Der Job als Staatsanwalt: "Ich kann auf jeder Party span­nende Geschichten erzählen"

Autor*innen
Benjamin Scholz
Eine Schallplatte, in deren Mitte ein singender Mund angebracht ist.

Staatsanwälte verdienen oft weniger, als sie in der freien Wirtschaft könnten, Arbeit gibt es viel und Druck müssen sie aushalten können. Dafür sitzt man nicht nur am Schreibtisch, der Beruf ist krisensicher – und dazu partytauglich.

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Am späten Freitagnachmittag fährt Dr. Anna-Elisabeth Krause-Ablaß zurück nach Belgien. Die 39-jährige Staatsanwältin arbeitet im Dezernat für Wirtschaftsstrafsachen bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main, lebt aber in Nachbarland. Wenn es ihre dienstlichen Verpflichtungen zulassen, arbeitet sie am Montag von Belgien aus und ist die anderen vier Tage in ihrem Büro. Dass sie einmal für den Staat Wirtschaftskriminelle am deutschen Finanzstandort jagen würde, hatte sie nicht geplant. Sie promovierte im Gesellschaftsrecht und begann als Rechtsanwältin in einer Großkanzlei. "Doch die Arbeit in einer Großkanzlei gefiel mir nicht wirklich", blickt sie zurück. 

Also entschloss sich Krause-Ablaß 2009 zum Wechsel in die Justiz, wurde zunächst Richterin am Landgericht in Frankfurt und wechselte 2010 zur Staatsanwaltschaft. Dort bearbeitete sie zunächst Fälle von sexuellem Missbrauch. Zwar war das juristisch nicht das Thema, das sie packte, aber sie lernte die Arbeitsweise bei der Staatsanwaltschaft zu schätzen. 

Obwohl sie immer wieder Angebote aus der freien Wirtschaft bekommt, ist Krause-Ablaß bisher bei der Staatsanwaltschaft geblieben. Sie macht aber keinen Hehl daraus, dass sie die aus ihrer Sicht unangemessene Bezahlung stört – genauso wie fehlende Aufstiegschancen. "Die Bezahlung ist bei allen gleich, unabhängig davon, ob sie in einem Dezernat mit klassischen Arbeitszeiten sitzen oder mehr arbeiten", sagt Krause-Ablaß. Sie selbst arbeite eher wie in einer Anwaltskanzlei und habe eine sehr hohe Arbeitsbelastung. Weil sie kein Diensthandy hat, ist sie für die Polizei auch außerhalb der Bürozeiten für dringende Angelegenheiten über ihre privaten Daten erreichbar. 

Krisensicher, familienfreundlich, partytauglich

"Es ist kein Geheimnis, dass Großkanzleien bei weitem mehr zahlen", räumt Melina Traumann von der Staatsanwaltschaft Hamburg ein. "Ich meine aber, dass man den Wert der Sicherheit und der Freiheit nicht unterschätzen darf, den man mit dem Beamtenstatus erhält." Außerdem hebt die 40-jährige Mutter von zwei Kindern flexible Arbeitszeitmodelle und die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie hervor. 

Traumann arbeitet in ihrem Dezernat als Vertreterin des Abteilungsleiters hauptsächlich an der Verfolgung von Sexualdelikten. Sie entschied sich schon während des Studiums später zur Staatsanwaltschaft zu gehen – weil sie sich für Strafrecht und Kriminologie interessierte. "Es gibt natürlich Momente, in denen die Arbeitsbelastung immens ist", sagt sie. "Trotzdem bin ich absolut davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, Staatsanwältin zu werden."

Ähnlich zufrieden ist auch Noah Krüger mit seinem aktuellen Job. Wie Krause-Ablaß ist auch Krüger eher durch Zufall und über Umwege bei der Staatsanwaltschaft gelandet – und fühlt sich dort wohl. Als Oberstaatsanwalt leitet er die Abteilung für Organisierte Wirtschaftskriminalität in Frankfurt. Der 39-jährige Vater schätzt die Jobsicherheit, gerade jetzt in der Corona-Pandemie. "Ich kann mir keinen Ferrari leisten, ich brauche aber auch keinen", sagt Krüger. Und: "Ich kann bei jeder Party wirklich spannende Geschichten erzählen."

Die Vielseitigkeit ihrer Arbeit schätzt auch Pia Geisler: "Man bekommt bei uns die volle Bandbreite menschlichen Lebens mit." Sie ist seit 2019 bei der Staatsanwaltschaft in Verden (Aller) für Kapitaldelikte und Arzthaftungssachen zuständig.

Mithalten mit den Großkanzlei-Anwälten

Wenn Krüger morgens in sein Büro im 8. Stock eines 1970er-Jahre-Baus mit einer großen Terrasse und einem Blick über die Stadt kommt, steht für ihn erst einmal viel "Papierkram" auf der Tagesordnung. Anders als Kollegen in allgemeinen Dezernaten sind Staatsanwälte wie Krause-Ablaß und Krüger fast ausschließlich in Großverfahren tätig. Das beinhaltet viel Arbeit im Team mit anderen Staatsanwälten, vor allem Besprechungen und Konferenzen, und erfordert Korrespondenz mit den anderen Verfahrensbeteiligten, in erster Linie den Strafverteidigern der Angeklagten.

Mittlerweile haben immer mehr Großkanzleien auch die Verteidigung in Wirtschaftsstrafsachen im Portfolio. Krause-Ablaß kritisiert, dass die Gegenseite oft mehr Kapazitäten habe, etwa Mitarbeiter auf juristische Detailfragen ansetzen kann. Die Staatsanwaltschaft könne da nicht mithalten.

Krüger hält es dagegen für einen Vorteil, dass in Wirtschaftsstrafverfahren oft sehr gut qualifizierte Anwälte auf der Gegenseite stehen. "Anders als in anderen Verfahren haben wir würdigere Gegner, die mit uns juristisch auf Augenhöhe agieren können", sagt er. Denn: "Es gibt viele Strafverteidiger, die juristisch nicht besonders qualifiziert sind."

Die E-Akte gibt es noch längst nicht überall

Das Bild von strengen Hierarchien im Behördenapparat Staatsanwaltschaft will dagegen keiner der Staatsanwälte, mit denen LTO sprach, so stehen lassen. Das mit der Weisungsgebundenheit sieht ihren Erfahrungen nach in der Praxis ganz anders aus als in der Theorie. So erzählt etwa Traumann: "Es werden einem wenige Vorgaben gemacht. Natürlich gibt es im Einzelfall auch Berichtspflichten gegenüber Vorgesetzten. Aber die gibt es so oder so ähnlich sicherlich auch in Unternehmen und Großkanzleien."

Auch Geisler schätzt am Standort Verden vor allem die familiäre Atmosphäre. Häufig hat sie kurze Wege in den Gerichtssaal – denn Amtsgericht und Landgericht sind wie in vielen anderen Städten auch im gleichen Gebäude wie die Staatsanwaltschaft untergebracht. Allerdings liegen im ländlichen Niedersachsen rund 50 Kilometer südöstlich von Bremen viele kleinere Amtsgerichte in ihrem Bezirk auch etwas weiter entfernt. 

Krause-Ablaß kann an einem Tag in der Woche von Belgien aus arbeiten. Im Dezernat für Wirtschaftskriminalität werden die Akten bereits elektronisch geführt. In den allgemeinen Dezernaten gibt es die elektronische Akte dagegen noch nicht, weshalb eine Arbeit im Home Office praktisch nicht möglich ist. Traumann freut sich deshalb schon auf die Einführung der E-Akte in sechs Jahren. 

Schlimme Fälle gedanklich im Büro lassen

Krause-Ablaß, Krüger und Traumann haben alle auch Erfahrung in der Verfolgung von Sexualstraftaten – einem Gebiet, das angesichts schockierender Missbrauchsfälle in der jüngsten Vergangenheit ins Zentrum der politischen Debatte gerückt ist. Gerade Fälle von Kindesmissbrauch sind oft schwer erträglich. Wie hält man das aus? "Es finden regelmäßig Supervisionen mit einem Psychologen in unserer Abteilung statt, an denen man freiwillig teilnehmen kann", berichtet Traumann. In den Schlaf verfolgen sie die Fälle aber jedenfalls nicht: "Es gibt ganz klar solche, über die ich noch nach Verlassen des Büros nachdenke, aber ich kann jetzt nicht sagen, dass die mich 'verfolgen'. Das würde ich dann eher als ein bewusstes Nachdenken darüber bezeichnen." 

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Wie gut jemand zuhause abschalten kann, ist natürlich auch individuell unterschiedlich. So erzählt etwa Krause-Ablaß: "Ich nehme die Fälle alle mit nach Hause und träume da nachts auch von." Damit meint sie vor allem ihre aktuellen Fälle aus dem Bereich der Wirtschaftskriminalität. "Wenn man Kinder in Missbrauchsfällen vernommen hat, war das schon übel", blickt sie zurück in die Vergangenheit. "Doch meine jetzigen Verfahren sind auf eine andere Art noch belastender." Das liege vor allem am Umfang der Arbeit.

Krüger raubt seine Arbeit dagegen nur selten den Schlaf. Fast immer gelingt es ihm, Beruf und Privatleben zu trennen: "Für mich ist die räumliche Trennung eine Strategie, dass die Arbeit an dem Ort bleibt, wo sie hingehört."

Frust über milde Urteile – manchmal

Bei der teils hohen Arbeitsbelastung sind neben Anerkennung auch Erfolgserlebnisse wichtig. Kraft zieht Traumann eher aus den kleinen Erfolgen ihrer Arbeit: "Es gibt Momente im Gericht am Ende eines Verfahrens, wo alle Verfahrensbeteiligte – also auch der Angeklagte und die Geschädigte in Sexualverfahren – mit dem Urteil einverstanden sind und dann Rechtsfrieden einkehrt. Das ist ein schöner Moment." Dass am Ende eines jahrelangen Ermittlungsverfahrens manchmal aber auch ein als zu milde empfundenes Urteil zu Frustration führen kann, weiß Krause-Ablaß. 

Krüger sagt: "Ich freue mich nicht, wenn jemand verurteilt wird. Mein Job ist es, Straftaten aufzudecken und Täter zu überführen, die auch tatsächlich schuldig sind", so sein nüchterner Ansatz.

Denn auch wenn Staatsanwälte letztlich nicht das Urteil sprechen, so lastet auch auf ihren Schultern eine enorme Verantwortung. Krüger kennt die Angst, dafür verantwortlich zu sein, dass jemand Unschuldiges in Untersuchungshaft geht. Umgekehrt belastet Traumann die Vorstellung, dass sie einen gefährlichen Sexualstraftäter übersieht: "Man fragt sich zum Beispiel, ob man wirklich alles getan hat, um den unbekannten Serientäter zu ermitteln." Und dann gebe es noch die Fälle, in denen sie sich sicher sei, dass ein Verbrechen stattgefunden hat, sie es dem Täter aber nicht nachweisen könne.

Doch meistens bleibt für solche Gedanken keine Zeit, wenn Traumann morgens direkt nach ihrer Ankunft im Büro schon den nächsten Fall von der Polizei auf dem Tisch liegen hat. Dann macht sie sich an die Arbeit im großen denkmalgeschützten Gebäude im Herzen der Hansestadt – und kann vielleicht weitere schlimme Missbrauchsfälle verhindern, wenn sie die Serientäter rechtzeitig aus dem Verkehr zieht.

© lto.de. Artikel zum Jura-Studium bietet die Rubrik "Studium & Referendariat" von Legal Tribune ONLINE.

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