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Wenn die Depression mit im Hörsaal sitzt

© unsplash.com – Jose A. Thompson

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Als die Depression ausbricht und ihren Masterabschluss gefährdet, ist Lisa 25. Wie es ihr dennoch gelingt, sich aus dem schwarzen Loch herauszukämpfen. 

Alles beginnt mit der Angst, den Hörer abzuheben: Lisa* sitzt als Praktikantin an ihrem Arbeitsplatz und hofft, dass das Telefon an diesem Tag stumm bleibt. Sie scheitert an den einfachsten Aufgaben. Lisa starrt auf ihre Excel-Tabellen – und weiß plötzlich nicht mehr, wie sie die Daten in Word exportiert. "Mich hat es einfach zerbröselt", sagt sie.  

Von Lisas erstem "Aussetzer" bekommt niemand etwas mit: weder die Kollegen im Praktikumsunternehmen noch ihre Familie, Freunde und Kommilitonen. "Am nächsten Tag war ich so souverän wie bisher", erinnert sich Lisa. Doch das Gefühl der Schwäche kommt immer wieder. Lisa zeigt es nicht – ebenso wenig wie ihre Erschöpfung und die Selbstzweifel, die an ihr nagen. Schließlich hat sie Verpflichtungen: das anspruchsvolle Praktikum, das Stipendium der Konrad Adenauer Stiftung, das ehrenamtliche Engagement an der Uni, ihren Master-Abschluss in International Business Studies.

Lisa ignoriert deshalb die Warnzeichen, die ihr Körper ihr sendet. Sie hofft, dass sich alles wieder normalisiert. Unangenehme Situationen versucht sie, zu überspielen: Bloß nichts anmerken lassen. 

Risikogruppe Studis? 

Mit Situationen, die Betroffene wie Lisa gefühlt überlasten, beginnen Depressionen häufig – so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe (SDDH). Weitere vermeintliche Auslöser sind Konflikte, Verlusterlebnisse oder sogar scheinbar positive Veränderungen wie der herbeigesehnte Urlaub oder die Geburt eines Kindes. Ob die Depression wirklich ausbricht, entscheiden laut SDDH jedoch die genetische Veranlagung oder traumatische Kindheitserlebnisse. Die Zahl der Betroffenen ist hierzulande immens: Rund vier Millionen Deutsche leiden an einer Depression, schätzte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2017.

Akademiker wie Lisa werden häufig depressiv. Laut Barmer-Arztreport 2018 leidet etwa jeder sechste Student an einer psychischen Erkrankung, die Beratungsstellen der Studentenwerke erleben einen Boom: Im Jahr 2017 zählte das Deutsche Studentenwerk 108.800 Beratungskontakte – im Vergleich zu 2006 ein Plus von 60 Prozent. Den Anstieg begründet das Deutsche Studentenwerk unter anderem mit hohem Prüfungsstress und dem Zeitdruck im Studium. Zählen also Studenten zu den Risikogruppen für eine Depression? 

"Es gibt keinen Hinweis, dass Menschen im Hochleistungsbereich häufiger unter Depressionen leiden", meint SDDH-Vorstandsvorsitzender und Psychiatriefacharzt Ulrich Hegerl. Heutzutage seien Ärzte viel besser geschult und würden eine Depression häufiger diagnostizieren. Dass Studenten heute gefühlt depressiver sind, hat nach Hegerl einen weiteren Grund. Eine Depression gilt nicht mehr als Schwäche, sie ist in unserer Gesellschaft als Erkrankung akzeptiert. Die Folge: "Junge Studierende haben eine größere Bereitschaft, unser Beratungsangebot anzunehmen", sagt auch der Leiter des Psychologischen Beratungs-Services der Uni Oldenburg, Wilfried Schumann.         

Depression – Rückzug ins Schneckenhaus               

Lisa verzichtet zunächst auf Beratung. Sich Hilfe zu suchen – das empfindet die 25-Jährige damals als persönliche Niederlage. Doch der Druck wächst: Lisa stellt hohe Ansprüche an ihre Masterarbeit und kämpft um ihr Stipendium. Dann erkrankt auch noch ein Familienmitglied. Lisas Depression verschlimmert sich. Sie bemerkt, wie sie ohne erkennbaren Grund unruhig wird. Lisa zweifelt an sich selbst, fühlt sich abgeschlagen, antriebslos. "Das ging so weit, dass ich zwei Stunden gebraucht habe, um mich beim Rausgehen zu entscheiden, ob ich jetzt die rote oder die grüne Jacke anziehe", erzählt Lisa. Die Folge: Sie ist nur noch in den eigenen vier Wände entspannt und zieht sich sozial immer mehr zurück.

Dass Lisa in dieser Zeit Kontakte abbricht, liegt auch daran, dass viele Freunde ihre Erkrankung nicht verstehen. Lisa hört Sätze wie "Mach dir keinen Stress. Du hast doch eh' einen 1er-Abschluss". Oder: "Das ist nur eine Phase, bis jetzt hast du doch auch alles geschafft". Freunde schenken ihr sogar ein Selbsthilfebuch für mehr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. "Ich habe mich einfach nur unverstanden gefühlt", sagt Lisa.     

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Gerade in unserem leistungsorientierten Umfeld (inkl. e-fellows) hat man als Betroffene/r häufig das Gefühl nicht verstanden zu sein und abgehängt zu werden, sobald man eine Zeit lang nichts Besonderes auf seinen CV schreiben kann. Meiner Erfahrung nach gibt es aber sehr viele Menschen, denen es ähnlich geht und die sich deshalb nicht trauen darüber zu sprechen oder sich die Zeit zu nehmen um eine Behandlung zu starten. Es ist daher unheimlich wichtig diesen Kreislauf zu durchbrechen und eine Depression nicht als "Phase" abzustempeln, sondern als ersthafte Erkrankung, die wirklich jeden treffen kann. Wer eine solche Zeit erfolgreich überwindet und lernt damit zu leben ist sehr viel selbstbestimmter, belastbarer und emphatischer. Und das sind Qualitäten, für die es sich lohnt auch eine "Lücke im Lebenslauf" in Kauf zu nehmen, um wieder gesund zu werden Ich würde mir wünschen, dass das auch vom Umfeld und im beruflichen Kontext anerkannt wird.

  2. Sebastian Blum

    Liebe Anonym XY, vielen Dank für deinen Kommentar. Eine Depression ist eine schwere Erkrankung. Richtig geheilt ist ein/e Erkrankte/r nie. Er oder sie kann nur lernen, mit der Depression zu leben. Eine "Heilung" gibt es also nie. Die Depression aus der Perspektive eines Betroffenen, der "das Ruder nicht mehr herumreißen kann" darzustellen , finde ich persönlich sehr interessant. Wenn du mir einen passenden Ansprechpartner bzw. Ansprechpartnerin vermitteln kannst, wäre ich dir sehr dankbar. Liebe Grüße Sebastian

  3. Anonym

    Leider helfen Psychotherapie und Medikamente nur etwa 60% der Personen, die an einer Depression erkrankt sind. Die anderen können das Ruder häufig nicht mehr herumreißen. Es wäre schön, auch einmal zu diesem Thema einen Artikel zu lesen. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile der Hauptgrund für Frühverrentungen und ein großer Risikofaktor für Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Durch die steigende Anzahl der Diagnosen wird diese gesellschaftliche Herausforderung in meinen Augen noch relevanter werden. Gerade den Menschen, denen Medikamente und Therapien nicht helfen, wird häufig mit dem größten Unverständnis begegnet, hat man doch überall in den Medien ausschließlich von Personen gehört oder gelesen, bei denen diese Therapien scheinbar wunderbar angesprochen haben. Ich fände es mutig und hilfreich, sich einmal öffentlich mit dem Thema chronische psychische Erkrankungen auseinander zu setzen. So wird nur das in den Medien verbreitete ewig gleiche Mantra wiederholt, dass Depressionen zwar eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung, aber sehr gut heilbar sind.