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Surfen Work-Life-Balance [Quelle: Unsplash.com, Morre Christophe]

Quelle: Unsplash.com, Morre Christophe

Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Früher führte der Weg zum Glück über Geld, Macht und Status. Doch eine neue Generation von Führungskräften strebt nicht nach einer steilen Karriere, sondern nach dem guten Leben. Ein lehrreicher Besuch bei denen, die es geschafft haben.

Rüdiger Striemer brauchte vier Tage an der Ostsee, die Füße im Sand, die Augen aufs Wasser gerichtet, um sein Leben neu zu ordnen. Zwölf Jahre lang hatte er dafür geschuftet, aus einem 30-Mann-Betrieb den internationalen IT-Dienstleister Adesso zu formen, mit mehr als 2000 Mitarbeitern und 18 Niederlassungen weltweit. Eine echte Erfolgsgeschichte.

Doch im Jahr 2011 erlitt er einen Burn-out und stieg aus. Zwei Monate lang begab sich Striemer zur Behandlung in eine psychiatrische Klinik, dann kehrte er zurück in sein Büro. Zunächst dachte Striemer, er habe wieder genug Lust auf die Vorstandsetage.

Nach seiner Rückkehr stellte er sich immer wieder eine Frage: Will ich diesen Job wirklich bis zur Rente machen? Ein wichtiger Teil von ihm, das konnte er mit Blick auf die Ostsee nicht mehr leugnen, verkümmerte auf der Vorstandsetage. "Nach der Zeit in der Klinik habe ich mich verändert", erinnert sich Striemer. "Der Job passte nicht mehr zu mir. Andere Dinge waren mir wichtiger."

Zum Beispiel Schreiben. Um seinen Burn-out zu verarbeiten, verfasste er ein Buch. Dabei stellte er fest, dass ihm kreatives Arbeiten liegt. Bloß: Sein Vorstandsposten ließ ihm dafür keine Zeit. Seine Prioritäten hatten sich verändert, deshalb veränderte er seine Position. Und sein Leben.

Striemer kletterte die Karriereleiter freiwillig hinab, inzwischen ist der 49-Jährige verantwortlich für das Adesso-Marketing und die Geschäfte in der Schweiz, Österreich und der Türkei. Zwar hat er immer noch personelle und finanzielle Verantwortung, aber er steht nicht mehr in der ersten Reihe. Und arbeitet deutlich weniger. So bleibt ihm mehr Zeit für sich, für Spaziergänge durch die Straßen Berlins oder in den umliegenden Wäldern – und für die Arbeit an seinem zweiten Buch. "Ich frage mich heute stets, ob das, was ich gerade mache, zu meiner Zufriedenheit beiträgt", sagt Striemer.

Die Sehnsucht nach dem guten Leben

In der Wirtschaftswelt von gestern hat man einen wie Striemer gern als Gescheiterten abgetan. Als einen, der nicht stark genug ist für die Belastung, die eine Karriere im Topmanagement mit sich bringt. Den man belächelt, weil er auf die Annehmlichkeiten der obersten Führungsebene verzichtet, auf sechsstellige Boni, persönliche Assistenten und den eigenen Fahrer – auf die Insignien eines Erfolgsmanagers, dessen Meriten sich in Geld, Macht und Statussymbolen ausdrücken. Und den man nach seinem Rückzug abhakt: Schade um das große Talent.

In der Wirtschaftswelt von heute wird einer wie Striemer für seinen Mut und seine Authentizität bewundert: Was zählt, ist der Wunsch nach einem Leben, das sich nicht nur über das richtige Laufbahn-Management und den materiellen Erfolg definiert; das sich nicht buchstäblich erschöpft in Karrierekalkülen und Optimierungsgedanken, sondern das sich Zeit nimmt und Raum lässt für Zwischenmenschlichkeiten, für umfassende Weltbeziehungen und Resonanzerfahrungen, für Familie, Sport, Kunst, Reisen, Religion – und Arbeit.

"Es gibt ein Umdenken", sagt die Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Vor zwei Jahren startete die Soziologin eine Studie, um herauszufinden, was den Deutschen im Leben wichtig ist. Mehr als 3000 Personen erklärten sich zu ausführlichen Interviews bereit. Arbeit, sagt Allmendinger, habe zwar immer noch einen hohen Stellenwert in der deutschen Gesellschaft. Aber den Menschen gehe es dabei nicht um "Geldverdienen und Karrieremachen um jeden Preis", sondern auch um sozialen Austausch, um "die Nähe zu Leuten, die man schätzt, und eine sinnvolle Tätigkeit".

Sicher, schon immer gab es Führungskräfte, die aus dem sprichwörtlichen Hamsterrad der Karriere ausstiegen; die gerne auf Gehalt verzichteten, wenn sie stattdessen um 16 Uhr bei ihrer Familie zu Hause sein konnten; denen das Wochenende heilig war, weil Samstag und Sonntag der Familie gehörten; die ihren Lebenszweck nicht in Unternehmenskennzahlen suchten. Doch was früher beargwöhnte Ausnahme war, wird heute zur breit anerkannten Regel. Hochrangige Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Sport schmücken sich geradezu damit, nicht ausschließlich für den Job zu leben.

Hannes Ametsreiter, der Chef von Vodafone Deutschland, arbeitet nur vier Tage in der Woche in der Düsseldorfer Zentrale; einen Tag verbringt er in München, bei seiner Frau und den beiden Töchtern. Die Familie sei "ein wichtiger Teil" in seinem Leben, sagte er vor wenigen Wochen dem "Focus": "Und was einem wichtig ist, dafür muss man sich Zeit nehmen." Jim Hagemann-Snabe, damals Co-Chef bei SAP, wechselte im Mai 2014 in den Aufsichtsrat, um in einem "neuen beruflichen Lebensabschnitt mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen".

Auch beim ehemaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel war das Private ein Grund, sich aus der Parteipolitik zurückzuziehen. Im Interview mit dem "Stern", in dem er seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur verkündete, sagte er: "Ich kann seit rund zehn Jahren in meinem Leben zum ersten Mal sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch." Zu seiner Vereidigung als Außenminister beim Bundespräsidenten brachte er seine Frau und seine Tochter mit.

Der ehemalige Nationalspieler Matthias Sammer wiederum löste nach einem leichten Schlaganfall seinen Vertrag als Sportvorstand beim FC Bayern München auf. "Ich wollte diese Intensität nicht mehr", sagte Sammer dem "Tagesspiegel". Derzeit kümmert er sich als Mentor um Jugendliche, die den Weg in den Profifußball suchen.

Aber was genau gewinnen Erfolgsmanager durch den Verlust von Stress und Ansehen, von Zeitdruck und Bonuszahlungen? Wie schaffen Manager den Spagat zwischen ihren beruflichen Ambitionen und seelischen Bedürfnissen? Kann und soll man das überhaupt trennen: ein durchgetaktetes Arbeits-Ich fürs gefüllte Portemonnaie – und ein entspanntes Freizeit-Ich fürs erfüllte Gemüt? Wie definieren Wissenschaftler ein erfolgreiches, gelungenes Leben – und was können wir davon lernen?

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