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"Wir unterschätzen, wie viel Zeit wir für uns brauchen"

Überstunden, Work-Life-Balance [Quelle: unsplash.com, Autor: Loic Djim]

Quelle: unsplash.com, Loic Djim

Wer sich freut, wenn ein Freund kurzfristig absagt, ist überlastet. Das sagt eine Psychologin. Und sie erklärt, wie man seine Woche so plant, dass sie glücklich macht.

Wer das erste Mal richtig anfängt zu arbeiten, hat oft plötzlich einen festen Tagesrhythmus: morgens um neun ins Büro, abends um fünf, halb sechs nach Hause. In der Uni kann man seine Zeit oft frei einteilen oder einfach gemeinsam mit Freunden in der Bibliothek Pause machen, statt sie nach Feierabend zu treffen. 


Doch mit weniger Zeit kommt auch der Stress. Und plötzlich freut man sich, wenn jemand kurzfristig absagt, weil es sich anfühlt wie geschenkte Zeit. Wir wollten wissen, woran das liegt und wie man seine Woche perfekt plant. 


Die Diplompsychologin Friederike Gerstenberg arbeitet als systemische Therapeutin und Coach und forscht eigentlich dazu, warum Menschen nicht das tun, was sie sagen. Aber auch mit Zeitmanagement kennt sie sich aus.


Frau Gerstenberg, ich merke oft, dass ich mich freue, wenn eine Verabredung für einen Abend spontan absagt. Es fühlt sich an, als hätte ich Zeit geschenkt bekommen. Woran liegt das? 


Friederike Gerstenberg: Sie sind überlastet. Wir sehen unser Leben oft als To-do-Liste – anstatt uns zu fragen, wie wir unsere Freizeit einteilen wollen, quetschen wir alles in unsere Woche rein. Dann sagt jemand ab und wir sind erleichtert: Endlich können wir mal früh ins Bett gehen oder noch ein Buch lesen. Das ist ein Zeichen, dass wir eigentlich überfüllt sind mit Dingen, die wir tun. 


Woher kommt diese Überlastung? 


Wir unterschätzen gnadenlos, wie viel Zeit wir für uns brauchen, um uns zu regenerieren. Wenn wir abends mit einem Freund was trinken gehen, ist es ja nicht nur der Alkohol, der am nächsten Tag den Kater macht. Wir brauchen auch Zeit, um zu verarbeiten, dass wir ein Gespräch mit jemandem geführt haben. Dafür müssen wir Phasen der Passivität haben, um zu reflektieren. Wenn wir heute bei WhatsApp mit tendenziell 20 Leuten in Kontakt sind, dann ist das mehr, als wir jemals hatten. Wir müssen einen ganz anderen Umgang entwickeln mit dieser Überfülle. 


Gibt es eine Regel, wie viel Zeit ich mir für mich selbst nehmen sollte? 


Nein. Sie sollten sich selbst fragen, wie es Ihnen eigentlich geht. Es gibt verschiedene Techniken, wie Sie herausfinden können, was gut für Sie wäre. 


Welche denn so? 


Es gibt eine Technik, die benutze ich bestimmt 15-mal am Tag, sie nennt sich Blitzlicht. Stellen Sie sich vor, Ihre Psyche ist ein dunkler Raum, Sie haben also keine Ahnung, wie es darin aussieht. Und jetzt geben Sie ein Blitzlicht in diesen Raum. Dann versuchen Sie an drei Adjektiven festzumachen, wie Sie sich gerade fühlen. Wenn Sie das machen, wissen Sie relativ genau, wie es Ihnen geht, was Sie gerade brauchen. 


Wozu führt das? 


Sie entwickeln einen Draht zu sich selbst: Brauchen Sie nach einer Geschäftsreise noch einen Tag, um sich auszuruhen? Brauchen Sie zweimal die Woche Yoga, um sich zu entspannen? Es geht darum, sich selbst kennenzulernen.

Mit dieser Technik merke ich spontan, was ich brauche. Aber wie plane ich meine Woche im Voraus so, dass sie mich glücklich macht?

Gerstenberg: Bevor Sie anfangen, Ihre Woche zu planen, sollten Sie einen Schritt zurück machen. Überlegen Sie sich, wer Sie sind und was Ihnen wichtig ist im Leben. Also: Familie, Freunde, Arbeit zum Beispiel. Dann entscheiden Sie, was Ihnen davon am wichtigsten ist. Es gibt Menschen, für die ihre Familie das Wichtigste ist, andere stellen ihre Arbeit am höchsten, manche wollen ihre Freundschaften perfekt pflegen. Fragen Sie sich: Bei welchen Menschen fühle ich mich wohl? Bei welchen nicht? Erst mal geht es nicht darum, Ihre Zeit darauf zu verteilen, sondern zu ermitteln: Das ist das soziale Netz, in dem ich mich bewege. Erst wenn Sie wissen, was Ihnen wichtig ist, können Sie Ihre Woche so planen, dass sie Sie glücklich macht. 


Alles klar. Ich habe meine Prioritäten sortiert. Und dann?

Dann fragen Sie sich: Wie will ich mein Leben führen, damit ich eine Balance habe? Mit dieser Frage im Kopf setzen Sie sich am Sonntagabend hin und planen Ihre Woche. Wenn Sie einen neuen Termin machen, betrachten Sie das im Gesamtkonzept der Woche. Sagen Sie nicht: Ach, Montag gehe ich zum Sport, dann könnte ich ja Dienstag, Mittwoch und Donnerstag noch drei weitere Dinge machen. Wenn Sie einen Termin mit einer Freundin oder einem Freund ausmachen, schauen Sie, wie Ihre gesamte Woche aussieht. Passt das zusammen mit den anderen Dingen, die Ihnen wichtig sind? Haben Sie dann noch Zeit, diese Verabredung zu reflektieren und sacken zu lassen?

Und wenn ich am Sonntag merke, die Verabredung passt doch nicht so richtig rein? 


Dann können Sie sie entweder absagen oder sagen: Diese Verabredung hat in der Woche Priorität. Deswegen ist es gut, zu fragen: Mit wem bin ich wie eng befreundet? Die meisten können ihre besten Freunde nicht jede Woche sehen. Deshalb sollten Sie versuchen, dass jeder seinen Platz bekommt. Aber dadurch, dass Sie die Woche im Blick haben, wissen Sie, ob das zu anstrengend für Sie wird. 


Erschöpft sein von zu vielen Freunden, Hobbys und Verpflichtungen, ist das nicht ein totales Luxusproblem? 


Jede Generation hat unterschiedliche Probleme. Wenn wir uns die Generation vor uns anschauen, hatte die massiv andere Probleme als wir. Ich würde es trotzdem nicht als Luxusproblem bezeichnen. Es ist ein Problem, das der Wohlstand unserer Gesellschaft mit sich bringt. Und ich würde ungern auf den Wohlstand und den Frieden, in dem wir leben, verzichten. 


Wieso überfordern wir uns denn überhaupt so?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, wir lernen das falsch in der Schule. Wir lernen dort, dass wir Arbeitsportionen bekommen, die dem entsprechen, was ein Mensch bewerkstelligen kann. Und wenn wir dann anfangen zu arbeiten, denken wir, dass irgendjemand sich Gedanken macht über das Arbeitspaket, das wir bekommen, und realistisch abschätzt, wie lange wir dafür brauchen. Aber nach der Schule ist es damit vorbei. Irgendwann muss man selbst sagen: Nein, ich schaffe das nicht mehr.

Und diese Unfähigkeit, das bei der Arbeit zu machen, wirkt sich auf das Privatleben und die Freizeitplanung aus? 


Ja. Es ist nicht so, dass Sie Ihre Freunde nicht mögen. Wenn Sie zwei Stunden früher nach Hause gegangen wären und ein kleines Schläfchen gemacht oder auf der Couch rumgelümmelt und Musik gehört hätten, dann würden Sie sich auch abends wieder freuen, jemanden zu treffen oder in eine Bar zu gehen oder ins Theater. Wenn ich schon fix und fertig zu Hause ankomme und mir sagt jemand ab, bin ich ehrlich gesagt auch erleichtert, dass ich meine Schuhe nicht noch mal anziehen muss. 


Ich arbeite also viel und dann sage ich mir: In der Freizeit liefere ich jetzt auch richtig ab? 


Ja – und selbst wenn Sie im Urlaub sind, müssen Sie sich effizient erholen, weil dieses "Ich liege auf dem Sofa und gucke einfach mal die Wand an und schaue, was da kommt" nicht legitim ist. Sagen Sie mal jemandem: "Ich treffe mich nicht mit dir, weil ich zu Hause liege und die Wand angucke." 


Sagen Sie das zu Ihren Freunden?

Nicht ganz so. Aber ich sage schon, dass ich mir den Abend freihalte, um nichts zu tun

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

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