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Lesen lieben lernen

Mädchen Hut Couch Sitzend Lesend Bücherwand [Quelle: Unsplash.com, Autor: Seven Shooter]

Quelle: Unsplash.com, Seven Shooter

Wie kann es sein, dass man als Jugendlicher noch tagelang in Bücherwelten abgetaucht ist und man später gar nicht mehr zum Lesen kommt? So wirst du wieder zur Leseratte.

ZEIT Campus ONLINE hat sechs Menschen gefragt: Wie findet man Zeit zum Lesen? Eine Lektorin spricht über das richtige Buch. Ein Psychologe über Gewohnheit. Eine Konzentrationstrainerin verrät, wie man Ruhe findet und zwei Vielleserinnen erklären, wie sie sich motivieren.

Wo fange ich an?

Mona Lang ist Lektorin beim Verlag Kiepenheuer und Witsch.

Ich bin Verfechterin der Theorie, dass es für jeden Menschen das richtige Buch gibt. Man muss das natürlich erst mal finden, aber Buchhändlerinnen und Buchhändler helfen gerne weiter. Am Anfang sollte man sich die Frage stellen: Was interessiert mich? Möchte ich etwas lernen und ein Sachbuch lesen? Möchte ich mich unterhalten lassen und vielleicht zu einem Krimi greifen? Oder will ich mich ein bisschen herausfordern und Literatur lesen?

Es ist total okay zu sagen, ich lese etwas Leichtes. Es gibt ganz großartige Unterhaltungsliteratur. Ich als Lektorin unterscheide da nicht zwischen Gut und Schlecht. Es gibt in jedem Bereich tolle Bücher und nicht so tolle Bücher. Fang mit einer spannenden Krimi-Serie an, wenn du wieder einsteigen willst. Oder lies Bridget-Jones-artige Bücher, wenn es dir gerade nicht so gut geht. Wenn man lange nicht gelesen hat, kann man mit etwas Leichtem anfangen und sich dann wieder zu Literarischem vorarbeiten. Oder auch nicht. Lesen soll entspannen und Spaß machen. Genauso wie bei Fernsehserien und Kinofilmen soll man das konsumieren, was einem Freude bringt und nicht das, was jemand sagt, was wichtig ist. 

Es gibt Zeiten, in denen es mir privat auch schwerfällt zu lesen. Gerade vor den Buchmessen müssen wir drei bis vier Manuskripte pro Tag anlesen. Immer wenn ich mich nicht so richtig nach hoher Literatur fühle, greife ich zu Elizabeth Strout. Das ist eine Autorin, die bei vielen immer geht. Sie ist zugänglich und trotzdem klug. 

Und dann gibt es noch Geoff Dyer. Das ist mein liebster Autor auf der Welt. Seine Bücher sind oft autofiktional, immer überraschend und dazu schreibt er auf höchstem sprachlichen Niveau – ohne zu überfordern. Irgendwann habe ich mir mal alle seine Bücher auf einmal gekauft. Ich habe noch ein paar übrig. Die hebe ich mir auf für schlechte Tage. Er ist nichts für jeden Geschmack, aber ein echter Geheimtipp. 

Im Netz – gerade unter dem Hashtag #bookstagram auf Instagram – finden sich viele tolle Accounts, die täglich Bücher empfehlen. Ich habe selbst ein eigenes kleines Lockdown-Projekt auf Instagram gestartet, in dem ich sehr individuell Bücher empfehle, so niedrigschwellig und lustig wie ich kann. Das scheint mir wichtig für viele Menschen, die gern wieder lesen möchten, das nicht gleich intellektuell zu überfrachten. Maria Piwowarski vom Buchladen Ocelot oder Florian Valerius alias literarischer Nerd zum Beispiel machen so etwas schon lange und viel regelmäßiger als ich.

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Wie schaffe ich es, mich auf mein Buch zu konzentrieren?

Margit Reinhardt ist Konzentrationstrainerin und Business-Coach.

Der Tag war anstrengend, draußen ist es schon dunkel – wer jetzt noch Energie zum Lesen haben will, muss erst mal abschalten. Gut ist es, für einige Minuten die Augen zu schließen, das entspannt und verhindert, dass weitere Reize auf uns einströmen. Auch eine Runde Yoga oder ein kleiner Spaziergang hilft dabei, sich kurz von der Arbeit oder dem Tag zu erholen, bevor man sich seinem Buch widmet.

Abends ist unsere Konzentrationsenergie fast aufgebraucht, darum sollten Leserinnen und Leser beachten, dass es keine Ablenkungen gibt – am besten Handy und Fernseher aus und sich in eine ruhige Ecke der Wohnung setzen. Im Sitzen und bei hellem Licht kann man sich am besten konzentrieren, denn wer liegend und bei schummrigem Licht liest, läuft Gefahr, einzuschlafen.

Es ist gut, wenn man sich vorher ein Zeitfenster setzt, in dem man sich konzentrieren will. Ungeübte Leserinnen und Leser sollten vielleicht mit 15 Minuten pro Tag beginnen. So lässt sich die Konzentration besser halten und am Ende steht ein Erfolgserlebnis. Lesen bis zur Erschöpfung ist nicht ratsam, stattdessen kann man die Zeitfenster langsam vergrößern.

Wer abends zu erschöpft ist, kann sich seine Lesezeit auch morgens nach dem Aufstehen nehmen. Da ist das Gehirn ausgeruht, die Konzentrationsenergie noch nicht aufgebraucht und man startet mit einer schönen Routine in den Tag.

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Wie komme ich trotz anstrendem Alltag zum Lesen

Cornelius Frey ist Gründer des Start-ups Opinary und liest privat sehr viel.

Ich lese immer etwa vier Bücher gleichzeitig: Eines, was mir hilft, ein konkretes Problem bei der Arbeit zu lösen – gerade ist das Escaping the Build Trap von Melissa Perri, da geht es um experimentelle Softwareentwicklung. Darin lese ich oft zum Beispiel vor einem wichtigen Meeting, wenn ich Input brauche. Das zweite ist auch arbeitsbezogen, hat aber eher die großen Zusammenhänge im Blick und bietet mir Perspektiven für die Zukunft. Zum Beispiel, wie ich mein Unternehmen im nächsten Jahr weiterentwickeln könnte. Das dritte ist ein Sachbuch ohne Bezug zur Arbeit, gerade lese ich etwa eines über die Nachkriegszeit in Deutschland. Und das vierte ist rein zum Spaß, ein Roman meistens. So schaffe ich etwa fünf Bücher im Monat.

Am liebsten lese ich gedruckt auf Papier, aber mittlerweile habe ich auch andere Formen für mich entdeckt. Unterwegs höre ich Hörbücher über Audible. Das ist super für den Spielplatz. Mit dem Handy kannst du da nicht sitzen, da wirst du total geächtet. Aber dass du ein Hörbuch hörst, sieht keiner und ich kann nebenbei ein Auge auf meine drei Kinder werfen. Kürzlich habe ich mich auch mit einem Kindle angefreundet. Da habe ich mich lange gegen gesträubt, aber gerade wenn man mehrere Bücher gleichzeitig liest, ist es schön, nur ein kleines, leichtes Gerät dabeizuhaben.

Im ersten Lockdown ist mir aufgefallen, dass ich mich gar nicht mehr richtig auf das Lesen einlassen kann – obwohl ich immer und viel lese. Aber ich wurde dabei ständig durch irgendetwas abgelenkt. Wenn mir ein Gedanke gefallen hat, habe ich oft gleich Slack geöffnet und ihn an mein Team weitergeleitet. Mein Gehirn ist ständig hin- und hergehüpft. Das fand ich schlimm. Also habe ich in letzter Zeit jeden Abend um 22 Uhr das Handy ausgemacht und versucht, danach 30 Seiten konzentriert am Stück zu lesen. Es hat drei Monate gedauert, bis mir das wieder gelungen ist. Aber jetzt genieße ich es sehr.

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Wie gewöhne ich mir an, mehr zu lesen?

Sebastian Bamberg forscht an der Fachhochschule Bielefeld am Lehrstuhl Sozialpsychologie zu Prozessen der Verhaltensveränderung.

Der erste Schritt zum Etablieren einer neuen Gewohnheit ist, sich zu fragen, warum man etwas will. Warum will ich mehr lesen? Ich möchte mitreden können, wenn meine Freunde über den neuen Grisham-Roman sprechen, ich möchte abtauchen in eine Fantasiewelt ohne Pandemie oder ich will mich mit dem Klimadiskurs auseinandersetzen und mir mehr Wissen anlesen. Hat man das eigene Ziel und die Motivation formuliert, geht es an die Umsetzung. Hier hilft eine möglichst genaue Planung von Uhrzeit, Ort und Situation. Fürs Lesen bedeutet das beispielsweise: Jeden Tag um 19 Uhr möchte ich eine Stunde lesen, anfangen werde ich heute mit dem Buch, das mir meine Schwester zu Weihnachten geschenkt hat. Wer bisher um 19 Uhr immer Netflix geschaut hat, sollte sich nicht aufs Sofa setzen, sondern sich einen anderen Ort in der Wohnung suchen, der keine alte Gewohnheit triggert.

Nach dem Lesen hilft es, sich zu fragen: Wie war die Erfahrung, hat das Lesen meine Erwartungen erfüllt? Denn merkt man, dass das Lesen einem tatsächlich die gewünschte Entspannung oder Horizonterweiterung schenkt, dann verfestigt sich die Motivation, es zur Gewohnheit zu machen.

Wichtig ist trotzdem, sich nicht entmutigen zu lassen, wenn man ein oder zwei Tage nicht zum Buch gegriffen hat. Rückfälle sind eine normale Begleiterscheinung, wenn man neue Gewohnheiten einführen will. Eine Gewohnheit ist ein automatisierter Verhaltensimpuls und den zu etablieren, ist sehr schwer. Meistens muss man dafür eine andere Gewohnheit unterbrechen: Joggen statt Sofa, Salat statt Schokolade, Buch statt Fernseher.

Ein letzter kleiner Trick, um sich ans regelmäßige Lesen zu gewöhnen: Bücher stets griffbereit haben. Legen Sie ein schönes Buch auf den Nachtisch oder in die Küche und stecken Sie sich eines ein, sobald Sie das Haus verlassen.

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Warum lohnt es sich, gemeinsam zu lesen?

Sabrina Kühn-Friedrich, aus Dortmund, hat mit zwei Freundinnen einen Buchclub namens Pickwick Buchclub.

Bevor ich mich einem Buchclub vor etwa eineinhalb Jahren angeschlossen habe, habe ich nicht regelmäßig gelesen, höchstens mal ein Buch im Urlaub – die berühmte Strandlektüre. Ich hätte gerne viel mehr geschafft, aber im Alltag fehlte oft die Zeit und Motivation. Als ich auf Instagram gesehen habe, dass zwei Bekannte zusammen einen Buchclub gegründet haben, habe ich mich angeschlossen. Positiver Druck spornt zum Lesen an. Jetzt nehmen wir uns jeden Monat zu dritt ein Buch vor, dass wir anschließend gemeinsam besprechen: Wie hat es uns gefallen? Was nimmt man für sich mit? Empfiehlt man das Buch weiter? Jede von uns schlägt bis zu sechs Bücher für den nächsten Monat vor, die Auswahl treffen wir zusammen. Jetzt während Corona finden unsere Sitzungen statt bei einer von uns zu Hause eben per Skype statt.

Das Schöne daran ist, dass wir drei ganz unterschiedliche Typen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und mit verschiedenen Geschmäckern sind. Ich arbeite als Grafikdesignerin und bin verheiratet, Steffi ist gelernte Buchhändlerin und hat 3.000 Bücher zu Hause, Kathi ist Mutter und arbeitet als medizinische Fachangestellte. Die eine mag historische Romane, die andere Fantasy und Gegenwartsliteratur und ich liebe Krimis und Thriller. So entdeckt jede von uns auch andere Genres und es zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich wir Literatur bewerten. Wenn wir alle drei mal ein Buch gut finden, dann ist es wohl wirklich ein gutes.

Unser Buchclub ist mittlerweile nicht mehr nur privat, wir teilen unsere Rezensionen auch auf Instagram. Was viele vielleicht gar nicht wissen: Dort gibt es unter dem Hashtag #bookstagram eine riesige Lese-Community, mit der man sich austauschen kann. Unter dem Hashtag #buddyread kann man sich mit anderen organisieren, ein bestimmtes Buch zu lesen und dann ganz kleine Leseetappen, beispielsweise ein Kapitel, von Woche zu Woche abstecken. 

Mich hat unser Buchclub total motiviert. Ich habe mittlerweile meine eigene Leseroutine entwickelt: morgens eine halbe Stunde lesen und abends im Bett noch mal. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, 100 Seiten pro Tag zu lesen. Läuft bisher ganz gut.

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Wie kann ich meine Leseauswahl diverser gestalten?

Fabienne Gretschel ist seit Dezember 2020 Buchhändlerin bei She Said, einem queerfeministischen Buchladen in Berlin.

Lesen kann uns Wissen und andere Blickwinkel vermitteln. Über Bücher können wir uns selbst reflektieren und in andere Welten schauen. Deshalb ist es bereichernd, ganz bewusst Bücher abseits des Mainstreams zu lesen.

Als Kind habe ich meinen Vater immer in Buchhandlungen begleitet. Oft waren das eher kleinere Läden – nicht unbedingt von den Räumlichkeiten, sondern vom Angebot her. Dort gab es nicht nur die Bücher von der Spiegel-Bestsellerliste zu kaufen, sondern eine besondere Auswahl, eher linksorientiert und diverser. Das ist ein genereller Tipp: Wenn der Buchladen des Vertrauens bereits eine Vorauswahl trifft, findet man eher etwas, das dem eigenen Geschmack entspricht. Bei She Said verkaufen wir zum Beispiel nur Literatur queerer oder weiblicher Autorinnen. Wir wollen die Stimmen stärken, die sonst zu wenig gehört werden. 

Wenn jemand zu uns in den Laden kommt, frage ich als Erstes, für wen die Person ein Buch sucht und was er oder sie gern liest. Wenn jemand wieder mit dem Lesen anfangen will, empfehle ich gerne 1000 Serpentinen Angst von Olivia Wenzel. Es geht um alles: Rassismus, Familie, Freundschaft. Außerdem ist die Autorin Schwarze Deutsche und davon gibt es im Romanbereich bisher viel zu wenige.

Obwohl wir uns auf queere und weibliche Autorinnen spezialisiert haben, verurteilen wir Bücher von hetereo-cis Männern nicht per se. Wir bestellen zur Not auch ein Buch von Thomas Mann. Ich bin selbst großer John-Irving-Fan. Er erzählt einfach großartig Geschichten, die einen gefangen nehmen und in eine Welt eintauchen lassen, und dabei benutzt er eine relativ einfache Sprache. Wenn jemand zu uns kommt, der ihn sonst auch gerne liest, dann suche ich dem Menschen etwas Ähnliches raus – aber eben von einer Autorin. Hanya Yanagihara hat es in A little life auch geschafft, die Charaktere in einer unglaublichen Tiefe und sehr analytisch darzustellen, man versteht, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Das Buch ist inhaltlich relativ krass, deshalb würde ich es vielleicht nicht jedem automatisch empfehlen, aber dieser Aspekt hat mich ähnlich begeistert wie bei Irving.

Wer auf die Idee kommt, die eigene Leseauswahl diverser gestalten zu wollen, hat sich wahrscheinlich schon Gedanken dazu gemacht. Wenn es keinen Buchladen mit einer entsprechenden Auswahl in der Nähe gibt, findet sich oft auch auf Instagram Inspiration. Generell lohnt es sich immer feministischen Stimmen auf Instagram zu folgen, etwa Margarete Stokowski oder Hengameh Yaghoobifarah, deren Empfehlungslisten zu checken oder auf den Seiten von Buchverlagen direkt zu schauen.

Buchempfehlung: Exit Racism von Tupoka Ogette, Untenrum frei von Margarete Stokowski und AktenEinsicht von Christina Clemm

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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