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Arbeitssucht in der Gesellschaft

Haben Sie Ihre Arbeitssucht je einem Arbeitgeber gegenüber angesprochen?

Nein. Wenn ich meinem Chef davon erzählen würde, wäre die Gefahr sehr groß, dass diese Information gegen mich verwendet wird, sobald ich einen Fehler mache. Ganz ohne bösen Willen – ich habe eigentlich ein gutes Verhältnis zu meinem Chef. Aber die Gesellschaft hat insgesamt noch einen zu weiten Weg vor sich, als dass ich jetzt schon zu meiner Arbeitssucht stehen könnte.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft im Umgang mit Arbeitssucht?

Erst einmal wünsche ich mir einen offeneren Umgang mit dem Thema: Nur, wenn in den Medien genug über Arbeitssucht und ihre Entstehung berichtet wird, sehe ich eine Chance, dass suchtfördernde Strukturen nach und nach abgebaut werden. Ich bin mir aber sicher, dass das Thema in den kommenden Jahren erheblich an Fahrt aufnehmen wird, denn die beruflichen Rahmenbedingungen in Deutschland werden immer suchtfördernder.

Die digitale Revolution beispielsweise ermöglicht es, rund um die Uhr zu arbeiten, ohne dass es die Kollegen überhaupt mitbekommen. Parallel nehmen die geistigen Herausforderungen zu, die Unsicherheiten wachsen; soziale Beziehungen leiden unter Zeitverträgen, Projektarbeit, wechselnden Arbeitszeiten und -orten. Eigentlich müsste also jeder Einzelne mehr denn je Techniken für sich erarbeiten, um runterzukommen. Aber der Mensch bleibt eben der Mensch …

Ich wünsche mir außerdem, dass mehr Entscheider unser vermeintliches Leistungs- und Effizienzideal hinterfragen. Momentan ist jemand, der viel arbeitet und viel Scheiße baut, leider meist noch höher angesehen als jemand, der um sechs Uhr Feierabend macht und zu seinem Erholungsbedürfnis steht. Das ist zu kurz gedacht!

Was glauben Sie, wann ein Umdenken einsetzen wird?

Ich will nicht pessimistisch klingen, aber es sollte mich sehr wundern, wenn sich an dieser Mentalität zu meinen Lebzeiten etwas wesentlich ändert. Umdenken passiert erst, wenn Matthäi am Letzten ist.

Zum Schluss würde ich Sie bitten, fünf Aussagen zu vervollständigen. Die erste wäre: "Ich sollte mich mit meiner Arbeitssucht auseinandersetzen, weil ..."

… es eine frohe Botschaft gibt! Wenn ich mich meinen Problemen stelle, kann ich die Sucht in etwas Positives umwandeln. Die Auseinandersetzung mit sich selbst bedeutet keine Katastrophe. Man öffnet damit keine Büchse der Pandora! Vielleicht tut es weh, zum ersten Mal hinzuschauen – aber die weitere Auseinandersetzung ist eine Bereicherung.

Ich sollte mir professionelle Hilfe suchen, wenn …

… ich selbst den Eindruck habe, dass ich mir mit meinem Arbeiten körperlich und seelisch schade.

Für mich selbst bereue ich an meiner Krankheit am meisten, …

Dass ich so lange keine Möglichkeit hatte, zur Ruhe und zu mir selbst zu kommen.

Es tut mir für andere am meisten Leid, …

Dass ich ihnen durch meine Abwesenheit geschadet habe: vor allem meinem Kind und direkten Angehörigen.

Hätte ich mir damals nicht helfen lassen, dann …

Das kann ich schon so dramatisch sagen: Dann weiß ich nicht, ob ich heute noch auf der Welt wäre.

Herr K., wir danken für das Gespräch.
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