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Karriere im Glücklichsein

Natur, Wiese, Mann, Buch, Bank [Quelle: unsplash.com, Autor: Ben White]

Quelle: unsplash.com, Ben White

Mehr Zeit, mehr Purpose: Menschen reduzieren ihre Arbeitszeit, weil sie die Sinnfrage quält oder der Job zu sehr ins Leben greift. Karriere ist längst nicht mehr alles.

Bis vor einem halben Jahr bestand der Arbeitstag von Tim To vor allem aus "Excel, Internet und PowerPoint", wie er sagt. 60 Stunden pro Woche arbeitete der 30-Jährige bei einer großen Bank als Analyst im Bereich Fusionen und Unternehmenskäufe. Er errechnete den Wert von Firmen, half den Inhabern dabei, einen Interessenten dafür zu finden, und wickelte den Verkauf ab. "Ich hatte immer mehrere Mandate gleichzeitig und das Gefühl, nie wirklich fertig zu sein mit der Arbeit", erinnert er sich. Er haderte, er überlegte hin und her – und kündigte schließlich, ohne einen neuen Job zu haben.

Heute testet To auf seinem YouTube-Kanal TBLT.de Handykameras. Oder er packt vor laufender Kamera neue Smartphones aus und stellt sie vor. Neuerdings arbeitet er auch als Social-Media-Redakteur beim BR-Jugendradiosender Puls. Als YouTuber und Journalist verdient er nur noch rund die Hälfte dessen, was bis vor einem halben Jahr auf dem Gehaltszettel stand. Seitdem geht To nur noch selten auswärts essen oder in teure Bars. Doch er sagt: "Ich bin vollkommen glücklich mit meiner Entscheidung."

Tim To arbeitet nun deutlich weniger. Genau so, als Downshifting, bezeichnet die Wissenschaft den Schritt, freiwillig auf ein besseres Gehalt oder einen prestigeträchtigen Job zu verzichten. Um sich etwa einer Aufgabe zu widmen, die man als sinnvoller empfindet, oder um mehr Zeit für sich und andere Menschen zu haben.

Aus der Mitte der Gesellschaft

Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Menschen in Deutschland bewusst auf den beruflichen Aufstieg verzichten oder darüber nachdenken. Aber einige Menschen mit ehemals hohen Positionen haben es vorgemacht: Andreas Utermann, Chef des Vermögensverwalters Allianz Global Investors, verlässt zum Jahreswechsel seinen Posten, um Hausmann zu werden und seiner Frau zu ermöglichen, wieder voll berufstätig zu sein. Antje Neubauer hörte im Sommer als Marketingchefin bei der Deutschen Bahn auf, um für sich und ihre Freunde wieder Zeit zu haben, "die unverplant ist". Und der Moderator Tobias Schlegl reduzierte seine Einsätze bei Funk und Fernsehen, um Notfallsanitäter zu werden und "etwas gesellschaftlich Relevantes" zu machen.

Unter Karriere versteht man gemeinhin einen erfolgreichen Aufstieg im Beruf. Das Phänomen, auf dem Weg in die Spitzenpositionen freiwillig stehen zu bleiben oder gar kehrtzumachen, ignorierte die Forschung lange. Dabei sei die Philosophie dahinter gar nicht so neu, sagt Julia Gruhlich. Die Arbeitssoziologin gehört zu den wenigen Wissenschaftlerinnen, die sich in Deutschland mit dem bewussten Karriererückschritt befassen. "Aussteiger gab es auch schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren, doch damals war das ein Phänomen, das aufs linke Milieu beschränkt war", sagt sie. In einer Zeit, in der viele Menschen auf eine gesunde Work-Life-Balance achten und immer mehr Menschen dazu stehen, dass ihr Job sie zu sehr belastet, sei Downshifting in der Mitte der Gesellschaft angekommen. "Es betrifft inzwischen auch klassische Branchen und Jobs", sagt Gruhlich.

So wie den von Tim To. Er bezeichnet sich zwar selbst als "eher links und etwas anarchistisch", aber trotzdem landete er im Bankenwesen, einer Branche, die so ziemlich das Gegenteil davon ist. Nach dem Fachabitur wollte er eigentlich ein kreatives Fach studieren, doch seine Eltern drängten darauf, dass er einen anderen Beruf ergreifen sollte, "etwas Vernünftiges". Nach vier Semestern Wirtschaftsrecht, die ihm nicht wirklich Freude bereiteten, probierte er es mit mehr Praxisnähe und begann eine Ausbildung zum Bankkaufmann.

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