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Ihr Ding, nicht unseres.

Friedrich: Januar 2017, im Zug zwischen Augsburg und Homburg

Wir haben am Wochenende zusammen gekocht, wir waren einkaufen, haben beim Essen die Acht-Uhr-Nachrichten angeschaut. Wir hatten Sex und waren spazieren, wir haben geredet und gelacht. Lisa findet das perfekt. Ich finde es falsch. Unecht. Kitschig. Echte Paare stehen nicht sonntags um 16 Uhr am Bahnsteig. In einer echten Beziehung liegt nicht permanent ein Schleier über der gemeinsamen Zeit, in einer echten Beziehung läuft nicht die Uhr im Hintergrund.

Am Anfang kamen mir unsere Wochenenden endlos vor. Inzwischen weiß ich, dass das Wochenende Wochenende heißt, weil danach ein Wochenanfang kommt. Dass danach eine Woche anbricht, die ich wieder absitzen muss, in der ich mich wieder dem Freitag entgegensehne, und an deren Freitag ich wieder nur an den Sonntag denken kann.

Ich will das nicht mehr. Ich will samstags mit Lisa im Supermarkt an der Kasse Schlange stehen und darüber diskutieren, ob wir noch Kloreiniger zuhause haben und dass es dann heute Abend eben wieder Nudeln gibt. Ich will ihre unrasierten Beine streicheln und sie in ihrem hässlichen Pulli auf der Couch schlafen sehen. Ich will mir denken, dass ich jetzt nicht mit ihr schlafen will. 

Ich will keine perfekte Beziehung um den Preis der Geborgenheit. Ich will keinen Schmerz mehr und keine Abschiede und keinen Grauschleier über der gemeinsamen Zeit. Ich will Alltag. Langweiligen, banalen, immer gleichen, schmerzfreien Alltag.

Lisa: Februar 2017, irgendwo in den Bergen         

Seit zwei Stunden stapfen wir Hand in Hand durch den Schnee, und seit zwei Stunden reden wir ununterbrochen. Über seine letzte Klausur, über mein Praxissemester im kommenden Frühling, über die letzte WG-Party, auf der Friedrich war, und über das Promotionsangebot, das ich in der Tasche habe. Ich kenne viele Paare, die mit Freunden in Urlaub fahren, um nicht zu merken, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben.

Natürlich ist sind die Abschiede nicht leicht – vor allem nicht für Friedrich, das spüre ich. Aber noch schwerer wäre es, sich in zehn Jahren sonntagsnachmittags vorzuwerfen, etwas verpasst zu haben, das nicht wiederkommt. Und vielleicht gäbe es kein "In zehn Jahren", wenn schon jetzt der Alltag unsere Liebe abnutzen würde.

Friedrich: Februar 2017, irgendwo in den Bergen        

Ich wache nachts auf, weil meine Oberschenkel so heiß sind, dass sie wehtun. Trotzdem ist mir eiskalt. Ich kann nicht schlucken.

Friedrich: März 2017, Homburg

Nach einer Woche die Diagnose: Pfeiffer’sches Drüsenfieber – ausgelöst durch ein Virus, das bei vielen Erwachsenen im Körper schlummert und oft erst unter Stress ausbricht. Die Krankheit ist nicht gefährlich, aber sie macht furchtbar müde und heilt nur langsam aus. Ich habe die letzten vier Wochen verschlafen, 22 Stunden am Tag. Nur zum Mittagessen konnte ich aufstehen, meine Klausuren habe ich alle verpasst.

Für Lisa und mich war es ein Warnschuss. Ich kann nicht mehr jedes Wochenende oder jedes zweite 10 Stunden in Zug und Bus verbringen; kann nicht freitagsabends 90 Minuten in der Mannheimer Bahnhofshalle auf den nächsten ICE warten, weil ich den ersten verpasst habe; kann nicht weiter den Großteil meines Geldes fürs Pendeln ausgeben und sonntagsabends bei Freunden in Saarbrücken auf der Couch schlafen, weil ich zu fertig bin, heim zu fahren. Von der psychischen Belastung einmal abgesehen. Andere schaffen das – ich nicht.

Ich ziehe nach Augsburg. Wir werden uns eine gemeinsame Wohnung suchen und ich mir einen Studienplatz. Wie viele Prüfungsleistungen mir anerkannt werden, weiß ich noch nicht. Freunde und Verwandte haben mich gewarnt, mir versichert, den Stress müsse ich mir doch jetzt nicht mehr antun. Aber es wäre Stress für mich, so weiterzumachen. Dieser Umzug ist genau das, was ich will. Denn ich will Lisa nicht verlieren.

Lisa: März 2017, Augsburg

Es ist schon die fünfte Wohnung, die wir uns anschauen. In jeder suche ich nach einem Platz für mich, nur für mich alleine. "Sie ziehen hier beide ein?", fragt der Vermieter. Und wie jedes Mal strahlt Friedrich: "Jup, unser erstes gemeinsames Reich!"

Ich weiß, dass ich mich freuen sollte – das tue ich auch, für ihn vor allem. Ich will ihn nicht verlieren. Aber ich will auch uns nicht verlieren, und mich nicht.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    All aboard the feels train!

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