Partner von:

Augenkontakt ist unersetzbar

Leerer Hörsaal [Quelle: unsplash.com, Changbok Ko]

Quelle: unsplash.com, Changbok Ko

Die Hochschulen feiern die Online-Lehre. Doch ein Studium lebt von der Begegnung. Selbst Provokationen und Witze gehören dazu. Ein Gastbeitrag.

Endlich hat die überfällige Diskussion über die Nachteile der Corona-bedingten rein digitalen universitären Lehre begonnen (F.A.Z. vom 23. Mai). Schulen und Kindergärten waren vor dem Lockdown zuletzt am Freitag, dem 13. März, geöffnet. An den meisten Hochschulen endete der Vorlesungsbetrieb des Wintersemesters schon Anfang Februar. Seit Monaten sind die Universitätsgebäude für den Lehrbetrieb geschlossen. Mit anderen Worten: Die Universitäten haben ein Hausverbot gegen ihre eigenen Studenten verhängt.

Dennoch begann ein gespenstischer Lehrbetrieb im Sommersemester. Die Hochschulen stellten ihren Dozenten Mikrofone, Kameras und Headsets zur Verfügung, neu lizenzierte Programme wie Zoom und Teams waren schnell verbreitet, gefilmte Geistervorlesungen mit Livestream-Übertragungen im Learn-Web ergänzten die technischen Möglichkeiten. Die Vorbereitung dieser digitalen Einheiten kosten die Dozenten viel Zeit. Aber vieles funktioniert.

Die offiziellen Verlautbarungen gleichen denn auch reinen Erfolgsmeldungen. Die Universitätsleitungen klopfen sich selbst auf die Schulter und verkünden, die Digitalisierung der Vorlesungen sei ohne ernsthafte Einschränkungen möglich. Bei einem Pressetermin erklärten ein Rektor und die zuständige Landesministerin, während des Rennens wechsele man nicht die Pferde. Es gebe inzwischen Vertrauen in die digitale Lehre, das dürfe nicht enttäuscht werden. Sogar der persönliche Austausch zwischen Dozenten und Studenten sei möglich, hört man, denn Chatrooms oder Zoom-Konferenzen ermöglichten umfassend Gespräche in unterschiedlichen Gruppengrößen. Alles bestens also?

Nein. Wer behauptet, die rein digitale Lehre könne die Anwesenheitsuniversität auch nur annähernd ersetzen, geht von einem Leitbild aus, das die überkommene europäische Hochschultradition in ihrem Innersten erschüttert und gefährdet. Die Universität ist der Idee nach eine Lebensform und eine Begegnungsgemeinschaft zwischen Lehrenden und Lernenden. Das ist der Kern der mittelalterlichen "universitas", und das müssen wir pflegen. Reine Wissensanhäufung ist noch keine Wissenschaft.

Der persönliche Austausch an den Grenzen des Wissens ist unverzichtbar für eine lebendige Universität. Dazu gehört das freie Gespräch im Hörsaal. Im Frage- und-Antwort-Spiel nimmt manche Vorlesung eine unerwartete Wendung. Irrwege und Seitenpfade werden erkennbar, an die der Dozent ohne Rückfragen seiner Hörer vielleicht nie gedacht hätte. Auch tagesaktuelle Beispiele, welche die Lehre mit der Welt außerhalb des Hörsaals verbinden, lassen sich nicht im vorab erstellten Film konservieren. Selbst Provokationen und Witze gehören dazu. Vielleicht wollen manche Dozenten auch gar nicht, dass jedes ihrer Worte dauerhaft in Netzwerken verfügbar ist. Der Hörsaal ist insoweit ein geschützter Raum.

Die digitale Lehre ist eine Notlösung, oft auch eine sinnvolle Ergänzung von Präsenzveranstaltungen, aber kein Ersatz für eine lebendige Universität. Das gilt vor allem für Seminare. Hier hat man es mit kleinen Gruppen zu tun und kennt die studentischen Teilnehmer oftmals persönlich. Die Diskussionen sind zum Glück kaum auf dreißig Minuten im Anschluss an ein Referat zu begrenzen. Sie gehen in den Kaffeepausen weiter, vielleicht auch beim gemeinsamen Abendessen. Das ist die symphilosophische Geselligkeit, die es auch in der Massenuniversität noch gibt.

Genau diese Lebensart ermöglicht Lebens- und Bildungserfahrungen, wie sie der Blick auf einen Computerbildschirm nie gewähren kann. Die Grenzen zwischen Universität und Freizeit, zwischen fachlich und privat können sich in den besten Momenten des Studiums auflösen. Das sind Glückserfahrungen und Freiräume, die jeder Hochschulangehörige mit aller Kraft verteidigen muss. Ein Podcast ist nicht in der Lage, so etwas zu vermitteln. Wer das Gegenteil behauptet, dem sind Studenten als Menschen und gleichrangige Gesprächspartner egal. Beispiel gefällig? Zu einem Rigorosumtermin erschienen die Doktoranden persönlich zur Prüfung, um ihren letzten Tag an der Universität angemessen zu begehen. Die Hälfte der Prüfer ließ sich aber per Videokonferenz zuschalten. Glaubt wirklich jemand, das sei gleichwertig?

Natürlich leben wir nicht auf einer einsamen Insel. Es gibt Zwänge, und die Corona-bedingten Einschränkungen gehören dazu. Es kann jedoch auch in Zeiten von Corona nicht ausschließlich um den absoluten Schutz vor einer angeblichen Überlastung des Gesundheitssystems gehen. Es gibt verschiedene Interessen und vor allem Grundrechte, die Freiräume zur Entfaltung erfordern. Dazu gehört auch unsere Lehrfreiheit, die ohne Studenten massiv eingeschränkt ist. Gerade an diesem Punkt müssen die Hochschulen den kritischen Geist der Studenten anstacheln.

Der Schutz des Lebens war noch nie ein absolutes Argument, sonst müsste man sofort das Autofahren verbieten. Wenn verschiedene Rechtspositionen aufeinanderprallen, muss man sie gegeneinander abwägen und darf nicht unanfechtbare Vetomöglichkeiten einräumen. Bei der Angemessenheit von Entscheidungen kommt es auch darauf an, wie groß die Bedrohungslage eigentlich ist. Wenn es den Studenten verwehrt ist, mit ihren Kommilitonen und mit ihren Dozenten über diese Dinge zu streiten, entmündigt man gerade diejenige gesellschaftliche Gruppe, die üblicherweise politisch wachsam und von den Gesundheitsgefahren viel weniger betroffen ist als andere Menschen.

Studenten müssen zurück an die Uni

Wenn jetzt Schulen und Kindergärten wieder starten, ist es völlig unverständlich, warum es Studenten weiterhin verboten sein soll, die Universität zu betreten. Es gibt eine große Zahl großer Hörsäle, in denen man mit ausreichendem Abstand kleinere oder mittlere Veranstaltungen durchführen könnte. Angeblich soll es kein sachgerechtes Kriterium geben, nach dem man derartige Lehrformate festlegen kann. Dabei lassen sich solche Gesichtspunkte mit gutem Willen leicht ermitteln. Die Schulen haben das vorgemacht, die Kirchen mit ihren Sicherheitskonzepten für Gottesdienste ebenso. An meinem Hochschulort gibt es Messehallen mit über 5000 Quadratmeter Größe, Hörsäle mit vielen hundert Plätzen, allesamt mit mindestens vier Eingängen.

Bei Schulen und Kindergärten machen Eltern Druck, auch um von ihren Betreuungslasten befreit zu werden. In anderen Bereichen geht es um Arbeitsplätze, Geld und Systemrelevanz. Aber die Bildung als solche, hier dem Anspruch nach sogar zweckfreie Bildung junger Erwachsener, hat offensichtlich kaum Fürsprecher.

Mit dem digitalen Unterrichtsmodell kaufen wir uns von unserer menschlichen Verantwortung für im Idealfall bildungshungrige junge Menschen frei. Wir überlassen sie ihrem Homeoffice irgendwo im Kinderzimmer ihres Elternhauses oder im Einzimmerapartment. Die Folgen sieht man bei jeder Zoom-Konferenz. Die Studenten ziehen sich zurück, schalten nicht einmal ihre Kamera ein. Der Dozent sieht einen Monitor, statt mit Bildern der Teilnehmer gekachelt mit lauter schwarzen Feldern, auf denen zum Teil bloße Phantasienamen stehen. Davon liest man in den Erfolgsmeldungen über die Digitalisierung nie etwas. In besonderem Maße tun mir die Erstsemester leid. Sie haben fast keine Möglichkeit, Kommilitonen kennenzulernen. Ich war sehr froh, als die studentische Fachschaft meiner Fakultät vor einigen Tagen vehement die Rückkehr zur Präsenzlehre gefordert hat.

Wenn wir zu behaupten beginnen, universitäre Lehre sei auch rein digital möglich, machen wir uns überflüssig. Ein deutschlandweit ausgestrahltes Video, das alle paar Jahre aktualisiert wird, würde dann ausreichen. Wir wollen aber gerade nicht nur Stoff vermitteln, sondern junge Menschen bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung begleiten. Das kann nur gelingen, wenn wir diese Menschen von Angesicht zu Angesicht sehen können.

Von einem Zentrum für Hochschuldidaktik erhielt ich vor einigen Tagen einen Fragebogen zur rein digitalen Lehre. Die meisten Fragen waren eingeleitet mit Sätzen wie "An der digitalen Lehre gefällt mir ..." oder "Der Vorteil der digitalen Lehre liegt darin ..." Ganz am Ende kam endlich ein Freifeld: "Ein weiteres digitales Semester ist ..." Meine Antwort war klar: "... eine Katastrophe."

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

nach oben

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Verwandte Artikel

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Kommentare (3)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Was ich den anderen Kommentaren noch hinzuzufügen habe: - Ausländische Studis könnten Probleme mit der Einreise haben. - Studis und Lehrpersonal, die entweder selbst zu Risikogruppen gehören oder Angehörige solcher Personen sind, wären mit einer Rückkehr zur Präsenzlehre ausgeschlossen. - Wer im Verdacht steht, infiziert zu sein, wird (zwangsläufigerweise) ebenfalls ausgeschlossen. Ich vermisse auch den von T.S. angesprochenen Austausch mit meinen Kommilitonen. Aber für mich ist der Verzicht darauf ein kleinerer Preis als - das, was die Präsenzlehre in dieser Zeit mit dem Infektionsgeschehen anstellen könnte, - die Aussicht, einen nicht unerheblichen Anteil an Studis und Lehrpersonal kurz- oder längerfristig auszuschließen.

  2. Anonym

    Kurzer Kommentar am Rande: Ja, ich (Student) finde das Onlinesemester ebenfalls sehr anstrengend und deutlich weniger gehaltvoll / lehrreich. Der Austausch mit den Kommilitonen fehlt einfach - inhaltlich wie zwischenmenschlich. Allerdings finde ich es auch richtig, dass wir als Universität Verantwortung übernehmen. Denn ein Großteil der Lehre kann digital stattfinden. Man denke nur an die vollgestopften Busse auf dem Weg zum Campus: ein perfekter Umschlagplatz für Krankheiten aller Art. Und wenn dann die Unis sagen, sie tragen für begrenzte Zeit nicht zur Verbreitung des Virus bei und schließen ihre Tore, stehe ich da voll dahinter.(Wenn die Bedrohung ein Dauerzustand wäre/wird, müsste man sich selbstverständlich anders arrangieren, siehe „wir verbieten doch auch nicht das Autofahren“.) Ich bin froh, dass ich diese Zeit in meinem Kinderzimmer auf dem Land, statt in einem kleinen WG-Zimmer in der Stadt verbringen kann. Außerdem bin ich lieber bei meiner Familie „eingesperrt“, als sie wegen monatelanger Reisebeschränkungen nicht sehen zu können. Ich finde, es wurde vieles richtig gemacht, Dozenten, Verwaltung, Studenten und alle anderen geben sich sehr viel Mühe, das Beste aus der Situation herauszuholen und für das Wintersemester müssen neue Entscheidungen getroffen werden.

  3. Anonym

    In 9 Offline-Semestern habe ich leider das Gegenteil erlebt: Für mich hat sich im Online-Semester nicht viel geändert. Die VL-Monologe kann ich jetzt mit der Pause-Taste unterbrechen, und tatsächlich habe ich nun mehr Möglichkeiten, Fragen an die Dozenten zu stellen. Aber die beschriebene Begegnungsgemeinschaft, die Lebenserfahrungen, den Kontakt mit Dozenten, die vermisse ich seit dem ersten Tag. Viele fortgeschrittene VL bieten nicht einmal Übungen an, in denen man Probleme, Lösungen und Anwendungen diskutieren könnte. Und ich bin da kein Einzelfall, meinen Kommilitonen geht es genau so. Unsere Uni versteht sich mehr als "Serviceeinrichtung", solange die Kennzahlen in der Lehre stimmen, ist für sie alles in Ordnung.

Das könnte dich auch interessieren