Partner von:

Letzter Halt: Staatsexamen

Lernen, Prüfung, Studentin [Quelle: pexels.com, Autor: Andy Barbour]

Quelle: pexels.com, Andy Barbour

Der Erfolg des Jurastudiums hängt von zwei Prüfungswochen ab. Wer dann durchfällt, steht am Ende ohne Abschluss da. Doch Professoren und Unis zögern, wenn es um Reformen geht.

Nach fünf Stunden Examensklausur sitzt Amelie im Behandlungszimmer. Sie hustet, hat Fieber, das Atmen fällt ihr schwer. Diagnose: Bronchitis und Entzündung der Nasennebenhöhlen. Der Arzt empfiehlt Bettruhe, sofort, für mehrere Tage. Für Amelie kommt das nicht infrage - denn da ist noch Klausur morgen, und die Klausuren in der nächsten Woche. Der Arzt setzt ihr sechs Spritzen. "Ich weiß nicht mehr, was für Zeug da drin war. Aber es war mir auch egal, ich musste funktionieren", sagt Amelie. Sie hält durch. Zum Bestehen reicht es am Ende trotzdem nicht.

Der Name Amelie ist ein Pseudonym. Die 26 Jahre alte Studentin möchte nicht auf die Lücke reduziert werden, die heute in ihrem Lebenslauf steht: "2014-2020: Studium der Rechtswissenschaften (ohne Abschluss)".

Die Prüfungsleistungen in den ersten fünf Jahren Regelstudienzeit sind für die Note der Staatsprüfung nicht relevant. Die Inhalte werden erst zum Schluss, in Form von fünf bis acht Klausuren (je nach Bundesland), abgefragt. Pro Klausur kommen 40 handgeschriebene Seiten zusammen. Amelie hatte in sechs Jahren Studium alle Klausuren und Hausarbeiten bestanden. Dann kam das Staatsexamen.

Knapp 27 Prozent der Studierenden scheitern hier im ersten Anlauf. Wie hoch der Anteil derjenigen ist, die am Ende ganz ohne Abschluss dastehen, lässt sich statistisch schwer abbilden. Etliche versuchen es nach dem gescheiterten Versuch kein zweites Mal - oder fallen abermals durch. Ihre Bildungskarriere endet dann offiziell mit dem Abitur.

Amelie lernte eineinhalb Jahre täglich acht bis zehn Stunden für ihre Abschlussklausuren. So wie 90 Prozent ihrer Kommilitonen investierte sie mehrere Hundert Euro monatlich in private Nachhilfe, das sogenannte Repetitorium. Die Examensphase habe sie verändert. "Du siehst aus wie ein Zombie", sagten ihre Freunde. Sie habe danach erst mal viel geschlafen und sich dann gegen einen zweiten Anlauf entschieden: "Ich wollte mir den Druck einfach nicht mehr antun."

Es gibt Menschen, die motiviert das Alles-oder-nichts-Spiel der Ausbildung zu Höchstleistungen. Doch viele leiden darunter. Im Gefühl der Überforderung greifen einige schon in der Vorbereitungszeit zu Betäubungsmitteln. Ritalin ist besonders beliebt. In Jura-Foren wird die leistungssteigernde Wirkung des verschreibungspflichtigen Medikaments seitenlang ausgeführt. Amelie sagt, dass zu Prüfungen eine Sammlung an Tabletten auf den Tischen links und rechts von ihr deponiert war. Einmal habe sich eine Kommilitonin im Prüfungsraum übergeben müssen. Sie selbst habe es lieber mit Yoga und Schlaf probiert.

Das Jurastudium beruht weitgehend auf der preußischen Ausbildungsordnung von 1869. Seitdem streiten Professoren, Studierende, Absolventen und politische Entscheidungsträger darüber, was eine zeitgemäße juristische Ausbildung ausmacht. Nahezu alle Beteiligten sind sich einig, dass Reformen nötig sind. Bei der Frage, welche Richtung einzuschlagen ist, gehen die Meinungen weit auseinander.

Fest steht: Das Studium muss attraktiver werden. "Fast jeden Tag erreichen mich Hilferufe von Gerichten und Kanzleien, die verzweifelt Nachwuchs suchen", sagt Juraprofessor Sebastian Omlor von der Universität Marburg. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Absolventen um bis zu 40 Prozent zurückgegangen. Hinzu kommt eine Pensionierungswelle in der Justiz. Diejenigen, die den Engpass auffangen sollen, sind mehrheitlich unzufrieden mit den mentalen Anforderungen im Studium: 70 Prozent der angehenden Juristen würden ihr Studienfach im Hinblick auf die psychische Belastung nicht weiterempfehlen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Fachschaften hervor.

Ein Sicherheitsnetz könnte ein in den Studienverlauf integrierter Bachelor darstellen. Wer später am Staatsexamen scheitert, hat so zumindest einen Abschluss in der Tasche. An den Universitäten in Frankfurt/Oder, Potsdam, Berlin, Hagen sowie an Privatuniversitäten ist ein solcher Bachelor schon umgesetzt. Weitere Hochschulen wollen nachziehen.

Diese Entwicklung stößt jedoch auf Widerstand. Kritiker sehen mit dem integrierten Bachelor das Staatsexamen entwertet. Dieses sei gerade deswegen so anerkannt, weil es sich um eine anspruchsvolle, aber aussagekräftige Abschlussprüfung handele. "Ein allgemeiner Bachelor ohne zusätzliche Spezialisierung darf nicht als reine Auffanglösung für Studienabbrecher dienen", sagt Professor Omlor. Er bezweifelt, dass es für Bachelorabsolventen ohne Staatsexamen einen Arbeitsmarkt gibt.

Omlor will an anderer Stelle ansetzen. Er setzt sich dafür ein, dass digitale Themen wie Zahlungsdienste auf Blockchain-Basis oder Haftung für Künstliche Intelligenz künftig eine größere Rolle in der Ausbildung spielen. Prüfungsinhalte dafür an anderer Stelle weitreichend zu reduzieren ist keine Option für Omlor, der auch als Sachverständiger dem Bundestag bei Gesetzentwürfen zur Seite steht. Noch mehr Prüfungsstoff? Dagegen wehren sich viele Studierende und fordern stattdessen eine frühere Spezialisierung auf einzelne Rechtsgebiete.

Es gibt fast genauso viele Reformideen wie Menschen, die Jura studieren oder studiert haben. Die zentralen Ideen hat die Initiative "iur.reform" gebündelt. Im ersten Schritt hat der Verein 44 Thesen formuliert, Pro- und Kontra-Argumente mitgeliefert und online zur Abstimmung gestellt. Bislang haben sich rund 6000 Interessierte beteiligt. Aus der Gedankensammlung soll ein aussagekräftiges Stimmungsbild entstehen: Wo ist der Handlungsbedarf am größten? Bei aller Kontroverse - auf welche Änderungen kann sich eine breite Mehrheit verständigen?

"Es ändert sich nichts, wenn alle in ihren geschlossenen Gruppen diskutieren, deshalb möchten wir eine breite Debatte anstoßen", erklärt Til Bußmann-Welsch von iur.reform. Die Initiatoren wollen am Ende der Abstimmung zum Sprachrohr der beliebtesten Vorschläge werden. Ihr Abschlussbericht soll in die Justizministerkonferenz eingebracht werden. Die Juristenausbildung ist Ländersache. Für tiefgreifende Reformen müsste zudem das Deutsche Richtergesetz vom Bundestag geändert werden.

Neben der Debatte um den Bachelor wird auch immer wieder über das sogenannte Abschichten diskutiert. Dabei geht es darum, die Examensklausuren nicht innerhalb von zwei Wochen zu schreiben, sondern - so wie derzeit nur in Niedersachsen möglich - über einen längeren Zeitraum zu verteilen. Befürworter versprechen sich dadurch psychische und physische Entlastung, weil nicht mehr zwei aufeinanderfolgende Wochen zur alles entscheidenden Karrierephase werden. Die Examensinhalte sind fächerübergreifend, alles hängt mit allem zusammen, weshalb die einzelnen Prüfungen weiter unmittelbar hintereinander abgelegt werden müssen, argumentieren hingegen konservative Juristen.

Mit möglichen Reformen beschäftigt sich Amelie nicht mehr. Die 26 Jahre alte Studentin hat ein Bachelorstudium angefangen, Wirtschaftsrecht an einer Hochschule. Die sechs Jahre im Hörsaal helfen ihr auf dem Papier wenig, was am eigenwilligen Notensystem der Juristen liegt. Es reicht von null bis 18 Punkten. Ab vier Punkten gilt eine Prüfungsleistung als bestanden, 16-18 Punkte heißen "sehr gut". Wobei die Bewertungsskala nach oben hin so gut wie nie ausgereizt wird.

Statistisch gesehen, ist es deutlich wahrscheinlicher, drei Richtige im Lotto zu haben, als dass ein Jurastudent die Staatsprüfung mit der Gesamtnote "sehr gut" abschließt. Bundesweit waren es 2019 exakt 30 von mehr als 14 000 geprüften Kandidaten, also 0,2 Prozent.

Sieben Punkte, im Jurastudium eine überdurchschnittlich gute Bewertung, bedeuten im Bachelor- und Mastersystem eine 3,0, was im unteren Bereich der Notenskala liegt. Amelie hat daher darauf verzichtet, sich Noten aus ihrem vorherigen Studium anrechnen zu lassen. Lieber beginnt sie noch mal von vorne. "Jura war die schlechteste, aber auch die beste Entscheidung meines Lebens", sagt Amelie. Enge Freundschaften und die Begeisterung für juristische Fälle hat sie in ihren neuen Lebensabschnitt mitgenommen. Den Druck, dass der Erfolg des Studiums von zwei Wochen Klausurphase abhängt, ist sie nun los. In gut zwei Jahren wird Amelie an der Hochschule ihre Bachelorarbeit anmelden. Von da an hat sie mehrere Monate Bearbeitungszeit.

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Verwandte Artikel
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.