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Wer BWLer hasst, hasst sich selbst

Anzug Uhr Geschäftsmann Business Dresscode [Quelle: Unsplash.com, Autor: Jeremy Beadle]

Quelle: Unsplash.com, Jeremy Beadle

An der Uni sind alle tolerant, außer gegenüber BWLern. Ich weiß das, denn ich war eine von ihnen. Und habe dabei gemerkt: In jedem schlummert ein heimlicher Betriebswirt.

Es gibt so faszinierende Berufe, in denen man Sätze sagen kann wie "Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!", oder "Mit diesem Kunstwerk stelle ich die Institution als solche infrage" oder "Ja, der Dreck in meinem Gesicht ist absichtlich, ich bin Politaktivist". Berufe voller Kreativität, Action und Moral. Und dann gibt es BWLer.

Auf der Beliebtheitsskala sind BWLer irgendwo zwischen Bundeswehrsoldaten und Fahrkartenkontrolleuren angesiedelt. Sie gelten wahlweise als langweilig, egozentrisch, geldfixiert oder dumm (einen Taschenrechner kann ja wirklich jeder bedienen). Die meisten leiden bereits während des Studiums an Burn-outs und gehen von der Quarterlife-Crisis direkt in die Midlife-Crisis über. Zu ihren Hobbys zählen Kapitalismus und Christian-Lindner-Selfies angucken, in den sind sie ein bisschen verliebt. 

Vor allem aber haben BWLer ständig Kopfschmerzen, von den vielen Klischees, die ihnen immer an den Kopf geworfen werden. Ich weiß das, denn ich war mal eine von ihnen. 

Ich stand in einer Reihe mit der AfD

Mit achtzehn zog ich nach Münster. Ich war planlos, aber eingeschrieben, trank zu viel, schlief zu wenig, ab und zu ging ich zur Uni. Von außen wirkte ich also wie eine ganz normale Studentin. Aber der Anschein trog, denn ich studierte ja BWL. Und das war, so lernte ich sehr schnell, einfach nicht cool.

"Weil", sagte eine Kunststudentin und zog an ihrem Joint, "weil du dadurch ein repressives System unterstützt." Womit jetzt, Statistik I oder II? Ich rechne doch nur Formeln aus? "Nein, du legitimierst Ausbeutung und Ungleichheit!" Sie seufzte und schüttelte mitleidig den Kopf. 

Also fing ich an, mich für mein Studium zu schämen. In Bars, in denen capitalism kills love in Leuchtbuchstaben über dem Eingang hing, da antwortete ich auf die Frage "Und was studierst du so?" mit einer Runde Tequila. Viel Tequila. So viel Tequila, bis ich meine akademische Orientierung selbst vergaß. Das BWL-Studium zu verschweigen, erwies sich generell als effektive Taktik, auch um bei WG-Castings nicht schon nach der ersten Nachricht aussortiert zu werden. Einmal hieß es in einer besonders toleranten Anzeige: "KEIN BOCK AUF: Nazis, AfDler, Rassisten, Homophobe, Sexisten, BWLer". Da stand ich – in einer Reihe mit Gaulands Gefolge, direkt neben den Sexisten.

Auch BWLer haben Gefühle

Im Verlauf meines Bachelors entschied ich, lieber Texte statt Businesspläne zu schreiben. Deshalb sehe ich es jetzt als meine Pflicht an, das zu tun, was sich sonst niemand traut: Ich muss die BWLer verteidigen. Liebe alternative Kunststudentin, liebe mutige Geisteswissenschaftler, habt ihr denn schon mal daran gedacht, dass auch BWLer Gefühle haben? Dass wir darunter leiden, jahrelang für pointengleiche Justus-Witzen missbraucht zu werden? Ob wir grüne Start-ups gründen oder Jobs schaffen, auf die eure Eltern später stolz sind, am Ende stehen wir trotzdem auf der KEIN-BOCK-Seite.

Mit ein bisschen Abstand auf meine BWLer-Zeit habe ich nun auch verstanden, warum ihr uns so hasst: In jedem von euch schlummert ein heimlicher BWLer. Er kommt zum Vorschein, wenn ihr euch nach einem erfolgreichen Tag auf die Schulter klopft und stolz auf eure Produktivität seid. Wenn ihr plötzlich auch "Projekte pitcht" und euch beim WG-Brunch das Wort "Zeitmanagement" rausrutscht. Wenn ihr To-do-Listen anfertigt und sie stolz mit kleinen Häkchen versieht, dann kommt der BWLer in euch raus.

Der BWLer in euch flüstert: Ein eigener Gehaltscheck statt Bafög, das wäre doch was. Der BWLer in euch denkt: Die FDP würde ich ja nienienie wählen, aber Christian Lindners Anzüge sitzen halt schon immer top. Und Selfies, die kann er. Wie verwerflich wäre es eigentlich, in Aktien zu investieren, von Spotify oder so, die retten doch die Musikbranche? Oder diese eine App-Sache, wäre das nicht eine coole Start-up-Idee?

Während der Studienzeit nerven wir, mit unseren lächerlichen Get-togethers, unseren Jobaussichten, unserem Pragmatismus. Aber je älter ihr werdet, desto lauter wird der BWLer in euch. Und das ist okay. Lasst ihn einfach zu. Denn wer BWLer hasst, hasst eigentlich sich selbst.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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  1. Anonym

    ""Weil", sagte eine Kunststudentin und zog an ihrem Joint, "weil du dadurch ein repressives System unterstützt." Womit jetzt, Statistik I oder II? Ich rechne doch nur Formeln aus? "Nein, du legitimierst Ausbeutung und Ungleichheit!" Sie seufzte und schüttelte mitleidig den Kopf. " Als BWL Student kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Wer von einer Kunststudentin Anerkennung braucht, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

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