Partner von:

Vier Berufstätige berichten

"Heimat passiert nicht von alleine, denn Beheimatung ist eine alltägliche Aufgabe", sagt die Psychologie. "Wir helfen dabei", sagen Unternehmen und ermöglichen mit individualisierbaren Programmen die Trennung von Lebens- und Arbeitsort. Und die Berufstätigen selbst? Wie geht es ihnen jenseits der grauen Theorie und spezieller Unternehmensprogramme? Welche Abstriche machen sie, und wie konkret bringen sie Heimat und Karriere unter einen Hut? Ein Spagat – vier Wege, ihn zu meistern.

Meine Heimat, das bin ich

Ich lebe mit Frau, Kindern und Eltern in einem Fachwerkhaus mit Weinberg in Franken. New York, London und Frankfurt hießen die Stationen in meinem BWL-Studium – überall habe ich mit fränkischer Hochzeitssuppe mein Heimweg bekämpfen müssen. Meinen Mitbewohnern hat es geschmeckt, aber gegen das Heimweh war die Suppe machtlos.

Für meinen Job nehme ich heute die tägliche Pendelstrecke von 120 Kilometern gerne in Kauf. Ich würde sogar noch weiter fahren, solange ich am Abend wieder zuhause bin. Alle Erinnerungen, die mich ausmachen, sind an diesen Ort geknüpft; meinen Charakter hat die Arbeit in den Reben geformt; meine Wünsche die Hochzeiten, Taufen und anderen Familienfeste, denen ich beigewohnt habe. Nichts hier ist austauschbar, alles hängt mit mir zusammen. Ich kann mir mein Leben nicht anders, und nicht schöner vorstellen.

Sebastian S., 37, Bankfilialleiter

Ich bin meine eigene Heimat

Seit vier Jahren arbeite ich als selbstständige SEO-Beraterin, seit zwei Jahren lebe ich in Brighton. Die beiden ersten Jahre meiner Selbstständigkeit habe ich in Hamburg verbracht, wo ich vorher als Projektmanagerin bei einer großen Zeitung angestellt war. Doch ich trug zu viele unentdeckte Heimaten in meinem Herzen, um ich mich länger per Arbeitsvertrag an eine Stadt zu binden. Heimat ist nur das Abbild von etwas, das ich in mir trage. Heimat ist ein Ort, der mich widerspiegelt und in dem ich mich widerspiegeln kann, in seinen Menschen, Plätzen, Läden, Straßen, in seiner Sprache. Es war Hamburg, jetzt ist es Brighton – aber es könnten auch viele, wahrscheinlich hunderte andere Orte sein. Ich will sie entdecken, und ich will mich durch sie entdecken. Meine Arbeit muss dabei so flexibel sein wie ich.

Laura K., 28, selbstständige SEO-Beraterin

Heimat ist Gewohnheit

Wo meine Heimat ist, weiß ich so genau wie wo mein Magen sitzt. Heimat war, ist und wird immer ein 2.000-Seelen-Ort in Rheinland-Pfalz sein. Nicht, weil er der schönste Ort der Welt wäre, im Gegenteil. Das Einkaufszentrum hat seine besten Jahre hinter sich, das Angebot in den wenigen Lokalen ebenfalls. Und das einzige Kino macht nächstes Jahr zu. Nichts ist wirklich gut, aber alles ist so, wie es immer war. Und deswegen ist es perfekt für mich.

Ich bin nach meinen beiden Prädikatsexamina nicht umgezogen, um in einer Großkanzlei zu arbeiten, sondern habe in ebendiesem Ort in einer winzigen Boutique unterschrieben. In meinem Büro streiten Geschwister um Omas antike Wäschetruhe und Handwerksmeister um verschwundene Leitern. Wenn ich dann abends in besagtem Einkaufszentrum an der Kasse stehe, an der auch schon meine Mutter und meine Großmutter standen, dann stelle ich mir manchmal vor, wie mein Leben, meine Karriere noch sein könnten, anderswo. Dann kaufe ich den Schinken und das Wasser, die meine Mutter und meine Großmutter hier auch schon gekauft haben, und die ich immer kaufe, und höre auf zu spinnen.

Patrizia M., 30, Anwältin

Gewohnheit ist Heimat

Zuhause fühlt sich an wie der Sitz ganz hinten rechts in der Kabine meiner Stamm-Airline. Heimkommen riecht nach Minze und Mandarine wie das Duschgel meiner Stamm-Hotelkette. Daheim schmeckt nach Clubsandwich vom Roomservice. Denn weit über die Hälfte meiner Nächte verbringe ich in Hotelzimmern, an Flughäfen oder in Flugzeugkabinen. Von meiner Wohnung sehe ich hingegen meist nicht viel mehr als das Schlafzimmer. Keine Ahnung, wonach das Duschgel riecht, oder wie das Essen beim Italiener um die Ecke schmeckt. Fühle ich mich deswegen getrieben, ankerlos, verloren? Fehlt mir etwas im Leben? Jetzt noch nicht. Meine Karriere als Regional Director eines großen Chemiekonzerns floriert, ich langweile mich nie, ich verdiene viel Geld. Ich habe meine Homebase in Deutschland. Und ich habe viele Zuhause anderswo – geschaffen durch Rituale, Gewohnheiten und Traditionen. Nur meine Heimat ist momentan nirgendwo. Oder überall. 

Arno L., 45, Regional Director

nach oben
Finde deinen Traumjob

Jobs, Praktika

und akademische

Stellen suchen

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren