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Gründerzeit und der Guttenberg-Boom

Noch vor zehn Jahren legten viele Ghostwriter einfach den Telefonhörer auf, wenn Journalisten bei ihnen anriefen. Das erzählt mir ein älterer Kollege, der damals recherchierte. Und Horst Biallo nutzte für sein Doktormacher-Buch noch Tarnnamen und falsche Kundenanfragen, um die Machenschaften der Ghostwriter aufzudecken.

Das ist heute nicht mehr nötig. Meist reichte für mich eine E-Mail, um einen Termin zum Interview zu bekommen. So wie ins Schnitzelrestaurant in Wien. "Selbstverständlich lädt GWriters ein", schrieb Marcel Kopper. Die einstige Schattenwirtschaft sucht die Öffentlichkeit: Es gibt heute akademische Ghostwriter, die versenden Pressemitteilungen, so wie andere Unternehmer auch. Sie aktualisieren ihre Facebook-Seiten, betreiben Websites mit Kostenvoranschlagsrechnern und sind per kostenloser 0800-Nummer zu erreichen. Sie akzeptieren Zahlungen per Kreditkarte oder PayPal. Einige bieten sogar eine Geld-zurück-Garantie für unzufriedene Kunden.

Die Ghostwriter haben ihre Strategie geändert. Das Geschäft ist größer geworden und der Konkurrenzkampf härter. Wie in anderen Branchen war der Auslöser: das Internet.

2. Gründerzeit

Harald Bahner sitzt in einem kahlen Büroraum in Berlin und schwärmt von seinem Job. "Es gibt nichts Aufregenderes als wissenschaftliches Arbeiten", sagt er. "Ich krieg einfach viel mit von der Welt, mehr als in irgendeinem anderen Job. Das ist sehr anstrengend und das Schönste und Spannendste, was es gibt. Noch die tollste Frau kann da nicht mithalten."

Bahner trägt kurze Haare, runde Brillengläser und einen Bartschatten. Er hat das Gesicht eines Intellektuellen – und das Auftreten eines Einzelkämpfers. Die Ärmel seines schwarzen T-Shirts spannen über den trainierten Oberarmen, und das goldene Armani-Emblem glänzt wie ein Orden auf seiner Brust. Sein Alter hält er geheim, er dürfte um die 50 sein. Er sieht jünger aus und auch etwas erschöpft.

Anfang der Neunziger machte Bahner seinen Abschluss in Berlin, erzählt er mir: "In Germanistik ’ne Zwei, in Geschichte ’ne Drei, in Philosophie ’ne Eins." In der Zeitung habe er von einem Ghostwriter gelesen. "Da dachte ich: Och, das kannste vielleicht auch." Ein neues Unternehmen bundesweit zu bewerben war damals teuer und umständlich. "Bevor es das Internet gab, hat man groß in Zeitungen inserieren müssen", sagt Bahner. Doch mehrere überregionale Zeitungen lehnten seine Annoncen ab, sagt er. Es waren mühsame Jahre für Ghostwriter, die Werbezettel in Unis aufhängen und auf Anrufe hoffen mussten. Harald Bahner behielt vorsichtshalber seinen Job als Volkshochschullehrer.

Als sich bis Ende der Neunziger das Internet durchgesetzt hatte, spielten Zeitungsannoncen keine Rolle mehr. Harald Bahner setzte eine Website auf. Er bekam mehr und mehr Kundenanfragen. Irgendwann waren es genug, um sich freie Mitarbeiter zu suchen. Aus dem Einzelkämpfer wurde ein Agenturchef. "Deutlich mehr als 50 Autoren" arbeiten heute für ihn, sagt Harald Bahner, alle in eigenen Büros oder von zu Hause aus, die meisten davon im Nebenjob. Mit einer Autorin spreche ich einige Wochen später in einem Café in Hamburg. Sie erzählt mir, sie schreibe für Harald Bahner Arbeiten in Pädagogik, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Politologie, in Medienfächern und mit Vorliebe in Geografie.

Harald Bahner hingegen behauptet, dass seine Autorinnen und Autoren ausschließlich Hausarbeiten in Fächern schreiben, "in denen nachweislich Fachkenntnis aufseiten des Autors vorliegt."

Während seine Autoren die bestellten Arbeiten verfassen, arbeitet Bahner als Geschäftsführer unter anderem daran, die Platzierung seiner Website in den Google-Suchergebnissen zu verbessern. Bahner über Bahner: "Ich bin ein Internetunternehmen."

3. Der Guttenberg-Boom

Der Durchbruch kam Anfang 2011. "Da hat’s einfach gekracht und gebrummt, da ist mein Laden fast auseinandergeflogen", sagt Harald Bahner. Damals wurde bekannt, dass der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seine Doktorarbeit schlampig aus alten Arbeiten und Zeitungsartikeln zusammenkopiert und von der Uni Bayreuth trotzdem eine Auszeichnung für akademische Bestleistungen bekommen hatte: summa cum laude.

Das Thema beherrschte wochenlang die Schlagzeilen, es wurde offen darüber spekuliert, ob Guttenberg einen Ghostwriter beschäftigt habe. Die Anzahl der Anfragen habe sich in dieser Zeit verdreifacht, sagt Bahner. Nur ein kleiner Teil seiner Kunden bestelle Dissertationen, sagt er, meist gehe es um studentische Haus- und Abschlussarbeiten. Bahner sagt: "Guttenberg war der größte Werbefeldzug für wissenschaftliche Ghostwriter."

Das nützte jedoch nicht nur Bahner. Wer heute Stichworte wie "Hausarbeit schreiben lassen" googelt, findet unzählige Websites. Darunter auch solche, die auf den ersten Blick professionell gestaltet sind, aber statt einer Anschrift bloß eine E-Mail-Adresse bei Yahoo angeben – und deren Werbetexte voller Rechtschreibfehler sind. Es seien zahlreiche "zwielichte Gestalten" angelockt worden, so Bahner, "damit wird die gesamte Ghostwriter-Branche zunehmend in Misskredit gezogen".

Harald Bahner hält sich für einen seriösen Unternehmer, die meisten seiner neuen Konkurrenten aber für Blender. Um das zu beweisen, führte er jahrelang Gerichtsprozesse, vor allem gegen einen neuen Mitbewerber namens Acad Write. Mal gewann Bahner, mal verlor er. Oft ging es darum, sich gegenseitig die großspurigen Werbeaussagen zu verbieten, etwa "einer der Marktführer" zu sein oder "einer der etabliertesten" Anbieter. Kleinigkeiten, könnte man denken, für die Bahner nach meiner Schätzung Zehntausende Euro in Anwalts- und Prozesskosten versenkte. Harald Bahner kommentiert diese Summe nicht. Bescheidener ist er durch die Prozesse jedenfalls nicht geworden: Heute bezeichnet er sich auf seiner Website als "König der Ghostwriter im gesamten deutschsprachigen Raum".

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