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Ist es trotz Dating-Portalen schwieriger geworden, sich zu binden?

Pärchen, Sonnenuntergang, Kuss, Liebe [Quelle: pixabay.com, Autor: StockSnap]

Quelle: pixabay.com, StockSnap 

In dieser Folge unserer Serie "Hilfe!" antwortet die systemische Therapeutin Maria Neophytou.

ZEITmagazin: Frau Neophytou, eine Bekannte von mir, Mitte zwanzig, hat seit Jahren keine feste Beziehung, obwohl regelmäßig Tinder-Dates stattfinden und sie sich nach einem Partner sehnt. Sie hat einen guten Job, viele Freunde, sieht gut aus – und ist langsam wirklich unglücklich über ihr Single-Dasein. Ist es heute schwieriger geworden, sich zu binden?

Maria Neophytou: Ich habe einige junge Klienten, die sich eine Beziehung wünschen und sich fragen: Warum wird nichts daraus? Oder auch: Warum schaue ich genau auf die Menschen, die sich dann am Ende doch nicht für mich interessieren? Ich glaube, es ist ein gegenwärtiges Phänomen, dass sich viele ungern festlegen. Egal in welche Richtung, ob es um eine Beziehung geht oder zum Beispiel die Entscheidung, in welche Stadt man zieht. Auch: Wen liebe ich eigentlich, Männer oder Frauen? Man will sich alles offenhalten, es herrscht diese Idee, dass da eventuell noch was Besseres wartet, dass man sich ständig optimieren kann. Das macht es für feste Beziehungen schwer: Man bleibt lieber bei "Freundschaft plus".

ZEITmagazin: Eine Freundschaft, in der man auch Sex hat.

Neophytou: Man ist nicht verbindlich zusammen und hat die Option, noch andere "Freundschaften plus" nebenher zu haben. Das bringt eine vermeintliche Freiheit mit sich. Wenn man aber genauer hinguckt, wünschen sich viele, die das praktizieren, doch eine Zugehörigkeit, eine Intimität und Exklusivität. Aber der gesellschaftliche Tenor, gerade in den Großstädten, ist ein anderer.

ZEITmagazin: Auch meine Bekannte kann mit "Freundschaft plus" nichts mehr anfangen. Aber manchmal verhindert man eine Beziehung ja auch dadurch, dass man immer weitersucht.

Neophytou: Keine Beziehung zu führen kann auch eine Form von Beziehung sein. Ihre Bekannte ist zwar mit keinem anderen Menschen zusammen, aber womöglich in einer Beziehung mit einer Idee. Sie könnte sich fragen: Nach welchen Männern schaue ich? Was ist meine Idee von Beziehung? Wen wähle ich unbewusst oder bewusst, und wen sehe ich eigentlich nicht, obwohl die Person auch da ist? Manche haben die Vorstellung, es gebe den perfekten Partner. Dieser Mensch muss schon so viel erfüllen, bevor es überhaupt losgegangen ist.

ZEITmagazin: Manche sagen auch, Tinder sei für Männer die perfekte Möglichkeit, schnelle Dates zu finden, während Frauen dort eher etwas Festes suchten.

Neophytou: Soweit ich das mitbekomme, können Frauen dort genauso heiß unterwegs sein wie Männer. Was es aber schon gibt: dass Leute einsteigen auf diesen Suchportalen, um sich abzulenken und neue Erfahrungen zu machen, weil sie sich gerade getrennt haben oder sich trennen wollen. Wenn dann aber der Wunsch nach einer verbindlichen Beziehung wächst, kommt bei manchen die große Enttäuschung. Was ich auch erlebe bei Paaren, die sich so gefunden haben: dass da Skepsis bleibt. Dann kommt zum Beispiel die Frage: Hast du mich wirklich gewählt, oder hattest du vorher noch fünf andere, die dir irgendwann im Chat nicht mehr geantwortet haben?

ZEITmagazin: Das gab es vor Tinder aber auch.

Neophytou: Natürlich, nur nicht in der Frequenz. Und auch nicht in diesem Katalogverfahren.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass man sich vor zwanzig Jahren eher auf jemanden eingelassen hat, weil man nicht so viele Möglichkeiten hatte?

Neophytou: Ob die Ansprüche früher niedriger waren, das weiß ich nicht. Aber ich denke schon, dass etwas passiert ist, weil unsere Gesellschaft uns suggeriert, wir müssten uns nur, so gut es geht, bemühen, dann stünde uns das Beste zur Verfügung.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Neophytou: Wir sollen erfolgreich sein und unabhängig. Aber auch sensibel und einfühlsam. In dem Moment, in dem ich mich auf jemanden einlasse, wenn ich mich verliebe und es um Gefühle geht, lässt sich das mit der Abhängigkeit nicht mehr vermeiden. Und davor haben viele Leute Angst. Ich erlebe junge Leute, die so tun, als wären sie jemand, der sie aber gar nicht sind: Wenn man zum Beispiel Lust hat, mit 24 Jahren eine Familie zu gründen, muss man sich das erst mal trauen. Denn die Umgebung reagiert ja oft so: Wieso das denn, du hast doch noch gar keine Karriere gemacht?

ZEITmagazin: Meine Bekannte ist Mathematikerin, eine zielstrebige Frau. Haben es sehr selbstständige Menschen schwerer, Partner zu finden?

Neophytou: Ich glaube nicht, dass das heutzutage ein Problem sein müsste. Es ist nur so: In Beziehungen braucht es immer beides, Geben und Nehmen. Wenn ich so tough und selbstständig bin: Spürt mein Partner oder meine Partnerin, dass ich auch bedürftig bin? Gibt es etwas, wo er oder sie andocken kann? Mit Klientinnen arbeite ich zum Beispiel daran, was ihre Vorstellung von Weiblichkeit ist, manche haben ja die Idee, Weiblichkeit sei gleichbedeutend mit Schwäche. Das Gleiche kann für Männer gelten: Manche glauben, jemanden zu brauchen heiße, man sei schwach. Dann wird es schwer, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Aber wenn beide in einer Beziehung das Gefühl haben, dass sie sich gegenseitig etwas geben können, kann eine Verbindung entstehen.

© ZEIT Magazin (Zur Original-Version des Artikels)

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