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Wie nehme ich Dinge nicht so persönlich?

Mann Denken Buch [Quelle: pixabay.com]

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Ein seltsamer Smiley in der Nachricht und schon ist man verunsichert. Warum sind manche Menschen schnell gekränkt? Eine Therapeutin erklärt, wie das Kopfkino ausbleibt.

Aussagen oder Kritik anderer manchmal persönlich zu nehmen, ist völlig menschlich, sagt die Psychotherapeutin Yesim Demiran. Sie erklärt, was dieses Gefühl mit dem eigenen Selbstbewusstsein zu tun hat, wann es zum Problem wird und was man dagegen tun kann.

ZEIT Campus: Ein alter Schulfreund von mir hat neulich nicht auf die Nachricht reagiert, die ich ihm zum Geburtstag geschickt habe. Ich war etwas gekränkt, obwohl das eigentlich ja eine Kleinigkeit ist. Woher kommt dieses Gefühl?

Yesim Demiran: Das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Etwa, dass man sich Anerkennung wünscht, dass man Angst hat, etwas falsch gemacht zu haben oder zurückgewiesen zu werden. Dann nimmt man die Reaktion des anderen persönlich. Der Freund hat mir nicht geantwortet, also mag er mich bestimmt nicht. Dabei kann es auch anders sein. Vielleicht hatte er nur keine Zeit zum Antworten und es hat gar nichts mit mir zu tun.

ZEIT Campus: Was bedeutet es eigentlich, etwas persönlich zu nehmen?

Demiran: Wenn man etwas persönlich nimmt, stellt man sich durch Kritik oder Aussagen anderer selbst infrage. Man bezieht also Ursachen für Kritik oder eigene Misserfolge zum Beispiel auf die eigenen Charaktereigenschaften.  

ZEIT Campus: Woher kommen diese Ängste, von denen Sie gesprochen haben?

Demiran: Sie können durch gewisse Glaubenssätze entstehen, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben. Einer davon könnte sein: "Ich darf keine Fehler machen, um geliebt zu werden." Oder: "Ich bin nicht gut genug." Da wurden wir durch unsere Eltern, Lehrer:innen oder Gleichaltrige in der Schule beeinflusst und geprägt. Vielleicht wurde man zum Beispiel als Kind nur dann gelobt, wenn man eine besonders gute Note mitgebracht habe, und nicht für das Bemühen selbst. Das kann zu einem grundsätzlich niedrigeren Selbstwertgefühl führen und dazu, vieles auf sich selbst zu beziehen.  

ZEIT Campus: Wann nehmen Menschen etwas am ehesten persönlich?

Demiran: Das hängt zum Beispiel von der Art der Beziehung zu der anderen Person ab. Wenn einem eine Freundschaft sehr wichtig ist, nimmt man vielleicht schneller etwas persönlich, als wenn es um einen entfernten Bekannten geht. Man hat mehr Angst vor Zurückweisung. Genauso spielt auch der Status, den wir jemandem zuordnen, eine Rolle. Wenn bei der Arbeit eine vorgesetzte Person, von der ich viel halte, meine Arbeit kritisiert, macht das eher etwas mit mir, als wenn ich diese ohnehin für nicht kompetent halte.  

ZEIT Campus: Gibt es Personentypen, die besonders oft oder besonders selten Dinge persönlich nehmen?

Demiran: Menschen, die ein höheres Selbstwertgefühl haben, sind im Regelfall widerstandsfähiger, was Kritik angeht, als Personen, die eher unsicher sind. Sehr in Mode ist ja auch der Begriff des Narzissmus. Damit bin ich immer etwas vorsichtig. Aber Menschen, die tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben, wirken zwar sehr selbstbewusst nach außen, haben aber eigentlich ein ganz geringes Selbstwertgefühl und sind deswegen schnell kränkbar.  

ZEIT Campus: Bei Textnachrichten scheinen Menschen besonders empfindlich zu sein. Ein Ausrufezeichen oder Zwinkersmiley wird dann zum Beispiel als passiv-aggressiv oder sarkastisch gedeutet. Ist die geschriebene Sprache anfälliger für solche Missverständnisse? 

Demiran: Ja, und das lässt sich ganz einfach erklären. Wir kommunizieren nicht nur verbal über Worte, sondern auch nonverbal über Körpersprache, Mimik und Gestik und über den Tonfall. Wenn davon etwas fehlt, ist unser Radar für das, was gemeint sein könnte, viel anfälliger für Fehler. Das geschriebene Wort bietet viel Spielraum für Interpretation. Dazu kommt das eigene Verständnis: Manche sehen in einem Zwinkersmiley etwas Anzügliches, andere sehen etwas Scherzhaftes und wieder andere etwas Ironisches.   

ZEIT Campus: Wenn es so viele andere Gründe für das Verhalten einer Person geben kann, warum glauben wir so oft, wir wüssten genau, was jemand meint?

Demiran: Wir suchen von Natur aus Ursachen für bestimmte Verhaltensweisen oder Sachverhalte. Unser Gehirn möchte effizient arbeiten. Es will schnell einordnen und reagieren. Das ist einerseits gut, andererseits denken wir dann automatisch in Schubladen. Wir meinen, wir könnten die Gedanken unseres Gegenübers lesen und versuchen zu antizipieren, wie etwas gemeint sein könnte. Nur liegen wir damit eben manchmal falsch.  

ZEIT Campus: Ist es schlecht, Dinge persönlich zu nehmen?

Demiran: Das würde ich nicht sagen. Es ist sogar sehr menschlich. Wenn man wie die meisten Menschen nur alle Jubeljahre mal jemandem etwas persönlich nimmt, lohnt es sich gar nicht, das groß zu hinterfragen. Etwas anderes ist es, wenn man darunter leidet und es die Lebensqualität beeinträchtigt, weil man ständig Dinge persönlich nimmt und dadurch oft in ähnliche Konflikte gerät oder Beziehungen darunter leiden. Dann sollte es darum gehen, Möglichkeiten zu finden, Dinge gelassener zu sehen.  

Manche sehen in einem Zwinkersmiley etwas Anzügliches, andere etwas Scherzhaftes und wieder andere etwas Ironisches. 

Yesim Demiran

ZEIT Campus: Wie kann das gelingen?

Demiran: Ganz grundsätzlich hilft es, aktiv den Selbstwert zu stärken. Das geht zum Beispiel, indem man sich überlegt, was man schon alles Positives erreicht hat im Leben. Man kann Freunde fragen, was sie an einem mögen. Auch Meditation kann gelassener machen. Wenn man das nächste Mal merkt, dass man etwas persönlich nimmt, hilft es zu reflektieren, was genau das Gegenüber gesagt hat und welches Kopfkino man daraus entwickelt hat. Am besten schreibt man beides auf und fragt sich: Sind diese Gedanken eigentlich haltbar oder gibt es andere Gründe für das Verhalten der anderen Person? Eine Möglichkeit ist außerdem der "Realitätscheck". Das heißt, man geht offen auf die andere Person zu, spricht an, wie man etwas wahrgenommen hat und erfragt, wie es wirklich gemeint war. Konflikte lassen sich offen immer besser austragen.  

ZEIT Campus: Das klingt einfacher als es vielleicht ist. Wie spricht man solche Konflikte an?

Demiran: Am besten in Ruhe, mit etwas zeitlichem Abstand und nicht direkt in der Situation selbst. Und dann gern in Ich-Botschaften: "Ich war verunsichert, als du mir nicht geantwortet hast. Ich habe mich weniger gemocht gefühlt." Wer bei sich bleibt, ist deeskalierend und trotzdem klar.  

ZEIT Campus: Manchmal sind es nicht die Sätze oder das Verhalten anderer, was wir persönlich nehmen. Studierende werden häufig für ihre Leistung bewertet. Wie schaffen sie es, sich davon nicht angegriffen zu fühlen?

Demiran: Bei Kritik sollte man sich fragen: Hat sie etwas mit mir als Person zu tun oder ist sie fachlich gemeint? Wenn sie fachlich gemeint ist, ist das trotzdem erst einmal unangenehm. Aber man kann sich überlegen, was sich daraus lernen lässt. Genauso kann man sich fragen, wie wichtig einem die Kritik am Referat oder der Hausarbeit eigentlich ist. Im Kopf ist das oft erst mal ganz groß. Eine negative Aussage überschattet schnell all das, was positiv hervorgehoben wurde. Es hilft, sich vor Augen zu führen, was gut lief und zu überlegen, was man von der Kritik für sich mitnehmen und nutzen möchte. Eine andere Situation ist es, wenn tatsächlich jemand das eigene Selbstwertgefühl oder die eigenen Werte angreift. Vielleicht gerät man auch mal zurecht mit Dozierenden aneinander. Dann ist es völlig angemessen, etwas persönlich zu nehmen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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