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Pille rein, weiter geht’s

Businessman, Arbeit, Stress, Druck [Quelle: unsplash.com, Autor: awmleer]

Quelle: unsplash.com, awmleer

Hirndoping in der Arbeitswelt ist ein Tabu – mit schlimmen Folgen. Je dichter der Alltag wird, desto verlockender werden die Drogen.

Der Mann im Coaching wirkt gestresst und niedergeschlagen. Er habe gerade ein unglaublich schlechtes Ergebnis im 360-Grad-Feedback bekommen, erzählt er dem Berater, Hans Jürgen Heinecke. Mit dem Feedback wird die Leistung von Fach- und Führungskräften aus verschiedenen Perspektiven beurteilt. Nicht nur Kollegen hätten ihm sehr schlechte Noten gegeben, sagt der 45 Jahre alte Mann, sondern auch seine Mitarbeiter und Kunden – das habe ihn getroffen. Der Mann ist im Vorstand eines internationalen Konzerns zuständig für Produktentwicklung und Produktion. Auch privat habe er Probleme. Seine Frau habe mit Trennung gedroht, weil er sich um nichts mehr kümmere – weder um die Teenager-Kinder noch ums Haus, die Ehe, die Urlaubsplanung. Kein Wunder. Der Mann arbeitet meist zwölf Stunden am Tag.

Auf Hans Jürgen Heinecke, der Vorstand im Fachverband Personalmanagement im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater ist und seit 1995 vor allem Führungskräfte coacht, wirkt der Klient in den ersten Sitzungen selbstbewusst, dann aber zunehmend fahrig, unkonzentriert und erschöpft. "Ich muss ja schon Tabletten nehmen, um durch den Tag zu kommen", erzählt ihm der Mann. Ephedrin nehme er regelmäßig, ein Medikament, was ähnlich wirkt wie das Stresshormon Adrenalin und offiziell nur zur intravenösen Behandlung von Blutdruckabfall im Rahmen einer Rückenmark-Betäubung zugelassen ist. Ohne die Tabletten schaffe er seine Arbeit nicht mehr, sagt der Mann.

Heinecke coacht ständig acht bis zehn Führungskräfte parallel. Von ihnen erzählt im Schnitt mindestens einer, er würde Medikamente nehmen, weil er sonst im Beruf nicht klarkäme. "Oft ist das das klassische Managerproblem", sagt Heinecke. "Perfektionisten, hohe Ansprüche an sich selbst und frustriert, wenn sie nicht das Resultat erzielen, das sie sich wünschen. Bevor sie aber ihren Führungsstil ändern, ihren Lebensstil und ihr Verhalten hinterfragen, greifen sie lieber zu Pillen."

Viele Substanzen im Einsatz

Versucht man seine geistige Leistungsfähigkeit mit bestimmten Substanzen zu steigern, wird das Hirndoping oder pharmakologisches Neuroenhancement genannt. Verwendet werden frei zugängliche Substanzen wie Kaffee, Tee, Energydrinks, Koffeintabletten, Vitaminpräparate oder Traubenzucker, aber auch verschreibungspflichtige Medikamente: Methylphenidat und Amphetamin, was normalerweise Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsyndrom (ADHS) bekommen, und das pharmakologisch verwandte Ephedrin sowie Modafinil, das Ärzte gegen krankhafte Schläfrigkeit verschreiben.

Hirndoping kann man aber auch mit illegalen Drogen wie Kokain und mit illegal hergestelltem Amphetamin oder Methamphetamin betreiben. All das sind Stimulanzien, Substanzen, die anregend wirken. Manche Menschen nehmen auch nichtstimulierende Mittel wie Ginkgo biloba, Antidementiva, die sonst Menschen mit Alzheimer bekommen, Antidepressiva oder Blutdruckmedikamente, um ihr Gedächtnis zu verbessern, Unsicherheit und Schüchternheit zu überwinden, Stress und dessen körperliche Symptome wie Herzklopfen abzubauen. Oder um die Stimmung zu heben.

Wie weit Neuroenhancement in der Arbeitswelt verbreitet ist, darüber gibt es nur grobe Schätzungen. "Wer gibt schon gerne zu, dass er Hirndoping macht?", sagt Ulrich Preuss, stellvertretender Vorsitzender in der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin und Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Herborn. "Und auch wenn in Umfragen anonymisiert gefragt wird, ist die Angst groß, dass es doch irgendwer im Kollegenkreis herausfinden könnte." Gemäß europäischem Drogenbericht haben im Jahr 2018 schätzungsweise vier von 100 Personen zwischen 15 und 64 Jahren schon mal Kokain genommen und ähnlich viele Amphetamine. 3.406 Personen waren in dem Jahr wegen ihres Kokainkonsums in Behandlung, 3.580 wegen Amphetamin-Missbrauchs. Aus diesen Zahlen geht jedoch weder hervor, was die Betroffenen beruflich machen, noch, ob die Drogen überhaupt aus beruflichen Gründen konsumiert wurden. Angaben aus Deutschland, wie oft Menschen Hirndoping betreiben, stammen vor allem aus Studien mit Studenten, Chirurgen und in der Wirtschaft tätigen Personen. Je nach Studie sind es mal weniger als einer von 100, mal mehr als 20 von 100. "Die Daten machen es uns unmöglich, ein genaues Bild zur Verbreitung zu generieren", sagt Andreas Franke, der über Hirndoping forscht und die einschlägigen Studien mit geleitet hat.

Rezepten von Freunden oder Familie

Die rezeptpflichtigen Hirndoping-Mittel verschaffen sich die Betroffenen gemäß Umfragen meist aus dem Internet. Sich illegal Amphetamine zu besorgen scheint kein großes Problem zu sein. Im Jahr 2020 wurden in der Europäischen Union 21,2 Tonnen illegal hergestellte Amphetamine sichergestellt. Es wurden mehr als 350 Drogenproduktionseinrichtungen zerschlagen, darunter 78 Amphetamin-Labore in Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Polen und Schweden.

Auch mithilfe von Rezepten von Freunden oder Familie, die diese Medikamente wegen ihrer Krankheit brauchen, kommen Betroffene an ihre Drogen, manchmal auch mit Gefälligkeitsrezepten von Ärzten. Ernst Pallenbach, Fachapotheker für Klinische Pharmazie aus Emmendingen, der seit Jahrzehnten in der Suchthilfe und Suchtprävention arbeitet, will seine Kollegen mehr in die Pflicht nehmen. "Apotheker müssen Rezepte für ADHS-Medikamente mehr hinterfragen und bei Auffälligkeiten erst mal den Arzt anrufen, bevor sie die Medikamente abgeben", sagt er. Auch im Falle der rezeptfreien Koffeintabletten hätten Apotheker eine wichtige Schutzfunktion. "Dem Kunden erklären, dass eine Tablette so viel ist wie zwei bis drei Tassen Kaffee, dass es zu Nebenwirkungen kommen könne, vorsichtig damit umgehen, also niedrig dosieren und nicht mit Kaffee oder Energydrinks kombinieren."

Bisher gibt es noch kein Medikament, das nebenwirkungsfrei und zuverlässig die Hirnleistung über alle kognitiven Domänen hinweg steigern kann. Koffein steigert die Aufmerksamkeit, und man arbeitet etwas konzentrierter damit. Amphetamin, Modafinil und Methylphenidat steigern ebenfalls Aufmerksamkeit, Konzentration und Denkvermögen und können die Leistungen in computerbasierenden Tests verbessern. Demgegenüber stehen die Risiken. Um nur einige zu nennen: Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Nervosität, Stimmungsschwankungen, Herzrhythmusstörungen und ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Bei regelmäßigem Konsum von Amphetamin und Kokain kann man abhängig werden, mit dauerhaften Folgen für Körper und Psyche. Abgesehen davon sind die Betroffenen auch ein Problem für den Arbeitgeber, etwa durch Fehler, Produktivitätsabfall oder Krankschreibungen.

Michael Soyka, Professor für Psychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, sieht in seiner Sprechstunde immer mal Patienten, die ihr Hirndoping nicht im Griff haben. "Natürlich erzählen die mir nicht als Erstes, sie würden Hirndoping machen", sagt Soyka. "Sondern sie klagen darüber, dass sie nicht mehr abschalten können, sich ausgebrannt fühlen, Schlafstörungen oder Stress in der Ehe haben." Fragt der Psychiater dann vorsichtig nach, ob sie ihrem Hirn denn schon mal mit Medikamenten auf die Sprünge geholfen hätten und ob sie Hilfe bräuchten, seien die meisten erleichtert. Manchmal reichen zwei bis drei Sitzungen, um von den Medikamenten loszukommen, andere brauchen wochenlang regelmäßige Termine. Einen Klinikaufenthalt habe er bisher selten empfehlen müssen, sagt Soyka.

Fachleute sehen Mitschuld bei heutiger Arbeitswelt

Es gibt kein standardisiertes Therapiekonzept, um von Hirndoping loszukommen. Zunächst gilt es, die medizinischen Probleme zu behandeln, also etwa eine Depression oder Stoffwechselstörung. Dann versucht Soyka mit Betroffenen herauszufinden, was sie mit den Medikamenten erreichen möchten und wie sie davon loskommen können: Die Work- life-Balance überdenken, reflektieren, dass der Job nicht das einzig Wichtige im Leben ist, Entspannungstechniken lernen. "Manche ziehen dann die Konsequenz und wechseln den Job", sagt er.

Fachleute sehen auch die heutige Arbeitswelt als mitschuldig daran, wenn jemand Neuroenhancer verwendet. Der Berufsalltag ist – gerade in den Führungsetagen – geprägt von Leistungsdruck und dem Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen. Durch die Digitalisierung werden wir täglich mit Informationen überschüttet, die ständige Datenflut führt zu Reizüberflutung und Überforderung. Und statt Work-Life-Balance haben wir, verstärkt durch die Pandemie, Work-Life-Blending: Die Grenzen zwischen Arbeit und Zuhause verschwimmen.

Neuroenhancement sei die Antwort auf die heutige Arbeitswelt und ihre Auswirkungen auf das Individuum, sagt auch Personal Coach Heinecke. Hier versucht er in seiner Beratung anzusetzen. "Ziel ist es, eine Strategie zu entwickeln, wie man auf die Tabletten verzichten kann", sagt er. "Wie die aussieht, hängt davon ab, welche Probleme oder Charaktereigenschaften einen in die Situation gebracht haben." So hat er bei dem eingangs geschilderten 45 Jahre alten Klienten rasch gemerkt, dass dieser ein übertriebenes Kontrollbedürfnis hat und sich für Fehler im Unternehmen persönlich schuldig fühlte. Heinecke hat mit dem Mann geübt, wie er den Kontrollzwang loslassen kann. Nach sieben Monaten und rund einem Dutzend Coaching-Sitzungen brauchte der Mann das Ephedrin nicht mehr.

Psychiater Preuss hat noch einen Tipp, wie man als Kollege oder Vorgesetzter merken kann, wenn jemand Hirndoping betreibt, und wie man Hilfe anbietet: "Wirkt der Mitarbeiter öfter mal euphorisch, springt von einem Thema zum anderen, ist leicht reizbar und streitet gerne, sollte man hellhörig werden", sagt er. "Natürlich würde ich nicht fragen: Machst du Hirndoping? Sondern eher sagen, dass man sich Sorgen mache, ob es ihm gut gehe. Ich würde ein Gespräch anbieten."

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