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Wie man pünktlich Feierabend macht

Überstunden, Mann, erledigt, Arbeit, müde [Quelle: unsplash.com, Autor: ABDALLA M]

Quelle: unsplash.com, ABDALLA M

Zu oft verwechseln wir Überstunden mit Leistung – und machen uns etwas vor. Wer seine Arbeit ehrlich analysiert, kann sich aus dem inneren Zwang zur Mehrarbeit befreien.

Die Brandblase fand ich eines Morgens an meinem Bein. Eine kleine Beule, wenige Zentimeter über meinem rechten Fußknöchel. Es dauerte etwas, bis ich verstand, was passiert war. Am Vorabend hatte ich mich spät mit einer Wärmflasche ins Bett gelegt. Offenbar war ich so erschöpft, dass ich im Schlaf nicht spürte, wie das heiße Wasser meine Haut verbrannte. Anderthalb Jahre ist es her, dass mir das passierte. In einer besonders stressigen Zeit in der Ausbildung, in der ich kaum schlief, nur arbeitete.

Von der Blase erzähle ich eigentlich nicht gern. Aber ich musste daran denken, als ich vor einiger Zeit mit Kolleginnen und Kollegen über Arbeitszeiten sprach – und über meine Überstunden. Und bemerkte: Ich wusste erst mal gar nicht, was ich sagen sollte. Denn natürlich arbeite ich oft länger als vorgegeben. Ich spreche nur nicht darüber. Wer Überstunden macht, wirkt schlecht organisiert. Und wer sie nicht macht, der fehlt der Ehrgeiz. Bislang war meine Strategie deshalb: Ich mache Überstunden und versuche, dabei möglichst entspannt auszusehen.

Ich entschloss mich, ehrlich zu sein – und erklärte, wieso ich das Gefühl habe, nur verlieren zu können, wenn ich über Überstunden spreche. Meine Vorgesetzte wirkte überrascht. "Ich erwarte nicht, dass du abends länger bleibst", sagte sie. "Du arbeitest in deiner Arbeitszeit und danach nicht mehr, außer es ist ausnahmsweise mal unbedingt nötig. Dann gleichst du das zeitnah aus."

Ein bis zwei Stunden länger – jeden Abend

Ohne Überstunden müsste ich abends pünktlich aufhören, gegen 18 Uhr, nach acht Stunden. Bislang arbeite ich meistens ein oder zwei Stunden länger, obwohl mich niemand darum gebeten hat. Das ist weniger als während meiner Ausbildung. Damals hatten meine Wochen häufig 60 Stunden, manchmal mehr. Aber selbst jetzt bedeuten meine Überstunden auf eine Woche betrachtet: Einen halben bis einen ganzen Arbeitstag arbeite ich unbezahlt.

Als ich mit der Recherche für diesen Text beginne, schlagen gerade die Kirchenglocken. Es ist 18 Uhr, Zeit, um aufzuhören. Ich mache weiter. Ich lebe eine Arbeitsmoral, die ich eigentlich ablehne: Ich bin bereit, alles zu geben – und zwar nicht, weil mich jemand zwingt, sondern weil ich es will. Um Ziele zu erreichen. Um möglichst schnell viel zu lernen. Dass ich diesen Ehrgeiz selbst für problematisch halte, reicht nicht, um ihn abzulegen.

Aber wie macht man das? Das frage ich als Erstes das Internet. Dort finde ich heraus, was Überstunden eigentlich sind. Als Überstunden zählt die Arbeitszeit, die über das hinausgeht, was im Vertrag steht. In der Regel sind das acht Stunden, so sieht es das Arbeitszeitgesetz vor. Es gibt allerdings Ausnahmen, zum Beispiel in Krankenhäusern oder in der Landwirtschaft. Rechtlich erlaubt ist in der Regel auch, dass man Überstunden macht, wenn es erforderlich ist. Das muss dann abgegolten werden – wie genau, legt der Arbeitsvertrag fest. Meistens bekommt man entweder Geld für die zusätzlichen Stunden oder darf sich zu einem anderen Zeitpunkt freinehmen.

Doch was, wenn man die Aufgaben in der vorgesehenen Zeit nicht schafft? Weil es zu viele sind? Um das besser zu verstehen, rufe ich den Arbeitsrechtler Michael Fuhlrott an, der mir erklärt: "Der Arbeitgeber darf nicht zu viele Aufgaben für einen bestimmten Zeitraum geben." Das zähle zu seiner Fürsorgepflicht. Fuhlrott fügt hinzu, dass das natürlich nur bei zeitkritischen Arbeiten der Fall sei. Zum Beispiel, wenn ein Chef darum bittet, fünf Aufgaben bis zum Ende eines Tages zu erledigen, obwohl er weiß, dass die Angestellten normalerweise nur zwei schaffen. Ansonsten kann man schon mehrere Arbeiten auf dem Schreibtisch haben, sofern man dafür mehr Zeit hat.

Es gibt unzählige Tipps, wie man effizienter arbeitet

In meinem Fall hilft die rechtliche Lage wenig. Mich zwingt ja niemand zu den Überstunden. Das bin ich selbst. Aber wie ändere ich das? Ich suche weiter und finde viele Tipps, die sich in zwei Kategorien fassen lassen.

Bei der ersten geht es darum, wie man weniger prokrastiniert, also nicht so viel Arbeit aufschiebt. Ich lese, dass ich morgens mit der unangenehmsten Aufgabe des Tages anfangen soll. Dass ich mir vornehmen soll, nicht immer alles perfekt zu machen. Und so weiter. Um ehrlich zu sein: Ich habe das alles schon gehört, gelesen und getan. Es gibt unzählige Tipps, wie man effizienter arbeitet. Und es ärgert mich, dass das die Antwort auf die Frage sein soll, wie man pünktlich Feierabend macht. Als seien Überstunden nur ein Problem von faulen Menschen. Oder von welchen, die schlecht organisiert sind.

Zweitens gibt es Ratschläge, wie man besser Nein sagt. Das zeigt immerhin, dass Überstunden nicht nur eine Frage meiner Organisation sind. Sondern dass es auch ein Problem ist, dass so viel Arbeit anfällt – und dass man Anerkennung dafür bekommt, sie zu übernehmen. Ich finde ein paar nützliche Tipps, wie man Aufgaben besser ablehnt. Erst mal um Bedenkzeit bitten, Nein sagen üben. Davon kann ich sicher etwas lernen. Aber gleichzeitig denke ich: Hätte ich so oft Nein gesagt, wie man es hier rät, wäre ich wohl nie Journalistin geworden. Das gilt vermutlich für viele Karrieren.

Erfolg ohne Überstunden?

Deshalb rufe ich Claudia Nuber an. Nuber ist zertifizierte Coachin am Chiemsee in Bayern, seit 25 Jahren arbeitet sie in dem Beruf. Auf ihrer Website steht: "Gemeinsam entwickeln wir im Coaching Möglichkeiten, wie Sie Ihr Leben zurückbekommen, ohne Ihre beruflichen Erfolge und persönlichen Ergebnisse zu gefährden." Das klingt vielversprechend. Vielleicht kann sie mir mit ein paar Ratschlägen helfen. Ich will von Nuber wissen: Kann ich überhaupt beruflich erfolgreich sein, wenn ich keine Überstunden mache?

"Die Antwort ist ein klares Jein", sagt Nuber. Wer Erfolg wolle, müsse sich schon engagieren – und Gutes leisten. In einigen Bereichen ginge es tatsächlich nicht ohne Überstunden: "Wenn der Manager einen Investitionsplan abgeben muss, wird schon erwartet, dass er dafür auch mal länger bleibt." Aber grundsätzlich sei vor allem eine Frage entscheidend: "Weshalb machen Sie Überstunden?" Als Nuber mich das fragt, muss ich erst mal überlegen. Eine ungewöhnliche Frage.

Die Coachin erklärt mir, dass es verschiedene Gründe gebe, mehr zu arbeiten als gefordert. Häufig würden Überstunden zum Beispiel mit Leistung verwechselt, sagt sie. In manchen Betrieben sei es so, dass Leute länger blieben, um als besonders fleißig wahrgenommen zu werden. Das ist bei mir nicht der Fall. Meine Vorgesetzte verlangt ja sogar das Gegenteil von mir, ich soll pünktlich in den Feierabend gehen. "Andere Menschen arbeiten länger, um mehr Geld zu verdienen", fügt Nuber hinzu. Aber ich schreibe meine Überstunden ja nicht mal auf.

Und irgendwann die Burn-out-Klinik

Doch schließlich spricht die Coachin ein Problem an, in dem ich mich wiedererkenne: "Viele machen Überstunden, weil sie das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein." Das sei nicht unbedingt schlecht, schiebt sie gleich hinterher: "Wer immer ein bisschen mehr als die anderen geben will, ist häufig besonders leistungsstark." Das Problem ist nur: "Das sind auch die Leute, die meistens irgendwann in den Burn-out-Kliniken landen."

Wir alle haben Tage, an denen uns viel gelingt, und andere, an denen gar nichts klappt.

Claudia Nuber, Coachin

Tatsächlich glaube ich, dass ich nur dann gut genug bin, wenn ich mich mehr reinhänge als die anderen. Das ist vermutlich ein Problem, das viele kennen, die sich für unsichere Berufswege entscheiden. Ich weiß nicht, wie oft man mir in der Schule und im Studium davon abgeraten hat, Journalistin zu werden – weil ich in so einer umkämpften Branche nie eine Stelle finden würde. Rückblickend stellte sich heraus, dass das nicht stimmte. Aber damals wusste ich nur, dass ich zu den Besten gehören muss, um eine Chance zu haben.

Nuber rät mir, genauer auf meine Arbeitszeiten zu schauen und zu notieren, wie lange ich an meinen Aufgaben sitze und was ich alles schaffe. Damit soll ich mir bewusst machen, was ich alles leiste. Aber wenn ich unproduktive Tage habe? Muss ich länger bleiben, um das auszugleichen? Ganz im Gegenteil, sagt Nuber: "Wir alle haben Tage, an denen uns viel gelingt, und andere, an denen gar nichts klappt. Das ist nicht schlimm." Ich solle darauf vertrauen, dass sich das ausgleicht – und gerade meine unproduktiven Tage nicht unnötig durch Überstunden verlängern.

Ich bin gar nicht so produktiv, wie ich immer geglaubt habe

Ich notiere mir von jetzt an jeden Tag, was ich alles geschafft habe. Und bin insgesamt enttäuscht: Kleine Aufgaben, für die ich nicht länger als 15 Minuten veranschlage, fressen viel mehr Zeit, als ich dachte, eine halbe Stunde zum Beispiel, manchmal auch 45 Minuten. Mir aufzuschreiben, was ich geschafft habe, bringt mir vor allem eine Erkenntnis: Ich bin gar nicht so produktiv, wie ich es immer geglaubt habe. Meine Leistung war auch das Ergebnis meines Ehrgeizes – und meiner Überstunden.

Bin ich also doch viel unproduktiver als die anderen? Ich höre mich um. Spreche mit Freundinnen und Freunden aus verschiedenen Branchen darüber, wie sie arbeiten. Und stelle fest: Den meisten geht es so wie mir. Sie haben das Gefühl, in ihrer Arbeitszeit nicht genug zu schaffen. Und sie gleichen es aus, indem sie sich in ihrer Freizeit noch mal an die Aufgaben setzen. Wir machen uns gegenseitig etwas vor. Das gilt besonders für Menschen, die wie ich neu im Beruf sind. Ich versuche, so viel zu leisten wie die anderen. Dass ich weniger erfahren bin, gleiche ich aus, indem ich länger bleibe.

Langsam begreife ich: Mein Leistungsanspruch orientiert sich an einem Niveau, das schwer zu erfüllen ist. Ich mache einen Fehler, der mir in meinem Leben schon oft passiert ist: Ich orientiere mich an einem realitätsfernen Ideal. Früher waren es die Size-Zero-Models, heute die Turbo-Überfliegerinnen. Ungesund ist beides. Um weniger zu arbeiten, muss ich wohl akzeptieren: Ich bin gut, ich schaffe viel. Aber weniger, als ich dachte – so wie viele Menschen.

Produktiv bin ich ab 17 Uhr

Ich nehme mir vor, weniger von mir zu erwarten und stattdessen pünktlich zu gehen. Die erste Woche meines Versuchs läuft gut. Ich schreibe auf, wann ich Feierabend mache: 18.26 Uhr. 19.19 Uhr. 18.53 Uhr. 18.23 Uhr. 18.26 Uhr. Ein Ausreißer ist dabei, aber die Tendenz ist richtig. Ich stelle auch fest, dass ich häufig dann gehe, wenn ich besonders konzentriert bin. Meine produktiven Phasen passen nicht zu meinen Arbeitszeiten. Nachmittags habe ich meistens ein längeres Tief – aber ab 17 Uhr kommt ein Hoch. In dieser Phase abzubrechen, erscheint mir unsinnig. Aber dann lande ich wieder in den Überstunden.

Auch darüber spreche ich mit Claudia Nuber, der Coachin. Sie rät mir, auf meinen Biorhythmus zu hören – und mit meiner Vorgesetzten zu sprechen. Das mache ich. Wir machen aus: Wenn ich will, kann ich abends mal zwei Stunden länger bleiben. Das gleiche ich zeitnah aus, indem ich an einem anderen Tag entsprechend früher gehe. Auch das gehört zu flexiblen Arbeitszeiten dazu, die viele Firmen ihren Angestellten bieten. Und es funktioniert. In der folgenden Woche gehe ich an einem Tag um halb acht, mache an einem anderen dafür früher Schluss.

Ein paar kleine Tricks

Mittlerweile mache ich weniger Überstunden als früher. Weil ich mir meine Arbeitszeiten besser notiere und auf meinen Biorhythmus achte. Vor allem aber: weil ich akzeptiere, in acht Stunden nicht immer das zu leisten, was ich von mir erwarte. Ein paar kleinere Tricks helfen mir auch. Ich setze mir äußere Anreize, um pünktlich Feierabend zu haben – zum Beispiel, indem ich mich direkt nach der Arbeit verabrede. Nuber rät außerdem dazu, mir einen Feierabendwecker zu stellen oder meine Schreibtischlampe mit einer Zeitschaltuhr zu verbinden. Die macht abends pünktlich das Licht aus.

Was mir bei der Recherche bewusst geworden ist: Den einen Trick gegen Überstunden gibt es nicht. Um weniger zu arbeiten, musste ich erst verstehen, weshalb ich so oft länger bleibe. Andere Menschen mögen andere Gründe haben. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob ich im Büro, im Krankenhaus oder auf dem Feld arbeite, in Schichten eingeteilt werde oder meine Aufgaben in Vertrauensarbeitszeit erledige.

Deshalb gibt es nur einen Tipp, den man guten Gewissens geben kann: sich zu fragen, was die Coachin von mir wissen wollte. Wozu mache ich das? Geht es mir um ein bestimmtes Ziel, das absehbar erreicht werden kann? Arbeite ich länger, weil man das so macht? Oder geht es um rechtliche Fragen, weil mein Arbeitgeber mich zu Überstunden drängt? Das Wozu ist ein gutes Werkzeug, um zu verstehen, wieso die Arbeitszeit oft nicht ausreicht. Und dann zu überlegen, ob es das wert ist oder was man ändern kann.

Von der Brandblase an meinem Fußknöchel ist übrigens nur eine kleine blasse Narbe geblieben. Man sieht sie kaum noch.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels

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