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"Es geht darum, Denken gelernt zu haben"

Wirtschaft Brainstorming Aufgaben BWL [© Kurhan - Fotolia.com]

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Der Unternehmensberater Burkhard Schwenker kritisiert Deutschlands beliebtestes Studienfach: die Betriebswirtschaftslehre.

Herr Schwenker, Sie waren lange Chef der Unternehmensberatung Roland Berger und sitzen heute in vielen Aufsichtsräten. Gerade schreiben Sie mit Professorenkollegen ein Buch über den Nutzen der Betriebswirtschaftslehre. Was nutzt denn so ein Studium wie BWL mitten in der Corona-Pandemie?

Burkhard Schwenker: Durch Corona wird sehr deutlich, was gute Betriebswirtschaftslehre schon immer ausgezeichnet hat: scharf zu analysieren und einen Standpunkt zu finden – und auch einmal die herrschende Meinung zu überdenken. So sehen wir gerade, dass Effizienz vollkommen überschätzt worden ist. Die ganze Wirtschaft war auf engste Lieferketten getrimmt: Alles just in time, so kurzfristig wie möglich. Dabei wäre es sinnvoll gewesen, viel mehr in Lagerkapazitäten zu investieren.

Niemand hat mit dieser Pandemie gerechnet. Kann man lernen, mit Ungewissheit umzugehen?

Es gibt drei Arten von Entscheidungen. Erstens die Entscheidung unter Risiko, bei der man verschiedene Alternativen hat und sich ausrechnen kann, welche die bessere ist. Dann gibt es die Entscheidung unter Unsicherheit, da kennt man die Alternativen noch, aber nicht mehr, wie wahrscheinlich diese sind. Bei Ungewissheit ist beides offen, Alternativen und Wahrscheinlichkeiten. Deswegen sind diese Situationen so schwierig, aber ja, man kann damit umgehen.

Wie macht man das?

Indem man, statt die Instrumente der BWL einfach auswendig zu lernen, diese wirklich zu verstehen versucht. Dazu muss man die gängigen Methoden hinterfragen. Auf welchen Rahmenbedingungen bauen sie auf? Kann man sie in einem Fall überhaupt anwenden? Erst dann kann ich verschiedene Szenarien entwickeln. Ich nenne sie Zukunftsbilder. Ich weiß dann immer noch nicht, ob sie eintreffen, aber ich weiß, dass die Analyse stimmt und kann mich deswegen an ihnen orientieren.

Viele Analysen bauen aber auf dem Bekannten auf. Das hilft einem nicht weiter, wenn bisher Unvorstellbares geschieht.

Bei Ungewissheit sind viele klassische Instrumentarien nicht mehr anwendbar. Da geht es nicht nur um Schocks wie Pandemien. Man kann heute nicht mehr sagen, wer morgen ein Mitbewerber sein wird. Die Autokonzerne hätten vor einigen Jahren noch nicht gedacht, dass sie beim autonomen Fahren nicht mit anderen Autokonzernen konkurrieren, sondern mit IT-Unternehmen. Eine klassische Wettbewerbsanalyse hilft nicht mehr, wohl aber ein Szenario, das denkbare Zukünfte aufzeigt.

Manager verfahren heute oft nach der Taktik, sich lange nicht festzulegen und möglichst kurzfristig zu reagieren. Agiles Management nennen sie das.

Zu viel Flexibilität kann auch zu Beliebigkeit führen, spätestens dann, wenn man eine Entscheidung immer weiter aufschiebt, um sich alles offenzuhalten. Wenn ich für alles bin, bin ich eigentlich für nichts, vollkommen beliebig. Da geht ein wesentlicher Aspekt von Führung verloren: Orientierung zu geben.

Geht es nicht vielen Betriebswirten vor allem um Zahlen? Warum ist Orientierung so wichtig?

Früher kam die Orientierung durch Zahlen. Man hat einen Plan aufgestellt, ein Jahresziel ausgegeben. Heute geht das nicht mehr, weil einem die Zahl schon morgen auf die Füße fallen kann. Deshalb sage ich: Es gibt Orientierung, wenn man ein Zukunftsbild vertritt. Jede Führungskraft muss zugeben, dass es auch falsch sein könnte. Aber wir haben eines, über das wir diskutieren können.

Was heißt das für ein BWL-Studium?

Wir reden ja immer von der Einheit von Forschung und Lehre. Gerade BWL braucht die Nähe zur Forschung – auch wenn das Studium anwendungsbezogen ist.

Nun beschweren sich die Studenten schon heute darüber, dass sie viel zu viel auswendig lernen müssen. Wollen Sie noch mehr Theorie?

An der aktuellen Lage sieht man: Es geht nicht darum, etwas gelernt zu haben; es geht darum, Denken gelernt zu haben. Nur das hilft einem. Wir haben die deutschsprachigen Alumni von Roland Berger befragt, wohin sich die BWL entwickeln soll – zu mehr Praxis oder zu mehr Theorie. Wissen Sie, was die ganz klare Mehrheit geantwortet hat? Mehr Theorie!

Gerade die BWL braucht die Nähe zur Forschung     

Burkhard Schwenker

Wie lernt man die Fähigkeit zur Orientierung, die Sie bei den Managern so vermissen?

Man kann eines an der BWL kritisieren: Es geht zu sehr um Methodik, zu wenig um relevante Probleme. Da werden ausgefeilte Methodiken auf unwichtige Fragen angewandt. Wissenschaftler sprechen von rigor or relevance. Bei rigor, Strenge, geht es um präzises wissenschaftliches Arbeiten. Bei Relevanz geht es um die Felder, die wirklich entscheidend sind. Anstatt hervorragende Instrumentarien auf Kleinigkeiten anzuwenden, muss sich die BWL mit Themen befassen, die für Unternehmensführer wichtig sind. Und sie muss interdisziplinärer werden und braucht mehr ganzheitliche Ideen – an der Schnittstelle zu Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber auch zur Ethik und Moral.

Wie könnten solche Ideen Platz im Fach Betriebswirtschaftslehre bekommen?

In der BWL ist etwas verloren gegangen, kaum einer schreibt mehr Bücher. Forscher veröffentlichen lediglich Beiträge in wissenschaftlichen Journals; das Thema spielt dabei keine Rolle, Hauptsache, man ist in einem der A-Journals vertreten, den entscheidenden Fachpublikationen. Bücher liefern jedoch einen ganzheitlichen Blick, sie liefern Standpunkte und Orientierung. Das fehlt heute – dadurch verliert die Wissenschaft an Relevanz.

Bei den Studenten ist BWL das beliebteste Fach, eine Viertelmillion ist eingeschrieben. Ist ein solches Massenfach reformierbar – wie sieht da Ihr Zukunftsbild aus?

Man muss die Betriebswirtschaftslehre neu denken. Das fängt mit den Strukturen an. Warum führen wir für das Masterstudium keine Auswahlverfahren ein? Dann könnten wir viel weniger Studierende aufnehmen, nur die Talentiertesten! Sie könnten dann viel stärker an die Forschung herangeführt werden. Außerdem muss das Studium interdisziplinärer werden. Und die digitalen Lehrmöglichkeiten müssen mehr Gewicht bekommen. Eigentlich ist das gar nicht so viel – und das stimmt mich optimistisch.

© ZEIT Online (Zur Originalversion des Artikels)

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