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Zu viel Glück

Entscheidung, Zukunft [Quelle: pixabay.com]

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Viele Arbeitnehmer suchen im Job ihre Erfüllung. Aber kann die Liebe zum Beruf auch zu weit gehen?

Die Frage kommt immer. Trotzdem kann sie Malte Schütt* jede Party verderben: Was machst du so? Sagt er die Wahrheit, muss er sich danach oft für seinen Beruf rechtfertigen. Denn Malte, dunkle Haare, Hoodie, Röhrenjeans, ist Kriminalpolizist. "Ich bin Bulle", sagt Malte, "und Hippie." Tagsüber betrachtet er Blutspritzer an zerbrochenem Fensterglas, verhört Einbrecher und schickt Beweise an den Staatsanwalt. Nach Feierabend schnallt er Waffe und Handschellen vom Gürtel. Dann tanzt er auf Solidaritätspartys oder demonstriert gegen TTIP. Für viele in seinem Umfeld passt das nicht zusammen. Manche sagen zwar: "Ist ja auch gut, wenn Leute wie du bei der Polizei sind." Andere lassen sich aber nicht so leicht überzeugen: Antifa-Mitglieder schmissen ihn mal bei einer Feier raus. Ein Verein, in dem er sich engagiert, warnte alle Mitglieder in einer Rundmail: Bei uns macht ein Polizist mit. "Manche haben schlechte Erfahrungen mit Kollegen gemacht", sagt Malte. "Andere glauben, dass ich sie verhafte, wenn ich mitkriege, dass sie kiffen oder schwarzfahren."

Malte hat das erreicht, wovon viele träumen: Er hat einen sicheren Job, den er meist in Ordnung und manchmal sogar ziemlich aufregend findet. Trotzdem überlegt er zu kündigen. Weil der Malte, der er auf der Arbeit ist, nicht zu dem Malte passt, der er in seiner Freizeit sein möchte. "Als Bulle bist du nie privat", sagt er. "Wenn ich Scheiße bauen würde, könnte das sogar meinen Job gefährden." Wie sehr muss man sich mit seinem Beruf identifizieren, damit er glücklich macht? Kann der Wunsch nach Selbstverwirklichung auch zu weit gehen? Wo liegt die Grenze?

Malte ist 23 Jahre alt, aufgewachsen in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Mit 19 zog er in die Großstadt und begann Kriminalistik zu studieren, einen dualen Studiengang. Wenn er nicht für Klausuren übte, lernte er Schießen von einem Ausbilder der Polizei. Als Kommissar betreute er anfangs vor allem jugendliche Intensivtäter. "Ein paar Mal hatte ich das Gefühl, diese Jungs, die selbst eine Haftstrafe nicht mehr abschreckte, mit Worten zu erreichen", sagt er. In solchen Momenten gibt ihm seine Arbeit das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Trotzdem zweifelt er, ob sie zu ihm passt.

Dass Menschen von einem Beruf erwarten, sich mit ihm identifizieren zu können, war nicht immer so. Noch in der Generation von Maltes Großeltern ging es für die meisten vor allem darum, Geld zu verdienen. Den Arbeitstag brachte man hinter sich, das Leben begann mit dem Feierabend.

"In den siebziger Jahren merkten Unternehmer, dass ihre Angestellten mehr leisten, wenn sie emotional mit ihrer Tätigkeit verbunden sind", sagt Sabine Donauer. Die Kulturhistorikerin hat für ihre Doktorarbeit untersucht, wie sich die Einstellung zum Beruf in den vergangenen 100 Jahren wandelte. In ihrem Buch "Faktor Freude" beschreibt sie, was die heutigen Arbeitnehmer von ihren Vorgängern unterscheidet: der Wunsch, sich selbst zu verwirklichen. "Glück ist die neue Währung im Arbeitsalltag", sagt Donauer.

Heute gibt es immer noch viele Jobs, bei denen die Angestellten vor allem für den Feierabend schuften. Kaum einer, der am Fließband Rinder zerteilt, wird davon schwärmen, wie sehr ihn das erfüllt. Auch für einen Großteil der Akademiker stehen ein fester Vertrag und ein gutes Gehalt bei einer Bewerbung an erster Stelle. Doch viele wünschen sich inzwischen, dass ihr Beruf mehr ist als ein Job. In der Umfrage "Generation What?", die kürzlich unter jungen Europäern durchgeführt wurde, nannte rund die Hälfte der Befragten mit höherem Bildungsabschluss Selbstverwirklichung als wichtige Arbeitsmotivation. Abiturienten machen nach der Schule unbezahlte Praktika, fahren zu Jobmessen oder schippen ein Jahr lang Mist auf einer Lamafarm in Argentinien – weil sie hoffen, danach zu wissen, welcher Job zu ihnen passt. Studenten wechseln den Studiengang. Berufseinsteiger verzichten manchmal auf einen festen Arbeitsvertrag oder ein hohes Einstiegsgehalt. Weil sie die Jahre bis zur Rente mit einer Tätigkeit verbringen wollen, in der sie aufgehen.

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