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"Ausgeschlafene Menschen haben eine höhere Lebenserwartung"

Müdigkeit am Arbeitsplatz [© Andrey Popov - Fotolia]

Quelle:  © Andrey Popov - Fotolia.com

Auch wer wenig schläft, kann viel im Job leisten. Ein Schlafforscher erklärt, wie man seinen Schlaftyp findet, ob Kaffee hilft und wie ein Leben ohne Wecker gelingt.

Nicht die Nacht vor dem wichtigen Termin sei entscheidend, sondern die Woche davor, sagt der Biologe Albrecht Vorster. Am Universitätsklinikum Bern erforscht er den Schlaf und weiß, wie man handeln sollte, wenn man zu wenig davon bekommt.

ZEIT ONLINE: Herr Vorster, manchmal schläft man schlecht und wacht morgens wie gerädert auf. Was kann man tun, damit man am nächsten Tag trotzdem gut arbeiten kann?  

Albrecht Vorster: Wegen einer Nacht würde ich mir keine Sorgen machen. Das stellt man auch im Labor immer wieder fest. Selbst wenn wir Menschen die halbe oder sogar die ganze Nacht wachhalten, können sie am Tag danach relativ gut arbeiten und können ähnlich viel leisten wie sonst auch. 

ZEIT ONLINE: Nach guter Performance fühlt man sich aber meist trotzdem nicht. Wie passt das zusammen?  

Vorster: Das eine ist das subjektive Empfinden, das andere die tatsächliche Performance. Beides unterscheidet sich manchmal ganz beachtlich. Man hat morgens das Gefühl, man sei schlecht aufgestanden, und dann glaubt man, jetzt müsste der ganze Tag schlecht laufen. Das stimmt aber nicht. Als Schlafforscher habe ich auch meinen eigenen Schlaf im Blick. Ich bin manchmal selbst überrascht.  

Auch nach einer schlechten Nacht kann der Tag super funktionieren.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

ZEIT ONLINE: Was beobachten Sie?  

Vorster: Es gibt Nächte, in denen ich geschlafen habe wie ein König. Ich bin schnell eingeschlafen und habe lange durchgeschlafen. Und trotzdem will der nächste Tag nicht flutschen. Alles, was schiefgehen kann, geht schief. Und dann gibt es Nächte mit viel zu wenig Schlaf. Vielleicht war ich am Abend unterwegs, trank Alkohol. Vielleicht war es zu heiß oder eine Mücke war im Schlafzimmer. Also definitiv keine gute Nacht. Und trotzdem funktioniert der nächste Tag super.  

ZEIT ONLINE: Ab wann sprechen Sie davon, dass jemand schlecht geschlafen hat?  

Vorster: Schlechter Schlaf ist für mich etwas, das mindestens eine Woche anhält. Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Vortrag halten. Vielleicht müssten Sie dazu verreisen und im Hotel übernachten. Viele Menschen haben in dieser Situation Angst, dass sie im Hotel schlechter schlafen als sonst und am nächsten Tag nicht fit sind. Das ist unbegründet. Es geht vielmehr darum, in der Woche vorher auf einen guten, geregelten Schlaf zu achten. Dann müssen sie sich eigentlich um die letzte Nacht keine Sorgen machen. Ich führe auch gerade eine Studie mit Nachwuchsathleten im schweizerischen Tenero durch. Es scheint nicht unbedingt entscheidend, wie die Nacht vor dem Wettkampf war. Entscheidend ist vielmehr, wie jemand in der Woche vor dem Wettkampf geschlafen hatte.  

ZEIT ONLINE: Warum macht sich schlechter Schlaf erst über einen längeren Zeitraum bemerkbar?  

Vorster: Das ist wie mit der Ernährung. Wenn ich einen Tag lang nur Fast Food esse, dann führt das nicht dazu, dass es mir am nächsten Tag schlecht geht. Vielleicht bin ich sogar ein bisschen glücklicher. Aber wenn ich das über mehrere Wochen oder sogar noch länger mache, wirkt sich das auf den Körper aus. Menschen, die regelmäßig deutlich zu wenig Schlaf bekommen, merken das dann im Urlaub.  

Das Gute ist: Wir können Schlaf etwas nachholen.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

ZEIT ONLINE: Woran?  

Vorster: Sie schlafen nicht nur am ersten Tag mehr, sondern die ganze erste Woche. Das Gute ist: Wir können Schlaf etwas nachholen. Aber das schafft man oft nicht in einer Nacht, sondern man braucht eine Weile dazu.  

ZEIT ONLINE: Wie viel Schlaf braucht der Mensch denn?  

Vorster: Das ist wie bei der Ernährung oder beim Flüssigkeitsbedarf individuell. Es gibt Vieltrinker und Wenigtrinker. Genauso gibt es geborene Kurzschläfer, die ihr Leben lang mit fünf oder sogar mit vier Stunden Schlaf auskommen. Und es gibt Langschläfer, die eher so neun Stunden schlafen. Aber man kann sagen, dass 90 Prozent der Bevölkerung irgendwas zwischen sechs und neun Stunden Schlaf brauchen.  

"Der Normalmensch geht zwischen zehn Uhr und ein Uhr nachts ins Bett"

ZEIT ONLINE: Wie findet man heraus, wie viel Schlaf man selbst braucht? 

Vorster: Auch das geht am besten im Urlaub, möglichst in der zweiten Woche. Schlafen Sie aus, ohne sich einen Wecker zu stellen. Dann rechnen Sie alle geschlafenen Stunden dieser zweiten Woche zusammen und bilden einen Mittelwert. Das ist das Pensum, das Sie eigentlich jeden Tag bekommen sollten. Das gehört einfach zu unserer genetischen Ausstattung, die nicht veränderlich ist. Genau wie die Körpergröße.  

ZEIT ONLINE: Man kann das eigene Schlafbedürfnis also nicht beeinflussen? 

Vorster: Als Formel sollten wir unseren eigenen Mittelwert dauerhaft maximal um eine Stunde jeden Tag verkürzen. Mehr geht nicht. Man kann aus einem Acht-Stunden-Schläfer einen Sieben-Stunden-Schläfer machen, aber keinen Sechs-Stunden-Schläfer. Der wird sonst irgendwann gesundheitliche Probleme bekommen. Er wird nicht so glücklich oder so leistungsfähig sein, wie er könnte. Und er wird keine guten Entscheidungen treffen.  

Ausgeschlafene Menschen haben eine höhere Lebenserwartung.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

ZEIT ONLINE: Sind geborene Kurzschläfer in unserer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft im Vorteil, weil sie mehr Zeit haben?  

Vorster: Langfristig nicht. Ausgeschlafene Menschen haben durchschnittlich eine höhere Lebenserwartung. Das heißt: Der Kurzschläfer hat zwar erst mal mehr Lebenszeit, aber vielleicht lebt der Langschläfer, der immer um die acht Stunden braucht, am Ende länger. Statistisch sehen wir, dass der normal lang schlafende Mensch am längsten lebt und am gesündesten ist. Man kann sich also freuen, wenn man in diese Kategorie gehört und nicht zu den Ultrakurzschläfern.  

ZEIT ONLINE: Gibt es denn Lerchen und Eulen oder ist das ein Mythos?  

Vorster: Nein, nein. Das ist so. Es gibt geborene Bäckermeister und DJs. Auch hier: Die allermeisten Menschen liegen im Normalbereich. Das wären wahrscheinlich die Tauben. Der Normalmensch geht zwischen zehn Uhr und ein Uhr nachts ins Bett. Aber es gibt auch Menschen, die andere Uhrzeiten bevorzugen. Das schlägt sich mitunter in der Berufswahl nieder. Und es wirkt sich auf die Abiturnote aus. 

ZEIT ONLINE: Auf die Abiturnote?  

Vorster: Ja, klar. Wenn ich ein Spättyp bin, aber morgens um acht Uhr unterrichtet werde, dann ist es bei mir noch mitten in der Nacht. Der Spättyp braucht ja nicht unbedingt weniger Schlaf. Wenn der natürliche Schlafbeginn um drei Uhr nachts ist, würde der Spättyp nach seinem biologischen Rhythmus bis zehn Uhr vormittags schlafen. Wenn er dann aber von morgens acht bis zehn Uhr Unterrichtsstoff vermittelt bekommt und darin auch geprüft wird, schneidet er schlechter ab. Der Neurobiologe Christoph Randler in Tübingen hat herausgefunden, dass genetische Spättypen schlechtere Abiturnoten haben. Wir benachteiligen in der Schule also konsequent Menschen mit einem späten Chronotyp aufgrund angeborener körperlicher Merkmale. Man könnte auch sagen: aufgrund einer körperlichen Einschränkung. Nur kann man die eben von außen nicht sehen. Und die Lehrer wollen sie auch nicht wahrhaben.  

Jugendliche werden aufgrund ihrer Veranlagung für etwa zehn Jahre erst ein bis zwei Stunden später müde.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

ZEIT ONLINE: Vor allem Jugendliche kommen ja generell eher schwer aus dem Bett …

Vorster: Das kommt noch hinzu. Ab der Pubertät, also ab dem Alter von 13 Jahren, gibt es eine Verschiebung in Richtung Spättyp. Jugendliche werden aufgrund der genetischen Veranlagung für etwa zehn Jahre erst ein bis zwei Stunden später müde.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?  

Vorster: Das ist ein natürlich eingerichteter Wachwechsel am Lagerfeuer. Während Jugendliche und junge Erwachsene wach bleiben, gehen Kinder und Alte früher ins Bett. Und wenn Kinder und Alte morgens um vier Uhr aufwachen, dann gehen die letzten Rabauken schlafen. Die Schlafenszeit ist die gefährlichste Zeit für alle Tiere. Es ist also sinnvoll, dass nachts immer jemand Wache schiebt. Mit der Industrialisierung und der Erfindung des Weckers haben wir allerdings angefangen, unseren Schlaf zu normieren. Nämlich so, dass er für alle gleichermaßen um zehn Uhr beginnt und so endet, dass alle morgens um sechs pünktlich zum Schichtbeginn in der Fabrik sind. Viele Arbeiterinnen fangen nach wie vor oft um sechs Uhr morgens ihren Dienst an. Es gibt Büros, in denen um acht Uhr die Kernarbeitszeit startet. Wir tun so, also wäre jeder Mensch zur gleichen Zeit müde und munter.  

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat das?  

Vorster: Auf jeden Fall bekommen Spättypen dauerhaft zu wenig Schlaf. Fünf Prozent der Patientinnen und Patienten bei uns im Schlaflabor haben das Insufficient Sleep Syndrome, das Syndrom des Zu-wenig-Schlaf-Bekommens. Das sind klassischerweise Eulen, Menschen, bei denen der Schlafdrang nachts um ein Uhr oder zwei Uhr einsetzt und die tendenziell zu den Langschläfern gehören, die also acht Stunden Schlaf brauchen. Sie müssen dennoch früh aufstehen für die Arbeit. In der Regel bekommen sie so nur etwa fünf oder sechs Stunden Schlaf, also jeden Tag zwei bis drei Stunden zu wenig. Das führt zu starken gesundheitlichen Konsequenzen. Es gibt vier Säulen, die über unsere Gesundheit und Sterblichkeit entscheiden. Bewegung macht etwa 20 Prozent aus, Ernährung etwa 40 Prozent, Schlaf etwa 30 Prozent. Und dann gibt es noch die soziale Komponente, also ob ich Freunde oder einen Partner habe. Das sind zehn Prozent. Menschen mit einem Partner leben durchschnittlich länger. Da hat man jemanden, der nach einem guckt. Und man ist weniger allein. 

"Eigentlich sollte unser Job so sein, dass wir keinen Wecker brauchen"

ZEIT ONLINE: Was genau bewirkt Schlaf im Körper?

Vorster: Schlafen ist fürs Gehirn wie Waschen, Schneiden, Legen beim Friseur. Im Schlaf wird das Gehirn durchgespült, also gewaschen. So wird jeden Tag Altprotein abtransportiert, das schützt die Nervenzellen – zum Beispiel vor Krankheiten wie Alzheimer. Das Schneiden betrifft die Synapsen, also die Kontaktstellen zwischen zwei Nervenzellen. Wenn wir etwas Neues lernen, bilden sich neue Verbindungen. Aber wenn wir unser Gehirn die ganze Zeit mit neuen Synapsen zubauen, ohne jemals wegzuwerfen, können wir irgendwann nichts Neues mehr lernen. Deshalb werden im Schlaf die Synapsen zurückgestutzt – wie ein Obstbaum, der geschnitten wird, damit er im nächsten Frühjahr wieder gut tragen kann. Passiert das nicht, kommen Nervenbotenstoffe, die sogenannten Neurotransmitter, ins Ungleichgewicht. Und dann bleibt noch das Legen: Im Schlaf werden neue Erfahrungen einsortiert in das bestehende Wissensnetzwerk. Wir werden dann klüger und wachen mit einem anderen Gehirn auf als jenem, mit dem wir eingeschlafen sind. 

ZEIT ONLINE: Wenn da so viel im Gehirn passiert: Inwiefern können Schlafstörungen psychisch krank machen? 

Vorster: 40 Prozent der Menschen, die eine Depression entwickeln, hatten zunächst eine Schlafstörung. Depression und Schlafstörungen hängen eng miteinander zusammen. Es gibt eigentlich keine psychiatrische Erkrankung, bei der man nicht auch Schlafprobleme hat. Regulierter Schlaf ist zentral, um im Gehirn wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Deshalb beeinflusst er auch unsere Leistung. Bei mangelndem Schlaf können wir uns nicht ausreichend konzentrieren. Wir haben Stimmungsschwankungen. Und wir neigen zu Alles-oder-nichts-Entscheidungen.

Je länger jemand nicht geschlafen hat, desto unkonzentrierter ist er.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?  

Vorster: Wenn Menschen übermüdet sind, tippen sie viel häufiger auf die Risikovariante und nicht auf die langfristig lohnende mit den kleinen Erfolgen. Dazu hat man Studentinnen und Studenten, die keine Kurzschläfer sind, in einem Versuch eine Woche lang nur fünf Stunden schlafen lassen. Dann hat man ihnen eine Glücksspielaufgabe gestellt. Sie verspielten viel Geld, weil sie unvorsichtig tippten. Das zeigt auch ein zweiter Versuch. Eine Aufgabe mit einem Ballon, den man immer weiter aufblasen soll, ohne dass er platzt. Menschen, die übermüdet sind oder mehrere Tage schlecht geschlafen haben, lassen die Ballons viel häufiger platzen. Je länger jemand nicht geschlafen hat, desto stärker ist der Effekt.

ZEIT ONLINE: Sollte man sich einen anderen Job suchen, wenn der nicht zum eigenen Schlaftyp passt?  

Vorster: Ich würde eher sagen: einen anderen Arbeitgeber. Natürlich, eine gewisse Auswahl Berufe wird nicht gehen. Aber es gibt ja unterschiedliche Arbeitgeber für die gleiche Tätigkeit. Bei den allermeisten Bürojobs kann man theoretisch anfangen, wann man will. Eigentlich müsste jeder Arbeitgeber ein natürliches Interesse daran haben, dass ich dann im Büro bin, wenn ich am leistungsfähigsten bin. Und das bin ich, wenn ich ausgeschlafen bin. Es geht ja darum, dass ich was leiste oder produziere, und nicht darum, dass ich da sitze. Ich fange zum Beispiel morgens um 10 oder 10.30 Uhr an zu arbeiten. Ich bin ein Spättyp. Man kann mich natürlich auch um acht Uhr morgens an den Schreibtisch setzen. Das würde ich überleben. Aber ich bin einfach nicht so produktiv morgens um acht.   

ZEIT ONLINE: Unsere Gesellschaft ist stark auf morgendliche Produktivität ausgelegt. Wenn man Ihnen zuhört, scheint das nicht sehr sinnvoll zu sein.  

Vorster: Das ist es auch nicht. Deshalb eröffnen wir gerade ein Beratungs- und Therapiezentrum in Bern für Schlaf. Wir beraten da dann auch Firmen dazu, wie sie die Gesundheit ihrer Angestellten fördern können, gerade wenn die in Schichten arbeiten müssen. Mir ist es wichtig, dass Arbeitgeber erkennen, dass Schlaf keine Privatsache ist. Der Arbeitgeber entscheidet maßgeblich darüber, wann man schläft. Sonst würden die Menschen am Wochenende nicht anders schlafen als unter der Woche. Eigentlich sollte unsere Arbeit so gestaltet sein, dass wir keinen Wecker brauchen.  

ZEIT ONLINE: Gibt es denn etwas, was man tun kann, um die Leistungsfähigkeit zu steigern, wenn man zu wenig geschlafen hat, zum Beispiel Kaffee?  

Vorster: Der steigert die Konzentrationsfähigkeit. Lastwagenfahrer, die regelmäßig Kaffee trinken, bauen weniger Unfälle. Daher kann man ganz klar sagen: Kaffee ist etwas Gutes. Allerdings sollte man nach 15 Uhr keinen Kaffee mehr trinken, wenn man Schlafprobleme hat. Kaffee hat eine relativ lange Halbwertszeit, erst nach sechs Stunden ist die Hälfte des Koffeins abgebaut. Wenn ich also um 17 Uhr noch zwei Tassen Kaffee trinke, habe ich um 23 Uhr noch eine Tasse davon im Blut. Das macht den Schlaf leichter und damit auch weniger erholsam. Kaffee ist vor allem dann sinnvoll, wenn man ihn punktuell einsetzt. An alles, was wir dauerhaft machen, gewöhnt sich der Körper, dann brauchen wir davon mehr. Sportlern rate ich deshalb: nicht jeden Morgen Kaffee trinken, sondern nur vor dem Wettkampf. Kaffee ist leistungssteigernd, steht aber nicht auf der Dopingliste. Das sollte daher jede Sportlerin nutzen, um Topleistungen zu bringen.

Wir haben in jedem Betrieb Kaffeeküchen, aber es gibt immer noch sehr selten Räume, in denen man sich hinlegen kann.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

ZEIT ONLINE: Welche anderen Wege gibt es? 

Vorster: Kurze Schläfchen sind auch eine tolle Möglichkeit. Nur leider sind die im Gegensatz zu Kaffee nicht anerkannt. Wir haben in jedem Betrieb Kaffeeküchen. Aber es gibt immer noch sehr selten Räume, in denen man sich hinlegen kann, obwohl das länger anhaltende Effekte hat als ein Kaffee. Nach einem Kurzschlaf von 15 Minuten kann man sich in den drei bis vier Stunden danach erwiesenermaßen besser konzentrieren und ist leistungsfähiger. Wir brauchen so einen Ruheraum nicht nur, um zu schlafen. Sondern vielleicht auch, um Privatgespräche zu führen oder um weinen können. Warum muss man sich für Privatheit auf die Toiletten zurückziehen?  

ZEIT ONLINE: Das ist im normalen Arbeitsalltag nicht vorgesehen.  

Vorster: Das stimmt. Aber Schlaf und Ruhe sind menschliche Bedürfnisse. Wir schaffen Raucherecken, weil wir glauben, dass es ein Grundrecht des Menschen ist, zu rauchen. Aber es ist auch ein essenzielles Grundrecht, zu schlafen. Kein Arbeitgeber würde seinen Angestellten verweigern, zu trinken. Niemand würde sagen: "Jeder darf nur einen halben Liter pro Tag trinken." Aber beim Schlaf machen wir das im Prinzip so. Wir tun so, als bräuchte der Mensch tagsüber nie Schlaf. In Japan ist es komplett normal, dass man am Arbeitsplatz schläft. Das gilt als Auszeichnung. Es gibt sogar einen Begriff dafür, Inemuri. Das heißt: schlafen und doch anwesend sein. Wenn eine Person dort im Büro schläft, bedeutet das, dass sie so viel gearbeitet hat – bis zur Selbstaufgabe –, dass sie jetzt kurz schlafen muss, um danach wieder fit zu sein. Bei uns wird jemand, der schläft, als Faulenzer angesehen. Das sollte sich ändern.  

"Wenn man tagsüber schläft, schläft man automatisch kürzer"

ZEIT ONLINE: Sie sagten, Sie wollen Unternehmen auch beim Thema Schichtarbeit beraten. Was ist an Schichtarbeit problematisch?  

Vorster: Drei Dinge. Erstens schläft man dann automatisch zum falschen Zeitpunkt, also außerhalb der biologisch dafür angedachten Zeit, in der sich der Körper erholen will. Zwar laufen auch dann im Schlaf automatisch regenerative Prozesse im Körper ab, aber nicht alle, die man braucht. Nachts fällt zum Beispiel die Körpertemperatur um ein Grad Celsius ab. Auch der Blutdruck sinkt. Wenn ich zu dieser Zeit arbeite, führt das dazu, dass der Körper den Blutdruck künstlich hochhalten muss, und das steigert langfristig das Risiko für Krankheiten. Der Körper kann Reparaturarbeiten, die er vornehmen möchte, nicht machen. Auch kann Zucker nachts schlechter verarbeitet werden. Der Körper muss mehr Insulin ausschütten, damit Zucker in die Zellen aufgenommen wird. Nach einer durchgearbeiteten Nacht haben wir verminderte Insulinsensitivität wie bei einer leichten Diabetes-Erkrankung. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Schichtarbeit ein Risikofaktor für Diabetes Typ zwei ist. Ebenso wie für Fettleibigkeit, weil wir nachts aufgenommenen Zucker sofort in Fett umwandeln.  

ZEIT ONLINE: Was sind die anderen beiden Dinge? 

Vorster: Wenn man tagsüber schläft, schläft man automatisch kürzer. Das kennt man vielleicht von sich selbst: Man hat die Nacht durchgemacht bis morgens sieben Uhr, acht Uhr, und geht dann ins Bett. Dann wird man nicht bis um 16 Uhr schlafen, sondern eher bis 12 oder 13 Uhr. Das heißt, der Schichtarbeiter bekommt nicht nur zum falschen Zeitpunkt, sondern auch konstant zu wenig Schlaf. Und dann gibt es noch einen dritten Faktor, der sehr unangenehm für den Körper ist. 

ZEIT ONLINE: Der wäre? 

Vorster: Schichtarbeit führt dazu, dass der Körper in einem ständigen Jetlag ist, weil sich die Zeitzone, in der wir arbeiten, ständig verschiebt. Tagsüber, wenn wir eigentlich arbeiten sollen, sind wir dann müde. Wir können uns kaum konzentrieren, haben möglicherweise Verdauungsprobleme. Bei einem Jetlag hat man oft Magenbeschwerden, Sodbrennen, aber auch Durchfall und keinen Appetit. Und Stimmungsschwankungen. Wenn man einmal im Jahr nach einer Flugreise einen Jetlag hat, dann ist das nicht belastend für den Körper. Aber wenn eine Arbeiterin im klassischen Schichtsystem arbeitet – also eine Woche Frühschicht, eine Woche Spätschicht, eine Woche Nachtschicht –, dann lebt sie quasi jede Woche in einer anderen Zeitzone. Das heißt, der Körper muss sich jede Woche umstellen. Das ist extrem belastend. 

Nach etwa sieben bis zehn Jahren Schichtarbeit spürt man gesundheitliche Konsequenzen.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

ZEIT ONLINE: Wie lang hält man das durch, bis man krank wird? 

Vorster: In jungen Jahren kann der Körper das noch ganz gut abfedern. Aber nach etwa sieben bis zehn Jahren in der Schichtarbeit – das ist mehr oder weniger die Grenze – spürt man gesundheitliche Konsequenzen. Und das sind die gesundheitlichen Blockbusterrisiken, nämlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt und Lungenembolie, oder eben Diabetes Typ zwei. Schichtarbeiter haben ein deutlich erhöhtes Depressionsrisiko, auch weil die Schichtarbeit das soziale Leben einschränkt. Jede Woche läuft anders. Man kann nicht regelmäßig an Treffen und Vereinsleben teilnehmen, man ist sozial isoliert. Außerdem haben Schichtarbeiter ein um 50 Prozent erhöhtes Scheidungsrisiko. Und Kinder von Schichtarbeitern haben deutlich schlechtere Noten in der Schule, weil die Eltern weniger Zeit haben, um mit ihnen zu lernen. Schichtarbeit hat also nicht nur Folgen für den Arbeitenden, sondern für die gesamte Familie.  

ZEIT ONLINE: Das klingt, als dürfe es Schichtarbeit eigentlich nicht geben?  

Vorster: Vollkommen richtig. Außerdem müssten Schichtarbeiter über diese Gefahren aufgeklärt werden. Bei anderen Tätigkeiten machen wir das ja auch. Bei Röntgenstrahlung beispielsweise. Arbeiter, die das betrifft, wissen, dass sie nur ein bestimmtes Maß an Strahlung abbekommen dürfen. Aber bei Schichtarbeit ist keine maximale Menge an Lebenszeit festgelegt, die man mit ihr verbringen sollte. 

ZEIT ONLINE: Wie sollten Unternehmen sie planen?  

Vorster: Der Biorhythmus verschiebt sich um etwa eine Stunde pro Tag. Deshalb wäre es wichtig, dass man maximal dreimal hintereinander die gleiche Schicht arbeitet, nicht fünf- oder siebenmal. Dann gewöhnt sich der Körper nicht zu sehr an den anderen Rhythmus. Es dürfte meiner Meinung nach zum Beispiel auch keinen Nachtschichtzuschlag geben. Stattdessen nur noch das Angebot für Freizeitausgleich.  

ZEIT ONLINE: Ob das die Menschen dann zur Schichtarbeit bewegt?  

Vorster: Sie sollten darüber nachdenken. Viele Schichtarbeitende verkaufen Lebenszeit für Geld. Eine Studie von ver.di konnte zeigen, dass Schichtarbeiter, die statt 35 nur 25 Stunden in der Woche arbeiten, bedeutend weniger gesundheitliche Konsequenzen haben. Schichtarbeit ist zu etwa einem Drittel belastender als normale Arbeit, das muss kompensiert werden. 

ZEIT ONLINE: Manche Bereiche lassen sich ohne Schichtarbeit nicht aufrechterhalten, zum Beispiel im Krankenhaus.  

Vorster: Das stimmt. Aber Schichtarbeit sollte nur da vorkommen, wo sie überlebensnotwendig ist, zum Beispiel im Krankenhaus. In Fabriken, wo es sie nur gibt, damit Maschinen auch nachts ausgelastet sind, sollte uns die Gesundheit der Menschen wichtiger sein. Ich glaube auch: Schichtarbeit würde sich für Arbeitgeber nicht mehr rentieren, wenn sie die Krankheitsfolgekosten tragen müssten. Zum Beispiel, indem sie Geld zahlen müssen, wenn Menschen dann krank werden. Derzeit übernehmen in der Regel ja die Krankenkassen diese Kosten – und damit indirekt die Gesellschaft.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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