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Der Scientific Advisor des Europäischen Forschungsrates im Interview

Wie kam es zur Gründung des Europäischen Forschungsrats?

Eine derartige Einrichtung war schon relativ lange in Diskussion – seit Ende der 90er Jahre. Davor war die Europäische Kommission schon 20 Jahre in der Forschungsförderung tätig. Allerdings bis zum sechsten Forschungsrahmenprogramm eher in der Industrieforschung beziehungsweise der angewandten Forschung. Mit dem siebten Rahmenprogramm haben sich Vertreter der grundlagenorientieren Forschung dafür stark gemacht, auch diese durch ein autonomes und politisch unabhängiges Gremium zu fördern.

Warum ausgerechnet Grundlagenforschung? Warum ist gerade diese so wichtig?

Aus mindestens zwei Gründen: Zum einen kann Innovation nur stattfinden, wenn Neues entdeckt wird. Zum anderen hat Grundlagenforschung einen gewissen Ausbildungseffekt: Das, was an den Universitäten gelehrt wird, bekommt durch sie mehr Substanz. Für eine Wissensgesellschaft ist diese "knowledge base" unerlässlich und sollte in Europa weiter gestärkt werden.

Was verstehen Sie unter Pionierforschung? Wie finde ich heraus, ob mein Projekt "bahnbrechenden" Charakter hat?

Pionierforschung bedeutet innovative Fragestellung, Methoden und Materialien. Die Trennung zwischen angewandter Forschung und Grundlagenforschung ist allerdings oft schwierig. Das versuchen wir mit dem Begriff "Frontier Research" zu überbrücken. Frontier Research bezeichnet einfach jegliche Art von Forschung, die neugierig, also "curiosity-driven", ist – egal ob es sich um innovative Technologien handelt oder um Forschung in den Bahnen klassischer Wissenschaftsdisziplinen. In dieser Art der Forschung liegt Europa im Vergleich zu den USA weit zurück. Ein Beispiel für bahnbrechende Forschung ist Graphene. Da haben Wissenschaftler im Labor mit Klebeband und Graphit experimentiert - verkürzt gesagt - und einen neuen Wunderstoff hergestellt. Dieser ist extrem widerstandsfähig und hat besondere physikalische Eigenschaften. Für dieses revolutionäre Ergebnis hat einer von ihnen einen ERC Grant bekommen und beide später dann den Nobelpreis. Dies ist ein klassisches Beispiel für die Neugierde von zwei Physikern, die zu erstaunlichen Ergebnissen führte.

Wie sieht es mit dem wissenschaftlichen Erfolg Europas im internationalen Vergleich aus?

Das ist schwer zu sagen. An sich ist Europa nach wie vor neben den USA sicher führend in der Forschung. Allerdings hat man hier ein Problem damit, die Verbindung herzustellen, wie man das gewonnene Wissen in gesellschaftlich relevante Produkte umsetzten kann. Da sind uns die USA um einiges voraus. Insgesamt gibt es in Europa aber große Anstrengungen, diesen Nachholprozess anzustoßen. Das wird sicher bald Früchte zeigen.

Vor allem östliche EU-Mitglieder kritisieren, sie würden bei der Vergabe der Grants zu selten berücksichtigt. Ist diese Kritik berechtigt?

Dass es eine starke Bündelung der Grants an bestimmten Einrichtungen gibt, ist nichts Neues und auch nichts Besonderes. Forscher in östlichen Ländern kritisieren aber eher ihre eigenen staatlichen Einrichtungen, die verhindern, dass Exzellenzkriterien umgesetzt werden. Mit dem ERC haben viele Länder erkannt, dass sie nicht kompetitiv sind. Die Folgen waren Strukturreinigungsprozesse und Umstellungen der Fördermodelle. Somit ist der ERC auch ein Indikator und ein Initiator, der Veränderungen in der Forschungslandschaft Europas voranzutreiben hilft. Polen schuf daraufhin zum Beispiel eine eigene nationale Forschungseinrichtung, Tschechien entwickelte neue Verfahren zur Verwendung der europäischen Strukturfonds. So etabliert sich auch dort langsam eine neue Forschungskultur, die langfristig auch mehr Grants bringt.

Auch die deutschen Unis bekommen bislang seltener Stipendien als Großbritannien, Frankreich oder die Schweiz. Was machen wir anders als unsere Nachbarn?

Hier muss man unterscheiden: In absoluten Zahlen bekommen deutsche Nationalbürger die meisten Grants, allerdings nicht in Deutschland selbst, sondern in anderen Ländern, oft in der Schweiz. Es gibt also eine Migrationsbewegung von klugen deutschen Köpfen in die Schweiz.

Woran liegt das?

Die Schweiz ist sehr international. Sie hat es außerdem geschickt verstanden, das Exzellenzprinzip einzusetzen. Deutschland hat aber ebenfalls herausragend gute Bereiche, zum Beispiel die klassischen Naturwissenschaften oder Life Sciences. Bei den Sozial- und Geisteswissenschaften kommt Deutschland dagegen noch nicht mit. Hier werden zum Beispiel im Vergleich zu Großbritannien schlicht weniger Anträge gestellt. Das mag aber auch daran liegen, dass Deutschland in diesem Bereich besser ausgestattet und gar nicht so sehr auf die Forschungsgelder angewiesen ist.

Der Europäische Forschungsrat kritisierte in den letzten Jahren immer wieder, dass seine Arbeit durch Brüsseler Bürokratie behindert werde. Sogar Wissenschaftler hätten sich geweigert, die Förderung zu beantragen, weil das bürokratische System so absurd sei. Hat sich die "Kultur der Kontrolle" mittlerweile in eine "Kultur des Vertrauens" gewandelt?

Jein. Dass die EU-Kommission Geld gibt, aber ihre Gestaltungsrechte an einen eigenen Wissenschaftsrat des ERC abgibt, ist ein Novum. Zugleich ist der ERC Teil des siebten Rahmenprogramms der EU und an die dort festgelegten Verfahren gebunden. Daher gab es am Anfang ein paar Probleme. Der Wissenschaftsrat des ERC hatte immer das Ziel, autonom zu bleiben und die Geschicke des ERC möglichst selbst zu gestalten. Einfach weil bekannt ist, dass dies die beste Verfahrensweise für eine Forschungsförderung ist, die von politischen und sonstigen Einflüssen unberührt bleiben will. Die Europäische Kommission musste das erst lernen. Und auch der Wissenschaftsrat musste erst lernen, was die Rahmenbedingungen sind. Inzwischen hat sich das Zusammenspiel aber stark verbessert. Man wird das Ideal nie ganz erreichen können, aber im Vergleich zu anderen Forschungseinrichtungen funktioniert unser System inzwischen ziemlich gut.

Eine dieser anderen Forschungseinrichtungen ist die National Science Foundation (NSF), mit der der Europäische Forschungsrat oft verglichen wird. Wie schlägt sich der ERC gegenüber dem amerikanischen Konkurrenten?

Beide Einrichtungen sind definitiv nicht auf der gleichen Ebene. Das liegt vor allem daran, dass die NSF schon seit 60 Jahren existiert, sehr viel größer ist und ein Budget zur Verfügung hat, das um ein Vielfaches größer ist. Allerdings bin ich mir sicher, dass der ERC in den nächsten 10 bis 15 Jahren dieselbe Rolle einnehmen wird. Aber auch jetzt schon ist der ERC für viele Insider attraktiver als die NSF. Denn der ERC ist noch jung, hat ein schlankes Programm und eine hohe Reputation. Außerdem hat der ERC ein mehrjähriges Budget, während die NSF darüber alle zwei Jahre verhandeln muss. Der ERC ist zwar der kleine, nicht so bekannte Bruder, aber für viele vielleicht der heißere Kandidat.

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