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Leben mit Arbeitssucht

Gab es neben solchen Anlagen in Ihrer Persönlichkeitsstruktur auch ein konkretes "Triggererlebnis", das die Arbeitssucht hat akut werden lassen?

Ja, das gab es, als ich 26 Jahre alt war. Damals haben sich meine Eltern nach 35 Jahren Ehe getrennt. Eigentlich hätte mich das gar nicht mehr tangieren dürfen, denn ich war ja schon längst aus dem Haus. Aber die Tatsache, dass ich zwischen meinen Eltern stand und nichts tun konnte, um ihren Konflikt zu schlichten, hat mich so gestresst, dass ich in die klassischen Verhaltensmuster eines Arbeitssüchtigen gerutscht bin.

Wie sah das aus?

Ich habe buchstäblich Tag und Nacht gearbeitet. Ich hatte gerade ein Trainee-Programm absolviert, arbeitete im Handel und war verantwortlich für 140 Mitarbeiter. Aber neben diesem Tagesjob habe ich auch nachts gearbeitet, bin zum Beispiel Taxi gefahren oder habe Wachdienste gemacht. Das alles tat ich bewusst, um Schlaf zu vermeiden: Denn der Schlaf hätte mich mit meinem Unbewussten konfrontiert.

Wie ging es Ihnen während der Arbeit? Haben Ihnen die verschiedenen Tätigkeiten in irgendeiner Weise Spaß gemacht, oder waren sie eine bloße Vermeidungsstrategie – nur das geringere Übel also, weil Nicht-Arbeiten noch schlimmer gewesen wäre?

Sowohl als auch: Ich würde nicht von Glücksmomenten sprechen, aber ich habe einerseits ja gutes Geld verdient, eine Wohnung gekauft, ein Haus gebaut – ich hatte also durchaus das Gefühl, etwas zu erreichen. Das unterschied die Arbeit auch vom Konflikt meiner Eltern, in den ich mit Gewalt reingezogen wurde und an dem ich nichts ändern konnte: ein unerträgliches Gefühl.

Andererseits aber war die Arbeit auch bloße Linderung. Die reine Aktivität – egal, welcher Art – hat bewirkt, dass ich nicht mehr an diesen Konflikt denken musste. In dem Moment war mir diese Linderung sehr recht, aber ich habe natürlich auch gespürt, dass Arbeiten keine Dauerlösung ist. Schlafentzug führt ja zu sehr starken Wahrnehmungsveränderungen: Man ist unterwegs wie mit ein paar Promille. Ich wusste also, dass ich mit diesem Verhalten mich selbst und andere gefährde. Dass ich mit meinem Leben spiele und auch damit bezahlen könnte.

Die meisten Arbeitssüchtigen wissen also, dass sie ein Problem haben?

Absolut. Soziale Defizite und mangelnden Kontakt mit sich selbst kann man lange Zeit mit wirtschaftlichem Erfolg und sozialem Prestige verdrängen. Aber ich bin mir sehr, sehr sicher, dass die meisten Süchtigen tief in sich selbst wissen, dass etwas nicht stimmt. Und ich bin mir auch sicher, dass jeder Süchtige sich dem Problem auf kurz oder lang stellen muss.

Es mag zwar sein, dass es einige wenige Menschen gibt, die vollkommen berauscht sind von ihrer Krankheit und sehr lange überhaupt nicht merken, dass sie ein zwanghaftes Verhältnis zur Arbeit haben. Aber auch für diese Menschen kommt irgendwann der Knall, der alles verändert: ein Unfall, eine Trennung, eine schwere Krankheit. Bei mir war das anders: Mir war immer schon bewusst – mal mehr, mal weniger –, dass ich mir selbst und anderen gerade erheblichen Schaden zufüge.

An welchen Schaden für andere denken Sie da?

Es ist eine irrige Auffassung, zu glauben, dass ein Mitarbeiter, der sich selbst aufgibt, einem Unternehmen langfristig nützt. Das Gegenteil ist der Fall! Wer sein Leben für seinen Job aufgibt, fügt über kurz oder lang dem Unternehmen wirtschaftlichen Schaden zu.

Warum?

Der Arbeitssüchtige verballert viel zu viel Energie, weil er nicht priorisieren kann: Für ihn steht die Menge der geleisteten Arbeit im Fokus, nicht die Priorität einer Aufgabe mit Blick auf die Unternehmensziele. Dadurch ist er massiv uneffektiv, geht mit voller Kraft am Wesentlichen vorbei. Arbeitssüchtige Führungspersonen verbrennen außerdem nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Leute: Denn wenn es erklärtes Ziel ist, möglichst viel irgendwie zu schaffen, werden Aufgaben auch massenweise delegiert. Mitarbeiter, die mehr Fokus haben als der Arbeitssüchtige, sind natürlich entsprechend frustriert, so viele teils so unsinnige Aufgaben aufgeladen zu bekommen.

Wenn ich ein größeres Unternehmen hätte, würde ich heute also sofort eingreifen, wenn ich bei Mitarbeitern Probleme im Umgang mit Arbeit beobachte: nicht nur aus Sorge um das Personal, sondern auch aus Sorge um die Firma.

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