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Arbeiterkind bleibt Arbeiterkind

Junger Student steht auf der Straße [Quelle: unsplash.com, Gregory Hayes]

Quelle: unsplash.com, Gregory Hayes

Wer keinen Akademiker-Hintergrund hat, studiert seltener. Doch lassen sich nach der Uni die Nachteile abschütteln?

Mehr als 80 Bewerbungen musste Natalya Nepomnyashcha verschicken, bevor sie eine Stelle bekam. Dabei hatte sie einen Masterabschluss aus Großbritannien und zwei vorangegangene Ausbildungen vorzuweisen. Die Stelle, die sie schließlich ergatterte, war befristet und nicht in dem Feld, das sie eigentlich anstrebte. Wenn die 30 Jahre alte Frau, die heute als Unternehmensberaterin arbeitet, auf ihren eher holprigen Berufseinstieg zurückblickt, sieht sie Gründe dafür: "Ich hatte überhaupt keine Kontakte und kein Netzwerk." Keiner habe ihr je erklärt, welche Art von Praktika wichtig seien oder mit wem sie in Kontakt treten könne, um ihre Chancen auf gute Stellen zu erhöhen. Sie und ihre Familie waren 2001 als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, ihre Eltern leben bis heute von Harz IV. "Auch das Selbstbewusstsein hat mir gefehlt", sagt sie.

Viele Menschen, die einen sogenannten schwachen sozialen Hintergrund haben, müssen beim Berufseinstieg Schwierigkeiten überwinden. Während der Schulzeit und des Studiums gibt es zwar eine Vielzahl an Programmen, die diese Menschen auffangen können; sehr bekannt ist etwa "Arbeiterkind e.V.", ein Verein, der niedrigschwellige Angebote bietet, die junge Menschen zu einem Studium ermutigen sollen. Auch viele Förderwerke haben spezielle Stipendien für Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien. Aber ist es damit erledigt? Was kommt danach? Viele Menschen, die aus Arbeiterfamilien stammen, berichten jedenfalls, dass das Berufsleben und besonders der Berufseinstieg sie ebenfalls vor große Hürden stellen.

Finanzielle Fragen, aber auch Themen jenseits des Geldes

Auch der 32 Jahre alten Lisa Rheinheimer fiel es nach ihrem Geographiestudium nicht leicht, im Berufsleben anzukommen. "Ich merkte, dass ich ein Arbeiterkind bin", sagt die Tochter einer Arzthelferin und eines Elektrikers. "Im Studium habe ich viel von meinen Kommilitonen mitgenommen, darum wurde mir das erst beim Berufseinstieg so richtig bewusst." Auf der einen Seite seien dann finanzielle Fragen aufgetaucht: Wie viele unbezahlte Praktika sind möglich? Wie viel Zeit bleibt eigentlich neben dem Studentenjob, um sich intensiv mit Bewerbungsprozessen zu beschäftigen? Aber es gab auch Themen jenseits des Geldes: Dass es bei Akademikern nicht unüblich war, nach dem Studium einige Monate lang nach dem ersten Job zu suchen, musste sie ihren Eltern erst mal erklären. "Ich wollte zuerst eigentlich eine Promotion machen", erzählt Rheinheimer. Als das nicht sofort klappte, bewarb sie sich auf viele verschiedene Stellen - mit mäßigem Erfolg. "Schnell kamen dann die ersten Selbstzweifel", sagt sie. Sie habe sich gefragt, was sie bloß falsch mache.

Eine ähnliche Geschichte kann Yusuf Altinisik erzählen. Ihm wurde in seiner Kindheit und Jugend ausschließlich ein einziger Berufsweg vorgezeichnet: eine Ausbildung und dann eine Anstellung. Heute ist er 27 Jahre alt, arbeitet in München als Coach und strebt zugleich noch einen Master in Linguistik an. Die Selbständigkeit ist für ihn ein großer Durchbruch. Er habe sein Leben lang von seinem Umfeld vermittelt bekommen, dass Sicherheit vor Eigeninitiative stehe. "Bewusst und unbewusst wurde mir immer, wenn ich etwas Neues angehen wollte, vermittelt: Nein, das schaffst du nicht." Diese Haltung habe ihn lange Zeit gelähmt und eingeengt. Auch wenn er jetzt sehr zufrieden mit seiner Situation ist, hat er noch immer das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als andere: Man traue ihm bei der ersten Begegnung weniger zu - auch wegen seines Migrationshintergrunds.

Emilia Roig, Gründerin des Center for Institutional Justice in Berlin, beschäftigt sich schon lange aus wissenschaftlicher Sicht mit sozialer Herkunft und deren Auswirkungen. "Soziale Herkunft ist ein multidimensionales Konzept", sagt sie. "Geschlecht, Migrationsgeschichte und Behinderung beeinflussen den sozialen Status." Bei der Frage nach sozialem Aufstieg gehe es nicht nur um Einkommen, sondern auch um Status und Bildungsstand. Eine Promotion werde meist als Aufstieg angesehen, obwohl sie nicht unbedingt mit höherem Einkommen verknüpft ist. Gleichzeitig wird ein Einkommensanstieg nicht immer als sozialer Aufstieg gesehen. Die Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft sei meist durch zusätzliche Faktoren beeinflusst, wie zum Beispiel Diskriminierung aufgrund der Herkunft, des Geschlechts und einer möglichen Behinderung.

Über ein Ehrenamt fand Lisa Rheinheimer schließlich zuerst eine Stelle, die wenig mit ihrem Studium zu tun hatte. Inzwischen arbeitet sie für ein Forschungsnetzwerk und damit näher an der wissenschaftlichen Karriere, die sie sich ursprünglich einmal gewünscht hatte. Rückblickend denkt sie, dass sie die Idee einer Promotion vielleicht nicht so schnell hätte aufgeben sollen. Und noch immer wird ihr bei der Arbeit bewusst, dass ihre Erfahrungen nicht unbedingt dem Durchschnitt ihres aktuellen Umfeldes entsprechen. "Das sind kleine Situationen, wie die Gespräche beim Mittagessen mit Kollegen zum Beispiel über Freizeitgestaltung oder Urlaub", sagt sie. Golf oder Tennis zu spielen gehört genauso wenig zu ihrem Alltag wie große Fernreisen.

Auch die Wissenschaftlerin Emilia Roig hält solche kleinen Details für oft ausschlaggebend. Gerade bei Bewerbungsprozessen spiele implizierter Habitus, also eine bestimmte Art und Weise, zu sprechen und sich zu verhalten, häufig eine große Rolle für die Frage, wie sympathisch jemand wirke. Auch ob sich über Hobbys und ähnliche Erfahrungen schnell Smalltalk-Themen ergäben, sei wichtig. Arbeiterkinder hätten dabei schlechtere Chancen, weil ihr Erfahrungshorizont meist vollkommen anders sei als der ihrer zukünftigen Chefs.

Mein Hintergrund ist eine meiner größten Stärken

Dorian Kschesniak

Natalya Nepomnyashcha ist, um am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, erst einmal in verschiedene Vereine eingetreten. Dort hat sie sich ehrenamtlich engagiert, aktiv ein Netzwerk aufgebaut und schließlich erste Jobs ergattert. Anderen Menschen möchte sie diesen Weg gern einfacher machen: Dafür hat sie 2016 das "Netzwerk Chancen" gegründet. Es soll benachteiligten jungen Menschen helfen und das ersetzen, was ihr damals fehlte: ein Netzwerk aus Kontakten und Menschen, die bei Zweifeln mit Rat und Tat zur Seite stehen. Mit einem individuellen Förderprogramm durch Workshops und Mentoring will sie jungen Leuten den Start ins Berufsleben erleichtern. Mehr als 600 Menschen betreut die Initiative zurzeit.

Auch Dorian Kschesniak kommt aus einem einkommensschwachen Elternhaus und hat einen Migrationshintergrund. Er teilt einige der Erfahrungen, die "Arbeiterkindern" üblicherweise zugeschrieben werden, kommt aber für sich persönlich zu anderen Schlussfolgerungen. Der 27-Jährige ist überzeugt, dass er heute von seinen Erfahrungen im Beruf eher profitiert. "Mein Hintergrund ist eine meiner größten Stärken", sagt er. Er könne Arbeitgebern gut unter Beweis stellen, dass er belastbar sei und Verantwortung übernehmen wolle. "Ich musste viel schneller als andere erwachsen werden", sagt Kschesniak, der als Unternehmensberater im Bereich E-Commerce arbeitet. Studiert hat er dual – er wollte Arbeit und Lernen von Anfang an verbinden. "Als ich mit 13 Jahren nach Deutschland kam, wurde ich um zwei Jahre zurückgestuft, um Deutsch zu lernen. Seitdem will ich alles viel schneller machen als die anderen", erzählt er.

Zwar hat er mit dieser Einstellung auch viel Druck auf sich ausgeübt, aber Kschesniak betrachtet lieber, was er daraus lernen konnte. "Mein Hintergrund und meine Erfahrung sind das, was mich innerlich antreibt." Ihm war immer klar, dass es um ihn herum kein Netz gibt, das ihn im Zweifelsfall auffängt. Dadurch habe er gelernt, immer maximalen Einsatz zu geben und Verantwortung für die Konsequenzen seines Handelns zu übernehmen. "Als Jugendlicher habe ich jeden Job angenommen, den ich kriegen konnte – dafür war ich mir nie zu schade", sagt er. Flure putzen, mehre Jahre in der Gastronomie; sein eigenes Geld zu verdienen war ihm wichtig. Inzwischen hat er einen abgeschlossenen Master, als Dozent an einer Hochschule gearbeitet und spielt mit dem Gedanken an eine Promotion.

Natalya Nepomnyashcha ist der Meinung, dass es abgesehen von individueller Förderung systemische Lösungen braucht, um die Chancen für Berufseinsteiger auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. "Soziale Herkunft sollte in Unternehmen als Diversitätsfaktor berücksichtigt werden", findet sie. Bisher sei Diversitätsmanagement häufig noch zu einseitig auf Faktoren wie Geschlecht oder Migrationshintergrund fixiert. "Es gibt aber auch deutsche weiße, junge Männer, die benachteiligt werden, und die fallen meist aus dem Rahmen aller Förderprogramme", sagt sie. Die Wissenschaftlerin Emilia Roig sieht das ähnlich; gerade Menschen aus den neuen Bundesländern begegneten auf dem Arbeitsmarkt häufig noch Vorurteilen.

Lücken im Lebenslauf entstehen nicht immer aus Faulheit

Auch Lisa Rheinheimer denkt, dass die soziale Herkunft als Teil von Diversity-Strategien von Unternehmen miteinbezogen werden sollte: Lücken im Lebenslauf ließen sich häufig damit erklären, und ein spätes Studium oder eine späte Promotion deuten aus ihrer Sicht häufig nicht auf die Faulheit von Menschen hin, sondern auf finanzielle Engpässe oder familiäre Verpflichtungen.

Dorian Kschesniak dagegen lehnt es ab, den sozialen Hintergrund als Diversitätsfaktor zu berücksichtigen. "Ich würde mich mit meinem Job nicht wohl fühlen, wenn ich wüsste, dass das ein Kriterium war. Ich möchte, dass meine Leistung für mich spricht und nicht meine Herkunft", sagt er. Aus seiner Sicht könnte der ständige Diskurs über Benachteiligung bei jungen Menschen eher zu einem Gefühl von Perspektivlosigkeit führen, statt ihnen zu helfen. "Ich dachte als junger Mensch nie, dass ich durch meine Herkunft benachteiligt bin. Ich war seit meinem ersten Tag in Deutschland überzeugt, dass sich in diesem Land harte Arbeit auszahlt und ich alle meine Ziele erreichen kann – diese Ansicht hat sich nie verändert", sagt er.

Aber auch Kschesniak hat in seinem Leben manchmal die Erfahrung gemacht, dass ihm Unterstützung fehlte. "An Wendepunkten in meinem Leben war oft niemand da, den ich um Rat fragen konnte. So lernte ich ausschließlich aus den eigenen Fehlern und nicht aus den Fehlern anderer", sagt er. Gerade einen strategischen Blick auf Entscheidungen habe er vermisst. Er engagiert sich darum heute als Mentor bei der Deutschlandstiftung Integration und dem Netzwerk Chancen.

Mehr Arbeiterkinder und andere soziale Aufsteiger einzustellen könnte sich für die Unternehmen Fachleuten zufolge auszahlen, denn diese Menschen gelten als besonders durchsetzungsstark und anpassungsfähig. Für die besondere Anpassungsfähigkeit gibt es auch ein wissenschaftliches Konzept, das sogenannte "Code Switching". Laut Roig beschreibt das Konzept, wie Menschen mit anderer sozialer Herkunft die Art, wie sie sich verhalten und häufig auch wie sie sprechen, verändern, je nachdem, in welchem Umfeld sie sich bewegen. Das führe auch dazu, dass soziale Aufsteiger besonders gut in diversen Teams arbeiten könnten und eine besondere Offenheit gegenüber Neuem hätten. Menschen mit Migrationshintergrund sprächen zusätzlich häufig mehrere Sprachen, das werde aber nur bedingt als Stärke gesehen, sagt Roig. "Es gibt viele Vorteile, sie werden aber nicht wertgeschätzt."

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Danke für diesen sehr guten Artikel! Zwei kleine Punkte sind mir aber doch aufgefallen: Erstens gibt es für Lücken im Lebenslauf oft sehr gute Erklärungen. Wenn diese in der Bewerbung auch aufgeführt werden, stellen sie aber doch kein Problem dar. Wenn also beispielsweise familiäre finanzielle Probleme der Grund für Verzögerungen waren, dann muss man das den Personalern aber auch mitteilen. Wer Lücken nicht erklärt, ist selbst schuld. Zweitens sagt Herr Kschesniak, dass er nicht wegen seines sozialen Hintergrunds eingestellt werden möchte, sondern wegen seiner Leistung. Mir scheint es so, als ob Herr Kschesniak ein "Überflieger" unter den Arbeitnehmern mit sozial schwachem Hintergrund sei. Es ist bewundernswert, was er erreicht hat. Trotzdem gibt es andere, die nicht ganz so herausragen, aber doch sehr gut sind. Sie sind vielleicht besser als andere, die wegen ihres höheren sozialen Herkunftsstatus aber eine bessere Karriere machen. Und diese Menschen sollten gefördert werden. Ein ähnliches Argument kommt bei der Frauenförderung manchmal: Es gibt doch Frauen, die es geschafft haben und die wollen nicht wegen ihres Geschlechtes, sondern wegen ihrer Leistung eingestellt werden. - Es gibt aber auch Frauen, die in ihrer Leistung marginal darunter liegen und trotzdem besser sind als viele andere männliche Bewerber. Die gilt es zu fördern. Zu guter Letzt wird sowieso nie jemand nur aufgrund von Diversitätsvorgaben eingestellt. Die Einstellung sollte aus Arbeitgebersicht immer auf zukünftiger Leistungserwartung basieren. Wenn also jemand in der Vergangenheit leicht schlechtere Leistungen erbracht hat als ein anderer, das aber zum Beispiel durch sozialen Hintergrund oder Elternzeiten erklärbar ist, dann ist für die Zukunft wahrscheinlich eine höhere Leistung zu erwarten. Daher sollte man aus Eigeninteresse diese Person einstellen.

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