Sick-Building-Syndrom: "Das Büro kann krank machen"

Autor*innen
Inga Pöting
Ein freigstellter Unterarm mit Hand, an den ein Mann im weißen Kittel ein großes Pflaster klebt.

Wer umgeben von vielen Menschen, Druckern und Klimaanlagen arbeitet, kann am Sick-Building-Syndrom erkranken. Wie sich das verhindern lässt, sagt ein Arbeitsmediziner.

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Kennen Sie das Sick-Building-Syndrom? Es bezeichnet Krankheitssymptome, die entstehen, weil Menschen sich in ihren Büros nicht wohlfühlen. Ach, könnte man nun denken, es gibt ja mittlerweile für alles einen Begriff. Dennis Nowak, Arbeitsmediziner und Direktor am LMU-Klinikum für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, weiß aus seiner Erfahrung als Arzt: Seit Jahrzehnten kommen Menschen zu ihm, die durch ihr Arbeitsumfeld krank werden. Er erzählt, welche Büros das Sick-Building-Syndrom auslösen und was Betroffene tun können.

Es gibt Menschen, die sagen, ihr Büro mache sie krank. Kann das sein?

Gut sogar. Menschen können durchaus Krankheitssymptome bekommen, die direkt mit ihrem Arbeitsplatz zusammenhängen. Man spricht dann vom Sick-Building-Syndrom. Die Mitarbeitenden berichten davon, dass ihre Augen brennen, die Haut und die Schleimhäute gereizt sind oder sie Kopfschmerzen haben. Das passiert fast nur in großen Bürogebäuden, denn es braucht für das Phänomen immer eine Gruppe von Menschen, die in einem Gebäude zusammenarbeiten.

Das müssen Sie genauer erklären.

Kurz gesagt: Am ehesten entwickelt man ein Sick-Building-Syndrom in einem gut isolierten Büro mit wenig Frischluft, mit Kopierern und Druckern und vielen Menschen. Und zwar dann, wenn sich dort die Bedingungen nie ändern. Indem also die Klimaanlage immer gleich eingestellt ist und gleichzeitig die Art der Arbeit kaum variiert.

Dennis Nowak

Dennis Nowak ist Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am LMU-Klinikum in München.

Wer allein im Homeoffice sitzt, kann also kein Sick-Building-Syndrom bekommen?

Nein, allein zu Hause passiert das nicht. Menschen können zwar ähnliche Beschwerden wie beim Sick-Building-Syndrom haben, die kommen dann aber ziemlich sicher nicht vom Gebäude. Zu Hause können Sie ja auch die Luftqualität, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit selbst beeinflussen, das heißt, sie können das Raumklima beeinflussen. Das Syndrom entsteht ganz speziell in Großraumbüros. Entscheidend ist dabei nicht nur das Gebäude, sondern auch die soziale Umgebung.

Es liegt nicht nur am Gebäude, sondern auch an den Aufgaben, die jemand erledigt.
Dennis Nowak, Arbeitsmediziner

Welchen Einfluss hat die?

Wenn Angestellte immer gleichen, langweiligen Tätigkeiten nachgehen, werden sie unzufrieden und dadurch leichter krank. Es liegt also nicht nur am Gebäude, sondern auch an den Aufgaben, die jemand erledigt. Eine Person kann also eher an Sick-Building-Symptomen leiden, wenn sie beispielsweise den ganzen Tag nichts anderes macht, als für eine Versicherung Beschwerden aufzunehmen. Wenn sie acht Stunden lang am Computer Formulare ausfüllt, dabei unter Zeitdruck ist, selten aufsteht und nicht selbst entscheiden darf, was sie als Nächstes macht.

Und was hat das dann mit dem Raumklima zu tun?

So direkt erst einmal nichts. Die Art der Arbeit kann das Sick-Building-Syndrom aber genauso verstärken wie das Raumklima. Nämlich dann, wenn sich Angestellte dadurch bei der Arbeit unwohl fühlen. Eine immer gleich eingestellte Klimaanlage im Großraumbüro macht viele Menschen unzufrieden, weil sie sie nicht beeinflussen können – sie müssen mit dem leben, was jemand anderes bestimmt hat. Das ist vielleicht ein guter Durchschnittswert, also eine Temperatur und Luftwechselrate, die für viele Menschen passt, aber eben nicht für jeden. Und das Bedürfnis bleibt vielleicht auch nicht den ganzen Tag über gleich. Menschen, die stundenlang drinnen sitzen, möchten selbst entscheiden, wie die Luft im Raum ist. Wenn es zu warm ist, wollen sie selbst das Fenster aufmachen, wenn es zu kalt wird, wieder zu. Wenn sie das nicht können, erkranken sie womöglich am Sick-Building-Syndrom.

Der Begriff Sick-Building-Syndrom ist aber auch umstritten.

Weil es nicht das Gebäude ist, das krank wird, sondern der Mensch darin. Der Begriff ist also irreführend. Auch wird oft ausgeblendet, dass eigentlich die Arbeitsbedingungen krank machen. Also auch schlechte Führung oder stumpfsinnige Aufgaben. Dem Gebäude die Schuld zu geben, ist meist nur ein Teil der Wahrheit.

Wie erforscht ist das Sick-Building-Syndrom?

Die meisten Untersuchungen zu diesem Syndrom stammen aus Skandinavien, Kalifornien und Deutschland. Ich vermute, dass das Sick-Building-Syndrom in Skandinavien schon lange erforscht wird, weil die Gebäude dort seit den Achtzigerjahren stark versiegelt werden, um Energie zu sparen. Die größte und immer noch beste Studie aus Deutschland hat die Professorin Monika Bullinger Ende der Neunzigerjahre durchgeführt. Rund 5.000 Personen haben dabei mitgemacht. Sie saßen an acht klimatisierten und sechs nicht klimatisierten Arbeitsplätzen. Zum Beispiel wurden sie gefragt, wie zufrieden sie mit ihren Arbeitsbedingungen sind, wie wohl sie sich insgesamt im Job fühlen, ob der Chef oder die Chefin bei Problemen zuhört und so weiter. Gleichzeitig wurde die Luftqualität im Raum gemessen. Dabei stellte man fest, dass Menschen, die in klimatisierten Büros arbeiten, mehr Probleme hatten als andere, obwohl die in der Regel eine bessere Luft bieten als nicht klimatisierte. Und es gibt noch andere Faktoren, die das Syndrom verstärken, beispielsweise Teppichböden.

"Frauen haben mehr Beschwerden als Männer"

Weil die chemisch riechen?

Ja, wenn sie neu sind. Oder weil sie schmutzig sind. Seltenes Putzen macht auch krank. Deshalb sind Schulen oft ein Problem. Wenn da nur einmal pro Woche sauber gemacht und zu wenig gelüftet wird, kann es leicht passieren, dass Schülerinnen und Schüler Symptome bekommen. Wenn sie dann noch den ganzen Tag zuhören oder als langweilig empfundene Aufgaben lösen müssen, ohne sich zwischendurch mal austoben zu dürfen und ein unterschiedliches Klima zu erleben, werden sie noch wahrscheinlicher Symptome entwickeln. Gibt es im Unterricht dagegen viel Abwechslung und verschiedene Anforderungen, bleiben solche Symptome eher aus.

Der soziale Faktor macht also einen Unterschied. Sagen wir: Wenn ich meinen Arbeitsplatz liebe, das Team und der Chef super sind, kann ich kerngesund bleiben, während ich unter anderen Umständen im selben Gebäude Symptome entwickeln würde.

So ist es.

Gibt es Menschen, die fürs Sick-Building-Syndrom besonders anfällig sind?

Frauen haben mehr Beschwerden als Männer. Das liegt wahrscheinlich vor allem daran, dass sie nach wie vor häufiger stumpfsinnigen und monotonen Tätigkeiten nachgehen, beispielsweise öfter im Callcenter arbeiten. Frauen sind außerdem häufiger in Teilzeit, weil sie noch Kinder versorgen, und haben dadurch insgesamt mehr Stress. Kommt man schon angestrengt am Arbeitsplatz an, dann erzeugt es noch mehr Stress, wenn man nichts mitbestimmen kann. Außerdem sind auch Allergikerinnen, die zum Beispiel auf Hausstaubmilben reagieren, oder Asthmatikerinnen häufiger betroffen. Aber nicht wegen der Allergie oder des Asthmas selbst, sondern weil diese Menschen meistens empfindlichere Atemwege haben und somit sensibler auf schlechte Bedingungen wie zum Beispiel muffige Luft oder unangenehme Gerüche reagieren. Diese Personen sind oft die ersten, denen es in einem Büro schlecht geht. An ihnen lässt sich erkennen, dass etwas nicht stimmt. Etwas später bekommen dann oft auch die anderen Symptome.

Wenn man das Gebäude verlässt, klingen die Beschwerden ab. 
Dennis Nowak, Arbeitsmediziner

Wie oft kommt das Sick-Building-Syndrom vor?

Oft. In jedem fünften bis zehnten Büro, das zeigen empirische Daten. Das Sick-Building-Syndrom ist dabei nicht als Krankheit klassifiziert, sondern beschreibt einen Zustand, der nicht gesundheitsförderlich ist. Bestimmte Faktoren und Umstände lassen es ziemlich sicher vorhersagen: Wenn ein großes Unternehmen etwa von Einzelbüros auf Großraum umstellt, wo die Leute nah zusammensitzen und immer derselben gleichförmigen Arbeit nachgehen, während es wenig frische Luft gibt und die Fenster energiesparend gut versiegelt sind – da werden die Ersten nach etwa einem Jahr zum Beispiel über Kopfschmerzen oder gereizte Schleimhäute klagen. Oft spüren die Leute, dass ihre Beschwerden irgendwas mit der Arbeit zu tun haben. Dass es dafür einen Begriff gibt, wissen die meisten aber nicht. Wäre das Sick-Building-Syndrom bekannter, würde sich in Büros vielleicht auch schneller etwas ändern. 

Gibt es besonders schlimme Fälle?

Es ist wichtig zu wissen: Wenn man das Gebäude verlässt, klingen die Beschwerden ab. Mir sind daher keine wirklich gefährlichen körperlichen Verläufe bekannt. Aber wenn man den schlechten Arbeitsbedingungen – gebäudebezogenen und sozialen – lange ausgesetzt ist, kann das dennoch unangenehme Folgen haben. Die Mitarbeitenden werden immer unglücklicher und unproduktiver, wenn nicht eingegriffen wird. Das kann Menschen frustriert und depressiv machen, wie ich durch meine Erfahrung als Arzt und aus Studien weiß.

Die meiste Forschung stammt aus den Neunzigerjahren. Warum hat sich seitdem kaum noch etwas getan?

Das Sick-Building-Syndrom ist sehr gut erforscht, deshalb gibt es in aktuellen Studien kaum noch wirklich Neues. Das Problem ist aber nicht gelöst, sondern es redet nur kaum noch jemand darüber. Dabei wird es sogar schlimmer, jetzt wo überall Energie gespart und weniger gelüftet wird, während Gebäude so gut isoliert sind, dass kaum noch Frischluft hereinkommt.

"Manchmal sind es ja wirklich Probleme, die sich schnell lösen lassen"

Wenn ich Sick-Building-Beschwerden habe, was soll ich tun?

Wenn möglich, gehen Sie zu Ihrem Betriebsarzt oder zur Betriebsärztin. Denn die Symptome beim Sick-Building-Syndrom hängen direkt mit dem Arbeitsplatz zusammen und da hilft es, wenn die Ärztin oder der Arzt das Büro kennt. Sie sollten auch mit dem Chef oder der Chefin sprechen, dann kann man an den Arbeitsbedingungen vielleicht etwas verändern. Umgekehrt verschlimmern sich die Beschwerden, wenn sie nicht ernst genommen oder heruntergespielt werden. Das bedeutet ja, dass der oder die Einzelne am Arbeitsplatz nicht wertgeschätzt wird. Wird etwa einfach ein Klimatechniker bestellt und es heißt am Ende: "Stellt euch nicht so an, hier ist alles okay!", wertet das die Mitarbeiter ab, die ja deutlich spürbare Symptome haben. Sie werden dann noch unzufriedener – und das wirkt sich auch auf andere im Team aus. So kann sich ein Sick-Building-Syndrom am Arbeitsplatz weiter ausbreiten.

Was also, wenn ein Chef die Beschwerden seiner Mitarbeitenden ignoriert?

Dann sollten die Betroffenen zur Betriebsärztin, zum Personalrat oder zur Mitarbeitervertreterin gehen und um ein gemeinsames Gespräch mit der Firmenleitung und am besten auch mit einem Klimatechniker bitten. Manchmal sind es ja wirklich Probleme, die sich schnell lösen lassen. Ich kenne einen Fall, da zog die Klimaanlage Frischluft von einem Parkdeck ein, so kamen Abgase und Parkhausluft direkt in den Raum. Als man das wusste, konnte man es schnell ändern.

Die Mitarbeitenden brauchen Abwechslung.
Dennis Nowak, Arbeitsmediziner

Wenn eine Firma in ein neues Gebäude zieht, worauf sollte geachtet werden?

Entscheidet man sich für eine Klimaanlage, muss es einen ausreichend hohen Frischluftanteil geben. Energieeffizienz darf nicht höher als Mitarbeitergesundheit gewertet werden. Gleichzeitig sollte es möglichst wenig stark monotone Tätigkeiten in dem Unternehmen geben. Die Mitarbeitenden brauchen Abwechslung, also Tätigkeitsspielräume.

Was sollten Vorgesetzte tun, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Symptome klagen?

Nach der Ursache suchen. Das Sick-Building-Syndrom ist keine mystische oder undurchdringliche Sache. Wer einfach selbst überlegt und nachschaut und den Mitarbeitenden zuhört, kommt schon ziemlich weit. Menschen mit Beschwerden haben in der Regel eine Vorstellung, woher das Problem kommt. Vielleicht sind es mehrere im Raum stehende Fotokopierer, die heiß laufen, und deshalb ist die Luft miefig? Dann könnten die Geräte weggestellt werden, zum Beispiel auf den Gang. Wenn es riecht, sollte man schauen, warum das so ist. Liegt es an einem Wasserschaden, der auch schon länger her sein kann? Dann könnte sich Schimmel hinter Schränken gebildet haben. Suchen Sie erst mal alles im Raum ab. Wenn das nicht hilft, muss tatsächlich ein Klimatechniker kommen. Der checkt dann die Klimaanlage und misst beispielsweise, ob die Lufttemperatur und die Feuchtigkeit in der Luft in Ordnung sind.

Und was können Erkrankte tun, wenn sich die Bedingungen im Büro nicht ändern?

Es wäre ein Fehler, die Mitarbeitenden resilienter zu machen gegen ein toxisches Arbeitsklima. Die Frage ist: Wie kann die Arbeitssituation so verbessert werden, dass sie sich im Büro wohlfühlen, gern kommen und sich nicht mehr ins Homeoffice verkriechen? Man kann das nur beantworten, wenn alle Beteiligten offen miteinander sprechen.

Kann man Gebäude gleich so bauen, dass es keine Beschwerden gibt?

Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist so, dass alle möglichst energieeffiziente Gebäude wollen. Das führt dazu, dass die Menschen und ihre Bedürfnisse oft vergessen werden. Ich kenne Architekten, die sich nur wenig dafür interessieren, was Angestellte eigentlich brauchen. Wann machen Architektinnen schon mal eine Nutzerbefragung in Großraumbüros? Luft aus der Klimaanlage wird nie als so gut empfunden wie echte Frischluft. Eine Tendenz ist, für die Klimatisierung viel recycelte Altluft zu benutzen. Dann muss kalte Luft von draußen im Winter nicht erst teuer angewärmt und im Sommer heruntergekühlt werden. Aber: Unzufriedene Mitarbeiter arbeiten schlechter, machen mehr Fehler, sind langsamer, melden sich öfter krank und kosten damit auch Geld. Nur merkt das der Architekt nicht – und viele Vorgesetzte ebenso wenig.

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