Partner von:

Ein Leben ohne Filter

Hochsensibilität, Chaos, Überforderung, Reizüberflutung [Quelle: unsplash.com, Peter Nguyen]

Quelle: unsplash.com, Peter Nguyen

#nofilter, jeden Tag, für immer: Hochsensible Menschen überflutet die Welt mit ihren Reizen. Michael Jack berichtet von den Konsequenzen seiner Hochsensibilität für Privat- und Berufsleben, und wie er lernte, damit umzugehen.

Herr Jack, was ist Hochsensibilität?

Wir alle nehmen über unsere Sinne permanent Informationen aus unserer Umwelt wahr. Bei der Mehrheit der Menschen werden die meisten Sinneswahrnehmungen als irrelevant herausgefiltert. Bei Hochsensiblen aber, so unsere Vermutung, sind diese Filter durchlässiger; es kommen mehr Informationen an und es müssen folglich auch mehr Informationen verarbeitet werden. Dadurch sind die Verarbeitungskanäle schneller überlastet und es entsteht ein höheres Bedürfnis, nach reizintensiven Erfahrungen eine Auszeit zu nehmen. Umgekehrt hat Hochsensibilität den Vorteil der tendenziell tieferen und gründlicheren Verarbeitung. Es wird auch berichtet, man sehe mehr Details.

Bedeutet Hochsensibilität eine grundsätzlich leichtere Reizbarkeit über alle Sinne hinweg, oder betrifft sie zusätzlich einen Sinn im Besonderen?

Generell soll es der Hörsinn sein, der sich am stärkten bemerkbar macht. Das kann ich auch bezeugen. Theoretisch können aber alle Sinnesmodalitäten intensiver sein.

Sind die neurologischen Hintergründe von Hochsensibilität schon ansatzweise erforscht?

Schon vor Elaine Aron, der Pionierin auf dem Gebiet der Hochsensibilität, nahmen Wissenschaftler an, Sensibilität hänge mit einem "durchlässigeren" Thalamus zusammen. Erste Studien mit funktioneller Magnetresonanztomographie zeigen, dass sich bei (laut standardisiertem Fragebogen) hochsensiblen Personen tatsächlich eine stärkere Aktivität in bestimmten Hirnregionen messen lässt. Das erklärt im Grunde gar nichts – aber wenn Sie eine neurologische Erklärung haben wollen, dann würde ich sagen: Ein Hochsensibler hat wohl einen leicht erregbaren Thalamus. Mir ist das aber nicht so wichtig.

Theoretisch können ja auch andere Charaktereigenschaften auf Hirnstoffwechselprozesse zurückgeführt werden, ohne dass es jemanden interessiert.

Schön, dass Sie das sagen! Hochsensibilität betrachten wir nämlich in der Tat als Eigenschaft, nicht als Krankheit.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Nicht-Hochsensible selbst mit gutem Willen kaum nachvollziehen können, welche "Grievances" Hochsensible haben. Können Sie trotzdem versuchen, zu erklären, wie sich Hochsensibilität anfühlt?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich befinde mich mit Kollegen in einer partyähnlichen Situation, auf dem Fernseher laufen Musikclips. Die Kollegen unterhalten sich normal – aber mich stört als Einzigen die Musik vom Fernseher. Die Kollegen sind nett und stellen den Fernseher leise – aber dann nervt das Geflimmere im Augenwinkel. Jetzt zu verlangen: "Leute, macht doch den Fernseher komplett aus", das ist zu viel. Da muss ich durch.

Je nach Gesamtzustand des Nervensystems ist eine solche Situation mehr oder weniger irritierend. Wenn ich keine Coping-Techniken anwende, entsteht eine akute, extrem unangenehme Reizüberflutung. Wir alle kennen das Gefühl des Genervtseins: Drehen Sie dieses Gefühl ein bisschen hoch und in Richtung Schmerz …

Die Situation, die Sie skizziert haben, spielt sich im Kollegenkreis ab. Hochsensibilität beeinflusst also die soziale Interaktion und damit Networking, Socializing und letztlich die Karriere?

Ja! Wobei ich hier wiedergeben muss, was andere berichten. Ich persönlich merke im Berufsleben aufgrund meiner individuellen Arbeitsumstände relativ wenig: Ich führe als Jurist viele Gespräche von Angesicht zu Angesicht und arbeite im Einzelbüro. Tendenziell ist es aber so, dass Hochsensible Eins-zu-eins-Gespräche lieber mögen als Gruppendiskussionen, bei denen zahllose Reize von unterschiedlichen Personen auf sie einströmen. In Gesprächen unter mehreren Menschen entstehen immer mindestens zwei Gespräche gleichzeitig – da wird es für Hochsensible schwierig, beide simultan zu verfolgen. Für Netzwerksituationen am Feierabend oder auf Events gilt die Gefahr der Reizüberflutung in verschärfter Form.  Auch das Großraumbüro ist für Hochsensible ein Problem: Zu den vielen akustischen Reizen kommt das permanente Gewusel, vielleicht der Luftzug und so weiter.

nach oben

Ohne Stil zum Erfolg? Davon kann auch heute keine Rede sein. Im Gegenteil, Etikette gewinnt wieder an Bedeutung. Was es bei der geschäftlichen Kommunikation zu beachten gibt.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentar (1)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Erwähnt werden hätte noch können, dass Hochsensibilität, wie sie hier beschrieben wird, verbunden mit anderen Symptomen auch auf Autismus oder ADHS hinweisen kann, sodass man bei entsprechenden Anhaltspunkten vielleicht auch mal in diese Richtung nachforschen sollte.

Das könnte dich auch interessieren