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"Wie Frauen müssen uns gegenseitig motivieren"

Beisiegel: Es gab immer Frauen, die sich von diesem Thema total distanziert haben, als ginge sie die Geschlechterfrage nichts an. Das war bei mir anders. Als ich in den USA ins Labor kam, wurde ich mit den Worten begrüßt "Du bist die zweite Frau hier. Die erste wurde nach sechs Wochen wieder rausgeschmissen". Da habe ich verstanden: Frauen gehören hier noch nicht hin. Ich bin aber zum Glück nicht rausgeflogen. Später wurde ich Gleichstellungsbeauftragte.

ZEIT: Haben Sie feministische Literatur gelesen, sich intellektuell munitioniert?

Beisiegel: Nein, ich habe aus Erfahrung gelernt. Einmal war ich als wissenschaftlicher Gast in einem Hamburger Club eingeladen, in den normalerweise nur Männer, auch mit ihren Ehefrauen, zugelassen sind. Ich stehe also am Eingang, und man will mich allein nicht reinlassen. Da kommt ein Kollege vorbei, seine Ehefrau am Arm, hakt mich unter und sagt: "Die Frau Beisiegel nehme ich auch noch mit."

ZEIT: Inzwischen sind 24 Prozent der Professuren mit einer Frau besetzt. Ist das ein Erfolg?

Beisiegel: An den Universitäten und in der Wirtschaft hat sich vieles verbessert. Es gibt Stipendien, Förderprogramme. Frauen profitieren davon. Aber ich beobachte auch eine Gegenbewegung: Die Männer merken, dass die Frauen in den Führungspositionen ankommen, und die Netzwerke werden genutzt, um weiter männliche Kollegen entsprechend zu positionieren. Wir müssen jetzt Strategien entwickeln, damit Frauen nicht nur in Führungspositionen ankommen, sondern auch dort bleiben können.

ZEIT: Und wenn eine Frau nicht durchhalten will – wenn sie sagt: Das tue ich mir nicht an, lieber verlasse ich die Wissenschaft?

Beisiegel: Dann ist das sehr schade.

ZEIT: Oder ein Ausdruck von Selbstbestimmung.

Beisiegel: Ich finde, erfahrene Führungspersönlichkeiten sollten den jungen Wissenschaftlerinnen den Weg ebnen. Es darf einfach nicht sein, dass Frauen auf kulturelle Blockaden stoßen und sich dem bestehenden System anpassen müssen. Vielmehr muss das Wissenschaftssystem für alle Geschlechter Platz in den Führungsebenen haben.

ZEIT: Es ist oft von männlichen Netzwerken die Rede. Wie sehen die aus?

Beisiegel: Ein Beispiel: In Göttingen kam ein neuer Professor an, der schon am zweiten Tag mit einem meiner Kollegen zusammen Porsche gefahren ist. Die beiden haben sich sofort geduzt. Ich habe mich mit beiden gut verstanden, aber die waren eben Buddys. Im Wissenschaftsrat und bei der Hochschulrektorenkonferenz habe ich eigene Treffen für Wissenschaftlerinnen organisiert, wo wir uns über solche Fragen ausgetauscht haben. Alle Frauen hatten dieselben Erfahrungen gemacht: Männer halten zusammen, sobald ein Konflikt aufkommt. Frauen stehen dann oft allein da.

ZEIT: Haben die Uni-Präsidentinnen und Professorinnen durch solche Frauentreffen an Einfluss gewonnen?

Beisiegel: Unsere offiziellen Zusammenkünfte, am Rande der Sitzungen, wurden von den Männern freundlich beklatscht. Nach dem Motto: Fein, dass ihr euch um die Frauensache kümmert. Viel wichtiger ist es jedoch, hinter den Kulissen Strippen zu ziehen. Da stehen wir noch am Anfang. Dass die Gießener Medizinerin Katja Becker als Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft kandidiert hat und gewählt wurde, bedurfte einiges an Vorbereitung.

ZEIT: Wie sah die aus?

Beisiegel: Zuerst muss man deutlich machen: Dieser Posten soll jetzt endlich zum ersten Mal mit einer Frau besetzt werden! In diesem Fall haben sich sogar zwei Frauen aufgestellt. Und dann muss man mit denjenigen, die bei der Wahl eine wichtige Stimme haben, reden und viele Telefonate führen, die Frauennamen immer wieder ins Spiel bringen. Man braucht Geduld, und wir Frauen müssen uns gegenseitig motivieren. Es wird gegenüber den Kandidatinnen ständig dasselbe Argument vorgebracht: dass sie, anders als die meisten männlichen Kandidaten, keine Führungserfahrung haben.

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