Lara Sophie Bothur über LinkedIn: "Wer LinkedIn gut macht, muss im Leben nie einen CV schreiben"

Autor*innen
Nina Piatscheck
Zwei Hände, die aus technischen Geräten kommen, überreichen sich ein Dokument

Lara Sophie Bothur hat auf LinkedIn fast 400.000 Follower. Leute kennenlernen ist dort so einfach wie auf einer Party, sagt sie und verrät Tricks für mehr Sichtbarkeit.

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Auf LinkedIn stolpert man digital über Leute, die man im echten Leben eher nicht treffen würde. Es ist das TikTok der Geschäftswelt. Lara Sophie Bothur, 29, war eine der ersten Corporate-Influencerinnen des Businessnetzwerks und zählt heute zu den reichweitenstärksten. Vier Jahre lang postete sie für das Beratungsunternehmen Deloitte Texte über Entwicklungen in der Techbranche. Seit Oktober 2025 ist sie selbstständig und verdient ihr Geld über LinkedIn-Kooperationen, Beratung und Vorträge. Ein Profil auf der Plattform hält sie natürlich für sinnvoll. Welche Regeln man befolgen sollte, erklärt sie hier.

ZEIT Campus: Lara, aktuell gibt es so viele arbeitslose Uniabsolvent:innen wie nie. Wie können Netzwerkplattformen wie LinkedIn ihnen helfen?

Lara: Karriere wächst aus Wissen und Netzwerk. Letzteres kannst du auf LinkedIn easy aufbauen.

ZEIT Campus: Was heißt easy?

Lara: Die Plattform ist vom Algorithmus her noch freundlicher als Instagram oder TikTok: Man muss nicht täglich Content liefern. Es kostet also nicht unendlich viel Zeit, Menschen zu erreichen.

ZEIT Campus: Ist das schon im Studium sinnvoll?

Lara: Auf jeden Fall. Wer das ordentlich macht, muss wahrscheinlich nie im Leben einen CV schreiben und wird über die Plattform seinen ersten Job bekommen. Ich finde sogar: Man sollte schon in der Schule damit anfangen. Wenn ich mal Kinder habe, werde ich ihnen mit 16 ein Profil anlegen und ihnen das zum 18. Geburtstag mit einer hoffentlich riesigen Followerschaft übergeben.

ZEIT Campus: Aus Sicht einer Schülerin würde man denken: Wen interessiert denn, was ich da schreibe?

Lara: Man muss nicht CEO sein, um etwas sagen zu dürfen. Und die Generation Alpha ist die Zukunft – alle Menschen interessiert, was sie denkt, was Lernen für KI bedeutet und so weiter! Dabei sollten aber deine Learnings im Fokus stehen, nicht deine Person. Also eben nicht dein Essen oder Fotos von dir im Fitnessstudio, sondern eher deine Gedanken dazu, dass Social Media für deutsche Jugendliche verboten werden könnte oder wie ihr in der Uni KI nutzt.

ZEIT Campus: Wie und worüber sollten Studierende auf der Plattform posten, wenn sie sich den Berufseinstieg erleichtern wollen?

Lara: Zunächst solltest du überlegen, wen du erreichen willst. Das geht bei der Sprache los: Wenn du auf Deutsch postest, erreichst du nur 2,8 Prozent der Nutzer:innen. Englisch ist also die bessere Wahl. Die Themen hängen vom Karriereziel ab. Du solltest über die Dinge posten, die dich im Studien- oder Berufskontext am meisten interessieren. Du liebst Werbekampagnen? Lass dich darüber aus. Wenn du dich für technische Innovationen wie Quantum oder Robotics interessierst, schreibe dazu. Ist es eher Nachhaltigkeit und Energiewende – dann dazu. Man kann Artikel, die man spannend fand, als Anker nutzen: Sie posten und schreiben, was einen daran interessiert hat. Selbstdarstellung sollte nicht das Ziel sein, sondern Wissen teilen.

ZEIT Campus: Für welche Berufsgruppen ist die Plattform besonders wichtig?

Lara: Medizinstudierende finden ihre erste Stelle eher woanders. Aber wenn es um Wirtschaft, Politik und Industrie geht, also grob gesagt um Bürojobs, bist du auf LinkedIn richtig. Wissenschaftliche Erkenntnisse kann man auch gut teilen.

Lara Sophie Bothur, 29, hat einen Bachelor in Wirtschaftspsychologie und einen Master in Psychologie und digitaler Transformation. Vor ihrem Studium absolvierte sie eine Ausbildung in Marketingkommunikation. Sie ist Ted-Talk-Speakerin, 2025 wählte sie das Magazin Forbes unter die 30 under 30.

ZEIT Campus: Gehen wir mal auf null: Wie fange ich damit an?

Lara: Drei Dinge müssen sitzen: das Profil, das Netzwerk und der Content. Im Profil solltest du alles ausfüllen, was du findest: deine Ausbildung oder deinen Studiengang, den Grund, warum du dich gerade dafür entschieden hast. Falls du schon welche hast, natürlich Praktika und eventuell Jobs, Ehrenämter. Dass du irgendwann gebabysittet hast, gehört nicht rein. Dass du dich seit deinem 14. Lebensjahr mit KI oder Klimaschutz beschäftigst, schon. Gib den Leuten ein Gefühl, mit wem sie es zu tun haben.

ZEIT Campus: Wie sollte das Profilbild aussehen?

Lara: Nicht zu steif, am besten nah dran, in die Kamera schauend. Und Farbe tut gut, da bleiben die Menschen hängen. Man sollte das Gesicht gut erkennen. Den Header, also das große Bild hinter deinem Profilfoto, sollte man nutzen und dort auf die Themen gehen, über die man postet. Bei mir ist aktuell zum Beispiel ein Bild von einer Keynote.

ZEIT Campus: Wie baue ich ein Netzwerk auf?

Lara: Es ist wie auf einer Party: Halte dich zunächst an Leute, die du kennst. Heißt: Fang mit Bekannten und Kommiliton:innen an. Wenn du ein paar Kontakte hast, klicke auf Kontakte zweiten Grades, da kannst du auch nach Themen oder Titeln filtern. Wenn du in den Techbereich willst, zum Beispiel "CTO", also Chief Technology Officer. Pro Woche kannst du 100 Menschen anfragen. Ich habe das gemacht, bis ich 30.000 Kontakte hatte. Das ist das Maximum.

ZEIT Campus: Also ist Masse wichtig?

Lara: Es ist wie bei einem Messestand: Wo viele Menschen sind, kommen immer mehr Neugierige dazu.

ZEIT Campus: Klingt aufwendig.

Lara: Geht in wenigen Minuten. Meine Followerzahl, also Menschen, die einfach meinem Content folgten, wuchs währenddessen stark. Als ich bei 30.000 Kontakten war, hatte ich schon 60.000 Follower, eben weil immer mehr neugierig wurden. Viele finden eine solche Kaltakquise vielleicht peinlich, und eventuell antwortet auch mal jemand: "Kennen wir uns?" Aber insgesamt funktioniert es, auch wenn es natürlich nicht über Nacht geht.

ZEIT Campus: Braucht man dafür die Premiumversion? Die kostet mindestens 35 Euro im Monat – relativ teuer.

Lara: Man kommt insgesamt auch gut ohne aus. Für Studierende gibt es aber immer wieder ein paar Monate kostenlos. Die würde ich in Anspruch nehmen, weil man genauer sehen kann, wer auf dem Profil war und was genau die Menschen interessiert hat.

ZEIT Campus: Noch mal zum Content: Man hat das Gefühl, die meisten Posts dort werden von KI geschrieben und sind mittlerweile austauschbares Marketingblabla.

Lara: KI zu nutzen, ist effizient: Marketingexpert:innen sparen damit laut einer Studie über elf Stunden pro Woche ein. Aber es sollte nie das Endergebnis sein. Man muss alles überprüfen und an seinen Stil anpassen. Der Prompt "Mache mir einen LinkedIn-Post zu KI" wird wenig bringen. Wenn du mehrere Studien eingibst in den Prompt, eine Headline-Idee, einen Vorschlag für eine Frage am Ende und dann sagst "Texte mir einen Post", kommt das schon näher an ein finales Ergebnis. Aber wenn Texte nur noch eine generische Soße sind, macht LinkedIn keinen Spaß mehr. Individualität ist gerade wegen KI sehr wertvoll.

ZEIT Campus: Der Auftakt deiner Karriere war ein Post, der sich um deinen 101-jährigen Großvater drehte?

Lara: Genau. Ich hatte ihm das Konzept von Carsharing erklärt und darüber in einem Post berichtet, weil ich gemerkt habe: Innovationen verstehen so viele Menschen nicht. Das ging viral mit rund 350.000 Views.

ZEIT Campus: Was funktioniert besser: Videos oder Fotos?

Lara: Fotos. Das ist anders als bei TikTok. Die Menschen lieben auch Infografiken. Was wirklich wenig bringt, sind Reposts. Vor allem wenn du noch selbst Text dazu schreibst. Das spielt der Algorithmus nicht gut aus. Es ist eine Contentplattform, wenn alle nur noch Reposten, entsteht kein neues Wissen.

ZEIT Campus: Was macht einen Post erfolgreich?

Lara: Kommentare. Je mehr, desto besser. Deshalb sollte man in jedem Post am Ende eine Frage stellen. Natürlich eine, die alle beantworten können. Zum Beispiel: Was nervt dich an KI? Oder einfach: Wie seht ihr das?

ZEIT Campus: Und wenn keiner antwortet?

Lara: Dann fühlt man sich natürlich erst mal doof, klar. Aber da wäre ich am Anfang schmerzfrei: Man kann Freund:innen oder Kolleg:innen fragen, ob sie kommentieren können. Da sind wir wieder bei der Messelogik: Menschen ziehen Menschen an.

ZEIT Campus: Was gehört sonst noch in einen Post?

Lara: Eine knackige Headline, kurz, kreativ und im besten Fall emotional. Viele spielen heute mit einer provokanten Frage, das finde ich relativ künstlich, ist aber Geschmackssache. Schlecht ist, wenn der erste Satz zu lang ist oder nicht auf den Punkt kommt. Ich würde auch nicht immer das Algorithmus-Äffchen füttern, sondern schreiben, was ich denke. Hashtags brauchst du keine mehr setzen, das ist vorbei. Und wenn du Unternehmen oder Menschen taggst, lieber weniger und nie mehr als acht.

ZEIT Campus: Warum?

Lara: In der ersten Stunde entscheidet sich, wie dein Post performen wird. Wenn du Menschen verlinkst, müssen sie innerhalb der ersten fünf Minuten reagieren, sonst hat es negative Auswirkungen auf die Performance. Heißt: LinkedIn behandelt den Post dann wie Spam, er wird nur wenigen Menschen angezeigt. Also sollte man das vorher mit den getaggten Personen absprechen. Alternativ kannst du Menschen in den Bildern verlinken. Dann sehen sie das auch, können aber auch langsamer reagieren.

ZEIT Campus: Gibt es noch einen Trick?

Lara: Um einen Post sichtbarer zu machen, kannst du ihn selbst alle fünf Minuten liken und entliken. Und wenn du das nach ein paar Tagen wieder machst, wird er wieder ausgespielt. Das ist komisch, hilft aber. Und: Wenn du einen Fehler gemacht hast, inhaltlich oder einen Tippfehler, heißt es: Entweder warten mit dem Korrigieren oder gleich den ganzen Post löschen und neu machen. Wenn du innerhalb der ersten 90 Minuten Korrekturen machst, wird das auch bestraft vom Algorithmus.

ZEIT Campus: Wenn man dann Reichweite, Netzwerk und Inhalte hat: Wie kommt man an einen Job? Schreibt man einfach Leute an?

Lara: Das ist ein Give and Take. Sobald man sichtbar ist auf LinkedIn, sehen die Menschen, was man macht, welche Fähigkeiten man hat. Darüber kommt man in Kontakt. LinkedIn spielt dir offene Stellen aus, die passen könnten und auf die man sich direkt bewerben kann. Und auch Leute anzuschreiben hilft. Du willst gerne in ein bestimmtes Unternehmen? Dann trau dich, schau nach der Abteilung und der verantwortlichen Person und kontaktiere sie. Und wenn es erst mal ein "Ich will mich gerne austauschen" ist.

ZEIT Campus: Was macht man, wenn man das alles nicht will? Ist man dann einfach verloren?

Lara: Sicher nicht. Aber man nimmt sich selbst Potenzial und die Chance auf ein großes Netzwerk. Die Businesswelt hat sich transformiert und ist einfach digitaler geworden. Da ohne Social Media und digitales Netzwerk zu agieren, ist vielleicht authentisch. Ich stelle mir das aber unnötig schwer vor.

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