Partner von:

Digitale Verwalter, analoge Probleme

Finanzen Vermögen Vermögensverwaltung [Quelle: Unsplash.com, Autor: rawpixel]

Quelle: Unsplash.com, rawpixel

Die Zahl der Online-Vermögensverwalter wächst. Sie alle bieten automatisierte und günstige Geldanlagen. Noch mangelt es aber an individueller Hilfe für unerfahrene Anleger.

Wenn die Aktienkurse plötzlich einbrechen, geraten Privatanleger schnell in Panik. Das haben jüngst auch sogenannte Robo-Advisors zu spüren bekommen. Als der Dow Jones an einem Tag 4,6 Prozent verlor, hielten die Internetseiten solcher automatisierter Vermögensverwalter in den USA wie Betterment und Wealthfront dem Ansturm der Kunden nicht stand. Die IT war kurzzeitig überlastet, und die Kunden konnten nicht in ihre Depots schauen. Bei deutschen Anbietern wie Vaamo, Scalable Capital oder Cominvest gab es den Firmen zufolge keine Ausfälle. Auch die Zahl der Kundenanfragen sei kaum höher gewesen als sonst, und es habe nur leichte Kapitalabflüsse gegeben. Dennoch zeigt die Erfahrung aus den USA: Anleger können mit Marktentwicklungen schnell überfordert sein, brauchen dann Unterstützung.

In Deutschland gibt es mehr als 20 solcher digitalen Vermögensverwalter, auf die private Kunden direkt zugreifen können. Diese Robos werben damit, dass sie sich "unabhängig und professionell" oder "persönlich und modern" um das Vermögen kümmern. Entstanden ist die Geschäftsidee in den USA, wo die Pioniere Betterment und Wealthfront zusammen über 20 Milliarden Dollar verwalten. In Deutschland sind erste Anbieter seit 2013 aktiv. Die meisten schweigen zu ihrem verwalteten Vermögen. Insgesamt dürften es mindestens 1,4 Milliarden Euro sein, wobei der Großteil bei Scalable Capital liegt. Bereits im November durchbrachen die Münchener die Marke von 600 Millionen Euro Kundenvermögen und wachsen nach eigenen Angaben täglich um zwei bis vier Millionen Euro. Zur Beschleunigung trägt eine Kooperation mit der Direktbank ING Diba seit Herbst 2017 bei. Experten erwarten, dass auch andere Anbieter bald Fahrt aufnehmen. So schätzt die Unternehmensberatung Oliver Wyman, dass Robo-Advisors hierzulande am Jahresende rund vier Milliarden Euro verwalten.

Längst kommen die Angebote nicht mehr nur von Start-ups. Die Quirinbank hat ihren Robo Quirion schon Ende 2013 gestartet. Im vergangenen Jahr folgten die Comdirect mit Cominvest und die Deutsche Bank mit Robin. Manche Banken, wie M.M. Warburg, nutzen für ihren Robo die Technologie von Finanz-Start-ups.

Die finanzielle Situation der Kunden wird bisher zu oberflächlich verfasst.

Andreas Oehler

Allen Anbietern ist gemein, dass sie eine automatisierte und kostengünstige Geldanlage ermöglichen wollen. Die Bezeichnung Robo-Advisor führt dabei etwas in die Irre, denn das Vermögen wird längst nicht allein von Robotern gesteuert – meist setzen die Anbieter auf die Kombination von Algorithmen und menschlichem Know-how.

Echte Beratung gibt es dabei nicht. Wer die Anbieter kontaktiert, bekommt meist technische Unterstützung. Tipps zur Wahl des Anlagebetrags und eines passenden Risikoniveaus sind nicht die Regel. Es gibt sie etwa bei Liqid und Scalable Capital. Quirion verlangt dafür einen Aufpreis. Auch rechtlich sind die Anbieter keine Berater, sondern mehrheitlich Vermögensverwalter. Sie selbst bezeichnen sich daher meist als digitale Vermögensverwalter.

Schon das Kennenlernen läuft komplett digital. Ein traditioneller Vermögensverwalter würde mit neuen Kunden persönlich ihre finanzielle Situation, ihre Erfahrung am Kapitalmarkt, ihre Risikobereitschaft und Ziele besprechen. Beim Robo klicken sich Interessenten per Internet durch einen Fragenkatalog. Diese Automatisierung spart Zeit und Geld – für die Anbieter und meist auch für Kunden.

Bei dem Prozess sehen Experten aber Verbesserungsbedarf: "Die finanzielle Situation der Kunden wird bisher zu oberflächlich erfasst. Auch bestehende Depots, Lebensversicherungen und Immobilien müssten bei der Anlageempfehlung berücksichtigt werden", moniert Andreas Oehler, Finanzprofessor an der Universität Bamberg. Zudem bemängelt er die Aufklärung über Chancen und Risiken einer Anlage. Es werde nicht sichergestellt, dass die Kunden dies wirklich verstanden haben. Doch diese Probleme gibt es nicht nur bei der Geldanlage per Internet: "Es sind dieselben Schwachpunkte wie bei herkömmlichen Beratern."

Einige Veränderungen sind schon auf dem Weg. "Individuelle Beratung rückt in den Fokus", stellt Stefan Roßbach, Mitgründer der Unternehmensberatung TME, fest. Das hält er für wichtig, denn "die meisten Kunden sind es gewohnt, sich in der Filiale beraten zu lassen, sie möchten einen persönlichen Ansprechpartner haben." Eine Alternative können Tools auf den Anbieterseiten sein, die Kunden die Selbsteinschätzung erleichtern. Scalable Capital will etwa noch im ersten Halbjahr 2018 einen Finanzplaner für die Altersvorsorge starten. "Viele unserer Kunden treibt die Frage um, wie viel Geld sie sparen und investieren müssen, damit sie im Alter ihren Lebensstandard halten können", sagt Mitgründer Erik Podzuweit. Beim Konkurrenten Whitebox etwa können Kunden einen Rentenzeitpunkt definieren. "Je näher der Renteneintritt rückt, desto stärker reduzieren wir das Risiko des Portfolios", sagt Mitgründerin Salome Preiswerk. Mit Auszahlplänen sind zudem Rentenzahlungen möglich. Nützlich ist es etwa auch, wenn der Robo am Jahresende den erteilten Freistellungsauftrag ausschöpft, indem er börsengehandelte Indexfonds (ETFs) geschickt verkauft und sofort wieder einkauft – ein Service, den neben Scalable bald auch andere bieten wollen. Solche Zusatzleistungen können bei der Entscheidung für einen Robo helfen.

Eher gering sind dagegen die Unterschiede bei den Anlageklassen. Meist bieten Robos Aktien und Anleihen an, teils auch Rohstoffe und Immobilien – investiert wird überwiegend in ETFs, selten in von Fondsmanagerhand gesteuerte, aktive Fonds. Aus der Reihe fallen das Start-up Investify, das mit der Hamburger Sparkasse kooperiert, und Werthstein aus München. Dort können Kunden persönliche Vorlieben in die Vermögensverwaltung einbringen, indem sie Teile eines Basisportfolios in individuelle Anlagethemen umschichten lassen.

Die übrigen Anbieter differenzieren sich unter anderem durch ihr Vermögensmanagement. So stellen etwa Vaamo, Ginmon, Quirion und Growney breit gestreute Portfolios auf und passen die Gewichtungen der Anlageklassen regelmäßig an oder wechseln einzelne Fonds aus Kostengründen. Dagegen verfolgen Scalable Capital, Whitebox und Robin eine risikobasierte Strategie, bei der sie das Portfolio der Marktsituation anpassen. Während der jüngsten Kursturbulenzen haben die Anbieter höchstens kleine Umschichtungen getätigt und begründen dies mit ihrem langfristigen Ansatz. Ob das Nachjustieren an den Portfolios auf Dauer die Rendite steigert, muss ein Langzeittest zeigen. Nach Ansicht von Berater Roßbach steht der Lackmustest für die Anbieter noch aus.

Solange man die Qualität nicht eindeutig bewerten kann, empfiehlt Finanzprofessor Oehler als wichtiges Auswahlkriterium den genauen Preisvergleich. Geworben wird häufig mit einer All-in-Service-Gebühr, die pro Jahr zwischen 0,4 und einem Prozent der Anlagesumme liegt. Hinzu kommen die Fondskosten. Bei Anbietern, die ausschließlich auf günstige ETFs setzen, liegen diese meist bei etwa 0,25 Prozent. Ein Preiskampf tobt bereits: So wirbt Quirion seit Kurzem damit, dass die ersten 10.000 Euro kostenfrei verwaltet werden. Für die Quirinbank-Tochter scheint sich das zu lohnen, im Schnitt legen Kunden 40.000 Euro an.

Die Angebote der Robos dürften in den kommenden Jahren "immer umfangreicher" werden, meint Berater Roßbach. Bisher sind sie aus Sicht von Verbraucherschützern vor allem für erfahrene Anleger geeignet. "Wer noch keine Erfahrung an den Finanzmärkten gesammelt hat, dürfte mit Robo-Advisors wahrscheinlich überfordert sein", sagt Dorothea Mohn vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Für Einsteiger hält sie deshalb eine umfassende Beratung für sinnvoll, die unabhängig vom Produktverkauf ist.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

Verwandte Artikel
Jobletter

Alle 2 Wochen Jobs & Praktika in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren