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Im digitalen Dilemma

Frau Arbeit Laptop Wohnzimmer gemütlich [Quelle: Unsplash.com, Autor: Vlada Karpovich]

Quelle: Unsplash.com, Vlada Karpovich

Anders als die Schulen machen Unis keine Anstalten, zum Semesterstart den Präsenzbetrieb aufzunehmen. Via Internet erreichen sie ihre Studenten effizient – und könnten sich damit überflüssig machen.

Aloys Krieg braucht nur ein paar Klicks, um die Videokonferenz wieder zum Laufen zu bringen. "Irgendwas passiert immer", sagt er. Dieses Mal ist es die Stimme des Anrufers, die sein Rechner nicht wiedergeben will. Für den Prorektor für Lehre an der RWTH Aachen ist das kein großes Problem mehr. Seit März hat er die meisten Fehler der Konferenzsoftware Zoom erlebt – und gelernt, sie zu beheben. Als die Coronapandemie auch Deutschland erreichte, verschwand seine Universität komplett ins Digitale. Mit seinen Kollegen tagte er überwiegend am Rechner. Der Hörsaal, in dem der Mathematikprofessor analytische Zahlentheorie lehrt, schrumpfte auf die Größe seines Bildschirms.

Die Umstellung lief den Umständen entsprechend gut, so Krieg. Oberstes Ziel: "Die Studierenden sollten keine Zeit verlieren." Doch im Laufe des Semesters sei der Betrieb immer träger geworden. "Es schauten weniger bei den Vorlesungen zu, auch die Beteiligung bei Übungsaufgaben wurde geringer." Zoom-Müdigkeit lautet in Aachen die Diagnose, die Büroarbeiter im Homeoffice in diesem Sommer ebenfalls stellten. Viele an der RWTH wollten deshalb zurück zur Präsenzlehre. Krieg kann den Wunsch nachvollziehen, aber in den meisten Fällen nicht erfüllen. "Wir wollen kein Hotspot werden", sagt der Prorektor, "im Wintersemester wird keine große Vorlesung im Hörsaal stattfinden."

So wie Aloys Krieg haben sich die meisten deutschen Universitäten entschieden. Sie nennen ihre Konzepte mal "Hybridsemester", mal "Präsenz digital gestalten", aber oft läuft es auf ein ähnliches Modell hinaus: Bis auf kleine Seminare und einige wenige, nur auf dem Campus selbst umsetzbare Veranstaltungen etwa in Laboren, geht es weiter wie im vorherigen Halbjahr: Wegen Corona leider geschlossen, bitte besuchen Sie uns doch im Internet!

Startvorteil genutzt

Zur Eindämmung der Pandemie mag das die beste Variante sein, doch die Unis stellen sich damit zugleich gegen das, was der Rest des Bildungssektors seit Monaten predigt: Ohne Präsenz keine soziale Interaktion und Kontrolle, mithin kein Lernen. Die Schulen im Land haben komplizierte Notfallpläne geschrieben, wo wer wann Masken tragen muss, wer bei einem Coronafall in welche Kategorie fällt, in Quarantäne geschickt wird und wann ganz dichtgemacht wird. Die meisten deutschen Hochschulrektoren hingegen stellen sich auf den Standpunkt: Hat doch funktioniert im Frühling, wir machen weiter wie gehabt. Für ein paar Wochen mag das gut gehen, perspektivisch aber stellen sie damit ihr Alleinstellungsmerkmal zur Disposition. Sollte die Präsenz auf dem Campus sich wirklich als so verzichtbar erweisen, wie es die Universitäten da gerade suggerieren, dann könnten viele Studenten in Zukunft gleich ganz das Weite suchen – und ihre digitale Bildung lieber beim Original buchen, Anbietern also, die genau darauf spezialisiert und den arrivierten Universitäten meist um Jahre voraus sind.

Tatsächlich hat die Umstellung auf digitale Lehre im Frühling passabel funktioniert, wohl auch weil der Beginn der Coronapandemie zufälligerweise mitten in die Semesterferien fiel. So blieben den Unis anders als den Schulen ein paar Wochen lehrfreie Zeit, um die digitalen Alternativen in Ruhe vorzubereiten. Die meisten Veranstaltungen konnten stattfinden, auch Prüfungen wurden vorgenommen, als die Infektionswelle ein wenig abgeebbt war. Wer daraus allerdings den Schluss zieht, für die Studenten sei es ein Semester wie jedes andere gewesen, liegt falsch. 72 Prozent von ihnen gaben in einer Studie der Universität Hildesheim an, die Arbeitsbelastung sei im Vergleich zu früheren Uni-Zeiten höher gewesen. Mehr als die Hälfte der Studenten erklärte, sich oft einsam gefühlt zu haben. Mehr als 60 Prozent sagten zudem, sie seien deutlich stärker vom Studium abgelenkt gewesen als zuvor. Und zwei Drittel hatten grundlegende Probleme, ihren Tag zu gestalten. Kaum verwunderlich also, dass die Aussicht, weiter überwiegend digital zu studieren, nur wenige Studenten wirklich begeistert. Dieser Unmut ist für die Hochschulen kurzfristig ärgerlich, langfristig könnte er zu einem echten Problem werden. Denn die Digitalisierung vergrößert das Spielfeld, auf dem sie sich behaupten müssen. Dort konkurrieren sie nun nicht mehr nur mit anderen Institutionen im gleichen Einzugsgebiet um Studierende und damit um Einfluss und Geld. Fernuniversitäten und auch die Onlineableger angelsächsischer Universitäten haben sich diesen Markt längst erschlossen. Technologisch wie pädagogisch haben die meisten von ihnen einen immensen Vorsprung. Die deutschen Hochschulen müssen die Digitalisierung also nicht nur irgendwie meistern, sondern dabei auch ihre eigene Unverzichtbarkeit beweisen – sonst könnten sie sich durch den vorübergehenden Rückzug aus der Präsenzlehre am Ende selbst überflüssig machen.

Nothelfer für die Analogen

Ada Pellert würde nicht so weit gehen, sich als Angreiferin des deutschen Hochschulwesens zu bezeichnen. Aber sie sagt doch: "Vielen Universitäten ist in den vergangenen Monaten klar geworden, dass sie mehr wissen wollen, wie wir digitale Bildung verstehen." Pellert gehört nicht nur dem Digitalrat der Bundesregierung an, sie ist auch Rektorin der wohl erfolgreichsten Institution digitaler Bildung hierzulande: der Fernuniversität Hagen. Mit ihren 77.000 Studenten ist dies die größte Hochschule im Lande, allein seit 2008 hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Und so konnte Pellerts Haus es sich leisten, zu Beginn der Pandemie erstmals als Nothelfer der analogen Konkurrenz einzuspringen. Alle Kurse in digitaler Pädagogik, für die sonst viel Geld bezahlt werden muss, stellte die Fernuni zeitweise kostenlos ins Netz. Pellert setzte ein Tandemprogramm auf, bei dem Lehrende ihres Hauses die anderer Hochschulen an die Hand nahmen. "Das Programm kam gut an", sagt die Frau, die vielen Hochschulen zwar ein gewisses Maß guten Willens, aber auch ein Beharren in analogen Strukturen bescheinigt. "Die meisten Universitäten haben ja vor allem eines gemacht: Sie haben ihre normale Lehre über die digitalen Kanäle ausgespielt", sagt Pellert. "Für wirklich gute digitale Lehre muss man aber an die Didaktik ran." Die Studenten der Fernuniversität Hagen werden deshalb etwa angehalten, sich Partner für Lerntandems zu suchen, unter den Lehrenden gibt es nicht die Allrounder namens wissenschaftlicher Mitarbeiter, wie sie die klassischen Unis kennen. Sondern jeweils speziell ausgebildete Mediendidaktiker, Mentoren und Tutoren.

Für wirklich gute digitale Lehre muss man an die Didaktik ran.

Ada Pellert, Rektorin Fernuni Hagen

Mit der Erfahrung eines komplett digitalen Semesters seien auch die Ansprüche der Studenten gewachsen: "Der Druck auf die Hochschulen wird größer, die Erwartungen auch zu erfüllen", so Oliver Janoschka, beim Stifterverband für das Thema Digitalisierung zuständig. Dabei lässt sich in Hagen lernen, welch ein immenser Aufwand notwendig ist, um Fern-Lehre auf akademischem Niveau dauerhaft zu gewährleisten. Die Universität betreibt ein eigenes TV-Studio, in dem Dozenten ihre Onlinekurse aufnehmen können, einen Verlag, eine Druckerei und ein großes Grafikbüro, um eigene Publikationen professionell umzusetzen.

Zudem bietet sich den Lernenden eine noch kleine, aber wachsende Zahl an Alternativen zur Uni: Auf Plattformen wie Udacity haben sie Zugriff auf digitale Vorlesungen der schlauesten Köpfe eines jeden Fachs. In modularen Studiengängen bei Onlinebildungsanbietern wie edX oder Coursera können sie sich ihre Kurse von den Plattformen amerikanischer Eliteuniversitäten und auch Unternehmen wie etwa Google zusammenstellen. Wenn sie ihr Studium sowieso am Rechner absolvieren, warum dann nicht gleich in Princeton und Harvard anstatt in Paderborn oder Halle?

Aktuell zehren die öffentlichen Hochschulen vor allem von einem Vorteil: Sie verteilen die anerkannten Abschlüsse Bachelor und Master. Die rein digitalen Anbieter, selbst an den anerkannten amerikanischen Universitäten, können damit noch nicht dienen. "Der deutsche Bildungsmarkt profitiert da von seiner eigenen Verschlossenheit", sagt die Hagener Rektorin Ada Pellert. "So reguliert geht es kaum irgendwo zu. Das kann schwierig werden, wenn die Öffnung dann doch irgendwann mal kommt."

Gute Unis, mittelmäßige Marken

Zwar sind die deutschen Universitäten inzwischen durchaus international besetzt, sowohl bei den Forschern als auch bei den Studenten. Globale Bildungsmarken aus Deutschland aber gibt es kaum. Und das hat Folgen, wie Jana Kleibert vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung bestätigt. Die Wirtschaftsgeografin hat in den vergangenen Jahren die globale Expansion von Hochschulen untersucht und sagt: "Die deutschen Unis spielen im Wettbewerb der internationalen Bildungsmarken mit ganz wenigen Ausnahmen kaum eine Rolle." Zwar unterhalten die großen Ingenieurschmieden aus Aachen (RWTH) und München (TUM) ein paar internationale Standorte, aber die sind eher klein und vor allem als Anlaufstelle für Studieninteressenten gedacht. Insgesamt gibt es weltweit fast 500 Auslandsstandorte von Universitäten – nur fünf davon werden von deutschen Hochschulen unterhalten. Ganz anders machen es französische und angelsächsische Konkurrenten, etwa die Universität Nottingham. Die unterhält nicht nur zwei komplette Universitätscampusse in Thailand und Malaysia, sondern hat dort gleich exakte Nachbauten ihres historischen Haupthauses in England errichtet – See und Landschaftsgarten inklusive. "Wirtschaftlich lohnen sich diese Standorte nicht unbedingt", sagt Kleibert, "aber sie verschaffen den Universitäten eine Sichtbarkeit, die es ihnen erst ermöglicht, ihr Geschäft global aufzuziehen." Und Marken zu schaffen, die unabhängig vom Präsenzbetrieb strahlen.

Genau an diesem Geschäftssinn, glaubt die Hagener Rektorin Pellert, fehlt es den deutschen Unis oft. "Im Vergleich zum angelsächsischen Raum haben deutsche Universitäten durch den Verzicht auf Hochschulgebühren wenig ökonomischen Ausgleich, wenn sie verstärkt internationale Studenten gewinnen. Daher ist das für uns ein Ressourcenthema, weil wir bei den inländischen Studierenden nach wie vor stark wachsen."

Und so könnte dieses Hybridsemester am Ende die große Stunde von Menschen wie Johannes Heinlein werden. Er ist Mitglied des Vorstands von edX, einer digitalen Bildungsplattform, die von der Harvard-Universität und dem Massachusetts Institute of Technology gegründet wurde. Derzeit sind dort 450.000 Menschen in Deutschland für die Onlinekurse von Hochschulen auf der ganzen Welt eingeschrieben. "Leider gibt es noch sehr viele führende Persönlichkeiten, die digitale Möglichkeiten als Teufelswerk sehen", sagt Heinlein. Kurzfristig können deutsche Unis von Partnerschaften mit edX profitieren. Stellen sie der Plattform ihre Inhalte zur Verfügung, finden diese global ihre Zuschauer. Auch die deutschen Studierenden können Vorlesungen auf der ganzen Welt hören und sich anerkennen lassen. Zugleich steigern die Inhalte aber auch die Attraktivität der Plattform edX – und könnten den Besuch der deutschen Alma mater langfristig überflüssig machen.

Aloys Krieg von der RWTH Aachen sieht vorerst nur die Vorteile der Kooperation. Die Kurse, die seine Universität bei edX zu Fragen des Unternehmertums anbietet, sind weltweit beliebt. Und seine Studierenden belegen digitale Vorlesungen aus Delft oder Mailand. Das schaffe eine Art virtuelle Mobilität. "Die Herkunft des Wissens wird vielfältiger", so Krieg und schiebt eine Prognose hinterher, die wie ein Stoßgebet klingt: "Aber für das Ansehen bei den Arbeitgebern wird weiter entscheidend bleiben, dass am Ende das Siegel RWTH draufsteht."

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