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Mein Haus, meine Firma, mein schlechtes Gewissen

offene Tür, Schlüssel, Eingang [Quelle: pexels.com, Autor: PhotoMIX Company]

Quelle: pexels.com, PhotoMIX Company

Antikapitalist sein – und erben? Erben – und Startkapital für alle fordern? Die Geschichten zweier Männer zeigen, dass immer mehr junge Menschen mit ihrem Erbe hadern.

Ein Rosenzweig mit drei Blüten in Form von Totenköpfen, ein Herz und ein A für Anarchie. Das sind die Zeichen, die sich Daniel, 28, auf seinen rechten Unterarm hat tätowieren lassen. Sie sollen ihn an seine Ideale erinnern – die eines Antikapitalisten, der von einer Welt träumt, in der alle gleich sind. Auch, wenn er in zwei Jahren den Betrieb seiner Eltern übernimmt und dort Chef wird.

Es ist ein Donnerstagmorgen im Dezember, in einem Industriegebiet in einer schwäbischen Kleinstadt. Daniel fährt in seinem silbernen Volo vor, einem SUV, und parkt unter dem Vordach eines weißen Bungalows. Seine Familie betreibt hier einen Großhandel für Blasinstrumente. Sie importieren Trompeten, Saxofone und Hörner aus dem chinesischen Tianjin und verkaufen sie in ganz Europa. Den Firmennamen und auch seinen Nachnamen möchte Daniel nicht öffentlich preisgeben. Er engagiert sich in antifaschistischen Gruppen und möchte verhindern, dass Rechtsradikale auf seine Familie aufmerksam werden.

1985 haben seine Eltern die Firma gegründet. Sein Vater hatte vorher Tuba studiert, in Jazzbands gespielt und in Musikgeschäften gejobbt. Pünktlich um neun Uhr drückt Daniel die gläserne Eingangstür auf und grüßt die Mitarbeiterin im angrenzenden Büro. Er trägt eine schwarze Adidas-Trainingsjacke mit weißen Streifen, über den kurz rasierten Haaren ein schwarze Basecap. In seiner Freizeit spielt er Saxofon und Schlagzeug, schon als Jugendlicher jobbte er im Lager der Firma und prüfte die Qualität der Instrumente. Seit zwei Jahren wird Daniel hier nun eingearbeitet und in zwei Jahren werden seine Eltern in den Ruhestand gehen und er Geschäftsführer werden.

Daniel hat audiovisuelle Medien studiert und danach bei einer IT-Firma gearbeitet, die von einem Konzern aufgekauft wurde. "Alles war gleichförmig. Die Leute waren karrieregeil und der Büroalltag langweilig. Das wollte ich keine 40 Jahre machen", sagt er. Nach anderthalb Jahren kündigte er, lebte acht Monate von seinen Ersparnissen und schlug seinen Eltern dann vor, ihre Firma zu übernehmen. "Wenn du raus aus diesem Lohnarbeitshamsterrad willst, dann musst du Unternehmer werden. Nur wenn du dein eigener Chef bist, kannst du selbstbestimmt arbeiten und wirst nicht ausgebeutet", sagt Daniel. Viele arbeiten jahrelang, bis sie Führungspositionen bekommen. "Ich kann das schon jetzt, weil meine Eltern mir den Weg bereitet haben", sagt er.

Daniel geht den schmalen Flur entlang, vorbei an den Toiletten. In zwei Jahren wird er ihr Chef sein und alles verwalten, was zu dem Unternehmen seiner Eltern gehört: drei Lagerhallen, die Instrumentenwerkstatt und das Büro und sechs Arbeitsplätze. Seine Eltern werden ihm die Firma als Schenkung übertragen – steuerfrei. Die ersten Vollmachten haben sie vor wenigen Wochen beim Notar unterschrieben.

Damit zählt Daniel zu dem Zehntel der deutschen Bevölkerung, das erbt oder beschenkt wird. Für Erbschaften gelten in Deutschland relativ hohe Freibeträge: Nur wenn Kinder mehr als 400.000 Euro erben, müssen sie überhaupt Steuern zahlen. Die Steuern werden dann nach Klassen und Sätzen gestaffelt. Am wenigsten zahlt man in der ersten Steuerklasse, in die man fällt, wenn der Erblasser und die Erben Eltern und Kinder sind.  

Der Unterschied bei einer Schenkung ist: Die Person, die das Vermögen weitergibt, lebt noch. So wie Daniels Eltern. Ein Elternteil kann pro Kind alle zehn Jahre 400.000 Euro schenken, ohne dass das versteuert wird. Wenn zwei sehr wohlhabende Elternteile gleich nach der Geburt ihres Kindes mit dem Schenken beginnen, können so bis zum 21. Lebensjahr 2,4 Millionen Euro weitergegeben werden, ohne dass dafür Steuern bezahlt werden müssen. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Angestellter in Westdeutschland, der ein Zehntel seines Einkommens spart, bräuchte 900 Jahre, um auf diese Summe zu kommen.

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 800.000 Menschen — so viele, wie in Frankfurt am Main leben. Viele von ihnen sind Kinder der Nachkriegsgeneration, sie haben das Wirtschaftswunder erlebt und Vermögen angehäuft. Das zeigt sich auch beim Erbe: Schätzungsweise 400 Milliarden Euro werden in Deutschland zurzeit jährlich vererbt oder verschenkt. Tendenz steigend. Soziolog:innen sprechen von einer Erbschaftswelle, angeschoben durch den demografischen Wandel. 

Aber die breite Gesellschaft hat wenig davon. 2020 wurden nur 8,6 Milliarden Euro Steuern auf Erbschaften und Schenkungen erhoben. Für einen geerbten Euro so im Durchschnitt nur zwei Cent Steuern gezahlt. Wissenschaftler:innen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) haben in einer im letzten Februar erschienen Studie festgestellt, dass Erbschaften und Schenkungen ein entscheidender Grund für die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland sind.  

Wer viel hat, darf also viel behalten. Dass Daniel das Unternehmen seiner Eltern einfach so bekommt und kein Geld an den Staat dafür zahlen muss, findet er ungerecht. Und so wie Daniel scheinen immer mehr junge Erb:innen das System kritisch zu sehen: Marlene Engelhorn, Nachfahrin des Gründers des Chemiekonzerns BASF, wird Millionen erben. Sie möchte bis zu 90 Prozent ihres Reichtums umverteilen, damit nachfolgende Generationen in einer gerechteren Gesellschaft leben können. Das hat auch eine andere Millionärin vor. In der Öffentlichkeit tritt sie nur unter Pseudonym auf und nennt sich Stefanie Bremer.  

 

Das sind noch einzelne Beispiele, aber es scheint, als gehe die Generation Y anders mit ihrem Erbe um. Immer mehr von ihnen fragen sich, wie auch Daniel: Wie lässt sich dieses ungerechte System verändern?

Mit Anfang zwanzig, als Student, politisierte Daniel sich. Er las antikapitalistische Bücher wie Der kommende Aufstand vom Unsichtbaren Komitee, einem oder mehreren anonymen anarchistischen Autor:innen aus Frankreich. Im Sommer feierte er auf dem linken Fusion-Festival und engagierte sich in einem selbstverwalteten Jugendzentrum. "In dieser Zeit habe ich zum ersten Mal meine Privilegien realisiert. Ich bin weiß, männlich und habe keine finanziellen Sorgen", sagt er. "Wir sind nicht superreich, aber es war immer genug Geld da." Wie ein Sicherheitsnetz, das seine Eltern für die Familie gewoben hatten und auf das er zurückfallen konnte.

Daniel geht am alten Sousafon seines Vaters vorbei, einer besonderen Form der Tuba, in die Küche und macht sich einen Kaffee. Seine Mutter hat Unterlagen in der Hand und lehnt an der Anrichte. Die Eltern arbeiten nicht nur hier, sie wohnen auch im selben Haus. Am Ende des Flurs liegt ihr Wohnzimmer. Ein Familienbetrieb, in dem es kaum Grenzen zwischen Arbeit und Privatem gibt.

Jahrelang arbeiteten seine Eltern sieben Tage in der Woche. "Geschuftet bis zum Umfallen haben wir", sagt die Mutter. Auch sie möchte in diesem Text anonym bleiben. Vor 36 Jahren eröffneten sie ihren ersten Laden für Musikinstrumente und begannen mit dem Großhandel. Dafür importierten sie erst mal nur Tuben, aus Russland, später aus China. Ihre Firma finanzierten sie über einen Kredit, mit einer Leihgabe von Daniels Onkel und dem Erbe einer verstorbenen Großtante.

2015 verkaufte die Familie den Einzelhandel für Blasinstrumente an Freund:innen. Daniels Familie wollte sich nun ausschließlich auf den Import und Export von Tuben, Saxofonen und Eufonien, tiefen Blechblasinstrumenten, konzentrieren. "Beides gleichzeitig zu schaffen, war sehr viel Arbeit. So können wir uns auf den Import und Export konzentrieren, haben weniger Stress und machen mehr Gewinn", sagt seine Mutter. Heute beliefern sie Orchester in Frankreich, Schulen in Baden-Württemberg, Polizeikapellen in Ungarn.

 

Ob es ihn stört, dass Daniel, der Antikapitalist, bald der Chef dieses Familienbetriebs wird und so vom Kapitalismus profitiert? "Klar, aber welches richtige Leben gibt es schon im Falschen?", fragt Daniel und zitiert damit den Philosophen Theodor Adorno, der über die Unmöglichkeit eines gerechten Lebens in kapitalistischen Zwängen schrieb.

Seine Mutter sagt: Wenn Daniel, ihr einziges Kind, so redet, dann sieht sie in ihm auch sich selbst. Früher wollte auch sie aussteigen aus dem bürgerlichen Leben. Eine radikale Grüne sei sie gewesen, sagt sie, "diesen Wunsch habe ich ihm, glaube ich, mitgegeben." Als er noch studierte, stritt er viel mit seinen Eltern. "Irgendwann habe ich aber begriffen, dass ich gegen etwas kämpfe, dass ich ja selbst auch bin. Das war nicht so geil", sagt Daniel. "Ich hatte das Gefühl, mit meiner Herkunft brechen zu müssen, dabei habe ich eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern."

In der Küche schaut Daniel seine Mutter an und sagt: "Wahrscheinlich ist jetzt meine Angst, dass ich so werde wie ihr. Dass ich als Unternehmer mit einem festen Tagesablauf irgendwann nicht mehr ausbrechen kann und vergesse, was mir als Student wichtig war."

Deshalb hat er sich fest vorgenommen: Auch als Chef will er seine Ideale in der Firma durchsetzen. Er möchte ein nahbarer Chef sein, in einer Firma mit flachen Hierarchien. "Vielleicht werde ich mir auch einen Partner suchen und die Firma vergesellschaften", sagt er. Die Schenkung auszuschlagen war für ihn aber keine Option. Denn das würde das System auch nicht ändern. Man müsse nutzen, was man zur Verfügung habe, sagt Daniel. 

Seit den frühen Neunzigerjahren untersucht der Soziologe Markus Grabka am Sozio-oekonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin die Vermögensverhältnisse der Deutschen. Die Hälfte aller Erbschaften und Schenkungen gehen an die reichsten zehn Prozent aller Erben. Dass die dann auch noch kaum besteuert würden, verstärke die Ungleichheit, sagt Grabka, "dadurch haben wir eine systematische Benachteiligung derjenigen, die in der Geburtslotterie Pech hatten".

Seit 2001 wurde die Erbschaftssteuer mehrfach reformiert, die Freibeträge wurden aber nicht gesenkt. Das System sei bis heute das gleiche geblieben, sagt Grabka vom DIW: "Und das Problem ist, dass die Steuer regressiv wirkt: Auf mittlere Erbschaften zahlt man vergleichsweise hohe Steuern, auf große Erbschaften sinkt die relative Steuerlast. Das liegt an der Steuerbefreiung von Betriebsvermögen und den hohen Freibeträgen."

Das hat auch einen großen Effekt auf die Lebensplanung, das haben die Ergebnisse seiner Forschung immer wieder gezeigt. Denn Geld bedeutet Sicherheit. Menschen, die in wohlhabenden Familien aufwachsen, könnten eher Risiken eingehen, sagt Grabka. Sie könnten sich freier entfalten, müssten nicht jeden Job annehmen oder sich Gedanken über die Finanzierung ihrer Familienplanung machen. Sie können, wie Daniel, einen Job auch einfach mal kündigen, wenn er ihnen nicht gefällt.

Was also könnte die Politik machen, damit erben und schenken in Deutschland die Ungleichheit nicht noch weiter verstärkt? Yannick Haan, 35, hat da eine Idee. Er sitzt in Berlin-Kreuzberg auf seinem schwarzen Sofa, in seiner Eigentumswohnung: zwei Zimmer, dritter Stock, Hinterhof.

Sein Vater arbeitete in Vollzeit als Elektriker, die Mutter als Schulpsychologin. Ähnlich wie Daniel ist er nicht in einer superreichen Familie aufgewachsen, aber in der gut abgesicherten Mittelschicht: Seine Eltern haben Geld gespart, angelegt und ein Einfamilienhaus in ihrem Wohnort Remich in Luxemburg gekauft. Die Eltern finanzierten Yannick später sein Studium in München und ein halbes Jahr unbezahltes Praktikum in Washington.

Trotzdem habe er schon früh ein Gespür für die Ungleichheit in der Gesellschaft bekommen, sagt Yannick. Mit seinem Vater verlegte er als 17-Jähriger in den Sommerferien ISDN-Anschlüsse in Privathäusern, in heruntergekommenen Apartments und prächtigen Herrenhäusern. "Es gab ein Muster: Je reicher die Leute, desto weniger interessierten sie sich für uns und gaben nie Trinkgeld", erinnert er sich.  

Vor fünf Jahren starb plötzlich seine Mutter. Da die Eltern geschieden waren, erbten er und seine Schwester das Elternhaus. Sie verkauften es, teilten das Erbe und investierten in eigene Wohnungen. Yannick in Berlin, seine Schwester in Luxemburg. Vorher hatte er sich nicht für das Thema Erbschaft interessiert. Heute beschäftigt er sich politisch mit der ungleichen Vermögensverteilung, als Vorsitzender der SPD Berlin-Mitte. Und kommt zu dem Ergebnis: Das Erbschaftssystem hat mit demokratischer Chancengleichheit nichts zu tun. 

Auf dem Beistelltisch in Yannicks Wohnzimmer liegen Bücher mit Titeln wie Unverdientes Vermögen und Wir Nicht-Erben. Yannick hat auch Gastkommentare über dieses Thema in der ZEIT und in der Tageszeitung geschrieben. Er glaubt nicht daran, dass einzelne Erben an der Ungleichheit etwas verändern können, auch nicht, wenn sie ihr Vermögen umverteilen. "Das verändert ja nichts am System", sagt er. Es gehe ihm ums große Ganze, deshalb ist er in die Politik gegangen. Alle in der Gesellschaft sollen die gleichen Chancen bekommen. Deshalb will er in Deutschland ein Gesellschaftserbe einführen: Jeder junge Mensch in Deutschland soll Geld vom Staat bekommen, zum Beispiel 20.000 Euro zum 21. Geburtstag. 

"Damit wir das finanzieren können, brauchen wir eine Erbschaftssteuer von 50 Prozent auf sehr hohe Erbschaften", sagt Yannick. Alle Bürger:innen hätten damit die gleichen Ausgangschancen. Auch, wie man mit Geld umgeht und wie man es investieren kann, würde man damit lernen. "Für unsere Generation ist es besonders schwierig, Vermögen wie unsere Eltern anzuhäufen", sagt Yannick. Die Arbeitsverhältnisse sind in vielen Branchen unsicherer als früher, die Mieten in den Städten teuer, Gespartes wird von Negativzins und Inflation aufgefressen.  

Der Soziologe Markus Grabka sagt dazu: "Unter diesen Bedingungen kann eine normale Familie mit zwei Einkommen in einer städtischen Region ohne eine Erbschaft oder Schenkung kaum noch eine Immobilie finanzieren." Yannicks Vorschlag hält er aber für überzogen: "Eine Erbschaftsteuer von 50 Prozent könnte sogar kontraproduktiv sein", sagt Grabka.

Für den Mittelstand und Firmen wie die von Daniels Eltern wäre das eine zu große finanzielle Bürde. Wenn Daniel zum Beispiel 200.000 Euro Steuern zahlen müsste, könnte der Familienbetrieb womöglich nicht überleben. Aber die Idee eines Grunderbes unterstützt auch Grabka. Das sei die schnellste Möglichkeit, um die Vermögensungleichheit in Deutschland auszugleichen. Seiner Rechnung nach würde eine Erbschaftssteuer von 15 Prozent mit reduzierten Freibeträgen reichen, um für jeden jungen Menschen ein Startkapital von 20.000 Euro finanzieren zu können.  

Außerdem müssten generell die hohen Freibeträge gesenkt und an die gesellschaftliche Realität angepasst werden, findet Grabka: "Heute haben wir Patchwork-Familien oder Lebenspartnerschaftskonstellationen. Kinder aus diesen Haushalten sind steuerlich anders gestellt und damit benachteiligt als Kinder aus verheirateten Haushalten. Diese Unterscheidung sollte aufgehoben werden." Die Grünen haben sich im Wahlkampf vor der Bundestagswahl für eine Erbschaftssteuerreform ausgesprochen. In den Koalitionsverhandlungen fiel das dann aber unter den Tisch. Im Koalitionsvertrag der Ampel sucht man das Wort "Erbschaft" vergeblich. 

Daniel versucht derweil, selbst Veränderungen zu schaffen. Als er vor wenigen Wochen mit seinen Eltern beim Notar war, musste er in einem Testament festlegen, was mit seinem Vermögen in seinem Todesfall geschehen soll. Er entschied sich für Spenden, an ein selbstverwaltetes Jugendzentrum und die kurdische Autonomieregion Rojava in Nordsyrien. "Das ist meine Form der Umverteilung", sagt Daniel.

In einer früheren Version wurde die Stadt genannt, in der Daniel lebt.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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