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Geld (Quelle: freeimages.com, Autor: dioptria)

Quelle: freeimages.com, dioptria

Das Bafög ist wie eine Schablone: Es ist zu starr, um jedes Einzelschicksal zu berücksichtigen. Viele Studenten, die es brauchen, gehen deshalb leer aus.

Unter der Erde, zwischen Wasserzählern und verschlungenen Heizungsrohren, liegt das Gedächtnis des Berliner Bafög-Amts. Graue Aktenschränke füllen den Raum, einen 400 Quadratmeter großen Keller mit niedrigen Decken und grellem Licht. Mit Lenkrädern kann man die Schränke auseinanderschieben. Mehr als 100.000 Bafög-Akten werden hier aufbewahrt. Es riecht nach altem Papier. "Nicht erschrecken", sagt Christian Gröger. "Sieht ein bisschen aus wie in der Stasi-Unterlagenbehörde."

Gröger, 38, ist der Leiter des Berliner Bafög-Amts. Jeder, der in der Hauptstadt Bafög beantragt hat, hat in Grögers Keller eine Akte liegen, ganz klassisch als Papierausdruck, zusammen mit den eingereichten Dokumenten. Allein im Jahr 2012 wurden im Berliner Amt rund 43.000 Anträge bearbeitet und im Keller archiviert. Sechs Jahre lang werden die Akten aufbewahrt, dann werden sie geschreddert, damit das Archiv nicht überquillt. Irgendwo hier unten liegt auch die Akte von Theresa Kühn*.

Theresa Kühn, 28, studiert Romanistik in Berlin. Sie mag französische Chansons und die Krimis von Georges Simenon. Sie jobbt in einem kleinen Verlag. Wenn sie fertig ist mit dem Studium, will sie Lektorin werden. Aufgewachsen ist Theresa Kühn in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. Ihre Mutter ist Krankenschwester, ihr Vater Möbelhändler. Jahrelang kauften die Leute im Laden von Theresas Vater Küchenschränke, Esstische und Bürostühle, das Geschäft lief gut. Bis Ikea kam. Die Küchenschränke bei Ikea waren billiger. Gegen Ikea hatte Herr Kühn keine Chance. Er ging in Privatinsolvenz. Wenig später begann Theresa in Berlin ihr Studium. Ihr Vater suchte sich eine neue Arbeit, er ist jetzt Vertreter für dänische Landhausmöbel. Doch das Geld, das am Monatsende übrig bleibt, geht nicht an Theresa, die einzige in der Familie, die studiert. Es geht an den Insolvenzverwalter. "Meine Eltern hätten mir gern was gegeben", sagt Theresa. Wenn sie nach Hause fährt, packt ihr die Mutter ein Päckchen mit ihrem Lieblingskäse, mit Oliven und einer Flasche Wein, von ihrer Oma bekommt sie jeden Monat 150 Euro.

Von 150 Euro kann man nicht leben. Deshalb geht Theresa Kühn zum Bafög-Amt. Der Berater dort ist freundlich, aber er kann ihr nicht helfen. Das Einkommen ihrer Eltern liegt knapp über der vom Amt festgelegten Grenze – nicht Bafög-berechtigt. So wird es später in ihrer Akte stehen, die im Keller des Berliner Bafög-Amts begraben liegt. Dass Herr Kühn sein Geld nicht seiner Tochter überweist, sondern dem Insolvenzverwalter, ist dem Bafög-Amt egal.

Rund 200.000 Studenten in Deutschland geht es ähnlich, schätzt das Deutsche Studentenwerk: Sie bekommen kein Geld von den Eltern und kein Geld vom Bafög-Amt. Weil ihre Eltern pleite sind, so wie Herr Kühn, der Möbelhändler. Weil sie ein Haus abbezahlen müssen. Weil sie ein paar Euro zu viel verdienen, aber trotzdem zu wenig haben, um ihren Kindern ein Studium zu finanzieren. "Mittelschichtsloch" nennen Bildungsexperten diesen Grenzbereich: zu viel Geld fürs Bafög, zu wenig für ein unbeschwertes Studium der Kinder.

Mittwochs und samstags von fünf Uhr nachmittags bis drei Uhr nachts kellnert Theresa Kühn in einer Kneipe. Den Rest der Woche arbeitet sie im Verlag, telefoniert mit Buchhändlern, verschickt Bücher, organisiert Messen. Wenn sie wenig arbeitet, kommt sie auf eine 40-Stunden-Woche.

An die Uni geht Theresa in den Lücken, die der Arbeitstag ihr lässt. Meist sind die Lücken zu klein für den straffen Semesterplan. Am schwierigsten ist es im Oktober, zur Buchmessenzeit. Da beginnt an der Uni das Semester, Referate werden verteilt, Gruppen gebildet, Kurse gewählt. Doch Theresa sitzt nicht in Berlin im Seminar, sie steht in Frankfurt am Messestand.

Wenn ihre Kommilitonen in den Ferien in die Provence fahren, um ihr Französisch zu verbessern, bleibt Theresa in Berlin. "Ich würde gern intensiver studieren", sagt sie. Als sie in einer Vorlesung zur Französischen Literatur des 19. Jahrhunderts saß, hätte sie danach gern die Bücher gelesen, über die der Professor sprach. Sie hat stattdessen Bier serviert. "Am Ende bin ich Literaturwissenschaftlerin, aber ich kann über die meisten Bücher auch nicht mehr sagen als das, was bei Wikipedia steht."

Die meisten ihrer Kommilitonen waren nach drei Jahren fertig mit dem Bachelor. Theresa braucht fünf. Und hat trotzdem nie frei. "Nachmittags ein Eis essen gehen, das ist was Besonderes", sagt sie. Die Bar, in der sie arbeitet, nennt sie "mein Wohnzimmer". Freunde und Mitbewohner sieht sie hier, manchmal setzt sie sich nach ihrer Schicht zu ihnen an den Tisch. Freizeit beginnt für Theresa Kühn oft erst um drei Uhr nachts. "Andere treffen sich nachmittags auf einen Kaffee, ich treffe mich halt nachts auf ein Bier", sagt sie.

"Nachmittags ein Eis essen gehen, das ist was Besonderes"

Christian Gröger, der Leiter des Berliner Bafög-Amts, sitzt jetzt in seinem Büro, vier Stockwerke über dem Keller mit den Aktenschränken. Gröger hat Jura studiert und danach jahrelang Bafög-Anträge bearbeitet und Studenten beraten. "Meine Bibel" nennt er das Bundesausbildungsförderungsgesetz, wie das Bafög in Langform heißt, und wedelt mit dem Gesetzestext.

Gröger, Bart, Jeans und Adidas-Turnschuhe, ist ein netter Typ, kumpelhaft, sachkundig. Einer, von dem man sich gern beraten lassen würde. Das ändert nichts daran, dass manche Studenten, die zu ihm kommen, leer ausgehen.

"Das Bafög ist wie eine Schablone", sagt Gröger. "Eine Schablone, die auf die Lebenslagen von Hunderttausenden Studenten passen soll." Manchmal kann man die Schablone ein wenig zurechtbiegen. Wenn jemand krank wird zum Beispiel und deshalb länger für sein Studium braucht. Dann können die Sachbearbeiter eine Ausnahme machen und länger Bafög zahlen. Doch nicht alle Unwägbarkeiten finden Platz in den 68 Bafög-Paragrafen. Deshalb ist die Schablone oft hart und starr. Dass der Vater von Theresa Kühn verschuldet ist, kann die Bafög-Schablone nicht erfassen. Sie sieht, wie viel der Vater verdient. Nicht, wie viel er Theresa geben kann. "Manche Leute gehen leer aus, obwohl sie das Geld wirklich brauchen", sagt Christian Gröger.

Manchmal kommen Studenten, die vom Staat gefördert werden, sogar aus wohlhabenderen Familien als Studenten ohne Bafög-Anspruch. Theresas Freund zum Beispiel. Sein Vater ist nicht reich, aber er ist Beamter mit einem solidem Gehalt und ohne Schulden. "Mein Freund bekommt Bafög, dabei haben meine Eltern viel weniger Geld", sagt Theresa. "Das ist ungerecht."

Theresas Freund studiert in München, in wenigen Städten sind die Mieten so teuer wie dort. Trotzdem bekommt er genauso viel Bafög wie ein Student, der in Chemnitz wohnt. Müsste man nicht auch hier an der Schablone herumbiegen – und das Bafög ortsabhängig berechnen?

Das Bafög ist nicht gerecht, das Bafög ist ein Kompromiss. Ein Kompromiss zwischen Gerechtigkeit und Effizienz.

Je starrer die Schablone, umso effizienter ist ein Gesetz: wenige Ausnahmen, klare Regeln. Mit einer starren Schablone kann man viele Anträge in kurzer Zeit bearbeiten. Das ist gut für Christian Gröger und seine 120 Mitarbeiter. Man kann allerdings auch keine Rücksicht auf Einzelschicksale nehmen. Das ist schlecht für Leute wie Theresa Kühn. Deshalb wurde in den mehr als 40 Jahren, die es das Bafög jetzt gibt, immer wieder versucht, die Schablone zurechtzubiegen. Ausnahmen wurden hinzugefügt und Härtefälle formuliert. Über die Jahre ist das Gesetz so kompliziert geworden, dass es kaum mehr jemand versteht. Selbst Gröger, der Bafög-Spezialist, wird nicht aus allen Artikeln schlau. "Mit logischem Denken kommt man oft nicht weiter", sagt er. Deshalb gibt es nicht nur das Gesetz, sondern auch Gesetzeskommentare und mehr als 600 Verwaltungsvorschriften, eine Art Gebrauchsanweisung für das Gesetz. Christian Gröger hat für diese Gebrauchsanweisungen in seinem Büro ein ganzes Regalfach reserviert.

Draußen, in den orange getünchten Fluren des Berliner Bafög-Amts, warten die ersten Studenten. Sie haben sich nach den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens über das Haus verteilt. A–Hall im ersten Stock, Halm–Muek im zweiten, Muel–Tref im dritten, Treg–Z im vierten. Sie sitzen vornübergebeugt, tippen auf Handys, blättern durch Unterlagen.

An den Wänden hängen Fotos von Kindern, die in der mongolischen Steppe spielen, in Regalen aus Plexiglas stapeln sich Broschüren: "Sie studieren, wir machen den Rest", steht vorn drauf. Sachbearbeiter huschen lautlos durch die Flure. Jeder von ihnen betreut im Jahr rund 700 Studenten. Zu den Stoßzeiten, zu Semesterbeginn im Herbst, kommen mehr als 1.000 Studenten pro Tag ins Berliner Bafög-Amt. Schon auf der Straße erkennt man sie an ihren braunen DIN-A4-Umschlägen, bücherdicken Konvoluten aus Einkommensnachweisen, Leistungsscheinen, Attesten, Antragsformularen und Zusatzblättern. Sie brauchen ungefähr 335 Minuten, um ihren Bafög-Erstantrag auszufüllen. Das hat der staatliche Nationale Normenkontrollrat ausgerechnet, ein Gremium, das den Bürokratieabbau in Deutschland beschleunigen soll. 2010 hat der Rat ein Papier zum Bafög vorgelegt und Vorschläge gemacht, wie man das aufgeblähte Gesetz entschlacken könnte. Das Papier ist 196 Seiten lang.

Man könnte das Gesetz noch weiter aufblähen. Man könnte Klauseln einfügen für insolvente Eltern und könnte denen, die in teuren Städten wohnen, mehr Geld zuteilen. Die Sache würde dadurch nicht einfacher. Denn dann müsste jemand, der in Prenzlauer Berg wohnt auch mehr bekommen als jemand aus Hellersdof. Und Christian Gröger hätte noch mehr Verwaltungsvorschriften in seinem Regal.

Wenn man die Treppen hinunterläuft und durch die schwere Eingangstür des Berliner Bafög-Amts geht, wenn man Erstanträge und Verwaltungsvorschriften, Härtefallklauseln und Einkommensbemessungsgrenzen hinter sich lässt, steht man vor den klassizistischen Prunkbauten des wilhelminischen Berlins, ein paar Schritte entfernt vom Boulevard Unter den Linden. Im Haus nebenan hat Gazprom eine Niederlassung, auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegen eine Privatbank und das Hotel du Rome, in dem eine Nacht in der Premium-Suite sechsmal so viel kostet wie der Bafög-Höchstsatz. Der liegt zurzeit bei 670 Euro.

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt und eines der wenigen, in denen die meisten für ihr Studium nichts zahlen müssen. Trotzdem studieren in Deutschland so wenige Arbeiterkinder wie in kaum einem anderen Industrieland. Die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung hat vor Kurzem untersuchen lassen, welche Faktoren ein Studium erschweren. "Ein niedriger ökonomischer Status der Eltern ist ein erheblicher Nachteil", schreiben die Autoren der Studie. "Ebenso schwer wirkt sich nur noch eine körperliche Behinderung aus."

In einer Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) heißt es: "Die soziale Selektion an der Schwelle vom Abi zur Uni ist heute ausgeprägter als vor 30 Jahren."

Hat die Schablone versagt?

Laut Statistischem Bundesamt bekamen 2012 rund 670.000 Studenten Bafög, insgesamt waren es 2,3 Milliarden Euro. Das sind 95 Millionen Euro mehr als im Jahr davor. Allerdings hat sich auch die Zahl der Studenten erhöht. Im Schnitt hatten sie deshalb weniger Geld als im Jahr davor – 448 Euro waren es pro Student und Monat. Faktisch sind die Beträge gesunken. Und das, obwohl das Bafög eins der wichtigsten Instrumente ist, um Studenten mit wenig Geld ein Studium zu ermöglichen. 80 Prozent der Bafög-Empfänger sagen, dass sie ohne das Geld vom Staat nicht studiert hätten. Der Anteil der studierenden Arbeiterkinder, die Bafög bekommen, sinkt beständig. 1993 waren es 63 Prozent. Heute sind es noch rund 50 Prozent.

Politiker, Wirtschaftsverbände, Studentenvertreter und Bildungsforscher – alle sagen, sie wollten das ändern. Manche wollen dafür den Darlehensanteil des Bafögs in einen Zuschuss umwandeln, damit sich Bafög-Empfänger nicht mehr verschulden müssen. Das Bafög wäre dann wieder ein Geschenk – so wie von 1971 bis 1974, als das Gesetz eingeführt wurde. Zurzeit ist die Hälfte des Geldes geschenkt, die andere ein zinsloser Kredit. Manche wollen die Fördersätze erhöhen, damit das Bafög nicht langsamer steigt als die Preise. Andere kritisieren, dass nur etwa jeder dritte Student in Deutschland Bafög bezieht, und fordern, mehr Studenten zu unterstützen, damit auch Menschen wie Theresa Kühn Geld bekommen oder Leute, die erst nach vielen Berufsjahren ein Studium beginnen wollen. Und alle fordern ein gerechtes und unkompliziertes Gesetz.

"Das ist die Quadratur des Kreises", sagt Christian Gröger vom Berliner Bafög-Amt. Die Schablone soll schön biegsam bleiben. Und das Regal mit den Gesetzeskommentaren möglichst leer.

Theresa Kühn würde das Bafög am liebsten ganz abschaffen. "Warum bekommt nicht jeder Student Geld?", fragt sie. "Ich zahle von mir aus auch später den vollen Satz zinslos zurück."

Theresa will eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Studenten, unabhängig davon, was die Eltern verdienen. Ähnliche Vorschläge haben Studentenvertreter gemacht, aber zum Beispiel auch die FDP. Anstatt das Bafög-Gesetz immer weiter aufzublähen, so die Idee, soll der ganze Bafög-Apparat abgeschafft werden – samt Christian Gröger und seinen Mitarbeitern.

Dann würden Bund und Länder die Mieten für die Bafög-Ämter sparen, die Gehälter für Sachbearbeiter, die Kosten für Heizung und Porto. Stattdessen könnte das Geld direkt an die Studenten fließen. So wie es in Dänemark, Schweden oder Finnland jetzt schon gemacht wird. Das hieße, dass auch Kinder reicher Eltern für ihr Studium Geld vom Staat bekommen. Es hieße aber auch, dass Leute wie Theresa Kühn weniger arbeiten müssten. Die Akten im Keller des Berliner Bafög-Amts könnte man dann getrost schreddern.

*Name geändert

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Hm.

    Interessant wäre die genau (Nicht-)Anrechnungsmodalität beim BAföG zu erfahren. Denn soweit ich weiß sind normalerweise Unterhaltszahlungen aus den an den Insolvenzverwalter zu zahlenden Beträgen herauszurechnen, so dass eigentlich der Unterhalt der Tochter nicht beeinträchtigt werden sollte. Im Übrigen tut mir Theresa durchaus leid. Bei zwei 10-Stunden Schichten in der Bar pro Woche und 150 Euro von der Oma sollten doch aber rund 900 Euro rausspringen, von denen man in Berlin durchaus studentisch leben kann.(und die den BAföG-Höchstsatz weit übersteigen). Warum dann noch der Verlagsjob nötig ist, erschließt sich mir nicht. Ich habe von 250 Euro meiner Eltern plus 300 Euro BAföG 2 Jahre gelebt. Für den einen oder anderen Luxus (Eisessen gehört für mich immernoch dazu) habe ich dann nebenbei gearbeitet. Hartz-4-Empfänger haben rechnerisch nicht einmal 3 Euro am Tag zum Essen. Ich sehe das Problem weniger in der BAföG-Regelung (wenngleich eine mäßige Anhebung der Elternverdienstgrenze sicher gerecht wäre), als vielmehr in der Tatsache, das arbeitende Menschen wie Theresa und ihr Vater nicht genug haben, um davon vernünftig zu leben.

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