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Tabubrecher im Chefsessel

Familie Kind Mutter Schwester Au-Pair Kinderbetreuung [Quelle: Unsplash.com, Autor: Thiago Cerqueira]

Quelle: Unsplash.com, Thiago Cerqueira

Kind und Karriere – das schloss sich lange aus. Doch immer mehr männliche und weibliche Manager leben vor, wie sich Job und Familie vereinbaren lassen. Und ebnen so den Weg für mehr Frauen in Führungspositionen.

Unmöglich, als Chefin eines erfolgreichen Start-ups Kinder zu bekommen? Nicht denkbar, als Teilzeit-Manager befördert zu werden? Unvorstellbar, dass sich beide Partner beruflich verwirklichen und dabei gemeinsam ihre Kinder großziehen? Die meisten dieser Fragen würden Berufstätige in Deutschland sofort bejahen. Kind und Karriere scheinen sich für viele noch immer auszuschließen. Entweder – oder. Maximale Abweichung von der Norm: Der Mann ist Hauptverdiener und die Frau steuert finanziell etwas bei, indem sie jobbt, während sie eigentlich für Haushalt und Erziehung zuständig ist.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen das. Laut einer neuen Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind zum Beispiel vier Fünftel aller Teilzeitjobs von Frauen besetzt. Ein Karrierekiller. Und elf Jahre nachdem die Elternzeit eingeführt wurde, nimmt zwar schon jeder dritte Vater die Familienauszeit, in der Regel aber nur die vom Staat finanziell geförderten zwei Monate fürs Wickel-Volontariat. Von den berufstätigen Müttern hingegen verabschieden sich laut der Böckler-Studie 96 Prozent in die Elternzeit, die meisten davon ein ganzes Jahr.

Im Sinne der Wirtschaft mit ihrem Wunsch nach deutlich mehr Frauen in Führungspositionen ist das nicht. So wird weder für mehr Vielfalt in Abteilungen und Geschäftsführungen gesorgt, noch dem aufgrund des demografischen Wandels drohenden Fachkräftemangel angemessen begegnet. "Am wichtigsten ist es flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen", sagt die Soziologin Yvonne Lott. Die eigene Arbeitszeit an seine Aufgaben anpassen zu können sei der Schlüssel, um Eltern zu fördern.

Höchste Zeit also für engagierte Vorreiter auf den Chefetagen, um scheinbare Gewissheiten über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu widerlegen. Zeit für mutige Tabubrecher im Kreis der Führungskräfte und Firmenchefs, die alte Rollenmuster überwinden und Neues wagen, für sich selbst wie für ihre Mitarbeiter. Zu ihnen zählen die Gründerin Lea-Sophie Cramer, das Berliner Oberarztpaar Nina und Jan-Peter Siedentopf und die beiden hochrangigen Teilzeitmanager der Deutschen Bank, Lisa Witney und Holger Reiher.

Die Gründerin

Wer gründet, muss seine ganze Energie in die Firma stecken – so lautete bislang das Credo in der Start-up-Szene. Lea-Sophie Cramer hat gezeigt, dass beides geht: Gründen und Kinderkriegen. Ihr Sohn ist mittlerweile zweieinhalb Jahre alt, die Tochter wurde im Januar 2018 geboren. Mit beiden Kindern blieb sie nur jeweils acht Wochen zu Hause. Schon zwei Tage nach der Geburt beantwortete sie E-Mails. "Für mich ist der Job Leidenschaft, er gibt mir Energie und macht mich glücklich", sagt Cramer. Die 31-Jährige ist Co-Gründerin und Chefin von Amorelie, einem Berliner Start-up mit knapp 100 Mitarbeitern, das Sexspielzeug aus der Schmuddelecke herausgeholt hat und als Liebes- Lifestyle-Zubehör online verkauft. Zu 98 Prozent gehört das Unternehmen inzwischen dem TV-Sender Pro Sieben Sat 1.

In der Gründerszene ist Cramer eine der wenigen Mütter auf dem Chefsessel. Ihr Partner ist als Unternehmensberater viel unterwegs. "Wir beide arbeiten mit Herzblut und Leidenschaft – und gönnen uns das auch gegenseitig", sagt Cramer. Reibungslos verläuft trotzdem nicht alles. "Wenn man mit vollem Herzen Mama und Familienmensch sein und die Kinder nicht 'outsourcen' will, gleichzeitig aber auch die große Verantwortung für ein Unternehmen fühlt, dann ist das ein dauerhafter Balanceakt", gibt sie zu.

Ihren Sohn brachte sie damals die ersten neun Monate mit in die Firma, samt Au-pair. "Wir hatten ein gemeinsames Zimmer, vorn der Meetingraum mit meinem Schreibtisch, dahinter einen abgetrennten Bereich, in dem ich stillen konnte", erinnert sich Cramer. Klar sei das ungewöhnlich gewesen, gerade bei Terminen mit Externen, die quasi in ein Kinderzimmer gekommen seien. Seitdem hat Cramer vieles im Unternehmen geändert. Es gibt jetzt einen extra Eltern-Kind-Raum mit Schreibtisch und Spielzeug. Gerade wenn mal die Kita ausfällt, sei das wichtig. Aber ihr ging es auch um ganz banale, organisatorische Dinge: "Monatliche Teammeetings hatten wir früher immer um 18 Uhr. Das geht nun mal für Eltern nicht, die am Nachmittag zur Kita müssen." Heute finden solche Treffen mittags statt.

Für Cramer ist Familienfreundlichkeit nicht nur ein sozialer Akt – sondern ein sinnvolles Investment, "weil man attraktiver wird für Mitarbeiter, gerade für die Generation Y". Immer mehr Talente unter 35 legen bei der Jobsuche Wert auf Familienfreundlichkeit. Bei Amorelie scheint die Rechnung aufzugehen: "Es ist das erste Jahr, wo gefühlt 80 Prozent der Bewerber sagen, dass sie sich beworben haben, weil wir ein Unternehmen sind, dem die Förderung von Frauen wichtig ist, und weil wir moderne Arbeitsbedingungen bieten", erzählt sie. Mittlerweile würden ihr Bewerber sogar von selbst erzählen, dass sie Kinder haben wollen. "Sie haben keine Angst mehr, dass es sich negativ auf ihre Jobchancen auswirken könnte. Das ist doch super." Ende dieses Jahres will Cramer selbst mal wieder etwas wagen: Sie will ein paar Monate in Elternzeit gehen. Zum ersten Mal überhaupt.

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