit der Frage, inwieweit ich mich im Laufe der Zeit verbessert habe – das wäre ein temporaler Vergleich. Alle Vergleiche informieren uns über sehr wichtige Aspekte.

ZEIT Campus: Was hat das für eine Funktion?

Morina: Zum einen brauchen wir Vergleiche für unsere Selbstevaluation und Selbstverbesserung, um zu wissen, wer ich bin und wo ich stehe und wo ich hin will. Dann gibt es das Motiv der Selbstaufwertung. Ich kann mich erst mal aufwärts vergleichen: Zum Beispiel mit einem gleichaltrigen Kollegen, der viel mehr Sport macht als ich. Vielleicht fühle ich mich damit nicht wohl und möchte daraufhin meinen Selbstwert wiederherstellen. Das kann ich machen, indem ich mich abwärts vergleiche mit jemandem, der noch weniger Sport macht als ich. Und dann haben wir zum Schluss noch die Selbstverifikation.

ZEIT Campus: Was bedeutet das?

Morina: Damit ist gemeint, ich vergleiche mich, um mir zu bestätigen, dass ich so oder so bin. Angenommen, Sie stellen mir jetzt eine Frage, die ich nicht gut beantworten kann. Dann könnte ich den Eindruck bekommen, Sie denken, ich bin nicht so intelligent, obwohl ich das von mir selbst denke. Wen ich mich dann mit jemandem vergleiche, den ich für weniger intelligent halte, bestätige ich mir selbst: Doch, ich bin intelligent. Vergleiche können uns also helfen, zu bestimmen, wer wir sind.

ZEIT Campus: Oft fühlen sich Menschen aber schlecht, nachdem sie sich verglichen haben. Kann man verlernen, sich zu vergleichen?

Morina: Vergleichen ist an sich erst mal nicht schlecht. Studierende, zum Beispiel bei uns in der Psychologie, neigen dazu, sich mit anderen Studierenden zu vergleichen, die etwas besser in Statistik sind. Das kann Vorteile haben, weil das die Motivation steigert, sich zu verbessern. Aber sehr oft vergleichen wir uns mit etwas, das nur schwer oder gar nicht zu erreichen ist. Oder wir vergleichen uns, ohne dass wir aktiv daran arbeiten, die Diskrepanz zwischen dem, was wir gegenwärtig haben, und dem, was wir gerne hätten, zu reduzieren. Vielleicht, weil wir gar nicht daran glauben, dass wir das erreichen können. Und wenn das exzessiv gemacht wird, dann kann das natürlich negative Konsequenzen haben.

ZEIT Campus: Mir passiert das relativ selten, dass ich mich mit meinem Umfeld vergleiche und ich mir sage, hier bin ich besser oder an diesem Punkt habe ich das und das besser oder schneller erreicht.

Morina: Entscheidend in diesem Zusammenhang ist die Relevanz der Vergleichsdimension – so nennt man in der Psychologie den Vergleichsinhalt. Einigen Menschen ist zum Beispiel das Thema Intelligenz wichtig. Anderen Menschen kann das Thema Freizeit wichtig sein oder Aussehen. Die Relevanz der jeweiligen Dimension beeinflusst sowohl die Frequenz, also wie oft wir uns vergleichen, als auch, was das Vergleichen mit uns macht. Also wenn es mir vielleicht gar nicht so wichtig ist, wie ich aussehe, mag es sein, dass ich denke, dieser gleichaltrige Kollege sieht deutlich besser aus als ich, aber dann vergesse ich das innerhalb von zwei Sekunden.

Muss ich netter zu mir sein?

ZEIT Campus: Wenn ich merke, das Vergleichen tut mir nicht gut. Kann ich lernen, mich für andere zu freuen, statt das auf mich zu beziehen?

Morina: Wenn ich merke, dass Vergleiche mir nicht helfen, dann wäre das Erste, in Erfahrung zu bringen, wie oft ich mich vergleiche und was das mit mir macht. Danach kann ich mich fragen, was dazu führt, dass ich mich so vergleiche. Bin ich vielleicht einfach zu viel auf Social Media und kann ich das reduzieren? Könnte es sein, dass ich mich zu einseitig vergleiche?

ZEIT Campus: Was genau meinen Sie damit?

Morina: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine Studentin vergleicht sich mit der besten Studentin der Universität. Warum vergleicht sie sich nur mit ihr und nicht mit anderen Studierenden? Gibt es noch weitere relevante Aspekte, die ich beachten sollte? Habe ich mich vielleicht in letzter Zeit verbessert? Das könnte also ein hilfreicher temporaler Vergleich sein. Oder hat die Kommilitonin einen ganz anderen Background? Könnte es sein, dass ich nicht so gut bin wie sie, weil ich einen Nebenjob habe und sie nicht? Oder könnte es sein, dass sie neben viel Lernen, Schlafen und Essen nichts anderes tut? Was oft hilft, ist, sich klar zu machen, dass eine Dimension zwar sehr wichtig für mich ist, aber ich auch andere wichtige Aspekte in meinem Leben habe. Und wenn ich all diese Dinge berücksichtige – bin ich dann immer noch eine sehr gute Studentin?

ZEIT Campus: Aber wie schaffe ich das? Also, wenn es zum Beispiel eine Person gibt, mit der ich mich ständig vergleiche. Soll ich sie einfach auf Instagram blockieren?

Morina: Das könnte helfen. In jedem Fall wäre es gut, sich Zeit zu nehmen und sich selbst zu konfrontieren: Ich vergleiche mich jetzt bewusst mit dieser Person. Ist das, was ich mache, wirklich sinnvoll? Also ist das wirklich eine wichtige Dimension für mich beziehungsweise sollte ich mich wirklich nur mit dieser Person vergleichen?

Ist es wirklich das, was ich will? 

Nexhmedin Morina

ZEIT Campus: Das klingt alles so, als müsste man einfach mal freundlich zu sich selbst sein.

Morina: Genau. Eine wichtige Frage ist immer, zu welchem Zweck vergleiche ich mich? Wenn der Zweck ist – um in dem Beispiel zu bleiben – bessere Noten zu schreiben, dann wäre es gut, sich dessen bewusst zu werden und herauszufinden: Was sind die Möglichkeiten, mich zu verbessern? Ist es wirklich das, was ich will? Und wie realistisch ist eine Änderung? Wenn das nicht erreichbar ist, dann erinnere ich mich an die anderen Aspekte, die mir wichtig sind, wo ich vielleicht auch etwas verändern möchte. Diese Beschäftigung mit anderen wichtigen Aspekten wird auch dazu führen, dass ich mehr Verständnis für mich habe.

ZEIT Campus: Gibt es Ihrer Meinung nach Personengruppen, die eher dazu neigen, Probleme mit Vergleichen zu haben?

Morina: Menschen mit einer Depression zum Beispiel neigen dazu, zu denken, dass sie schlechter als der Durchschnitt sind. Häufig vergleichen sie sich mit Menschen, um sich zu bestätigen, dass es ihnen wirklich schlecht geht. Das heißt, es kann gewisse Prozesse geben, die dazu führen, dass man sich negativ – in diesem Fall aufwärts – vergleicht, weil man es sich angewöhnt hat.

ZEIT Campus: Gibt es auch andere Kontexte, die so eine Art von Vergleichen begünstigen?

Morina: Wenn Patient:innen eine posttraumatische Belastungsstörung haben, denken sie oft, dass es ihnen vor dem Trauma besser ging oder sie bessere kognitive Fähigkeiten hatten. Dass sie zum Beispiel aufmerksamer oder vielleicht sogar intelligenter waren. Aber in Interviews mit Kriegsüberlebenden habe ich etwas Interessantes beobachtet: Zum Schluss, nachdem sie erzählt haben, was ihnen alles Schlimmes widerfahren ist, kam oft der Satz: "Aber immerhin geht es mir besser als XY, der zum Beispiel ein Kind verloren hat oder die ihren eigenen Mann verloren hat." Meine Annahme ist, dass man sich innerhalb einer Nachkriegsgesellschaft sehr viel mit anderen vergleicht und dies auch positive Effekte haben kann, wenn man zu dem Schluss kommt: Sehr viele haben noch mehr gelitten. Es gibt trotz allem positive Aspekte in meinem Leben und ich muss weitermachen.

ZEIT Campus: Können wir jemals aufhören, uns zu vergleichen?

Morina:  Es wird oft gesagt, dass es schlecht sei, sich zu vergleichen. Ich finde, das steht im Widerspruch zu den Motiven. Wir können gar nicht anders. Problematisch wird es erst, wenn wir exzessiv aufwärts vergleichen mit etwas, das wir nie erreichen werden. Und dann muss man schauen, wie man das reduzieren kann. Aber aufhören, sich zu vergleichen, das geht nicht.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Genau. Wir brauchen Vergleiche, damit wir nicht in unserer eigenen Welt leben. Wir sollten uns bloß fragen, mit wem wir uns vergleichen, wie gut etwas vergleichbar ist und wie wir verschiedene Bereiche gewichten.

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