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Digital Cinema – als die Pixel laufen lernten

Jörg Brüggen und Michael Hies

Jörg Brüggen und Michael Hies

Das digitale Kino wird bis 2020 die alten Zelluloidrollen ablösen – mit weit reichenden Konsequenzen. Jörg Brüggen, bei T-Systems Produkt- und Projektleiter für digitales Kino, entführte uns in die schöne neue Welt des Digitalkinos und in einen spannenden Migrationsprozess einer mehr als 100-jährigen Technik.

Vom Polizisten zum Produktmanager

Jörg Brüggen beeindruckte uns zunächst mit seinem wendungsreichen Lebenslauf, der ihn von der berittenen Polizei in NRW über verschiedene Unternehmen der Medientechnik bis hin zum Geschäftsführer und Inhaber der international agierenden Firma "Ideen- und Handelsbüro für kundenorientierte Medientechnik" führte. Seit 1997 ist er im Bereich "Media & Broadcast" der T-Systems tätig: anfangs im Marketing für das Digitalradio, mittlerweile als Produktmanager und Projektleiter für "Digital Cinema" und Systemlösungen für die Kino- und Filmwirtschaft.

Kinotechnik – Relikt einer alten Zeit?

Die Einführung in die aktuelle Kinotechnik schien uns wie ein Besuch im Museum. Zwar wusste jeder, dass heutige Kinofilme auf Zelluloidstreifen verteilt und vorgeführt werden. Doch keiner der Anwesenden hätte geahnt, dass die Werbung vor dem Kinofilm jeweils neu zusammengestellt und dabei die einzelnen Zelluloidstreifen an den Anfang des Films geklebt werden müssen. Vor diesem Hintergrund erscheint es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass die jährlichen Kopierkosten für Filme in Deutschland etwa 60 bis 75 Millionen Euro betragen. Weltweit bewegen sich die Kopier- und Transportkosten für die 135.000 Leinwände im Milliardenbereich, so dass die Digitalisierung hier vor allem Kosten senken soll.

Was ist digitales Kino?

Verschiedene Initiativen wie die "Digital Cinema Initiative" (DCI) und das "European Digital Cinema Forum" (EDCF) arbeiten intensiv an einem Standard für digitales Kino, denn nur ein gemeinsamer Standard wie die 35mm-Zelluloidrolle kann den nötigen Durchbruch schaffen. Jörg Brüggen rechnet mit einer Verabschiedung eines Standards auf mindestens HDTV-Niveau. "Das sieht wirklich gut aus", sagt Brüggen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verschlüsselung der Inhalte, da digitale Vorlagen nur allzu schnell ihren Weg in die einschlägigen Tauschbörsen finden würden. So wird ein Film zweimal verschlüsselt – einmal direkt im produzierenden Studio, danach noch einmal für die Übertragung via Satellit oder Transatlantikkabel. Angekommen beim Verleiher in Europa oder Deutschland, erfolgt die erste Entschlüsselung und Übertragung in die Server der Kinos. Die zweite Entschlüsselung, die den eigentlichen Film freigibt, erfolgt dann fast vor der Linse des Projektors direkt im Vorführraum, um jede Möglichkeit einer digitalen Kopie zu unterbinden.

Die Struktur des Kinomarktes wird umgekrempelt

Natürlich wird damit das traditionelle Verhältnis von Kinobetreibern und Verleihern sowie den großen Studios, den "Majors", völlig neu definiert: Die Studios können über die Verleiher ziemlich detailliert festlegen, wie oft und sogar wann welche Filme gezeigt werden sollen und dürfen. Dass dies den Kinobetreibern ein Dorn im Auge ist, dessen ist sich Jörg Brüggen bewusst. Gleichzeitig glaubt er aber daran, dass neben dem Risiko der Kontrolle der Kinos durch die "Majors" eine große Chance existiert.

Chance für Programm- und Kunstkinos

Gerade kleine Produktionen, so Brüggen weiter, werden von den Kopierkosten für Filme benachteiligt und können ihre Filme daher nur an wenige, ausgewählte Kinos schicken. Die neue Digitaltechnik erlaubt die Vervielfältigung quasi umsonst und ermöglicht damit gerade den kleinen Clubkinos, ein viel größeres Filmangebot aufzuführen. So soll zum Beispiel das von der EU geförderte Projekt "reelport" eine einheitliche Plattform für Kurzfilmfestivals anbieten. Damit sollen die vielen Beiträge gesichtet und sortiert werden, um den Kinos qualitativ hochwertige Filme anzubieten. Das EU-Projekt "Euro DocuZone" soll den Dokumentarfilm wieder attraktiver für Kinos machen und für 2004 einen "DocuDay" einführen.

Kino einmal anders

Neben den Vorteilen für kleinere Programmkinos können durch die Digitalisierung plötzlich auch ganze andere Inhalte im Kino präsentiert werden. So wurde im September 2003 ein Konzert von David Bowie aus London in weltweit 54 Kinos live übertragen. Die große Kinoleinwand, die gute Kameraführung, die Möglichkeit, Fragen zu stellen sowie der vergleichsweise billige Eintritt sorgten für volle Kinos. Dies ermunterte die Organisatoren, darunter auch T-Systems mit Jörg Brüggen, für 2004 zwei weitere Events dieser Art mit ebenso hochkarätigen Stars zu planen. Nur deren Namen wollte uns Jörg Brüggen noch nicht verraten.

Ausblick

Digitales Kino hat, das ergaben die Diskussionen bereits während der Präsentation, trotz aller Risiken ein großes Potential. Allerdings sind die technischen Hürden hierbei erheblich, denn immerhin sind allein in Deutschland 4.800 Leinwände nachzurüsten. Kosten für digitale Projektoren liegen etwa bei 100.000 bis 200.000 Euro. Verglichen mit 25.000 Euro für herkömmliche Technik, ist das schon problematisch. Bei vielen Kassenschlagern - und wenn sich Events wie die Übertragung des Bowie-Konzerts durchsetzen – dann wird sich das "Digital Cinema" schnell durchsetzen. Andernfalls, so schätzt Jörg Brüggen, wird er wohl noch bis 2020 zu tun haben, um Kinos, Verleiher und Produzenten von den Vorteilen der Digitalisierung zu überzeugen.

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