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Große Defizite in Finanzfragen

Versicherungsberatung, Studentin [Quelle: tempus corporate, Getty Images]

Quelle: tempus corporate, Getty Images

Über Handyverträge und Girokonten fühlen sich junge Leute gut informiert. Ansonsten herrscht in Finanzdingen massive Unsicherheit.

Fragt man junge Leute nach ihrem Wissen über Finanzen, tun sich gewaltige Defizite auf: Rund ein Drittel verpasst sich hier selbst die Note Vier, Fünf oder Sechs. Besonders schlecht informiert zeigen sich junge Frauen: Hier sind es fast 40 Prozent. "Es herrschen massive Unsicherheiten bei finanziellen Angelegenheiten", sagt Judith Leicht von Forsa, die die Daten für den neuen "W²-Jugend-Finanzmonitor" der Schufa Holding erhoben hat.

Die Umfrage, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, klopft nicht nur ab, welche Erfahrungen und Einstellungen Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 25 in Finanzfragen haben, sondern auch, woher sie ihr Wissen beziehen – oder eben nicht beziehen. Er wird künftig jährlich erhoben und dient als Grundlage für die Bildungsinitiative "Wirtschaftswerkstatt" der Schufa, die versuchen will, das Finanzwissen von Jugendlichen mit Selbsttests online und Schulmaterialien zu stärken.

Es ist nicht die erste Untersuchung, die besorgniserregendes Unwissen zeigt: Der Nachwuchs der Wirtschaftsmacht Deutschland hat mit ökonomischen Fragen nicht viel im Sinn. Vor Kurzem hatte etwa eine Umfrage der Direktbank ING-Diba ergeben, dass in der Schule nicht mal jeder Fünfte den Umgang mit Geld, Konten oder Aktien lernt. Das Alarmierendste: Noch vor wenigen Jahren war es noch jeder Dritte. Auch nach dem Finanzplanungsindex des Bankenverbandes steigt der Anteil von Menschen mit schlechten Finanzkenntnissen.

"Das Thema Wirtschaft ist an Schulen nach wie vor unterrepräsentiert", moniert daher der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Zwar steuerten mittlerweile einzelne Länder wie Baden-Württemberg mit einem verbindlichen Fach aktiv dagegen, "doch es wird Zeit brauchen, bis sie Ergebnisse erzielen; wünschenswert wäre, dass andere Länder nachziehen", sagte Hüther.

Die jungen Erwachsenen selbst geben zwar zu drei Vierteln an, dass sie mit ihrem Geld gut auskommen, sehen aber klar ihre Defizite: Zwei Drittel wünschen sich "alltagsnahe Informationen" über Finanzthemen.

Denn wirklich gut kennt sich der Nachwuchs nach dem W²-Jugend-Finanzmonitor nur in zwei Dingen aus: Spitzenreiter ist der Abschluss von Mobilfunkverträgen. Es folgt die Eröffnung eines Girokontos, das zum Erwachsenwerden dazugehört. Hier finden sich zwei Drittel sehr gut oder gut informiert. Beim Wissen über die vielfältigen Handyverträge liegen die jungen Leute sogar vor den Erwachsenen zwischen 40 und 55 Jahren, die Forsa als Kontrollgruppe befragte.

Nicht ausreichend informiert fühlen sich Teens und Twens schon über Mietverträge und Ratenzahlungen – Durchschnittsnote Drei minus. Deutlich schlechter noch sind die Werte für Wissen über verschiedene Anlageformen wie Tagesgeld, Sparbuch oder gar Aktien, aber auch über Versicherungen und Kredite: Hier gibt sich eine Mehrheit eine Note von Vier, Fünf oder gar Sechs. Miserabel bewerten sie ihre Kenntnisse zu Altersvorsorge und Immobilienkrediten: Jeder Zweite weiß so gut wie nichts.

Es liegt nicht an mangelnder Relevanz: Immerhin 42 Prozent geben an, dass sie sich schon mit Geldanlage beschäftigt haben. 37 sagen das auch mit Blick auf Versicherungen. Es liegt auch nicht daran, dass sie sich auf die Eltern verlassen: Fast die Hälfte der befragten 1.058 jungen Menschen zwischen 16 und 25 wohnt gar nicht mehr zu Hause. 16 Prozent leben allein, fast ebenso viele mit einem Partner, 13 Prozent in Wohngemeinschaften und drei Prozent im Wohnheim – und müssen viele Finanzdinge selbst regeln.

Eigentlich müsste die Schule Finanz-Wissenslücken füllen – tut sie aber nicht. Die Masse der Befragten hat das, was sie weiß, von den Eltern gehört. Knapp die Hälfte informiert sich bei Banken oder in den Medien. Nur gut ein Drittel hat etwas darüber in der Schule gehört. Das verwundert nicht: Wirtschaft gibt es nur selten als Schulfach, entsprechend fehlen auch die Lehrer dafür. Nach der ING-Diba-Umfrage ist lediglich an 15 Prozent der weiterführenden Schulen Finanzbildung ein fester Teil des Lehrplans.

Vielleicht ist es gerade das verbreitete Unwissen, das zu einer gewissen Sorglosigkeit führt: Fast drei Viertel meinen, dass sie immer einen guten, sicheren Job finden und einen gleich hohen oder höheren Lebensstandard wie die Generationen vor ihnen haben werden. Die Elterngeneration ist da deutlich pessimistischer.

Zugleich geben 79 Prozent der Jugendlichen an, ihnen sei ein ausgeglichenes Verhältnis von Beruf und Freizeit wichtiger als Karriere und ein hohes Einkommen. Bei den über Vierzigjährigen sagen das sogar fast 90 Prozent.

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