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Wie komme ich an ein Sabbatical?

Freiheit [Quelle: unsplash.com, Joshua Earle]

Quelle: unsplash.com, Joshua Earle

Einfach mal die Seele baumeln lassen, Kraft tanken, den Horizont erweitern: Eine Auszeit vom Beruf wollen viele. Wie aus dem Wunsch Wirklichkeit wird, erfährst du hier.

Anton Schröder hat es geschafft. Schon seit Jahren träumt der passionierte Radfahrer mit seiner Lebensgefährtin von einer großen Tour auf zwei Rädern durch Chile und Argentinien. Wenige Wochen nach der Hochzeit im Sommer 2020 wird es losgehen. Ganze sechs Monate wird das Paar unterwegs sein. Schröder arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Ingenieur für eine bayerische Behörde, ist verbeamtet. Die offizielle Genehmigung seines Antrags auf die Auszeit war reine Formsache. "Manche Kollegen waren zunächst skeptisch, ob das klappen würde", sagt er. Einer verriet sogar, dass er selbst schon seit Jahren über ein Sabbatical nachdenke, sich aber nicht traue, danach zu fragen. Die Bedenken waren unbegründet. "Meine Vorgesetzten waren sofort einverstanden, sie haben mich sogar ermutigt", erinnert sich Schröder.

Sabbatical-Coach Andrea Oder freut sich für ihn. Sie wundert es nicht sonderlich, dass der Ingenieur mit seinem Antrag erfolgreich war. "Auch wenn eine berufliche Auszeit noch immer nichts Alltägliches ist, haben viele Arbeitgeber dennoch verstanden, dass der Wunsch nach einem Sabbatical für viele Arbeitnehmer immer wichtiger wird und eine echte Burnout-Prävention sein kann". Die Lebensarbeitszeit hat sich in den vergangenen Jahren stark ausgedehnt, oft bis 67 Jahre. "Die Menschen wissen, dass sie nicht all ihre Pläne bis zur Rente aufschieben können". Hinzu kommen die wachsende Arbeitsauslastung, das zunehmend steigende Tempo, in dem Aufgaben zu bewältigen sind, die ständige Erreichbarkeit und die damit einhergehende Flexibilität, die das Arbeitsleben vielen abverlangt.

Eine Ermessensfrage

Nicht zu vergessen der immer größer werdende Druck, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Immer häufiger äußern Menschen deshalb den Wunsch nach einer Auszeit. Dadurch steigt auch die gesellschaftliche Akzeptanz, beobachtet Oder. Das wiederum nehme vielen die Angst vor einem Karriereknick. Wenn ihre Klienten das Sabbatical gut geplant hätten und dafür nachvollziehbare Gründe anführen könnten, sei das kein Thema.

Seit mehr als 15 Jahren hilft Oder Menschen dabei, ihren Wunsch nach einer beruflichen Auszeit wahr werden zu lassen. Seit 1981 arbeitet die studierte Verwaltungswirtin im öffentlichen Dienst. Nach 18 Berufsjahren reifte in ihr mit knapp 40 Jahren auch der Wunsch, eine Auszeit zu nehmen. "Das war damals exotisch. Man wusste nicht, wie der Arbeitgeber darauf reagiert und wie es sein wird, wenn ich an meine Arbeitsstelle zurückkehre", erinnert sie sich. Oder hatte damals prompt Erfolg. 1999 reiste sie drei Monate durch Skandinavien, 2002 folgte eine siebenmonatige Weltreise, 2011 pausierte sie noch einmal drei Monate von ihrer Arbeit, in denen sie sich Zeit für ihre Familie nahm. "Diese Auszeiten waren jedes Mal eine unheimliche Bereicherung." Deshalb ist es ihr eine Herzensangelegenheit, ihr Wissen für die Planung eines Sabbaticals weiterzugeben. Seit 2003 arbeitet sie in Teilzeit als zertifizierter Coach. In Kürze wird ein Buch von ihr zum Thema Sabbatical-Planung erscheinen.

Trotz einer immer größer werdenden gesellschaftlichen Akzeptanz und Nachfrage seitens der Arbeitnehmer gibt es in Deutschland allerdings nach wie vor keinen gesetzlichen Anspruch auf eine Auszeit, betont Oder. "Ob ein Arbeitgeber einem Sabbatical zustimmt, liegt daher allein in seinem Ermessen."

Viel Fingerspitzengefühl gefragt

Allerdings gibt es Arbeitgeber mit Betriebsvereinbarungen, in denen gewisse Rahmenbedingungen für Auszeiten festgehalten sind – etwa betrieblich unterstützte Ansparmöglichkeiten oder dass nur eine bestimmte Zahl an Mitarbeitern gleichzeitig ins Sabbatical gehen darf. Eine Vorreiterrolle hat seit einigen Jahren der öffentliche Dienst, der für seine Angestellten die Bedingungen früh absteckte.

Für Ingenieur Schröder etwa sind die Rahmenbedingungen für sein Sabbatical als Beamter des Freistaates Bayern im Bayerischen Beamtengesetz geregelt. Dort ist vermerkt, dass der Bewilligung einer solchen "unregelmäßigen Verteilung der Arbeitszeit" lediglich "dienstliche Belange" nicht entgegenstehen dürfen und der Bewilligungszeitraum für das Teilzeitmodell bis zu zehn Jahre betragen darf.

Ohne einen rechtlichen Anspruch auf eine Auszeit gilt es deshalb umso mehr, sich besonders gut darauf vorzubereiten, diesen Wunsch zu äußern und taktisch klug zu agieren. "Man sollte sich bei aller Begeisterung und Enthusiasmus auch in die Vorgesetzten und Kollegen hineinversetzen und sich überlegen, welche Auswirkungen die eigene Auszeit auf sie haben könnte. Das verlangt viel Fingerspitzengefühl." Oder empfiehlt, sich zunächst für das Gespräch einen Termin geben zu lassen und die Angelegenheit auf keinen Fall zwischen Tür und Angel anzusprechen. "Wenn der Vorgesetzte gerade keine Zeit hat oder gedanklich woanders ist, ist das natürlich eher kontraproduktiv, weil es zusätzlichen Stress erzeugt", weiß die Sabbatical-Fachfrau zu berichten. Mit Blick auf einen geschickten Zeitpunkt ist es ebenfalls von Vorteil, wenn man für die Auszeit einen Zeitraum wählt, in dem in der Abteilung oder dem Unternehmen erfahrungsgemäß weniger los ist als sonst. "Wenn zur gewünschten Zeit ein großes Projekt ansteht, das viele Arbeitskräfte bindet, kann der Chef ja kaum sein Okay geben – schon allein aus Rücksicht auf Kollegen, denen er dann womöglich noch zusätzliche Arbeit aufbürden muss."

Erwartungen an die eigene Auszeit formulieren

Apropos Kollegen: Wer dem Vorgesetzten bereits Ideen liefert, wer aus dem Betrieb bei Bedarf während der Abwesenheit einspringen könnte oder Kandidaten für eine externe Vertretung präsentieren kann, erhöht seine Chancen auf das Sabbatical ebenfalls. "Man kann die angedachten Kollegen sogar vorab fragen, ob sie sich die Vertretung vorstellen könnten", rät Oder, "allerdings nur, wenn ein großes Vertrauensverhältnis besteht."

Für 18 Monate in Vollzeit

Bei einer Vertretung, die noch eingearbeitet werden muss, ist es zudem geschickt, anzubieten, eine Übergangsphase zu organisieren und die Einarbeitung selbst zu übernehmen. Auch was die Eckpunkte der Auszeit betrifft, ist eine gewisse Flexibilität angeraten. "Natürlich möchte man nach Möglichkeit all seine Vorstellungen durchsetzen. Bevor das Sabbatical aber daran scheitert, dass man nur vier anstatt der gewünschten sechs Monate freigestellt wird, oder daran, dass man nicht bereit ist, einen Monat früher oder später in die Auszeit zu starten, sollte man sich gut überlegen, ob man nicht doch einen gewissen persönlichen Spielraum hat."

Auch der finanzielle Spielraum sollte vor Antritt der Auszeit sorgfältig ausgelotet werden. In der Regel gibt es zwei Varianten: Ein Teilzeitmodell oder eine unbezahlte Freistellung. "Letztere sollte man sich wirklich genau überlegen. Denn nach vier Wochen ohne Gehalt müssen die Kosten für die Kranken-, Pflege-, Sozial- oder Arbeitslosenversicherung privat bezahlt werden. Dafür werden Rücklagen gebraucht, das muss man vorab genau durchrechnen, ob man sich das leisten kann", sagt Oder. "Für Menschen mit einem gewissen Sicherheitsbedürfnis kann es zudem belastend sein, einen längeren Zeitraum ohne regelmäßiges Einkommen auszukommen." Dann bietet sich ein Teilzeitmodell an, wie es auch oft ältere Arbeitnehmer in Anspruch nehmen, die früher aufhören möchten zu arbeiten, dafür auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, gleichzeitig aber noch bis zum ursprünglich anvisierten Renten- oder Pensionseintritt Gehalt beziehen wollen.

Ingenieur Schröder beispielsweise arbeitet seit April dieses Jahres für die kommenden 18 Monate in Vollzeit, bezieht aber nur 75 Prozent seines regulären Gehalts. Dafür werden ihm aber auch während seines sechs Monate langen Sabbaticals drei Viertel seiner Bezüge überwiesen. Um diese gewünschte Freistellungsphase zu erreichen, musste er zuvor in der sogenannten Ansparphase 18 Monate in Vollzeit gearbeitet haben und 100 Prozent seines Gehalts beziehen. "Ein Teilzeitmodell mit Lohnfortzahlung braucht immer eine gewisse Vorlaufzeit, man muss sich seine Auszeit und die Fortzahlung des Gehalts ja erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes erarbeiten", sagt Sabbatical-Coach Oder. Bei Teilzeitmodellen sind etliche Varianten möglich, sie müssen aber natürlich genau abgesprochen werden. Wie genau eine Teilzeit gestaltet wird, lässt sich laut Oder in der Regel mit dem Arbeitgeber individuell klären.

Erwartungen an die eigene Auszeit formulieren

Neben den grundlegenden Überlegungen zu Sabbaticals gibt es auch andere Aspekte zu beachten. Die Frage, warum man sich die Auszeit wünscht und welchen Zweck man damit verfolgt: "Eine Weiterbildung oder eine neue Sprache zu lernen sind beispielsweise sehr gute Ansinnen, da sie ja in der Regel auch dem Unternehmen später einen Mehrwert bieten", nennt Oder als Beispiele. Mit Blick auf steigende Burnout-Zahlen in der Arbeitswelt können die Ansinnen, sich in der Auszeit viel Ruhe zu gönnen und sich um seine Gesundheit zu kümmern, ebenfalls stichhaltige Argumente für ein Sabbatical sein. Aber auch der Wunsch, neue Erfahrungen zu sammeln und den persönlichen Horizont zu erweitern, etwa mit einer Reise durch ein noch unbekanntes Land und dem Kennenlernen neuer Kulturen oder einem sozialen Engagement sind nachvollziehbare Gründe.

"Je genauer man sich Gedanken darüber macht, was eigentlich das Ziel der Auszeit sein soll, desto emotionaler, begeisterter und somit überzeugender wirkt man meiner Erfahrung nach auch auf sein Gegenüber", lautet der Rat der Expertin. Und die Chance, dass der Wunsch auf die Auszeit in Erfüllung geht, erhöht sich deutlich. "Wenn ein passionierter Radfahrer mit einem Leuchten in den Augen von seinen Plänen einer Südamerika-Tour erzählt und das auch noch seine Hochzeitsreise werden soll, dann wirkt das natürlich authentischer als ein Kollege, der einfach mal freihaben möchte und gar nicht genau weiß, was er in dieser Zeit eigentlich machen wird", sagt Oder.

Bei allen organisatorischen Überlegungen zählt für sie bei der Planung einer beruflichen Auszeit als wichtigster Punkt: Was erhoffe ich mir ganz persönlich von meiner Auszeit? Sie stellt ihren Klienten deshalb immer die Frage: Als welcher Mensch möchten Sie nach dem Sabbatical wieder zurückkommen? Aus ihrer Sicht kann das durchaus eine berufliche Neuorientierung sein, wenn man im vorherigen Arbeitsverhältnis unzufrieden oder unglücklich war. Sie erinnert sich aber auch an Klienten, die ohne ein klares Ziel in ihre Auszeit gestartet sind und dann vor allem viel Zeit mit der Familie und Freunden verbracht haben. "Das kann ein ganz wichtiges Anliegen eines Sabbaticals sein", betont Oder. Damit nicht genug. Manchmal habe sie gehört, dass die freiwillige Auszeit sehr schön, aber sehr anstrengend war. Also nicht das, was man sich vorgestellt hat. Flops bleiben einem auch hier nicht erspart.

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