Partner von:

"Wir sollten uns als Wesen akzeptieren, denen nicht alles gelingt"

Nachdenken, Arbeit, Schreibtisch, Mann, Laptop [Quelle: Pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: Pexels.com, Andrea Piacquadio

Ist es wirklich gut, alles immer perfekt machen zu wollen? Eine Psychologin sagt, wann man sich Menschen zum Vorbild nehmen sollte, die es anders handhaben.

Es ist schön, etwas bis ins Detail zu planen und umzusetzen. Es ist weniger schön, sich dann furchtbar zu ärgern, wenn es nicht klappt. Die Psychologin Christine Altstötter-Gleich forscht an der Universität Koblenz-Landau über Perfektionismus. Sie weiß, warum manche Menschen perfektionistischer sind als andere und was die Eltern damit zu tun haben.

ZEIT ONLINE: In Bewerbungsgesprächen hört man oft als Antwort auf die Frage nach der größten Schwäche, dass jemand zu perfektionistisch sei. Ist das überhaupt eine Schwäche? In Wahrheit meint man ja oft damit: Eigentlich bin ich ja richtig gut.

Christine Altstötter-Gleich: Das kommt in der Tat darauf an, zu welcher Gruppe von Perfektionist:innen man gehört. Es gibt ja durchaus Menschen, die mit ihren hohen Ansprüchen sehr gut zurechtkommen. Sie profitieren von dieser Haltung und können ein großer Gewinn für Unternehmen sein. Allerdings ist Perfektionismus auch ein Risikofaktor für stressbedingte Erkrankungen wie Burn-out. Nicht selten ist er auch mit Essstörungen oder sozialen Ängsten verbunden.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Perfektionismus für Sie? 

Altstötter-Gleich: Perfektionismus ist – wie das eben Gesagte vielleicht schon deutlich macht – ein Januskopf. Auf der einen Seite hat er durchaus positive, wenn auch anstrengende Merkmale, wenn man sich ambitionierte Ziele setzt oder hohe Ansprüche hat an das, was man tut. Auf der anderen Seite gibt es die teilweise stark ausgeprägte Angst, zu versagen, eine überkritische Selbstbeurteilung und das Gefühl, den Ansprüchen anderer nicht gerecht zu werden. Das sind Merkmale, die mit dem Risiko, psychisch zu erkranken, verbunden sind und die einen nicht unerheblichen Leidensdruck verursachen können.

ZEIT ONLINE: Warum sind manche Menschen perfektionistischer als andere?

Altstötter-Gleich: Es ist eine Frage der Erziehung. Wenn die Eltern selbst sehr leistungsorientiert waren und immer möglichst viel gut machen wollten, ist das häufig die Basis dafür, dass auch die Kinder perfektionistisch werden.  

Die Gefahr, psychische Probleme zu bekommen, hat damit zu tun, wie Eltern reagieren, wenn Kinder es mal nicht schaffen, sehr gute Leistungen zu bringen.

Christine Altstötter-Gleich, Psychologin

ZEIT ONLINE: Es liegt also an den Eltern?

Altstötter-Gleich: Nicht nur, sie haben aber einen großen Einfluss. Menschen sind oftmals perfektionistisch, weil sie gelernt haben, dass sie über gute Leistungen Aufmerksamkeit bekommen. Wenn ich als Kind erfahren habe, wie wichtig es ist, gut zu sein, nehme ich das mit ins Erwachsenenleben. Das ist per se erst mal nicht schlecht. Die Gefahr, psychische Probleme zu bekommen, hat eher damit zu tun, wie Eltern reagieren, wenn Kinder es mal nicht schaffen, sehr gute Leistungen zu bringen. Sind sie dann kalt und abweisend, kann das zu Versagensängsten führen und die wiederum zu weiteren psychischen Problemen. Kinder, die dagegen merken, dass sie auch mal scheitern dürfen, dann aber trotzdem von den Eltern unterstützt werden, können besser damit umgehen, den eigenen Erwartungen oder denen anderer mal nicht zu entsprechen. Sie haben einen stabileren Selbstwert und sind dann auch weniger anfällig für psychische Probleme.

ZEIT ONLINE: Man kann doch durchaus darauf achten, in einer Tätigkeit kaum bis keine Fehler zu machen, ohne gleich ein schlechtes Selbstwertgefühl zu haben.

Altstötter-Gleich: Natürlich kann man das! Aber wenn das, was man tut, immer von der Angst begleitet ist, zu versagen, wie das auf der Schattenseite des Perfektionismus der Fall ist, dann haben die damit verbundenen negativen Gefühle mittelfristig einen negativen Effekt auf das Selbstwertgefühl.

ZEIT ONLINE: Und was ist, wenn man keine Angst vor dem Scheitern hat, sondern einfach nur keine Fehler machen will? Weil es einem Spaß macht, genau zu arbeiten. 

Altstötter-Gleich: Dann überwiegt eine positive Gefühlslage, die nicht nur den Selbstwert steigert, sondern auch die Psyche schützt.

ZEIT ONLINE: Woran merkt man, ob man noch in einem für sich gesunden Maß perfektionistisch ist? 

Altstötter-Gleich: Daran, dass man sich freuen kann, wenn einem etwas gelungen ist, und dass man es sich aber auch verzeihen kann, wenn man etwas nicht erreicht hat. Wenn einem das gelingt, ohne die hohen Ansprüche an sich selbst aufzugeben, ist man auf einem Weg, der manchmal zwar durchaus anstrengend ist, aber auch Erfolgserlebnisse birgt. 

Oftmals gestehen Menschen sich erst dann zu, nicht perfekt zu sein, wenn die anderen um sie herum zeigen, dass sie ebenfalls nicht perfekt sind.

Christine Altstötter-Gleich, Psychologin

ZEIT ONLINE: Inwiefern kann Perfektionismus krank machen?

Altstötter-Gleich: Wenn die Angst, zu versagen, die Lust, etwas zu bewältigen, überwiegt, dann wird Perfektionismus ungesund. Die am häufigsten damit in Zusammenhang gebrachten Störungsbilder sind Depression, Burn-out, Angst- und Essstörungen. Gerade an den ersten drei lässt sich gut deutlich machen, was die Versagensängste anrichten, wenn sie zu stark werden: Man zieht sich zurück, vermeidet es, die Dinge anzugehen und Probleme zu lösen. Das kann bis hin zu einer völligen Lähmung der Eigeninitiative und zu einem völligen Rückzug aus dem sozialen Leben führen. Das Problem ist, dass Perfektionistinnen und Perfektionisten sich häufig keine oder erst viel zu spät Hilfe holen. Sie versuchen, alles allein hinzubekommen, und verbergen, wenn etwas mal nicht so gut klappt. Oftmals gestehen Menschen sich erst dann zu, nicht perfekt zu sein, wenn die anderen um sie herum zeigen, dass sie ebenfalls nicht perfekt sind.

ZEIT ONLINE: Warum sind diese Vorbilder nötig?

Altstötter-Gleich: Um einordnen zu können, wie ein Verhalten bewertet wird, müssen manche Menschen erst die Erfahrung machen, wie andere darauf reagieren. Vielleicht hatte ich immer Angst, irgendwo zu spät zu kommen, weil ich dachte, dass man mich für furchtbar unzuverlässig hält. Wenn ich dann sehe, dass sich jemand anderes verspätet und die anderen das in Ordnung finden, hilft mir das, meine Angst zu relativieren. Wir richten unser Verhalten im Wesentlichen an erwarteten Konsequenzen aus, die teils schon sehr früh ausgebildet werden. Wenn ich immer negative Konsequenzen erwarte, hilft es vielleicht dabei, mich zu fragen: Was passiert eigentlich, wenn ich diesen Fehler mache? Vielleicht kann ich mir dann eingestehen, dass der Fehler gar nicht so schlimm wäre. Auf Dauer entspannt das. 

ZEIT ONLINE: Sollten wir lernen, uns perfekt in unserer Unvollkommenheit zu fühlen?

Altstötter-Gleich: Ich würde eher sagen, wir sollten lernen, uns als Wesen zu akzeptieren, denen nicht immer alles gelingt. Und wir sollten uns bewusst machen, dass man gerade aus Fehlern sehr viel lernen und sich weiterentwickeln kann.

ZEIT ONLINE: Viele Menschen klagen, mit Job und Privatleben überfordert zu sein. Sie sagen, sie könnten nicht allen Aufgaben gleichermaßen gerecht werden. Hat das auch etwas mit überzogenem Perfektionismus zu tun, den die heutige Leistungsgesellschaft bedingt? 

Altstötter-Gleich: Sicherlich, das trifft beispielsweise viele Eltern. Es gibt für sie zwei große Stressfaktoren. Zum einen das Problem, dass niemand mehr weiß: Was ist eine perfekte Mutter, ein perfekter Vater? Soll ich mein Kind herumtragen, soll es allein im Bett schlafen? Welche Windeln sind die besten? Mit welcher Arbeitszeitregelung wird man Job und Familie am besten gerecht? Oder auch Job und den diversen Hobbys, denen man nachgehen will. Zum anderen haben manche rein emotional den Anspruch, alles richtig machen zu wollen. Aus dieser Kombination – dem Bedürfnis, perfekt zu handeln, aber nicht zu wissen, was perfektes Handeln ist – entsteht ein riesiger Druck. 

ZEIT ONLINE: Wie kann man den Druck loswerden?

Altstötter-Gleich: Es kann entlasten, zu erkennen: Andere machen auch nicht alles perfekt. Und es kann helfen, sich eine etwas weitere Sicht auf die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten anzueignen. Sich zu überlegen: Was finde ich selbst eigentlich gut an mir? Was sind meine Stärken? Auf diese Weise kann man lernen, sich mehr zu akzeptieren. Es ist ein wichtiger Schritt, um sich von den Vorstellungen der anderen lösen zu können. Ein Problem entsteht erst, wenn wir uns selbst schlecht finden, weil andere uns schlecht finden. 

Es ist wichtig, sich immer wieder zu hinterfragen: Wer kann mir wie helfen?

Christine Altstötter-Gleich, Psychologin

ZEIT ONLINE: Müssen Eltern denn perfekt sein, also wird das gesellschaftlich erwartet?

Altstötter-Gleich: Ich denke, die meisten Eltern wollen ihr Bestes geben, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, und ich sehe auch, dass das gesellschaftlich erwartet wird. Perfektion ist das aus meiner Sicht noch nicht, aber immerhin ein hoher Anspruch. 

ZEIT ONLINE: Laut eines Berichts des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2018 verschlechterte sich in den Jahren nach der Geburt eines Kindes das mentale Wohlbefinden bei einem Drittel aller Mütter deutlich. Sie fühlen sich sehr belastet. Sind sie zu perfektionistisch?

Altstötter-Gleich: Teilweise ja, wobei man sagen muss, dass es auch schwer ist, die vielen Verpflichtungen mit Familie und Beruf hinzukriegen. Es braucht viel mehr Unterstützung für Frauen, besonders für Mütter. Aber wenn ich diese Unterstützung dann nur annehme, wenn dabei alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, steht mir eben auch mein Perfektionismus im Weg. Es ist wichtig, sich immer wieder zu hinterfragen: Wer kann mir wie helfen? Würde ich die Unterstützung akzeptieren? Möchte ich überhaupt einen Teil der Verantwortung abgeben oder will ich lieber die Kontrolle behalten? Wenn ich feststelle, ja, ich möchte die Verantwortung teilen, hilft es oft, am Umgang mit Fehlern zu arbeiten: Wie gehe ich damit um, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen soll? Wenn mein Kind zum Beispiel keinen Sonnenhut trägt und die Leute mich deswegen schräg anschauen, mich vielleicht jemand darauf anspricht: Ist das denn wirklich so schlimm für mich? 

ZEIT ONLINE: Ist es das dann nicht?

Altstötter-Gleich: Das muss ich für mich selbst bewerten. Wenn es wirklich schlimm ist, habe ich zumindest in Zukunft die Chance, diesen Fehler nicht noch einmal zu machen. Je mehr wir an unserem Umgang mit Fehlern arbeiten, desto weniger angreifbar werden wir. Da können wir uns ein Beispiel an Kindern nehmen: Sie lernen laufen, indem sie fallen. Und dabei lernen sie, irgendwann zu laufen und nicht mehr zu fallen. Wer Fehler als potenzielles Lernfeld behandelt, dem eröffnen sich neue Möglichkeiten. Natürlich möchte niemand bewusst Fehler machen. Aber wenn es passiert, ist das auch eine Chance für mich: mir anzuschauen, welche Konsequenzen sich aus diesem Fehler ergeben. Und herauszufinden, ob sie so schlimm wären.

ZEIT ONLINE: Dann ist man weniger perfektionistisch? 

Altstötter-Gleich: Oft. Ich versuche ja nur, so gut wie nur möglich zu sein, weil ich alles tun will, um zu vermeiden, einen Fehler zu machen. Wenn man merkt, dass Fehler häufig gar nicht so schlimm sind, wird man toleranter mit sich selbst und mit anderen. Und irgendwann kann man vielleicht feststellen, dass man die Menschen besonders gern mag, die auch Fehler machen. Vielleicht sogar dieselben Fehler wie man selbst.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.