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"Nachmittags ein Eis essen gehen, das ist was Besonderes"

Christian Gröger, der Leiter des Berliner Bafög-Amts, sitzt jetzt in seinem Büro, vier Stockwerke über dem Keller mit den Aktenschränken. Gröger hat Jura studiert und danach jahrelang Bafög-Anträge bearbeitet und Studenten beraten. "Meine Bibel" nennt er das Bundesausbildungsförderungsgesetz, wie das Bafög in Langform heißt, und wedelt mit dem Gesetzestext.

Gröger, Bart, Jeans und Adidas-Turnschuhe, ist ein netter Typ, kumpelhaft, sachkundig. Einer, von dem man sich gern beraten lassen würde. Das ändert nichts daran, dass manche Studenten, die zu ihm kommen, leer ausgehen.

"Das Bafög ist wie eine Schablone", sagt Gröger. "Eine Schablone, die auf die Lebenslagen von Hunderttausenden Studenten passen soll." Manchmal kann man die Schablone ein wenig zurechtbiegen. Wenn jemand krank wird zum Beispiel und deshalb länger für sein Studium braucht. Dann können die Sachbearbeiter eine Ausnahme machen und länger Bafög zahlen. Doch nicht alle Unwägbarkeiten finden Platz in den 68 Bafög-Paragrafen. Deshalb ist die Schablone oft hart und starr. Dass der Vater von Theresa Kühn verschuldet ist, kann die Bafög-Schablone nicht erfassen. Sie sieht, wie viel der Vater verdient. Nicht, wie viel er Theresa geben kann. "Manche Leute gehen leer aus, obwohl sie das Geld wirklich brauchen", sagt Christian Gröger.

Manchmal kommen Studenten, die vom Staat gefördert werden, sogar aus wohlhabenderen Familien als Studenten ohne Bafög-Anspruch. Theresas Freund zum Beispiel. Sein Vater ist nicht reich, aber er ist Beamter mit einem solidem Gehalt und ohne Schulden. "Mein Freund bekommt Bafög, dabei haben meine Eltern viel weniger Geld", sagt Theresa. "Das ist ungerecht."

Theresas Freund studiert in München, in wenigen Städten sind die Mieten so teuer wie dort. Trotzdem bekommt er genauso viel Bafög wie ein Student, der in Chemnitz wohnt. Müsste man nicht auch hier an der Schablone herumbiegen – und das Bafög ortsabhängig berechnen?

Das Bafög ist nicht gerecht, das Bafög ist ein Kompromiss. Ein Kompromiss zwischen Gerechtigkeit und Effizienz.

Je starrer die Schablone, umso effizienter ist ein Gesetz: wenige Ausnahmen, klare Regeln. Mit einer starren Schablone kann man viele Anträge in kurzer Zeit bearbeiten. Das ist gut für Christian Gröger und seine 120 Mitarbeiter. Man kann allerdings auch keine Rücksicht auf Einzelschicksale nehmen. Das ist schlecht für Leute wie Theresa Kühn. Deshalb wurde in den mehr als 40 Jahren, die es das Bafög jetzt gibt, immer wieder versucht, die Schablone zurechtzubiegen. Ausnahmen wurden hinzugefügt und Härtefälle formuliert. Über die Jahre ist das Gesetz so kompliziert geworden, dass es kaum mehr jemand versteht. Selbst Gröger, der Bafög-Spezialist, wird nicht aus allen Artikeln schlau. "Mit logischem Denken kommt man oft nicht weiter", sagt er. Deshalb gibt es nicht nur das Gesetz, sondern auch Gesetzeskommentare und mehr als 600 Verwaltungsvorschriften, eine Art Gebrauchsanweisung für das Gesetz. Christian Gröger hat für diese Gebrauchsanweisungen in seinem Büro ein ganzes Regalfach reserviert.

Draußen, in den orange getünchten Fluren des Berliner Bafög-Amts, warten die ersten Studenten. Sie haben sich nach den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens über das Haus verteilt. A–Hall im ersten Stock, Halm–Muek im zweiten, Muel–Tref im dritten, Treg–Z im vierten. Sie sitzen vornübergebeugt, tippen auf Handys, blättern durch Unterlagen.

An den Wänden hängen Fotos von Kindern, die in der mongolischen Steppe spielen, in Regalen aus Plexiglas stapeln sich Broschüren: "Sie studieren, wir machen den Rest", steht vorn drauf. Sachbearbeiter huschen lautlos durch die Flure. Jeder von ihnen betreut im Jahr rund 700 Studenten. Zu den Stoßzeiten, zu Semesterbeginn im Herbst, kommen mehr als 1.000 Studenten pro Tag ins Berliner Bafög-Amt. Schon auf der Straße erkennt man sie an ihren braunen DIN-A4-Umschlägen, bücherdicken Konvoluten aus Einkommensnachweisen, Leistungsscheinen, Attesten, Antragsformularen und Zusatzblättern. Sie brauchen ungefähr 335 Minuten, um ihren Bafög-Erstantrag auszufüllen. Das hat der staatliche Nationale Normenkontrollrat ausgerechnet, ein Gremium, das den Bürokratieabbau in Deutschland beschleunigen soll. 2010 hat der Rat ein Papier zum Bafög vorgelegt und Vorschläge gemacht, wie man das aufgeblähte Gesetz entschlacken könnte. Das Papier ist 196 Seiten lang.

Man könnte das Gesetz noch weiter aufblähen. Man könnte Klauseln einfügen für insolvente Eltern und könnte denen, die in teuren Städten wohnen, mehr Geld zuteilen. Die Sache würde dadurch nicht einfacher. Denn dann müsste jemand, der in Prenzlauer Berg wohnt auch mehr bekommen als jemand aus Hellersdof. Und Christian Gröger hätte noch mehr Verwaltungsvorschriften in seinem Regal.

Wenn man die Treppen hinunterläuft und durch die schwere Eingangstür des Berliner Bafög-Amts geht, wenn man Erstanträge und Verwaltungsvorschriften, Härtefallklauseln und Einkommensbemessungsgrenzen hinter sich lässt, steht man vor den klassizistischen Prunkbauten des wilhelminischen Berlins, ein paar Schritte entfernt vom Boulevard Unter den Linden. Im Haus nebenan hat Gazprom eine Niederlassung, auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegen eine Privatbank und das Hotel du Rome, in dem eine Nacht in der Premium-Suite sechsmal so viel kostet wie der Bafög-Höchstsatz. Der liegt zurzeit bei 670 Euro.

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt und eines der wenigen, in denen die meisten für ihr Studium nichts zahlen müssen. Trotzdem studieren in Deutschland so wenige Arbeiterkinder wie in kaum einem anderen Industrieland. Die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung hat vor Kurzem untersuchen lassen, welche Faktoren ein Studium erschweren. "Ein niedriger ökonomischer Status der Eltern ist ein erheblicher Nachteil", schreiben die Autoren der Studie. "Ebenso schwer wirkt sich nur noch eine körperliche Behinderung aus."

In einer Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) heißt es: "Die soziale Selektion an der Schwelle vom Abi zur Uni ist heute ausgeprägter als vor 30 Jahren."

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Hm.

    Interessant wäre die genau (Nicht-)Anrechnungsmodalität beim BAföG zu erfahren. Denn soweit ich weiß sind normalerweise Unterhaltszahlungen aus den an den Insolvenzverwalter zu zahlenden Beträgen herauszurechnen, so dass eigentlich der Unterhalt der Tochter nicht beeinträchtigt werden sollte. Im Übrigen tut mir Theresa durchaus leid. Bei zwei 10-Stunden Schichten in der Bar pro Woche und 150 Euro von der Oma sollten doch aber rund 900 Euro rausspringen, von denen man in Berlin durchaus studentisch leben kann.(und die den BAföG-Höchstsatz weit übersteigen). Warum dann noch der Verlagsjob nötig ist, erschließt sich mir nicht. Ich habe von 250 Euro meiner Eltern plus 300 Euro BAföG 2 Jahre gelebt. Für den einen oder anderen Luxus (Eisessen gehört für mich immernoch dazu) habe ich dann nebenbei gearbeitet. Hartz-4-Empfänger haben rechnerisch nicht einmal 3 Euro am Tag zum Essen. Ich sehe das Problem weniger in der BAföG-Regelung (wenngleich eine mäßige Anhebung der Elternverdienstgrenze sicher gerecht wäre), als vielmehr in der Tatsache, das arbeitende Menschen wie Theresa und ihr Vater nicht genug haben, um davon vernünftig zu leben.

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