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"Schon Opa hatte einen Dr."

Frau Überlegend Couch Laptop Sitzend [Quelle: Unsplash.com, Autor: Mimi Thian]

Quelle: Unsplash.com, Mimi Thian

Das sollte nicht der einzige Grund für eine Promotion sein. Sieben Motive im Vergleich.

"ICH FINDE WEGEN CORONA KEINEN JOB"

Schon unter normalen Umständen braucht man für den Berufseinstieg Geduld. Doch die Pandemie hat den Sprung von der Uni in den Job zu einer noch größeren Herausforderung gemacht. "Die Krise trifft alle, besonders hart ist sie für Berufseinsteiger, da Unternehmen sich mit Neueinstellungen zurückhalten", sagt Ralf Beckmann von der Bundesagentur für Arbeit. Also deshalb besser an der Uni bleiben, promovieren und in ein paar Jahren bewerben? Lieber nicht.

"Ob man promoviert oder nicht, sollte man nicht von der aktuellen Lage abhängig machen", sagt Regina Flake, Expertin für Aus- und Weiterbildung am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. "Jetzt nur zu promovieren, um später in den Arbeitsmarkt zu treten, wäre ein schlechter Rat." Denn wer eine Doktorarbeit entwickelt, braucht Willenskraft, Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz. Schon bei der Themenfindung und der Planung muss man sich durchbeißen. In den Jahren des Forschens passiert oft Unvorhersehbares, manche Dinge gehen schief. Es gibt Phasen der Einsamkeit und des Zweifelns – unter Umständen des Verzweifelns.

"Wer mit der Promotion nur begonnen hat, weil sie oder er keinen Alternativplan hatte, kann gerade in Momenten der Krise unglücklich werden und schlimmstenfalls abbrechen", sagt Brigitte Held, Referentin und Beraterin bei Grade, der Graduiertenakademie der Goethe-Universität Frankfurt.

Wer jetzt nicht sofort einen Job findet, sollte deshalb keine überstürzte Entscheidung treffen, sondern lieber ein wenig abwarten. "Aufgrund der Pandemie war der Arbeitsmarkt zeitweise wie eingefroren. Auch im Dezember 2020 waren noch deutliche Auswirkungen sichtbar", sagt Ralf Beckmann von der Bundesagentur für Arbeit.

"DAMIT MACHE ICH SCHNELLER KARRIERE"

Klar, ein Doktortitel  kann vorteilhaft für die Karriere sein und auch finanziell: Wer promoviert hat, verdient in seinem gesamten Leben im Durchschnitt laut der Datenbank Gehalt.de eine viertel Million Euro mehr als Masterabsolventen. Aber diese Aussicht allein trägt nicht als Motiv für eine Promotion. Eine Doktorarbeit, die getrieben ist von guten Gehaltsaussichten und nicht von Interesse an der Sache, kann schnell zur Qual werden. Außerdem: Bevor sich der Titel rentiert, muss man die Promotionsphase finanziell überstehen. Bedeutet: Man verdient mehrere Jahre deutlich weniger als ehemalige Kommilitonen, die direkt in den Job eingestiegen sind.

"MEINE PROFESSORIN SAGT, ICH KANN DAS"

Ob man sich traut zu promovieren, hängt laut Annette Julius, Generalsekretärin der Studienstiftung des deutschen Volkes, maßgeblich von Bestätigung und Ermutigung ab. Und die könnte kaum größer sein, als wenn die Anfrage von einem Professor kommt. Trotzdem sollte man um Bedenkzeit bitten und prüfen: Hat der Vorschlag einen Haken? Passt der Betreuer zu mir? Müsste man andere Pläne dafür aufgeben?

Es ist schön und schmeichelhaft, dass eine Professorin oder ein Professor Potenzial in einem sieht. Und es ist normal, sich zu fürchten, dass man in zehn Jahren eine verpasste Chance beklagt. Doch man darf so ein Angebot nicht nur annehmen, weil man sich nicht traut abzusagen und sich sorgt, was ein Professor darüber denken könnte. Jeder hat die Wahl. Und die darf auch sein, ein Potenzial mal nicht auszuschöpfen – oder vielleicht erst in ein paar Jahren.

"SCHON OPA HATTE EINEN DR."

Das Wort Promotion kommt aus dem Lateinischen und steht für "Beförderung". Der Dr. symbolisiert Werte wie Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Und die zwei Buchstaben machen viele Eltern stolz. Gerade wenn mehrere in der Familie promoviert sind, kann es sein, dass man sich unter Druck gesetzt fühlt, mitzuziehen. Aber sollte man vier bis fünf Jahre Hirnschmalz und Tränen investieren, allein um seinen Eltern einen Gefallen zu tun, eine Familientradition zu wahren oder Diskussionen aus dem Weg zu gehen? Besser nicht.

"IN MEINEM FACH MUSS DAS SEIN"

Es gibt eine Faustregel, die im Grunde für alle Fächer gilt: Je näher die angestrebte berufliche Tätigkeit an der Forschung ist, desto eher braucht man den Titel. In der Biologie liegt der Anteil laut Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) bei mehr als 80 Prozent der Masterabsolventen. Dennoch gilt selbst für Naturwissenschaftler: Es gibt keinen Zwang, mit dem Strom zu schwimmen. Alles hängt davon ab, wo man beruflich hinwill. Biologen mit Masterabschluss können als Umweltgutachter oder in kleineren Biotech-Unternehmen arbeiten, dazu müssen sie nicht promoviert sein.

"Für einen Chemiker, der in der Industrie im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten möchte, sind die Chancen ohne den Titel mau", sagt Karin Schmitz, die die Öffentlichkeitsarbeit der Gesellschaft Deutscher Chemiker leitet. Wer Wirtschaftschemie studiert hat oder Wissenschaftsjournalist werden möchte, kann meist auf die Doktorarbeit verzichten. Nicht einmal ein Arzt braucht einen Doktor. Klingt wie ein Widerspruch, ist aber heute nicht unüblich, wie das Ärzteblatt schreibt. Kommunale Krankenhäuser legen oft keinen Wert darauf, ob der "Dr. med." vor dem Namen steht. Laut einer Umfrage des Berufsverbands Hartmannbund sehen 60 Prozent der befragten Assistenzärzte im Doktortitel keinen Nutzen für ihre Tätigkeit. An Uni-Kliniken, die der Lehre und Forschung dienen, braucht man den Doktorgrad, wenn man beruflich aufsteigen möchte. Und wer eine Praxis eröffnen möchte, sollte bedenken, dass manche Patienten skeptisch werden, wenn der Titel auf dem Türschild fehlt.

"ICH TRÄUME VON EINEM JOB IN DER FORSCHUNG"

Wer in die Wissenschaft möchte, braucht den akademischen Doktorgrad. Doch man sollte sich darüber im Klaren sein, worauf man sich einlässt. In der akademischen Arbeitswelt sind Zukunfts- und Existenzängste normal, die Bildungsgewerkschaft GEW spricht von einer "permanenten Unsicherheit". Wer eine Professur anstrebt, muss sich auf jahrelange Unsicherheit und eine schlecht planbare Karriere mit einem hohen persönlichen Risiko einstellen. 2014 waren 82 Prozent des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals an deutschen Hochschulen befristet beschäftigt.

Schaut man sich nur die Jüngeren an, steigt dieser Anteil noch einmal: "Bei den unter 35-Jährigen kommt unbefristete Beschäftigung nahezu nicht vor", steht im Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN). Oft haben die Verträge eine Laufzeit von einem Jahr oder weniger. Der Wettbewerbsdruck ist enorm. Der BuWiN zeigt, dass die Zahl des an Hochschulen angestellten wissenschaftlichen Nachwuchses seit 2000 um 76 Prozent gewachsen ist. Die Zahl der Professorenstellen, auf die der wissenschaftliche Nachwuchs im Idealfall nach einigen Jahren nachrückt, stieg aber nur um etwa 20 Prozent.

"ICH WILL TIEF IN DAS THEMA EINSTEIGEN"

Bingo! Das ist es. Wer promoviert, braucht einen langen Atem. Deshalb sollte man aus sich selbst heraus promovieren wollen: "Eine Doktorarbeit zu beginnen, weil man eine tiefe Neugier auf ein Thema hat und sich in ein Projekt eingraben will, das ist das beste und wichtigste Motiv", sagt Brigitte Held, die an der Goethe-Universität Frankfurt unter anderem Promovierende berät. Auch Annette Julius von der Studienstiftung des deutschen Volkes hält den eigenen Antrieb zur Promotion für entscheidend: "Dieser speist sich aus wissenschaftlicher Neugier, Erkenntnisinteresse sowie der Überzeugung, zu einer relevanten Fragestellung einen substanziellen Beitrag leisten zu können." Bringt man eine solche Motivation mit, kann das helfen, die Promotion in vielen Phasen als erfüllend zu empfinden und sie erfolgreich durchzuziehen.

Wer sich für ein Thema begeistert und darüber leidenschaftlich sprechen kann, wird in der Regel auch andere davon überzeugen können, etwa Stipendiengeber. Und er wird Probleme weniger als unüberwindbare Hindernisse empfinden, sondern als Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Doch auch mit hoher Motivation lohnt es sich, am Anfang zu reflektieren: Welchen Sinn hat die Promotion für mich? Passt ein solches Projekt dazu, wie ich mir mein Leben vorstelle?

Promovierende sollen eine Erkenntnis zu Papier bringen, die es in der Wissenschaft so noch nicht gibt. Dabei kann man die Pandemie sogar als Chance verstehen, denn sie eröffnet neue Forschungsfelder. Grundsätzlich sollte man sich vor einer Promotion auch fragen: Welche Aspekte des Themas, das man untersuchen möchte, sind noch unerforscht? Gibt es dazu Literatur? Und was würde meine Forschung der Gesellschaft nützen? Gut ist dafür auch, anderen Forschenden von seinem Projekt zu erzählen.

Herausfordernd wird es trotzdem sein, motiviert zu bleiben: Auch wer für sein Thema brennt, wird ziemlich sicher Zweifel erleben. Aber ihr oder ihm kann dann zumindest auch wieder einfallen, was anfangs so spannend war.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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