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Der Weg aus der Krankheit

War es so auch bei Ihnen? Hat Sie jemand auf Ihre Arbeitssucht angesprochen, als Sie sich entschlossen, Hilfe zu suchen?

Nein, aber indirekt kam der Impuls für eine Therapie schon von außen. Das war mit Ende zwanzig, als ich meiner hohen Personalverantwortung immer weniger gerecht geworden bin. Man hat mich zwar nicht rausgeworfen, aber mein Arbeitgeber und ich haben uns, wie man so schön sagt, in beiderseitigem Einvernehmen getrennt. Auf der Suche nach Antworten habe ich eine Therapie begonnen, die mir auch geholfen hat. Arbeitssucht stand dabei aber nicht im Fokus.

Mit 30 habe ich dann zufällig einen Artikel über Arbeitssucht gelesen: Alles, was dort beschrieben wurde, traf auf mich zu. Daraufhin habe ich Kontakt zu den Anonymen Arbeitssüchtigen aufgenommen und bin seitdem Mitglied der Gruppe. Ich möchte klassische, kassenfinanzierte Heilungswege keineswegs diskreditieren, aber für mich steht fest, dass ich meinen heutigen Status AAS zu verdanken habe. Dass ich heute relativ gesund, wohlhabend und zufrieden bin, meinen Lebensunterhalt bestreite, eine Frau und ein Kind habe, hängt wesentlich mit meinem Besuch der Meetings von AAS zusammen.

Wieso?

Das 12-Schritte-Programm von AAS bewältigt Probleme nicht rein kognitiv. Es ist ein spirituelles Programm, das aber nicht (!) an irgendein klassisches Gottesbild geknüpft ist. Genau dieser spirituelle Aspekt war wesentlich für meine Genesung; die Frage, was für einen Menschen die Höhere Macht ist, ist Teil des Heilungswegs. Und jeder Betroffene, der schon einmal an die Grenzen seiner Existenz kam, wird diese Frage als real erleben.

Wie sieht diese spirituelle Form der Bewältigung Ihrer Arbeitssucht aus?

Ich bin überzeugt, dass die Höhere Macht mir die Sucht gegeben hat, um daraus zu lernen. Ein positives Nebenprodukt der Arbeitssucht ist also, dass ich mich immer wieder mit der Frage konfrontiere: Ist das, was ich mache, das, was ich machen soll? Was ist mein Job – im Beruf, aber auch auf der Erde? Es soll kein esoterisches Fachgespräch werden, aber wenn ich mit der Arbeitssucht bewusst umgehe, kommt der positive Nebeneffekt zum Tragen – und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass ich im Leben das mache, was mir, meinen Fähigkeiten, meiner Bestimmung entspricht. Ich will nicht schon wieder klingen wie Pfarrer Sommerauer, aber es gibt den Spruch: "Die höchste Form der Selbstverwirklichung ist die, dass man Gottes Willen erkennt und danach lebt." Und das ist auch meine Meinung.

Sie werden in diesem Jahr 50. Wieso beschäftigt Sie das Thema Arbeitssucht immer noch, wo Sie doch schon vor 20 Jahren zu AAS gekommen sind? 

Weil man aus meiner Sicht sein Leben lang arbeitssüchtig bleibt. Man kann ein Genesender werden, aber kein Genesener. Deswegen richtet sich das AAS-Programm auch immer nur auf die nächsten 24 Stunden. Nicht arbeitssüchtig zu sein ist ein Tagwerk: Es ist nicht anders, als wenn ich mir vornehme, heute ein Zimmer zu streichen.

Das heißt, es gab in Ihrem Leben schlimmere und weniger schlimme Phasen, aber die Arbeitssucht war nie ganz weg?

Nein, und sie wird auch nie weg sein. Den Satz: "So, jetzt habe ich das Thema Arbeitssucht erledigt" habe ich von einem Süchtigen noch nie gehört. Ich gehe davon aus, dass mich das Thema Arbeitssucht beschäftigen wird, bis ich sterbe.

Ist das nicht eine sehr bittere Aussicht?

Die Frage ist, wie ich damit umgehe: Verdränge ich meine Arbeitssucht oder arbeite ich an ihr beziehungsweise an mir? Dann kann Arbeitssucht sogar eine Bereicherung meines Lebens sein, weil ich mich mit mir selbst auseinandersetze.

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