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Wenn die Angst kommt

Angst Einsamkeit [Quelle: unsplash.com, Verne Ho]

Quelle: unsplash.com, Verne Ho

Die Prüfungsvorbereitung von Tobias (Name von der Redaktion geändert) hat System: Er arbeitet seine Unterlagen gründlich durch, lernt noch in der Nacht vor der Klausur, fährt morgens zur Uni – und geht vor Prüfungsbeginn wieder nach Hause. Einen Grund findet er immer: Er hat Angst, durchzufallen oder fürchtet sich vor einer schlechten Note. Manchmal sind auch einfach zu viele gute Studenten da, wenn er in der Uni ankommt. Gegen die hat er eh keine Chance. Zwölf Mal ist der Wirtschaftsingenieur-Student im vierten Semester wegen seiner Prüfungsangst bereits vor Klausurbeginn wieder nach Hause gegangen. Doch woher kommt die Panik vor Klausuren und mündlichen Prüfungen, unter der so viele Studenten leiden?

Angst vor sozialer Ausgrenzung

Prüfungsangst ist eine Sonderform der sogenannten sozialen Bewertungsangst. Man versteht darunter die Furcht vor der Einschätzung persönlicher Leistungsfähigkeit. Die Ursachen sind vielfältig: Erzählungen von Kommiliton:innen über einen besonders strengen Dozenten oder zu hohe Ansprüche, die viele leistungsstarke Studierende an sich selber haben - auch das trägt oft dazu bei, dass jemand Angst vor Prüfungen entwickelt. Manche Studierende haben Freund:innen, die permanent bessere Leistungen bringen. Andere fühlen sich von ihren Eltern unter Druck gesetzt und fürchten, bei schlechten Noten oder einer nicht bestandenen Prüfung ihre Anerkennung zu verlieren.

Die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks mit mehr als 55.000 ausgewerteten Fragebögen zeigt, dass Tobias' Prüfungsangst kein Einzelfall ist: 61 Prozent der Studierenden haben Beratungsbedarf zu finanzierungsbezogenen, studienbezogenen oder persönlichen Themen. 12 Prozent geben dabei an, dass sie unter Prüfungsangst leiden. Frauen sind davon mit 15 Prozent etwas häufiger betroffen als Männer (10 Prozent). Die Dunkelziffer der Phobiker ist nach Einschätzung des Deutschen Studentenwerks allerdings wesentlich höher.

Bei diesen Themen haben Studierende laut DSW-Studie Beratungsbedarf [Quelle: e-fellows.net]

Längst nicht alle Betroffenen holen sich Hilfe – auch das zeigt die Sozialerhebung deutlich: Nur 21 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer, die von Prüfungsangst geplagt sind, wenden sich damit an eine Beratungsstelle. Auch Tobias will seine Sorgen lieber für sich behalten, statt professionelle Unterstützung zu suchen. "Ich hoffe einfach, dass meine Angst irgendwann von alleine verschwindet, und dass ich mir dann nicht mehr so viele Gedanken über Prüfungen machen muss." Obwohl Hilfe gar nicht weit wäre.

Ein Psychologe im Interview

Einer, der Studierenden mit Prüfungsangst helfen kann, ist Andreas Witte. In der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studierendenwerks OstNiedersachsen in Hildesheim berät er Studierende, die unter psychischen Belastungen leiden oder sich in schwierigen Lebenssituationen befinden.

Herr Witte, hatten Sie selbst schon einmal Prüfungsangst?

Prüfungsangst im Sinne einer Störung hatte ich nicht, sondern die normale, angemessene Unruhe oder Spannung, die leistungssteigernd wirkt - ähnlich wie bei einem sportlichen Wettbewerb. Das heißt nicht, dass ich dieses Gefühl besonders angenehm fand. Aber es war auszuhalten und vielleicht sogar notwendig, um mich besser zu konzentrieren.

Aufregung vor einer Prüfung ist normal. Woran erkenne ich, dass meine Aufregung in Prüfungsangst umschlägt?

Pauschal kann man das nicht sagen, da wir alle sehr unterschiedlich belastbar sind. Was für den einen zu viel ist, macht dem anderen noch gar nichts aus. Ich muss für mich individuell entscheiden, wann mein Befinden und meine Leistungsfähigkeit zu stark beeinträchtigt sind. Wenn mir aber schon bei dem Gedanken an die Prüfung die Knie schlottern, wenn meine Prüfungsvorbereitung stark durch die Angst beeinträchtigt wird und wenn ich schon Tage vorher nicht mehr gut schlafe, dann spricht man definitiv von Prüfungsangst.

Neigen eher die guten oder die schlechten Studierenden zu Prüfungsangst?

Prinzipiell steht die Angst nicht mit der Leistung in Zusammenhang. Es leiden sowohl gute als auch schlechte Studierende unter Prüfungsangst. Meine Erfahrung aber ist, dass es häufig eher die leistungsfähigen und ehrgeizigen Studierenden sind, die mit der Angst zu kämpfen haben. Ihr perfektionistischer Anspruch an sich selbst macht ihnen das Leben schwer. Sie haben sich ein regelrechtes "Schwarz-Weiß-Denken" angewöhnt: Wenn ich nicht eine hundertprozentige Leistung bringe, habe ich versagt.

Ist Prüfungsangst unter Studierenden ein Tabuthema?

Ja, ich denke schon. Ich habe früher Gesprächsgruppen zum Thema Prüfungsangst angeboten, die aber schlecht nachgefragt wurden. Stattdessen kommen die Studierenden mit dem Problem in die Einzelberatung. Es ist den Leuten offenbar unangenehm, vor anderen über ihre Ängste zu sprechen. Generell kann man sagen, dass mehr Frauen zur Beratung kommen als Männer. Das bedeutet nicht, dass Männer nicht unter Prüfungsangst leiden. Aber für sie ist es oft noch problematischer, darüber zu sprechen.

Im Zusammenhang mit Prüfungsangst spricht man oft von einem Blackout. Was versteht man darunter?

Ein Blackout bedeutet, dass mir nichts auf die Frage des Prüfers einfällt. Das geschieht, wenn meine Prüfungsangst plötzlich so groß wird, dass für die Leistungsfähigkeit kein Platz mehr bleibt. Meine "kognitive Ordnung" bricht zusammen, und ich bin nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Allerdings halte ich seine Häufigkeit und Bedeutung im Prüfungsgeschehen für überbewertet. Der Begriff beinhaltet sehr viel Dramatik. Es hört sich immer besser an, wenn ich nach einer Prüfung vom "totalen Blackout" spreche, als wenn ich sage, dass meine Leistung wegen meiner Prüfungsangst nicht so gut war.

Wie helfen Sie den Studierenden konkret?

Im Schnitt führe ich vier bis fünf Gespräche mit ihnen. Wir klären gemeinsam, welche Bedeutung die Prüfung für sie und ihre Zukunft hat. Prüfungsängstliche übertreiben häufig die Bedeutung und dramatisieren negative Folgen. Dann geht es um die Prüfungsvorbereitung: Die Studierenden müssen sich gut vorbereiten und dann bewusst realisieren, dass sie tatsächlich gut vorbereitet sind. Das ist die Grundlage für Stärke und Selbstbewusstsein angesichts einer Prüfung. Ganz wichtig ist auch ihr Selbstbild: Muss ich perfekt sein, damit ich mich mag und damit andere mich anerkennen? Häufig sehen die Studierenden hier schon selbst, dass ihre Wahrnehmung und die Realität weit auseinanderklaffen.

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