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Warum der Stress?

Motivation Neonlicht Work harder [Quelle: Pixabay.com, Pexels]

Quelle: Pixabay.com, Pexels

Die Leistungsgesellschaft macht auch vor dem Hörsaal nicht Halt: Inzwischen leidet jeder sechste Student unter psychischen Problemen, zumeist hervorgerufen durch Dauerbelastung und Leistungsdruck. Welche Fächer besonders betroffen sind, und wie du dem Hamsterrad entkommst, verrät ein Psychologe.

Die deutsche Hochschullandschaft präsentiert sich gerne wie ein Hochglanzkatalog: exzellente Lehre, exzellente Jobchancen, exzellente Kommilitonen. Alles funkelt, alles strahlt, und (fast) alles umsonst. Die dunklen Seiten finden sich erst im Beiheft aus Billigpapier, das ganz hinten im Katalog steckt: Da ist die Rede von verzweifelten Studenten, denen jedes Semester wie ein Hürdenlauf vorkommt: Klausur, hopp! Hausarbeit, hopp! Praktikum, hopp! Wer die Hürde reißt, fällt zurück, verliert den Anschluss.

Dass nicht jeder Läufer die Kraft hat, wieder aufzustehen, beweisen aktuelle Zahlen der Krankenkassen: Demnach leidet jeder sechste Student unter psychischen Problemen, Tendenz steigend. Wer in der Klausurenphase einen Blick in eine Unibibliothek wirft, bekommt die Zahlen besser visualisiert, als es jedes Tortendiagramm vermag: Hier reiht sich auf den Schreibtischen der Lernsklaven alles, wo Koffein draufsteht. Was ist schon etwas Herzflattern gegen eine vernünftige Note? Inzwischen greift jeder fünfte Student zu konzentrationsfördernden Mitteln wie etwa Ritalin.

Leistungsdruck, Depression und Burn-out können ebenso zum Gesamtpaket Studium gehören wie Exzellenzinitiative und Semesterticket.

"Ich hatte nie Semesterferien"

Auch in der Community von e-fellows.net spielt Leistungsdruck eine wichtige Rolle. "Während meines Bachelors hatte ich nie Semesterferien, da ich entweder Pflichtpraktika machen oder Klausuren nachholen musste", schreibt ein e-fellow. "Wir hatten über das Semester verteilt Klausuren und zum Ende des Semesters dann nochmal eine zweiwöchige Klausurenphase mit bis zu acht Prüfungen. Ich hätte lieber vier statt drei Jahre studiert. Dann hätte ich auch Zeit gehabt, über den Stoff nachzudenken, und hätte nicht nur Bulimielernen betrieben. Auf die Idee bin ich im Hamsterrad leider nicht gekommen."

Ein anderer e-fellow berichtet von seinen juristischen Einführungsveranstaltungen: "Ein Professor sagte uns, wir sollen uns unseren linken und rechten Nachbarn genau anschauen. Am Ende des Studiums sei mindestens einer von ihnen nicht mehr dabei."

Solche Erfahrungen verändern nicht nur, wie wir ein Studium heute begreifen, sondern haben auch Einfluss auf den Gesundheitszustand der Studenten, wie Frank Hofmann von der Psychosozialen Beratungsstelle für Studierende des Studierendenwerks Heidelberg bestätigt: "Schätzungsweise 75 Prozent der Studenten, die uns aufsuchen, leiden unter Problemen der Stressbewältigung oder sind aufgrund der Arbeitsbelastung völlig erschöpft."

Leistungsdruck ist (k)eine Frage des Fachs

"Leistungsdruck betrifft zuerst die klassischen Prestigefächer und solche mit einem extrem hohen Numerus clausus, also Mediziner und Juristen, aber auch Psychologen", erklärt mir Frank Hofmann. "Der Selektionseffekt des NC sorgt dafür, dass eher leistungsmotivierte Schüler die Plätze dieser Fächer füllen."

Eine Umfrage in der e-fellows.net-community hat ergeben, dass 25 Prozent der Studenten über 60 Stunden pro Woche in ihr Studium investieren. Davon war zumindest der Autor dieser Zeilen meilenweit entfernt, denn ich studierte kein klassisches Lernfach mit Jobgarantie. Ich studierte Geschichte. Hat mich mein Fach vor dem Burn-out geschützt?

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Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

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Kommentare (5)

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  1. Anonym

    Danke für diesen Artikel. Die Schilderung bestätigt leider die Tendenz, die ich immer häufiger im Studium und in der Klinik wahrnehme. Es wird teils nur noch wörtlich auswendig gelernt, Definitionen, Tabellen, Vorgehensweisen... aber praktisch nicht verstanden oder auf Patienten oder Klienten nicht mehr vernünftig und empathisch eingegangen. Teils verschleiert Autorität nur Unwissenheit und Angesichts von "Sachzwängen" und "Gewinnmaximierung" der Focus auf viel wesentlicheres Verloren. Wo ich mir die Frage stelle, warum dulden wir diese Verschiebung der Werte so absolut? Und wo bleibt da das Hinterfragen? Das (um die Ecke und interdisziplinär) Denken? Das Verstehen? Das Einfühlen? Das Zeit-zum-selbst-erlebt-haben und nicht nur gehört/gelernt-haben? Ist es sinnvoll eine "Bildungselite" "heranzuzüchten" durch ~70% Informationsaufnahme und Reproduktion? In einer Zeit in welcher Information und Wissen immer verfügbarer werden, in welcher Computer immer mehr übernehmen können, in welcher eigtl. nicht mehr Theoriewissen an sich etwas Besonderes darstellt, sondern die kritische Integration von verschiedensten Information, situativ und mit reflektierter Wahrnehmung. Wie soll man einen Psychologen ernst nehmen, der von Leben außer dem Hörsaal nicht viel gesehen hat? Oder nur Dank leistungssteigernder Mittel den Abschluss mit systemkonformem Ergebnis schaffen konnte, anstelle sich selber zu Fragen ob das Zielführend ist und sich Gelassenheit zuzugestehen und dabei auf die eigene psych. und somat. Gesundheit Rücksicht zu nehmen. Wie soll man einen Arzt ernst nehmen, der zwar alle Lehrbücher auswendig konnte und alle Klausuren mit einer eins bestanden hat, das wissen aber nicht auf einen komplexen Fall anwenden kann und an der Patientenkommunikation scheitert – wo doch gerade eben diese Qualität des Arztes jene ist, welche nie durch Technisierung ersetzt werden kann und alleine schon selbst-heilungsstärkung birgt. Wie soll man einen Juristen auf komplexe Fälle und die Welt loslassen, der zwar die Auslegung in allen absurditäten beherrscht, aber von der konkreten Lebenssituation der Betroffenen keine Ahnung hat? Wo Recht, Gerechtigkeit (wobei auch dies Definitionsfrage ist) und Menschenverstand in Konflikt geraten und Ethik ggf. dem § Untergeordnet wird? Man sollte sich verabschieden von dem starren in Regelstudienzeit studieren nur um der Sache selbst willen. Von dem Bulimilernen, um es dann doch wieder zu vergessen. Und hinwenden zu einem System, welches den Individuellen Stärken gerechter wird, welches Zeit lässt sich und die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, zu hinterfragen und die Skills entwickeln zu können die die Profession und das 21. Jahrhundert von einem abverlangt. Auch Hinterfragen ob das ständige streben nach mehr Gewinn, Konsum und Leistung verbunden mit zu umfassendem Konkurrenzdenken verzehrtem Individualismus – global betrachtet wirklich nachhaltig A. für unsere Gesellschaft und B. für unseren Planeten ist. Welchem Zweck dient am Ende die Bildung, dient sie noch dem Menschen und dem Gesellschaftlichen vorankommen? Oder ist sie mittlerweile Selbstzwecke und Produktionsfaktor im Intellektuellen Wettrüsten geworden? Und selbst wenn…die Zeit des akademischen nachplapperns sollte bereits vorbei sein und in Anbetracht der digitalen Möglichkeiten von Bildung und von Autodidaktik könnten wahrscheinlich auch ein Großteil der Präsenzveranstaltungen (die ohne Praxisbezug, aktiver Einbindung oder guter Didaktik) überflüssig werden. Wieso sollte man um sieben in die Uni gehen um sich eine Vorlesung jenseits der menschlichen Aufmerksamkeitsspanne anzuhören, wenn man dasselbe auch um 12 Uhr von Zuhause aus am Laptop tun könnte und dann um 14 Uhr mit einer Gruppe Komolitonen und einem Tutor autodidaktisch erarbeitetes zusammentragen könnte; dies nicht mit dem Ziel und Focus irgendeine Klausur zu bestehen und klausurrelevantes zu erfassen, sondern gut in dem Fach zu werden welches man studiert und Fachrelevantes zu erlernen. Gepaart mit der Lebens-, Praxis- und Selbsterfahrung die einem meist nur die Zeit und das Leben aber nicht die Uni bringen kann. Weg von der Unmündigkeit, zu welcher man schon im Schulsystem erzogen wird, hin zur Verantwortungsübernahme für sich und die Welt und auch das muss angesichts dieser Komplexen Welt erst einmal gelernt werden. Hinterfragen den Stoff, sich und die Welt. Selbstständig Denken. Lernen Verantwortung zu übernehmen – anfangs für sich selbst und dies vor sich und vor anderen vertreten können. Und wenn dies alles gelernt ist, dann auch für andere. Damit fachliche Exzellenz, menschliche und ethische Reife auch Beiwerk von (Aus)Bildung werden können. Denn wo soll der Weg hinführen, wenn wir am Ende nur noch intellektuell miteinander Ringen (durch NC, Aufnahmequoten, Anforderungen und co.) anstatt mit und durcheinander zu Wachsen?

  2. Anonym

    Vielen Dank für diesen spannenden Artikel!

  3. Anonym

    Eine Überarbeitung der Studienordnung ist leider häufig kaum in sinnvollem Umfang möglich. Bei uns (Ingenieurstudiengang) gibt es leider so viele Vorgaben zu beachten, die durch Bologna kommen, dass uns jede sinnvolle Möglichkeit verwehrt wird. Zumindest im ingenieurwissenschaftlichen Bereich geht die Theorie komplett an der Realität vorbei. Ein paar Beispiele: 6 Prüfungen im Semester, nicht mehr. Keine weiteren Studienleistungen die Durchfallquoten und Stress senken könnten, weil wir sonst eine lange Begründung brauchen. Maximal 30 ECTS im Semester, rein rechnerisch, nicht in Prüfungen gesehen. Module über 2 Semester zählen einzeln, nicht da wo die Prüfung stattfindet. Module werden sinnlos zusammengelegt, bei großen Modulen fallen deutlich mehr Leute durch. Da frage ich mich häufig wo der Zweck solcher starren Regeln ist, wenn dadurch alles nur schlimmer wird und alle Spielräume genommen werden.

  4. Anonym

    Hallo Raik, freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat! In meinem Artikel beziehe ich mich auf die Zahlen der Barmer-Krankenkassen, über die hier kürzlich berichtet wurde: https://www.e-fellows.net/Studium/Studienwissen/Studium-aktuell/Depressionen-jeder-vierte-Student-hat-psychische-Probleme Viele Grüße aus der Redaktion Max

  5. Anonym

    Lieber Max, vielen Dank für deinen Beitrag. Auf welche aktuelle Zahlen der Krankenkassen beziehst du dich?

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