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Liebe: Mindestens haltbar bis …?

Wasser, Paar, See [Quelle: unsplash.com, Autor: Bruno Aguirre]

Quelle: unsplash.com, Bruno Aguirre

Wenn die Schmetterlinge im Bauch wieder in ihren Kokon kriechen, rutschen viele Beziehungen in die Krise. Muss das sein? Ein nicht-kitschiger Ratgeber für Beziehungen ohne Ablaufdatum.

Der Übergang von einer flatternd-leichten Turtelei zur ernsten Beziehung ist fließend. Gerade noch hattet ihr euer erstes Date, gefühlt keinen Monat später triffst du schon die Schwiegereltern, machst Urlaub zu zweit oder räumst ein Fach im Kleiderschrank frei. Und während du dich noch über diesen Meilenstein freust, hast du vielleicht schon, ohne es zu wissen, auch den Grundstein für künftige Beziehungsprobleme gelegt: Dann nämlich, wenn du den Startschuss eurer Beziehung überhörst und in alten Verhaltensmustern stecken bleibst.

Regel Nummer 1: Leg falsche Freundlichkeiten ab

So geschehen auch mir, Mitte zwanzig, mittellange Beziehung, vor ein paar Wochen auf dem heimischen Sofa. Sie steuerte gerade die fünfte Staffel ihrer Lieblingsserie an, ich rechnete mir aus, wie viel Lebenszeit ich denn noch an Chuck, Blair und Serena verlieren sollte. "960 Minuten", stöhnte ich. Sie war wenig begeistert. Zu Recht? Ich erinnerte mich an ihr erstes selbstgekochtes Dinner damals, als wir uns noch kaum kannten. Ich nahm den ersten Bissen und ... naja. Als mich aber ihre Rehaugen anstrahlten, konnte ich nicht anders als zu lügen: "Richtig lecker!" Jetzt kann ich gerade das nicht mehr.

Warum habe ich damals geflunkert, frage ich mich? Und warum jetzt nicht mehr? Und was ist richtig?

Fest steht: Freundlichkeitslügen gehören zu jeder Kennenlernphase. Wie findest du die Band? Steht mir die Hose? Das können Stolperfallen sein, wenn du dein Gegenüber noch nicht gut kennst: Ist es ihre Lieblingsband, die du gerade runtermachst? Handelt es sich um seine erste selbstgekaufte Hose, die du mit einem Kartoffelsack vergleichst? Ungewissheit’s in the air.

"Du musst trotzdem unglaublich ehrlich sein. Auch, wenn es wehtut", raten mir Jan und Alica. Sie sind dieses eine Langzeitpaar, das jeder kennt. Studium, Fernbeziehung, erster Job – sie haben alles überstanden, was man in seinen Zwanzigern überstehen muss. Irgendetwas machen sie also richtig.

"Wenn du dich zu sehr verbiegst, ist deine Beziehung vielleicht stabil, aber du wirst auf Dauer nicht glücklich." Freundlichkeitslügen? Die gab es früher. Heute sei ihnen Ehrlichkeit wichtiger als Rücksichtnahme. Das befürworten auch Studien der Ohio State University aus dem Jahr 2010: Wer sich dem Partner gegenüber ehrlich verhält, ist in seiner Beziehung langfristig glücklicher.

Die Freundlichkeitslüge gibt in der Kennenlernphase also nur einen kleinen Puffer, merke ich und klopfe mir für die fiese Gossip-Girl-Aktion selbst auf die Schulter. Je länger die Beziehung, desto weniger Geflunker, desto mehr Ehrlichkeit. Denn langfristig überleben nur Beziehungen, in denen beide Partner sich verwirklichen.

Regel Nummer 2: Scheiß auf "Deine Beziehung gefällt Lisa, Philipp und 867 anderen"

Genug gelesen, du hast dir eine Pause verdient. Zurück zu Instagram, Feed checken. Und da sind sie, die glücklichen Pärchen. Sie haben bereits den Kleister für eine glückliche Beziehung gefunden: Hashtags. Glück ist Teil ihrer Instastory, persönliche Momente sind Events in ihrer Timeline. Die Beziehung ist besonders real, wenn #nofilter.

Durch Paare wie sie ist Liebesglück messbar geworden, vergleichbar: Klicks, Däumchen und Herzchen geben dir die Resonanz, die du knutschend im Café nie bekommen würdest. Und kann eine Beziehung wirklich schlecht sein, wenn sie 869 Likes hat? Eben. Also noch ein Bild raushauen.

Doch Achtung, unerwartete Wende: Paare, die ihre Zweisamkeit besonders aktiv in den sozialen Medien teilen, sind in ihren Beziehungen eher unglücklich. Das besagt eine Studie der Brunel University in London. Die Psychologin Dr. Goldstein führt aus, dass diese Paare persönliche Unsicherheiten durch Anerkennung von außen ausgleichen müssen. Ich denke an meine verwaiste Facebook-Seite und meinen nur zu Stalking-Zwecken eingerichteten Instagram-Account – und freue mich.

Von Zielen und Inseln

Regel Nummer 3: Steck dir realistische Ziele

Ganz ungefährlich leben aber auch Stalker wie ich nicht. Schon der Mere-Exposure-Effekt will nämlich, dass ich etwas plötzlich attraktiv finde, nur, weil ich es oft sehe. Und so wie früher Hollywood die patriarchale Beziehung zwischen Männlein und Weiblein auf 8 Millimeter zementierte, prägen heute die sozialen Medien, was wir von unserem Partner erwarten. Alle, einfach alle Instagram-Paare machen irgendwann Urlaub auf den Seychellen – und irgendwann bin folglich auch ich mit unserem Nordseetrip nicht mehr zufrieden.

Die Konsequenz für Langzeitpärchen Jan und Alica? Wünsche und Erwartungen werden erst einmal auf ihre Herkunft abgeklopft. Ist dem Partner ein Anliegen wirklich wichtig, oder nur, weil Soziale Liebhaber es zum Schlüsselmerkmal glücklicher Beziehungen stilisiert haben? Was die beiden intuitiv richtigmachen, ist auch ein Grundprinzip der systemischen Paartherapie. Hier lernt jedes Paar, zu fragen, aus welchem Kommunikationssystem ein Wunsch stammt. Erkennt ein Partner erst, dass Facebook der Vater des Wunsches war oder das Elternhaus oder der beste Freund, dann lösen sich viele Begehrlichkeiten in Luft auf.

Ich mache den Test: Warum nochmal Seychellen? Ich mag weder langweiligen Strandurlaub noch Hitze noch Tauchen noch Schicki-Micki-Hotels. Ich würde mich langweilen, fett werden und mir den Sonnenbrand meines Lebens holen. Warum also nochmal Seychellen?

"Überleg dir lieber, welche Bedürfnisse und Wünsche du selbst mit in die Beziehung bringst", rät Jan. "Wir machen keine Fässer auf wegen etwas, das wir eigentlich gar nicht wollen."

Regel Nummer 4: Schafft euch Inseln

Die Rolle von Bedürfnissen, und zwar den echten, betont auch Paartherapeutin Alexandra Hartmann: "In jeder Beziehung gibt es Wünsche und Anliegen – und werden diese nicht innerhalb der Beziehung bedient, werden sie ausgelagert. Das kann zum Problem werden - Bedürfnisse gehören deswegen angesprochen!" Ihr sagen: "Keine Zeit mehr mit doofen Serien verplempern", notiere ich mir. "Und mehr draußen unternehmen." Nur: Wann spreche ich das nochmal an? Und wann setzen wir unsere Pläne dann um?

"Ich schlage Leuten mit einem vollen Terminkalender vor, sich für die Beziehung feste Termine zu setzen, sich Inseln zu schaffen", rät mir Alexandra Hartmann. Mein Partner – ein Termin im Kalender? "Ja, viele finden das unromantisch. Aber zum Beginn der Beziehung war das ganz normal: Damals hast du dich auch zu Dates verabredet. Warum sollte das jetzt nicht mehr gehen?"

Regel Nummer 5: Hör auf die Franzosen!

Sich Inseln schaffen, Freundlichkeiten ablegen, falsche Wünsche killen, richtige Vorbilder suchen: Das ist also das Fazit meines Artikels. Und auch das Geheimrezept für die Beziehung ohne Ablaufdatum? Sicher nicht. Wenn mir der tiefe Blick in die Schreibstube Internet und meine Recherchen im wahren Leben etwas gezeigt haben, dann, dass ich allenfalls ein paar Grundzutaten für ein Gericht gefunden habe, das jeder ein bisschen anders kocht. "Acht Anzeichen für eine glückliche Beziehung", "Fünf Tipps für dieses", "Vier Aussagen über jenes" – du kennst das Spiel.

Doch anders als das Internet habe ich ein Faible für französische Chansons und bin mir sicher: Ich konnte gar nichts anderes finden! Und so lehne ich mich zurück, weiß, dass ich vieles falsch mache und einiges richtig, und dass das immer so sein wird, und ich summe vor mich hin:

Faut pas généraliser
Y'a sûrement plein d'exceptions
Les étudier, les cerner
C'est mon credo, ma mission

C'est une longue étude, un art
Qu'on comprend quand c'est trop tard.

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