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Vom Austausch zum Uni-Wechsel

Interlaken nahe Fribourg

Interlaken nahe Fribourg

Fribourg? Wo ist das denn? Zugegeben, besonders bekannt ist Fribourg nicht. Als ich im Herbst 2003 zu meinem Erasmusjahr dorthin aufbrach, wurde ich oft belächelt. "Also in die Schweiz - wolltest Du nicht ins Ausland?" 500 Kilometer von meiner Heimatstadt Crailsheim entfernt, bin ich zwar nicht wirklich weiter von zu Hause weg als während des Grundstudiums in Braunschweig. Dafür habe ich das Gefühl, an meiner Sprache sofort als Ausländerin erkannt zu werden, in Fribourg kennen gelernt. In der schweizerischen Stadt wird zwar neben Französisch auch Schweizerdeutsch gesprochen, aber letzteres lernt sich auch gar nicht ohne Weiteres akzentfrei.
 

Erasmus macht in Fribourg vieles einfacher
 Bei der Organisation meines Aufenthaltes habe ich sehr vom Erasmus-Programm profitiert. An Schweizer Unis muss man sich nämlich normalerweise voranmelden, bevor man sich überhaupt bewirbt. Es gibt strenge Fristen und Regeln, die einen aber dank Erasmus nicht betreffen. Auch dass man keine Semestergebühren bezahlen muss, ist eine große Hilfe - arm werden kann man in der Schweiz nämlich auch so: Vor allem die Miete und das Ausgehen sind sehr teuer, allerdings kann man entgegen der sonst angegebenen monatlichen Kosten sehr gut mit 1200 Franken (rund 800 Euro pro Monat) leben, ohne auf Ausflüge und Kino zu verzichten. Das Auslandsbüro in Fribourg stellt allen Austauschstudenten eine hilfreiche Broschüre zur Verfügung, aus der man viel über Kosten, Zimmersuche und dergleichen erfährt.
 

Viel Bürokratie, weil die Schweiz nicht zur EU gehört
 Es empfiehlt sich aber trotzdem, sich frühzeitig um die Formalitäten zu kümmern: Für eine Aufenthaltsbewilligung benötigt man einige Nachweise wie eine Gehaltsbescheinigung der Eltern, einen Krankenversicherungsnachweis oder eine Studienbescheinigung. Für die Kontoeröffnung sind etwa dieselben Dokumente erforderlich. Am besten vertraut man sein Konto der Post an, denn sie macht keine kantonalen Unterschiede und man bekommt an jedem Automaten der Post ohne Gebühren Geld ausbezahlt. An der Bürokratie merkt man doch sehr deutlich, dass die Schweiz nicht zu EU gehört. So müssen ausländische Studierende, die nur einen bestimmten Zeitraum in der Schweiz leben, eine Kaution für ihren Telefonanschluss hinterlegen. Doch abgesehen von Verwaltungsaufwand und Anfangskosten ist die Schweiz ein tolles Studienland.
 

Täglich 150 Kilometer zu Uni - und zurück
 In der Regel gibt es genügend Wohnheimplätze für Austauschstudenten, die im einfachen (Doppel-)Zimmer 200 Euro und in einem Zimmer mit gehobener Ausstattung 400 Euro kosten. Privat wohnen die meisten Studenten in WGs, was etwa genauso viel kostet.
 Ungewohnt am Studentenleben in Fribourg war für mich, dass fast jeder Schweizer am Wochenende zu Hause bei seinen Eltern ist - von Donnerstagabend bis Montagmorgen. Neu war mir auch, dass so viele Studenten pendeln. Zum Teil legen sie täglich 150 Kilometer (einfache Fahrt) zurück, um zur Uni zu kommen. Das hat mich angesteckt, jedenfalls bin ich nach einer ziemlich schrecklichen ersten Wohnung in Fribourg aufs Land geflüchtet. Das hätte ich mich vorher nie getraut, aber jetzt lebe ich seit nunmehr eineinhalb Jahren glücklich in einem kleinen Städtchen "dans la campagne" und fahre jeden Tag 20 Minuten mit dem Zug bis Fribourg. Ich habe mein Austauschjahr bis zum Studienabschluss verlängert und arbeite einen Tag in der Woche an der Uni, um mir die Studiengebühren und die Bahn-Jahreskarte zu finanzieren.
 

Tipp: Französisch im Sprachtandem lernen
 Etwa drei Wochen vor Beginn des Semesters werden in Fribourg für Erasmus-Studenten Intensiv-Französischkurse angeboten. Diese sind auch sehr gut geeignet, um andere Studenten kennen zu lernen. Um die Sprache wirklich gut zu lernen, braucht man aber sehr viel Selbstdisziplin. Die semester- begleitenden Kurse sind in den ersten Wochen regelmäßig überbelegt, was sich aber mit der Zeit legt. Die beste Alternative ist wohl ein Sprachtandem. Es gibt viele frankophone Studenten, die gerne Hochdeutsch lernen wollen.
 Wenn man sich dann durch die beschwerlichen Anfänge gekämpft hat, kann der gemütliche Teil beginnen. Fribourg besticht – wie in Uni-Life beschrieben – durch unglaublichen Charme. Im multikulturellen Flair fühlt man sich sofort zuhause und verliert schnell seine Hemmungen, sich in einer fremden Sprache durchzufragen.
 

Flüge über die Walliser Alpen als Freizeitangebot
 Obwohl Fribourg relativ klein ist, ist die Vielfalt an Freizeit- angeboten riesig. Das Erasmus-Student-Network organisierte für uns Flüge über die Walliser Alpen, Schneeschuhwande- rungen, Fondueabende und vieles mehr. Die günstigen Bahnangebote wie "Gleis 7", mit dem man ab 19 Uhr kostenlos durch die ganze Schweiz fahren kann, laden zu Entdeckungs- touren ein. Da die Schweiz deutlich kleiner als Bayern ist und das Verkehrsnetz sehr gut ausgebaut, kommt man mit dem Zug gut überall hin.
 Über die Anerkennung von Studienleistungen nach der Rückkehr kann ich leider keine Auskünfte geben, da es diesen Fall bei mir nur andersherum gegeben hat. Das jedenfalls war kein großes Problem, die Bescheinigungen meiner Heimatuni Braunschweig wurden in Fribourg vollständig anerkannt – wenn auch nach einem langen bürokratischen Weg.

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