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Hauptquartiere der Exzellenz

Frau Amerikanisch Abschlussrobe Schwarz Herbst Bäume [Quelle: Pexels.com, Autor: Stanley Morales]

Quelle: Pexels.com, Stanley Morales 

Wer sind die forschungsstärksten Hochschulen in der Betriebswirtschaftslehre? Ein exklusives Ranking für den deutschsprachigen Raum sieht je eine Universität aus der Schweiz und Deutschland mit ihren Wissenschaftlern an der Spitze.

Der Weg zum Top-Manager ist kein Spaziergang. In St. Gallen müssen Studenten, die in die Hörsäle gelangen wollen, zunächst den 700 Meter hohen Rosenberg erklimmen. Ein Weg schlängelt sich den Hügel hoch, vorbei an schmucken Gründerzeitvillen und hölzernen Treppenpfaden, die zum Abkürzen einladen. Ganz oben, mit Blick auf die historische Altstadt von St. Gallen, steht ein massiver Betonkomplex: die School of Management (SoM), das betriebswirtschaftliche Institut der Hochschule St. Gallen (HSG).

Ganz oben – das ist bei der Schweizer Kaderschmiede nicht nur geografisch gemeint. An keiner anderen Hochschule in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Forschungsleistungen der Betriebswirte so gut. Das zeigt eine exklusive Rangliste, die das Forschungsinstitut KOF der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zusammen mit dem Düsseldorf Institute for Competition Economics für die WirtschaftsWoche erstellt hat.

Für das Ranking bewerteten die Exzellenz-Tester alle relevanten Fachartikel zu betriebswirtschaftlichen Themen, die seit 2011 in rund 860 Fachpublikationen erschienen sind. Je nach Reputation der Journals erhielten die Hochschulen für die Beiträge ihrer Wissenschaftler einen abgestuften Punktwert. Ergebnis: Die Universität St. Gallen liegt mit rund 184 Zählern klar auf Platz eins. Platz zwei belegt als beste deutsche BWL-Location die Technische Universität München (122 Zähler), gefolgt von der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Köln.

Grafik WiWo Forschungsstärkste BWL Hochschulen [Quelle: WirtschaftsWoche]

Das wuchtige Domizil der SoM entstand nicht zuletzt durch das "große Engagement privater Spender und der Schweizer Wirtschaft", so das Jahrbuch der Eliteuni. Die Nähe zu privaten Investoren, anderenorts kritisch beäugt, gehört zum Konzept und tut anscheinend auch der Forschung gut. Zwar ist die HSG eine staatliche Universität. Öffentliche Gelder machen allerdings nur die Hälfte ihres rund 232 Millionen Euro hohen Jahresbudgets aus. Gut die Hälfte der Mittel erwirtschaften die St. Galler selbst. Neben den Semesterbeiträgen (etwa 3000 Euro für ausländische, 1500 Euro für inländische Studierende), hat die Universität 2019 allein mit Fortbildungen für Unternehmen über 46 Millionen Euro Umsatz erzielt. "Die zusätzlichen Mittel ermöglichen eine Qualität in Forschung und Lehre, die unsere Position im internationalen Bildungswettbewerb stärkt", sagt Rektor Bernhard Ehrenzeller.

Zudem gibt es eine Reihe von Praxiskooperationen, sogenannte Labs, in denen die Schweizer BWL-Experten mit Unternehmen an neuen Produkten und Managementlösungen arbeiten. Im "Bosch IoT Lab" etwa ist jüngst ein Frühwarnsystem zur Erkennung von Unterzuckerung bei Autofahrern mit Diabetes entstanden. Es schlägt Alarm, wenn der Fahrer die Kontrolle verliert, und verhindert so Unfälle. Dem Autobauer BMW verhelfen die Schweizer zu besseren Marketingstrategien, hier geht es etwa um die Kundenwahrnehmung von Designs oder die Akzeptanz von technischen Neuerungen wie Sprachassistenten.

Die Unabhängigkeit der Forschung sieht Klaus Möller, leitender Dekan der SoM, durch solche Projekte nicht gefährdet: "Wir achten auf eine ausgewogene Finanzierung, sodass es nicht zu einer Dominanz einzelner Partner kommt." Laut Rektor Ehrenzeller zählt die Nähe zur Wirtschaft in St. Gallen gar zur wissenschaftlichen DNA: "Unsere Qualitätsstrategie beruht auf unternehmerisch geprägten Instituten, gepaart mit großer Forschungsfreiheit". Gerade deswegen, glaubt er, "möchten zahlreiche Top-Forschende zu uns in die Ostschweiz kommen." Mit 89 Dozenten arbeiten in St. Gallen so viele Betriebswirte wie an keiner anderen europäischen Universität.

Auch der deutsche Autopapst Ferdinand Dudenhöffer hat es Anfang März von der Universität Duisburg-Essen kurzzeitig in die Schweiz verschlagen. Dort hat er für zwei Monate ein "Smart Mobility"-Weiterbildungsprogramm am Marketinginstitut der HSG mitkonzipiert. "Während ich in Deutschland mit 68 Jahren zwangspensioniert wurde, konnte ich in der Schweiz weiterforschen", freut sich Dudenhöffer. "Viele deutsche Unis sind Beamtenapparate und von einer überbordenden Verwaltung gelähmt. Die HSG ist da deutlich flexibler."

Zwar sorgt auch die HSG bisweilen für Negativschlagzeilen; 2018 etwa landete einer ihrer langjährigen Honorarprofessoren im Zuge des Dieselskandals in Untersuchungshaft. Der Mann hieß Rupert Stadler und war Vorstandsvorsitzender von Audi. Doch dem Ruf der Kaderschmiede hat dies offenkundig nicht geschadet: 2019 erhielt die HSG das letzte der drei anspruchsvollsten Gütesiegel für Wirtschaftsuniversitäten – die von drei internationalen Akkreditierungsorganisationen vergebene Triple Crown. Mit dieser können sich weltweit nur rund 90 Hochschulen schmücken.

Der größte wissenschaftliche Konkurrent der HSG hat seinen Sitz rund 230 Kilometer nordöstlich und besitzt ebenfalls die Triple-Crown-Akkreditierung: die TU München (TUM). Deren School of Management ist keine klassische BWL- Fakultät, sondern eng mit den Ingenieursund Naturwissenschaften verzahnt. "Dadurch decken wir die gesamte wissenschaftliche Wertschöpfungskette ab – von den Managementtechniken bis hin zur Technologie", sagt Dekan Gunther Friedl.

Wie in St. Gallen gibt es auch an der Isar eine intensive Kooperation mit der privaten Wirtschaft. TUM-Betriebswirte forschen in einer Reihe von Projekten mit Unternehmen – etwa zur Frage, wie sich Geschäftsfelder digitalisieren lassen. Die Drittmittel machen über 15 Prozent des Gesamtbudgets aus. Zusätzlich unterstützt Lidl-Patriarch Dieter Schwarz über seine Stiftung mit Millionensummen die TUM Außenstelle Heilbronn, wo an Zukunftsthemen wie Digitalisierung und künstlicher Intelligenz geforscht wird.

Strenges Leistungsprinzip

In der betriebswirtschaftlichen Forschung gilt an der TUM ein strenges Leistungsprinzip. Wer es in die angesehensten Fachzeitschriften schafft, erhält zusätzliche Gelder für Projekte und Reisen. 2012 startete ein sogenanntes Tenure-TrackSystem nach angelsächsischem Vorbild – laut Friedl "der Schlüssel dafür, exzellenten Nachwuchs anzulocken". Über sechs Jahre müssen sich die Jung-BWLer in Forschung und Lehre bewähren, zunächst als Assistant Professor, dann als Associate Professor. Es gibt regelmäßige Evaluationen, alle Publikationen lässt die TUM von externen Gutachtern bewerten. "Unser Anspruch lautet: Unsere BWL-Professoren müssen in ihrem Forschungsgebiet national und international als Spitzenkraft wahrgenommen werden", sagt Friedl.

In die Bewertungen des Tenure-TrackSystems fließen aber auch Innovationen in der Lehre ein – was in Pandemiezeiten ziemlich nützlich ist. "Wir waren von Corona nicht überrumpelt, weil wir in der Lehre schon vorher viele digitale Elemente integriert hatten", sagt Friedl.

Die bisherigen Erfahrungen mit dem Bewertungssystem lauten: 50 Prozent der Wissenschaftler bleiben, 50 Prozent gehen, die meisten davon vorzeitig; Spitzen-BWL ist in München nichts für zart Besaitete. Friedl drückt es nüchtern aus: "Wir müssen selektieren, damit wir am Ende mit absoluten Top-Leuten arbeiten."

Generell profitieren Top-Forscher in der Betriebswirtschaftslehre von einem tiefgreifenden Wandel ihres Fachs. Historisch war die BWL stark theorieorientiert, nicht zuletzt wegen des Mangels an verfügbaren Daten. Doch Big Data und Digitalisierung haben die Forschungskoordinaten in den vergangenen Jahren verschoben. "Es hat einen wahren Schub in Richtung quantitativer und analytischer BWL gegeben, die Digitalisierung wirkt hier wie ein wissenschaftlicher Katalysator", sagt Caren Sureth-Sloane, Professorin an der Universität Paderborn und Vizepräsidentin der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft. Beim Umgang mit Daten habe sich die BWL "stark professionalisiert", und auch die methodische Vielfalt sei merklich gestiegen, etwa durch Interviewstudien.

Deutsche BWL holt auf

Im internationalen Vergleich konnte die deutsche BWL dadurch aufholen, ihre internationale Präsenz und die Vernetzung mit ausländischen Forschern haben sich erhöht. "Früher waren wir auf wichtigen internationalen Tagungen nur mit einer relativ kleinen Gruppe von Wissenschaftlern vertreten – heute sind die Deutschen meist die zweitstärkste Gruppe nach den Amerikanern", berichtet Sureth-Sloane.

Und dennoch, trotz aller Forschungserfolge: Aktuell ist die BWL insgesamt nach Ansicht von Kritikern nicht in TopForm. In der Coronakrise debattieren Volkswirte und Virologen auf allen Kanälen, Betriebswirte aber sind kaum gefragt. TUM-Vertreter Friedl registriert "einen gewissen Bedeutungsverlust der BWL in der öffentlichen Debatte"; das Fach müsse aufpassen, dass es sich nicht nur mit reinen Managementfragen beschäftige. "Wir können die BWL nicht mehr losgelöst von Technologiefragen betrachten, hier vollzieht sich ein radikaler Wandel." Ein Betriebswirt, der sich mit Impfthemen beschäftigt, sollte auch die medizinischen und chemischen Grundlagen verstehen. Forscher in der BWL müssten umdenken, denn "wir hängen immer noch zu oft in unseren disziplinären Silos". An der TUM gehört es daher laut Friedl "zum Geschäftsmodell, dass unsere Wissenschaftler die eigene Perspektive wechseln".

Und auch im Wettstreit mit St. Gallen um die beste Forschungsleistung legen die Münchner nach: Derzeit bereitet die TUM für den Standort Heilbronn die Ausschreibungen von gleich neun zusätzlichen Professorenstellen vor.

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