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Wenn Eltern alt werden, kommt die Schwermut

3. Wenn Eltern alt werden, kommt die Schwermut

Kurz vor den Sommerferien traf ich meinen Vater zum Mittagessen. Seine offizielle Verabschiedung als Lehrer in den Ruhestand hatte er in derselben Woche schon hinter sich gebracht, der letzte Schultag stand aber noch aus. In einem ruhigen Moment gestand er mir, dass er sich zwar auf die Rente freue, aber auch wehmütig in die Zukunft blicke. "Jetzt beginnt der letzte Teil meines Lebens", sagte er. Dieser Satz treibt mir heute noch die Tränen in die Augen.

4. Wenn Eltern alt werden, ist mehr Zeit – und dann plötzlich ganz wenig

Meine Eltern waren schon immer älter als die der anderen. Ich habe nie erwartet, mit ihnen über den Spielplatz zu rennen. Graue Haare, lauter Fernseher, beige Klamotten – ich kannte es schon als Kind nicht anders. Auch als junger Mann überraschte es mich Mal für Mal, wie modern die Eltern meiner Freunde noch waren: Tablet statt Tablettendose am Frühstückstisch.

Das hohe Alter meiner Eltern hat aber auch Vorteile: Schon zu meiner Schulzeit waren die beiden Rentner und hatten dementsprechend viel Zeit für meine Schwester und mich. Viele meiner Freunde haben ihre Eltern kaum gesehen. Ich hingegen war mit meinen ständig unterwegs: im Fußballstadion, bei Konzerten, Städtetrips, auf kleinen Weltreisen und vor allem zu Hause.

Wir hatten ja Zeit.

Es war zwar absehbar, dass meine Eltern nicht ewig im frischen Rentenalter bleiben würden. Aber wie die Zeit dann plötzlich zuschlug, hat mich überrascht. Ich war bereits ausgezogen, hatte angefangen woanders zu studieren und sah meine Eltern nur noch unregelmäßig – und oft in kleinen Urlauben, etwa in New York 2015. Wir standen an einem Hot-Dog-Stand, irgendwo Downtown Manhattan. Viele Menschen, viele Geschäftsleute. Alles war schnell-schnell. Und dann war da mein Vater. Als er in der Schlange mit schildkrötenhafter Gemächlichkeit die Dollarnoten durchblätterte und ich genervtes Stöhnen aus der Schlange hörte, merkte ich, dass er ein tatteriger, alter Mann war. Für andere war er das vielleicht schon lange. Für mich wurde er es in diesem Moment.

Meine Eltern sind inzwischen Mitte 70. Sie reden nicht gerne über die Alterserscheinungen. Aber ich ertappe mich selbst dabei, wie ich ihnen Aufgaben abnehme, weil ich denke, dass sie das nicht mehr schaffen.

Ich war es gewohnt, dass meine Eltern alt waren. Die weißen Haare und der laute Fernseher waren aber immer nur Stör-, keine Warnsignale. Jetzt sehe ich die krumme Haltung, die mit Arztterminen gefüllten Terminkalender und ungelenken Bewegungen der beiden und ich kann die Warnung nicht mehr überhören. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit.

5. Wenn Eltern alt werden, steht der Abschied mitten im Alltag

Die Eltern meiner Freunde sind vierzig, fünfzig Jahre alt und gesund. Mein Vater ist alt. Ich weiß es, wenn er mit zittriger Hand im Abendessen herumpikst. Wenn er mein angebliches Genuschel nicht versteht oder mit seiner Lungenkrankheit zu kämpfen hat. Er wird bald schon 70. Weil die Rente aber nicht zum Leben reicht, arbeitet er immer noch in Vollzeit. Leider lässt ihm die viele Arbeit auch im Privatleben keine Ruhe. Er schläft schlecht, ist gereizt und erschöpft.

Ich bin 21 Jahre alt und muss mir jetzt schon Gedanken über das Erbe machen und über die Pflege, die er in ein paar Jahren benötigen wird. Es schmerzt sehr zu wissen, dass ich auch eine von denen sein werde, "die früh ihren Vater verloren haben". Bei jedem Streit überkommt mich im Anschluss ein komisches Gefühl. Ich sollte nicht mit ihm streiten, weil ich schon in wenigen Jahren bereuen werde, überhaupt mit ihm gestritten zu haben.

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Lieber Robert, vielen Dank für deine Geschichte und dein Feedback! Wie man das Altwerden der eigenen Eltern erlebt, ist sicher sehr individuell und hängt natürlich auch davon ab, wie alt die Eltern sind. Und wohl auch davon, wie groß die Altersdifferenz zwischen Kind und Eltern ist. Viele Grüße Magdalena

  2. Anonym

    Ich finde den Artikel überraschend einseitig. Natürlich sind die Storys rührend, aber es klingt aus allen heraus, dass die betreffenden Eltern überdurchschnittlich alt sind. Deshalb möchte ich ein kleines Gegenbeispiel erzählen. Meine Eltern sind "alt", obwohl sie in Relation unglaublich jung sind. Ich bin 26, meine Eltern zwischen zwischen 50 und 55. Tatsächlich kann man mit beiden echt noch viel unternehmen - Radtouren, Tischtennis spielen, verreisen... ohne dass man das Gefühl hat, mit einem Rentner zusammen zu sein. Was sich allerdings bei meinen Eltern in puncto alt werden sehr deutlich abzeichnet, ist, dass ihre Ansichten mittlerweile etwas hinter der Moderne zurückbleiben. Man hört öfter "das war schon immer so...", die Offenheit neues zu entdecken (Essen, Hobbies, weitere Reiseziele) nimmt spürbar ab. Und es setzt eine gewisse "Ich bin mittlerweile jemand, du junger Spund brauchst mir nix zu sagen."-Haltung ein, ohne dass ein Erkennen, dass wir Kids mittlerweile ja auch "schon groß" sind, wirklich zu Tage tritt (bei mir trotz mittlerweile 8 Jahren eigenem Haushalt). Zurückführend auf den Artikel betrachte ich eben diese sehr unterschiedlichen Zeichen des alt werdens unserer Eltern auch mit einer Mischung aus Erstaunen, Irritation und Traurigkeit. Auch mit eigentlich so jungen Eltern... Und trotz meiner anfänglichen Kritik: danke für die Story!

  3. Anonym

    super Artikel, der mir die Tränen in die Augen getrieben hat an den emotionalen Stellen. Ja, so ist es. Vor allem emotional muss man damit umgehen lernen. Danke für diese tollen Zeilen!

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