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Warum finden es manche Menschen anstrengend, sich mit anderen zu treffen?

Freunde, Männer, Treffen, Spaß, lachen [Quelle: Pexels.com, Autor: Helena Lopes]

Quelle: Pexels.com, Helena Lopes

In dieser Folge der ZEIT-Serie "Hilfe!" antwortet die Psychologin und Autorin Stefanie Stahl.

ZEITmagazin: Frau Stahl, eigentlich ist es ja schön, dass man jetzt wieder ausgehen und andere Leute sehen kann. Aber eine Bekannte erzählte mir neulich, sie fühle sich nach solchen Treffen oft ausgelaugt und sehne sich nach etwas Ruhe. Mir geht es da ähnlich.

Stefanie Stahl: Dann sind Sie typisch introvertiert.

ZEITmagazin: Ach ja? Ich dachte immer, Introvertierte seien sehr schüchtern. Das bin ich nicht.

Stahl: Es stimmt, dass schüchterne Menschen öfter introvertiert sind. Aber nicht alle Introvertierten sind schüchtern. Der Psychiater Carl Gustav Jung hat zuerst entdeckt, dass es Menschen gibt, die ihre Energie aus ihrem Inneren ziehen, der Welt ihrer Gedanken und Vorstellungen. Und dass es andere gibt – die Extrovertierten –, die ihre Energie aus dem Außen beziehen, dem Kontakt mit anderen Menschen. Viele Introvertierte können zwar auch gut mit anderen Menschen umgehen, aber danach brauchen sie wieder Zeit für sich, um ihre Batterien aufzuladen.

ZEITmagazin: Warum?

Stahl: Intros strengt es mehr an, aus sich herauszugehen oder von sich zu reden. Dafür sind sie gute Zuhörer und kommen gut allein zurecht. Mein Mann, der ebenfalls introvertiert ist, liebt es zum Beispiel, am Samstag ins Büro zu gehen. Endlich hat er seine Ruhe und kann seine Dinge erledigen! Ich hingegen bin extrovertiert und hasse es, am Wochenende dort zu sein. Niemand ist da, für mich fühlt sich das einsam an.

ZEITmagazin: Warum ist der eine introvertiert und die andere extrovertiert?

Stahl: Man geht davon aus, dass das stark genetisch geprägt ist. Bei den meisten macht sich schon im Kindesalter bemerkbar, welcher Typ sie sind: Introvertierte Kinder sind zögerlicher, vorsichtiger und besonnener. Extrovertierte Kinder springen mit beiden Beinen in den Sandkasten und spielen mit fremden Kindern. Ich denke, dass die Evolution diese zwei Typen hervorgebracht hat, weil wir in einer Gesellschaft beide brauchen: die risikobereiten, sprechlustigen Tatmenschen. Aber auch die besonnenen, fokussierten Denker. Die Verteilung der Typen ist fifty-fifty, über alle Kulturen hinweg.

ZEITmagazin: Wahrscheinlich ist es in unserer Gesellschaft besser, extrovertiert zu sein, oder? Gerade im Arbeitsleben kommt es doch darauf an, selbstbewusst aufzutreten.

Stahl: Intros können auch selbstbewusst auftreten! Sie sind nur in den Teamsitzungen nicht die, die ununterbrochen reden. Manchmal reden sie erst, wenn sie um ihre Meinung gefragt werden, aber was sie dann von sich geben, hat Hand und Fuß. Und sie können unglaublich lange und konzentriert an einem Projekt dranbleiben. Ein klassisches Beispiel ist die introvertierte Forscherin, die jahrelang vor sich hin arbeitet und dann doch ihren Durchbruch schafft.

ZEITmagazin: Würden Sie sagen, dass Introvertierte häufiger übersehen werden?

Stahl: Das kann durchaus passieren, muss aber nicht so sein. Es gibt auch Introvertierte, die im persönlichen Umgang wie Extrovertierte wirken, weil sie ziemlich redselig sind. Aber sie brauchen länger, um etwas Persönliches von sich preiszugeben. Manchmal kann das zu Missverständnissen führen; etwa wenn ein Extrovertierter sich schnell öffnet und das Gleiche vom Introvertierten erwartet.

ZEITmagazin: Wahrscheinlich ist es auch typisch introvertiert, wenn man sich lieber nur mit einer anderen Person trifft, oder? Gerade jetzt, nach der langen Phase der Isolation, fällt mir auf, wie viele ungeschriebene Gesetze es in Gruppen gibt: Wie sehr tut man sich hervor? Wie viel erzählt man von sich selbst? Wer macht einen Witz, wer lacht darüber?

Stahl: Introvertierte fühlen sich tatsächlich in kleinen Gruppen oder mit einzelnen Kontakten wohler. Ich als Extrovertierte würde gar nicht erst darüber nachdenken, ob ich mich in Gruppen anders darstelle als im Einzelgespräch. Aber ich kann mir vorstellen, dass Introvertierte manchmal das Gefühl haben, sich in Gruppen anders durchsetzen zu müssen: Sie denken nach, bevor sie sprechen, während Extrovertierte einfach losplappern. Das kann den Introvertierten das Gefühl geben, dass sie nicht unterhaltsam oder interessant genug sind.

ZEITmagazin: Und wenn man anfängt darüber zu grübeln, ob man etwas Interessantes zu sagen hat, ist man ja schon nicht mehr locker.

Stahl: Eigentlich müssten sich Intros dazu keine Gedanken machen. Wenn ein Extrovertierter das Gefühl bekommt, man hört ihm zu, findet er das Gespräch ganz toll. So jemand kann den ganzen Abend reden und sich am Ende gut unterhalten fühlen.

ZEITmagazin: Ist es denn wichtig zu wissen, ob man introvertiert oder extrovertiert ist?

Stahl: Wenn man weiß, dass man selbst extrovertiert ist und die andere Person introvertiert, dann nehme ich bestimmte Dinge nicht so persönlich. Bei der introvertierten neuen Kollegin klopfe ich lieber an die Bürotür und stürme nicht einfach rein, weil ich weiß, dass sie mehr persönliche Distanz braucht. Und bei dem extrovertierten Bekannten, der gerne redet, weiß ich, dass er es nicht schlimm findet, wenn man ihn mal unterbricht. Ich finde Selbsterkenntnis schon wichtig.

© ZEIT Magazin (Zur Original-Version des Artikels)

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