Studenten-WG: Wie finde ich den richtigen Mitbewohner?
- Hannah Wilholt
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Die Entscheidung im WG-Casting fällt oft schnell, hat aber große Auswirkungen. Zwei Personalberater und ein Psychologe geben Tipps, worauf man im ersten Gespräch achten sollte.
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Du solltest offen sein und an WG-Abenden teilnehmen wollen, dich an den Putzplan halten und mal für einen Spaß zu haben sein: So oder so ähnlich klingen die meisten Anzeigen auf Websites für Wohngemeinschaften. Das alles würde wohl jeder von sich behaupten, der dringend ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft sucht. Nur: Wie findet man heraus, ob potentielle Mitbewohner diese Kriterien wirklich erfüllen? Noch wichtiger: ob sie zu einem passen?
Vor dieser Frage stehen die rund 40 Prozent der Studenten in Deutschland immer wieder, die in einer Wohngemeinschaft oder einem Studentenwohnheim leben. Die F.A.Z. hat mit Fachleuten gesprochen, deren Job es ist, Menschen zu durchschauen – wie Psychologen – oder füreinander auszusuchen – wie Personalberater –, und sie gefragt, wie man einen guten Mitbewohner findet.
Esther Langkafel ist Expertin Nummer eins. Als Ko-Gründerin der Personalberatung Twise unterstützt sie Unternehmen dabei, Jobsharing-Konzepte umzusetzen, also eine Vollzeitstelle auf zwei Teilzeit-Angestellte aufzuteilen. Sie sucht dafür auch die passenden Doppelspitzen, die sich die Aufgaben und Arbeitszeit einer Vollzeitstelle teilen. Dafür müssen Menschen sehr gut harmonieren, vor allem als Doppelspitze in einer Führungsposition. Die Expertin vergleicht das typische WG-Casting mit einem Vorstellungsgespräch im Recruiting. Sie betont: Genauso wie für die jeweiligen Partner der Tandems, die sie besetzt, ist es auch für WG-Bewohner auf der Suche nach einem neuen Mieter wichtig, sich selbst zu kennen. Denn um den richtigen Mitbewohner zu finden, muss man erst einmal wissen, wonach man sucht. Zwei Dinge seien dabei besonders wichtig: das Wertesystem und gemeinsame Ziele.
Was für eine Wohngemeinschaft will ich führen?
Die grundlegenden Werte von Menschen, die sich ohne permanenten Zoff eine Stelle oder eine Wohnung teilen wollen, sollten zumindest in dieselbe Richtung gehen, erklärt Langkafel: "In der WG können diese Werte Zuverlässigkeit, Sauberkeit und Ehrlichkeit sein." Beim Jobsharing müsse man sich darüber im Klaren sein, auf was man den Fokus legt: Karriere, Geld oder Familie. Und das muss mit den Zielen des Tandempartners vereinbar sein. Langkafel überträgt diesen Ansatz auf WGs: "Man muss sich die Frage stellen: Was für eine Wohngemeinschaft will ich führen? Ist das nur eine Zweck-WG für eine Übergangszeit, oder will ich ein Nest bauen?" Trotzdem solle man nicht vergessen, dass man zwar zusammenwohnen wird, deshalb aber nicht gleich zu besten Freunden werden muss.
Auch Mitja Back rät dazu, sich vor dem WG-Casting Gedanken zu machen, was man in einem Mitbewohner sucht. Der Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Münster untersucht, wie sich unsere Persönlichkeit zusammensetzt und wie wir sie im Alltag erkennen können. Die zentralen Fragen, die man sich aus seiner Sicht bei der Suche nach einem Mitbewohner stellen sollte, lauten: Was sind die kritischen Situationen, die darüber entscheiden, ob es in der WG gut läuft? Und: Welche Eigenschaften entscheiden darüber, wie Personen in diesen Situationen handeln?
Aus psychologischer Sicht müssen Mitbewohner, die gut miteinander auskommen, ähnlich gewissenhaft sein, sich gut vertragen und emotional stabil sein. Gewissenhaftigkeit bestimmt darüber, wie organisiert und ordentlich jemand ist. Das Verträglichkeitslevel gibt an, wie viel Mitgefühl man hat und inwiefern man seine Bedürfnisse zurückstellen kann. "Das kann vor allen Dingen wichtig sein, wenn es Konflikte gibt. Die Ausprägung der Verträglichkeit beeinflusst, ob der Mitbewohner eher hochkocht oder ruhig bleibt", sagt Back. Sehr anstrengend kann es werden, wenn jemand eine geringe emotionale Stabilität hat. Denn die entscheidet darüber, wie gut diese Person ihre negativen Gefühle im Griff hat.
Kein "Mini-Me" als Mitbewohner suchen
Dann sollte man sich bei der Auswahl eines Mitbewohners noch fragen, ob man will, dass in der Wohnung viel los ist und Partys gefeiert werden, man also nach jemanden sucht, der besonders extrovertiert ist. Ob man intellektuelle Anregungen und tiefgründige Gespräche sucht, also Menschen mit großer Offenheit für neue Erfahrungen. Oder im Gegenteil all das eher abschreckend klingt. Dann sucht man eher nach jemand Introvertiertem.
Personalberaterin Langkafel rät allerdings davon ab, sich ein "Mini-Me" als Mitbewohner zu suchen, der in allen Persönlichkeitsaspekten mit einem übereinstimmt. Sie sieht das als eine vertane Chance, neue Bekanntenkreise und Kulturen kennenzulernen oder neue Fähigkeiten in die Wohnung zu holen. Auch der Blick auf die praktischen Kompetenzen von Bewerbern ist hilfreich: Jemand, der gerne Verwaltungssachen erledigt oder die kaputte Dusche selbst reparieren kann, schadet selten. Um zu wissen, welche Eigenschaften einen ergänzen würden, müsse man wissen, was einem fehlt. "Du musst deine Lücken kennen, die du gerne schließen möchtest. Viel wichtiger ist aber, zu wissen, wo deine Grenzen liegen", sagt Langkafel. Für die Personalberaterin gibt es außerdem zwei No-Gos: wenn jemand lügt oder Zusagen nicht einhält.
Persönlichkeitspsychologe Back gibt Tipps, wie man schon im WG-Casting erkennen kann, wie jemand tickt. "Idealerweise würde man in irgendeiner Weise Stress erzeugen", sagt er, zum Beispiel indem man die Person bittet, spontan beim Aufräumen zu helfen, während das Gespräch läuft und dann schaut, wie sie reagiert. "Aber das ist natürlich ein schmaler Grat, denn man will das WG-Casting nicht unangenehm machen." Deswegen rät er zu einem Shortcut, der in Bewerbungsgesprächen auch oft verwendet wird: situative Fragen. Also Szenarien beschreiben und nach der Reaktion der Person fragen, etwa: Stell dir vor, du kommst nachts um zwei Uhr nach Hause und merkst, dass ein Mitbewohner laut Musik hört und feiert. Wie gehst du damit um? "Das erfordert zumindest, dass Personen mehr oder weniger glaubwürdig ihr Verhalten darstellen können", erklärt Back.
"Man muss eben den Alltag miteinander teilen"
Eine Frage, die für den Psychologen nicht fehlen darf, ist: Wie sieht eine perfekte WG-Woche aus? Er sagt: "Man muss eben den Alltag miteinander teilen, und wenn die Vorstellungen davon zu sehr voneinander abweichen, dann passt es vielleicht nicht." Für Personalberaterin Langkafel ist eine andere Frage essenziell: Wie würde dich dein bester Freund beschreiben? Um das zu beantworten, müsse man sich selbst reflektieren können und von der Selbst- in die Fremdwahrnehmung wechseln. Im Gespräch mit Kunden stellt sie die Frage ein wenig abgewandelt: Wie würden Ihre Kollegen Sie beschreiben?
Zu einem WG-Casting gehören immer mindestens zwei. Wenn es sich um eine größere Wohngemeinschaft handelt, sollten aus Langkafels Sicht möglichst alle Mitbewohner dabei sein, schließlich müssen alle mit der neuen Person die Wohnung teilen. Auch bei vielen Bewerbern sollte man sich genug Zeit nehmen für die einzelnen Gespräche und sich darauf vorbereiten. Psychologe Back rät, dass die Gruppe sich bespricht, was kritische Situationen in der WG sind, und jeden Bewerber danach fragt. Das kann der Putzplan sein, Streit über die Nebenkostenabrechnung oder Stress, weil der Freund einer Mitbewohnerin nachts klingelt.
Sind all diese Kriterien abgeprüft, bleiben oft immer noch mehrere Kandidaten übrig. Dann sollte das Bauchgefühl entscheiden. Daniel Detambel von der Personalberatung Vogel & Detambel empfiehlt ohnehin, auf die eigene Intuition zu hören. Für ihn sei oft schon nach drei Minuten klar, ob die Manager, die er berät, für ein Unternehmen geeignet sind. Auch für WG-Bewerber empfiehlt er: "Nimm den, den du ohne rationalen Diskurs mit dir selbst gut und sympathisch findest." Man könne sich dafür auch die Frage stellen: Kann ich mir vorstellen, mindestens einmal in der Woche mit dieser Person freiwillig etwas trinken zu gehen? Wenn die Antwort nicht sofort Ja ist, solle man sich für jemand anderen entscheiden, sagt Detambel. Den Mitbewohner, findet er, sollte man sich nicht schönreden müssen.
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