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Und plötzlich schlägt die Prüfungsangst zu

Klausur, Studenten, Prüfungsangst, Blackout [Quelle: tempus corporate, Getty Images]

Quelle: tempus corporate, Getty Images

Leerer Kopf, leeres Blatt: Studierende mit Prüfungsangst können Klausuren nur unter größten Anstrengungen bewältigen. Im schlimmsten Fall brechen sie sogar ihr Studium ab. Dabei gibt es Strategien, die helfen können.

Prüfungstag. Robin Herbert betritt den Hörsaal. Der Raum ist riesig, die eintrudelnden Studierenden verteilen sich auf mehrere hundert Plätze. Ihre Gesichter wirken verschlossen, konzentriert. Herbert setzt sich an seinen Platz. Sein Herz hämmert gegen die Brust, sein Mund ist trocken. "Sie dürfen jetzt umdrehen", ruft der Prüfer. Herbert starrt auf die Aufgaben vor ihm. Er liest sie, einmal, zweimal, aber da ist nichts. Nur ein großes schwarzes Loch in seinem Kopf.

Herberts Prüfungsangst kam mit dem Studiumsbeginn. Er wollte einen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre (BWL) machen. Der damals 18 Jahre alte Abiturient war es gewohnt, mit seinen Schulkameraden vor den Klausuren zu lernen und Prüfungen in einem vertrauten Rahmen zu schreiben: in einem Klassenraum, den er kannte, mit Mitschülern, die er jeden Tag sah. Als er im Wintersemester 2013/2014 an der Universität Bayreuth anfing, war alles anders: "Die Klausuren fanden in riesigen Sälen statt, in denen alle gestresst waren. Selbst eine Turnhalle wurde für Prüfungen umfunktioniert", erzählt der Student. "Ich hatte das Gefühl, gegen einen riesigen Druck performen zu müssen." Vor allem die klassischen Grundlagenfächer der BWL fielen ihm schwer.

Die meisten Studierenden sind vor Klausuren aufgeregt. In Maßen ist das sogar hilfreich, denn Nervosität durchflutet den Körper mit Adrenalin und schärft die Konzentration. Wandelt sich Aufregung jedoch in Angst, schlägt der Effekt um: Die Aufregung lähmt, lässt keinen klaren Gedanken mehr zu und führt im Extremfall dazu, dass sich Prüflinge nicht mehr an Gelerntes erinnern. Ein kompletter Blackout also. Betroffene schieben Klausuren deshalb vor sich her, einige brechen ihr Studium sogar ab, um die Angstmomente in den Prüfungen zu umgehen. Andere fallen so oft durch eine Prüfung, bis sie sie nicht mehr wiederholen dürfen - und exmatrikuliert werden. Zwar gibt es keine aktuellen Zahlen dazu, wie viele Studierende in Deutschland unter Prüfungsangst leiden. Jedoch nahmen im Jahr 2018 mehr als 32.000 Studierende Einzelgespräche der psychologischen Beratung der Studentenwerke in Anspruch, 5300 nutzten Gruppenangebote. Das zeigen Zahlen des Deutschen Studentenwerks. Von dort heißt es auch, dass Prüfungsangst zu einem der wichtigsten Themen in der psychologischen Beratung gehört.

Realistische Ziele setzen: Hauptsache, durchkommen

Die Gründe für Prüfungsangst sind vielfältig, weiß Detlev Leutner, Inhaber des Lehrstuhls für Lehr-Lernpsychologie an der Uni Duisburg-Essen. "Betroffene haben oft ein geringes Selbstkonzept - sind also zum Beispiel davon überzeugt, in Mathe generell schlecht zu sein", sagt der Professor. "Teilweise haben sie auch unrealistische Ziele, etwa, wenn sie in einem Fach eher schwach sind, sich aber vornehmen, eine Bestnote zu schreiben." Nicht selten hätten Betroffene zudem kein optimales Zeitmanagement und schöben das Lernen immer weiter auf, bis es zu spät sei.

Leutner empfiehlt daher, sich realistische Ziele zu setzen, etwa: Hauptsache, ich komme durch. Es helfe außerdem, sich sehr genau auf die Prüfung vorzubereiten. Das heißt zunächst: lernen, lernen, lernen. Aber auch die Anforderungen in der Klausur sollten Studierende mit Prüfungsangst vorab möglichst klären. Dazu können sie zum Beispiel in Facebook-Gruppen des Studiengangs fragen, wer die Klausur schon geschrieben hat und welche Themen dafür besonders wichtig sind. "Alle Informationen, die einem Studenten mehr über die Anforderungen in der Klausur verraten, sind hilfreich für die Vorbereitung", sagt Leutner. Ein Zeitplan helfe zusätzlich, die Lernphase zu strukturieren.

Einen Zeitplan machte sich auch Robin Herbert vor jeder anstehenden Klausur. Er schrieb jedoch keine normale To-do-Liste, sondern notierte, was er schon gelernt hatte. Eine Done-Liste sozusagen. "Das hat mir das Gefühl gegeben, dass ich bereits eine Menge wusste, und ließ mich entspannter in die Klausur gehen." Den Tipp mit der Done-Liste hatte ihm eine Mitarbeiterin der psychologischen Beratung an der Uni Bayreuth gegeben. Herbert hat die Beratung häufig in Anspruch genommen, da er in den ersten Semestern in vielen Fächern durchgefallen war. "Abbrechen wollte ich aber nicht", sagt der heute 25 Jahre alte Student. Er schrieb auf, wie viele Klausuren er bisher bestanden hatte, um sich seine wachsende Erfahrung vor Augen zu führen. Dieses Vorgehen hält auch Lehr-Lernpsychologe Leutner für sinnvoll. "Für Menschen mit Prüfungsangst geht es darum, erfolgreiche Situationen zu sammeln. Sie müssen sich selbst überzeugen, dass sie der Prüfung gewachsen sind."

Hilfreich sind auch positive Vorbilder. Davon ist Jörg Frommer, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Magdeburg, überzeugt. Psychologisch erklärt er sich Prüfungsangst so: Menschen sind Gewohnheitstiere, die sich an immer wiederkehrende Abläufe gewöhnen. Eine Prüfung jedoch ist etwas Neues und ein wichtiger Schritt, der den Prüfling voranbringen soll. "Dies ist eine ambivalente Situation: Einerseits ist es erstrebenswert weiterzukommen. Andererseits führt jeder Fortschritt zu mehr Verantwortung und Verpflichtungen. Damit ist Prüfungsangst auch die Angst davor, dieser zunehmenden Verantwortung nicht gewachsen zu sein", erklärt der Professor. Ausschlaggebend seien deshalb Vorbilder, die zeigten, dass die Verantwortung tragbar ist. Gerade Studierende, die aus Nichtakademikerfamilien kommen, hätten oft niemanden, an dem sie sich während ihrer Klausurvorbereitung orientieren könnten.

Bier, Sport oder Musik zur Entspannung

Nur ein kleiner Teil der Studierenden mit Prüfungsangst ist Frommer zufolge wirklich krank und braucht eine Therapie. "In diesen Fällen ist die Prüfungsangst aber meist nur der die Spitze des Eisbergs und steht für noch ganz andere, tiefer liegende Probleme", sagt der Psychotherapeut. Für alle anderen böten sich die psychologischen Beratungsangebote der Hochschulen an. Vor allem für Studierende, die Klausuren systematisch aus dem Weg gehen, seien neben Einzelsitzungen auch Gruppengespräche sinnvoll. Denn der Gruppendruck motiviert manch einen, die nächste Klausur dann doch zu schreiben - andernfalls muss er sich vor den anderen rechtfertigen.

Einen Ansatz aus der Verhaltenstherapie können Studierende relativ einfach selbst umsetzen, um sich ihrer Angst zu stellen: die Prüfungssituation simulieren. Dazu fragt ein Kommilitone die Lerninhalte ab und verkörpert damit den Prüfer. Steht eine schriftliche Klausur bevor, kann der Studierende unter prüfungsähnlichen Bedingungen eine Altklausur bearbeiten: Er setzt sich in einen stillen Raum - vielleicht sogar einen leeren Hörsaal -, legt alle Hilfsmaterialien zur Seite und stoppt die Zeit. BWL-Student Herbert kann diesem Ansatz allerdings wenig abgewinnen. "Mir fehlt in diesen Simulationen einfach der Druck. Die Angst stellt sich nicht ein. Deshalb bringt es mir nichts." Dennoch kann eine Simulation dabei helfen, sich darüber klarzuwerden, wie viel man eigentlich schon weiß - ganz ähnlich wie die Done-Liste.

Im Fall von mündlichen Abfragen biete es sich an, im Vorhinein mit dem Prüfer zu sprechen und von der eigenen Prüfungsangst zu berichten, sagt Leutner von der Uni Duisburg-Essen. Auch ihm haben Studierende vor einer Prüfung schon von ihrer Angst erzählt. "Wenn der Prüfer darüber Bescheid weiß, kann er in der Prüfung entsprechend reagieren: etwa mit einleitenden Worten und beruhigenden Sätzen", sagt Leutner. Zudem sind die Studierenden oft von Vornherein weniger aufgeregt, weil sie den Prüfer schon kennengelernt haben.

Manchmal helfen schon Kleinigkeiten, um eine Prüfung so entspannt wie möglich anzugehen: ein Bier am Abend vor der Klausur, eine Runde Sport, um auf andere Gedanken zu kommen, oder Musik hören. "Es geht darum, sich von der Anspannung durch eine Prüfung körperlich und mental zu distanzieren", sagt Herbert. Er hat seine Prüfungsangst inzwischen überwunden und ist stolz, 48 schriftliche Klausuren erfolgreich absolviert zu haben. Jetzt macht er seinen BWL-Master in Schweden.

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